Darum geht es
„Unser Kinder hören nicht auf uns, egal was wir machen!“ Was hilft Eltern, ihre eigenen Grenzen klarer zu kommunizieren und mehr Gelassenheit in das Alltagschaos mit 3 kleinen Kindern zu bringen?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Mein Mann und ich haben mittlerweile drei Kinder, drei Jungs. Der älteste wird bald vier, der mittlere ist zwei und der kleinste gerade sieben Monate. Wir haben gerade als Eltern ein Riesenproblem, womit wir quasi an der Wand stehen und nicht mehr weiter wissen. Die Kinder hören auf nichts, was wir sagen. Gar nichts. Sie verdrehen die Augen, singen oder lachen, während wir ihnen wichtige Dinge sagen beziehungsweise schimpfen oder einfach mit ihnen reden.

Die beiden Größeren spielen sich gegenseitig so auf, dass die so wild werden, dass wir sie nicht mehr bremsen können, bis sich einer wehtut, oder es komplett eskaliert. Unsere Nerven sind dünn wie Spinnweben, denn nichts, was wir den Kindern sagen oder verlangen, kommt an.

Es geht bei einem Ohr rein und beim anderen wieder raus.

Wir kommen an unsere Grenzen, wir wissen nicht mehr weiter. Wie dringe ich wieder zu meinen Kindern durch? Wie bringe ich sie dazu, dass sie zumindest die wichtigsten Dinge wieder hören, respektieren und umsetzen. Ist das ein allgemeines Thema in diesem Alter beziehungsweise in dieser Entwicklungsstufe? Oder was machen wir falsch? Wir sind echt verzweifelt.

Vielleicht habt ihr einen Tipp für uns? Wir sind zur Zeit nur am Verbieten und schöne Sachen Streichen, was uns ja selbst wieder ins eigene Fleisch schneidet, da die Kinder dann ja noch aufgeregter und aufgewühlter werden. Aber wir wissen im Moment nicht mehr anders weiter.

Die Antwort
unserer Expertin.
Die Kinder hören nicht!
Britta Peitz — FamilyLab Deutschland

Liebe Eltern,

Ihr seid mit dieser Herausforderung keineswegs allein. Dass Kinder ihre Grenzen austesten und voller Energie sind, ist völlig normal und kein Zeichen dafür, dass du in der Erziehung versagst. Im Gegenteil: Es zeigt, dass sie sich sicher genug fühlen, ihre Persönlichkeit zu entfalten. Viele Familien erleben gerade in den ersten Jahren Phasen, in denen scheinbar nichts mehr hilft und die Frustration auf beiden Seiten groß ist. Eltern geraten immer wieder an den Punkt, an dem sie an sich zweifeln und sich fragen, ob sie etwas falsch machen oder ob ihr Kind „schwieriger“ ist als andere.

Wie wir dabei als Eltern mit unseren eigenen Grenzen umgehen, wie wir sie kommunizieren und wie wir reagieren, wenn sie überschritten werden, hat deutliche Auswirkungen auf die Atmosphäre in der Familie. In der zweiten Hälfte meiner Antwort findet ihr eine Reihe Tipps dazu, die euch vielleicht dabei helfen können, einen neuen Umgang mit euren Grenzen zu finden. Vorher möchte ich den Blick jedoch erstmal auf eure Ausgangssituation richten.

Ein Schritt zurück

In diesen turbulenten Zeiten hilft es, sich bewusst zu machen, dass kindliches Verhalten nicht gegen die Eltern gerichtet ist, sondern Ausdruck von Entwicklung und Bedürfnis. Eure Kinder sind noch klein und stecken voller Energie, Neugier und Lebenslust. Sie fordern viel Aufmerksamkeit ein, testen ihre Grenzen – und damit auch eure. Das kann erschöpfend und zermürbend sein, vor allem, wenn der Alltag von Verboten, Streitereien und Erschöpfung geprägt ist.

Oft hilft es, einen Schritt zurückzutreten und den Blick auf das große Ganze zu richten:

Was brauchen wir als Familie gerade?

Was könnte uns und unseren Kindern im Alltag kleine Erleichterungen verschaffen?

Gibt es Routinen oder Rituale, die Halt geben, und Momente, in denen Nähe und gemeinsame Freude im Vordergrund stehen? Manchmal ist es ein liebevolles Innehalten, das Türen öffnet, die mit Druck und Strenge verschlossen bleiben.

Niemand muss diese Situation allein meistern. Es kann helfen, sich mit anderen Eltern auszutauschen oder sich professionelle Unterstützung zu holen, um neue Perspektiven zu gewinnen. Wichtig ist, auch mit euch selbst nachsichtig zu sein und zu akzeptieren, dass es keine perfekte Erziehung gibt. Jeder Tag ist eine neue Chance, als Familie aneinander zu wachsen und gemeinsam zu lernen – Schritt für Schritt.

Eure Kinder sind im Alter von fast vier Jahren, zweieinhalb Jahren sowie sieben Monaten. Das ist eine spannende, aber auch herausfordernde Entwicklungsphase. Besonders der älteste und der mittlere sind in einer Zeit, in der sie ihre Selbstständigkeit entdecken, Grenzen austesten und ihre Welt erkunden. Das bedeutet, dass sie noch viel lernen, wie sie ihre Gefühle regulieren, sich selbst behaupten und ihre Umwelt verstehen. In diesem Alter sind Kinder noch sehr stark im Hier und Jetzt verankert. Das Hören auf Eltern ist für sie oft eine Herausforderung, weil sie noch nicht vollständig in der Lage sind, die Perspektive der Erwachsenen zu verstehen oder die Konsequenzen ihres Handelns zu überblicken. Hinzu kommt, dass Kinder in diesem Alter ihre eigenen Wege finden wollen, um ihre Autonomie zu erproben.

Wie dringe ich zu meinen Kindern durch?

Der wichtigste Ansatz, um wieder Gehör zu finden, ist die Stärkung der Beziehung zu euren Kindern. Das bedeutet, dass ihr versuchen solltet, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sie sich gesehen, gehört und verstanden fühlen. Das ist die Grundlage für eine respektvolle Kommunikation. Hierbei ist es hilfreich, den Fokus weg vom „Durchsetzen“ von Regeln und Verbieten zu verschieben hin zu einer Verbindung, die auf Empathie und Verständnis basiert. Das bedeutet nicht, dass alles erlaubt sein muss, sondern dass ihr eure Grenzen liebevoll, aber konsistent setzt.

Eine wichtige Frage ist: Wie könnt ihr liebevoll und gleichzeitig konsistent Grenzen setzen, besonders in einer Phase, in der eure Kinder scheinbar auf nichts hören und sich gegenseitig aufputschen? Dabei möchte ich euch ermutigen, den Ansatz von Nora Imlau in ihrem Buch „Deine Grenze ist mein Halt“ zu berücksichtigen. Sie betont, dass Grenzen kein Werkzeug der Kontrolle sind, sondern ein Ausdruck von Fürsorge und Orientierung für das Kind. Nora Imlau beschreibt Grenzen als liebevolle Orientierungspunkte, die dem Kind Sicherheit geben. Sie sind keine Strafen, sondern Botschaften, die dem Kind helfen, sich in der Welt zurechtzufinden und seine Gefühle zu regulieren. Grenzen sollten immer in Verbindung und mit Empathie gesetzt werden.

Konkrete Schritte, um liebevoll und konsequent Grenzen zu setzen:

1. Klare, verständliche Grenzen formulieren: Vermeide vage oder lange Erklärungen. Statt „Sei vorsichtig“, sage „Hände weg vom Herd, weil es heiß ist.“ Kurze, klare Sätze sind für Kinder in diesem Alter leichter verständlich.

2. Grenzen auf Augenhöhe kommunizieren: Knie dich zu deinen Kindern hin, schau ihnen in die Augen und sprich ruhig. Das schafft Nähe und zeigt, dass du sie ernst nimmst.

3. Grenzen liebevoll, aber bestimmt durchsetzen: Wenn die Kinder die Grenze überschreiten, bleib ruhig und konsequent. Du kannst sagen: „Ich sehe, du hast Spaß, aber das ist gefährlich. Wir hören jetzt auf.“ Wichtig ist, dass du bei deiner Aussage bleibst, auch wenn sie wütend oder trotzig reagieren.

4. Verständnis zeigen: Zeige, dass du die Gefühle deiner Kinder wahrnimmst. Zum Beispiel: „Ich sehe, du bist sehr wütend, weil du nicht mehr spielen darfst.“ Das hilft, die emotionale Bindung zu stärken.

5. Alternativen anbieten: Wenn ein Kind eine Grenze überschreitet, biete eine Alternative an. Statt „Hör auf zu schreien!“ kannst du sagen: „Wenn du dich beruhigt hast, können wir zusammen eine Geschichte lesen.“ Das gibt dem Kind Orientierung und zeigt, dass es noch andere Wege gibt, seine Gefühle auszudrücken.

6. Konsistenz zeigen: Wichtig ist, dass Grenzen immer wieder klar kommuniziert und eingehalten werden. Das schafft Verlässlichkeit und Sicherheit. Dafür ist es sehr hilfreich, sich gemeinsam mit dem Partner oder der Partnerin einmal Gedanken zu machen, was euch im Alltag wirklich wichtig ist.

Grenzen werden nur dann wirksam, wenn sie persönlich in Verbindung mit dir und deinem Kind gesetzt werden. Diese Grenzen bieten Resonanz für das kindliche Verhalten; sprich auch deine Bedürfnisse und Gefühle werden sichtbar. Wenn Kinder spüren, dass Grenzen liebevoll, persönlich und konsequent gesetzt werden, fühlen sie sich sicherer und sind eher bereit, sich daran zu halten.

Denkt daran, dass es in herausfordernden Situationen hilfreich sein kann, euch selbst einen Moment Zeit zu nehmen, bevor ihr reagiert. Ein kurzer Atemzug oder ein inneres Innehalten ermöglicht es euch, nicht impulsiv zu handeln, sondern bewusst und besonnen. Bleibt ihr in solchen Momenten ruhig und zeigt Verständnis, entsteht ein Klima, in dem sich eure Kinder ernst genommen fühlen und gerade dadurch leichter kooperieren können.

Auch kleine Rituale im Alltag können helfen, Grenzen und Sicherheit zu vermitteln – zum Beispiel ein gemeinsamer Übergangsvers, wenn etwas beendet werden muss, oder das klare Ankündigen, bevor sich eine Situation verändert. Rituale geben Struktur und machen Abläufe berechenbar. So wird aus dem Grenzen-Setzen kein ständiger Machtkampf, sondern eine liebevolle Begleitung durch den Tag. Auch Humor kann eine Brücke sein, um angespannte Situationen zu entschärfen. Ein Augenzwinkern oder ein gemeinsames Lachen nimmt Druck heraus und zeigt, dass Regeln und Nähe sich nicht ausschließen. Wichtig ist, dass ihr authentisch bleibt und eure Werte klar vertretet, ohne starr zu wirken. So erleben Kinder, dass Grenzen nicht Strafen sind, sondern liebevolle Leitplanken, an denen sie wachsen dürfen. 

Und zugleich darfst du verinnerlichen: Mit drei Kindern unter vier Jahren in einem Haushalt ist ein gewisses, bisweilen sogar großes Maß an Chaos schlicht unvermeidbar.

Da ist das Erlernen von elterlicher Gelassenheit ähnlich wichtig wie das bestimmte Setzen von Grenzen.

Wenn ihr euch immer wieder auf die Beziehung konzentriert und Grenzen als Schutz und Halt versteht, könnt ihr gemeinsam eine Atmosphäre schaffen, in der ihr und eure Kinder euch wohlfühlt.