Darum geht es
Regelmäßig streiten wir Eltern miteinander, denn die Kinder essen nichts Gesundes! Und wir haben unterschiedliche Meinungen dazu, wie wir damit umgehen wollen. Wie kann sich das verbessern, die gesunde Ernährung genauso wie die Atmosphäre am Tisch?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hallo, ich bin Tom und Papa von Bene (3) und Lukas (2). Ich bin verheiratet und wir haben Probleme, unsere Kinder von gesundem Essen zu überzeugen. Jedes Mal probieren wir unsere Kinder von Rohkost oder Gemüse zu überzeugen oder anderem Leckeren mit Vitaminen und Mineralstoffen. Aber jedes Mal wird gesagt: „Das mag ich nicht.“ Die Kinder essen nichts Gesundes!

Und wir möchten da ja auch nicht übergriffig werden und es ihnen reinzwingen. Nach langen Versuchen wird halt wieder auf die Nudeln oder Brot mit Käse zurückgegriffen, weil meine Frau nicht möchte, dass die Kinder hungrig ins Bett gehen. Lukas isst oder aß eigentlich ganz gut. Aber jedes Mal, wenn Bene, der Große, sagt, er mag das nicht, mag der Kleine es plötzlich auch nicht.

Ich als Papa bin da etwas radikaler und sag dann halt, es gibt nichts anderes. Weil ich denke, dann müssen sie es ja mal essen und nicht ständig eine Extrawurst haben. Alles was gesund und lecker ist, kochen wir schon nicht mehr, weil wir halt drauf achten, nur das zu machen, was die Kinder mitessen. Bene ist schon ganz käsig und blass. Laut Kinderarzt aber noch nicht bedenklich. Jedoch greifen wir jetzt auf den Rotbäckchensaft zurück, damit wenigstens etwas Vitamine und Mineralstoffe aufgenommen werden. Tatsächlich passiert das alles auch ohne großen Streit und Geschimpfe. Ich mache es öfters, dass ich dann sage, dass es groß und stark wie Papa macht und dass Lukas dann bald größer und stärker ist als Bene. Da fühle ich mich aber im Nachhinein auch irgendwie schlecht.

Natürlich streiten ich und meine Frau uns öfter deswegen, weil sie meiner Meinung nach immer den Kinderwillen respektiert und unsere Bedürfnisse hintenanstellt. Sie versucht es mit dem wahrscheinlich richtigen Weg, mit Verständnis und Überzeugung. Ich denke aber, dass, wenn es um die Gesundheit geht, man auch mal strenger sein muss, um die Gesundheit der Kinder zu schützen. Ich möchte, dass sie einen anderen Weg gehen als ich und meine Eltern damals. Nämlich hin zu einem gesunden und bewussten Lebensstil, sowohl psychisch als auch körperlich. Natürlich führt auch das zu Konflikten. Sie sollen lernen, ihre Bedürfnisse wert zu schätzen und Nein zu sagen. Verstehen aber auch nicht, dass es bei gewissen Dingen manchmal nicht möglich ist, nein zu sagen.

In der Regel ziehen wir da gut an einem Strang und sind erziehungstechnisch derselben Meinung. Nur beim Essen klappt es nicht. Um die Frage aus dem Ganzen darzustellen: Wie bringe ich meinen Kindern einen gesunden und bewussten Lebensstil bei, wenn sie ihn nicht bei uns abschauen oder verweigern?

Puh. Ich hoffe, das ist soweit verständlich geschrieben. Bei Fragen einfach melden.

Die Antwort
unserer Expertin.
Die Kinder essen nichts Gesundes!
Beate Kuhlmann — FamilyLab Deutschland

Gut, dass du diese Frage stellst, weil sie viele Eltern bewegt. Denn in diesen Zeiten sind wir ja fast alle auf dem Weg zum bewussteren und gesünderen Essen. Da kann dann auch in der Erziehung schon mal ein „Projekt“ draus werden, in dem man sich vor lauter guten Absichten etwas verirrt.

Entwicklungsgerechtes Essverhalten

Ich will dir zunächst sagen, dass Vieles von dem, was du beschreibst, normal ist und es Grund zur „Entwarnung“ gibt:

  • Das evolutionäre Programm, das Kleinkinder immer noch leitet, lautet: Probiere von den Dingen, die du nicht kennst, nur wenig, denn es könnte dir schaden! 

  • Der Mensch ist darauf ausgelegt, Mangelsituationen zu überstehen. Es ist noch kein Kind verhungert, weil es mal nicht isst oder hat bei vorübergehend reduzierter Essensauswahl Mangelerscheinungen gezeigt. Zudem essen eure Kinder Gesundes wie Brot und Käse.

  • Ältere Geschwister sind häufig stärkere Vorbilder als Eltern. Deshalb hat das Verhalten von Bene so einen Einfluss auf Lukas.

  • Konflikte gehören zum Familienleben dazu, beim Thema Essen wie auch in jedem anderen Bereich. Nur der Umgang damit bestimmt, ob wir uns als wertvolle Mitglieder der Gemeinschaft fühlen können.

  • Essen ist mehr als nur Nahrungsaufnahme. Es ist auch Liebe, Versorgung, Gemeinschaft und noch mehr. Wenn es hier Konflikte gibt, fühlen sich Eltern daher verständlicherweise häufig als „unzureichend“ und verlieren an Selbstwertgefühl.

Ich verstehe dich so, dass du dich selbst unwohl mit Manipulation und Zwang fühlst und dass du deine eigenen Werte ernst nehmen, aber zugleich auch verständnisvoll bleiben willst.

Was ihr tun könnt

Hier kommen einige Impulse, von denen ich hoffe, dass sie dir und euch einen persönlichen Prozess ermöglichen, der für euch stimmt – einen objektiv richtigen Weg gibt es nämlich leider nicht:

Ich rate euch dringend dazu, selbst nicht auf gesundes Essen zu verzichten, nur weil die Kinder davon im Moment nicht so viel wissen wollen! Freude und Genuss beim Essen sind ansteckend und eine gute Motivation für Kinder, auch hin und wieder was Neues zu probieren. Stellt die Dinge, die ihr selbst gerne esst, immer wieder auf den Tisch und habt Geduld, denn die Erweiterung der Essensauswahl lernen Kinder auch durch Gewöhnung –  nicht aber durch Belehrung. 

Wenn ihr euch selbst gesundes Essen gönnt und die Kinder am Tisch nicht ständig im Mittelpunkt stehen (denn dann sind sie alleine!), wenn neben gemeinsamem Erzählen auch die Erwachsenen sich unterhalten, dann stehen die Chancen gut für eine positive Atmosphäre. Und dann könnt ihr immer mal wieder kurz und knackig freundliche Einladungen oder Wünsche aussprechen: „Möhren mag ich richtig gerne. Vielleicht magst du auch mal probieren?“ Ende, das war´s.

Freude am Essen vermittelt sich nicht über Zwang.

Und wenn das Kind ablehnt oder protestiert, kannst du es ernstnehmen und trotzdem die Führung behalten: „Du möchtest lieber Nudeln haben? Oh, das ist ärgerlich, ich habe jetzt nur Kartoffeln oder einen Joghurt. Sag mir Bescheid, was du davon möchtest.“ Dann sollten Eltern warten und sich nicht rechtfertigen oder in Erklärungen verfallen. Für das Kind ist es frustrierend, aber es bleibt intakt und erlebt, ich bin ok, wie ich bin. Die Eltern bleiben ruhig und ohne Aggression, denn es gibt nichts, worum man kämpfen müsste. In diesem Moment sollten Eltern sich wieder ihrem Tun widmen und das Kind nicht beobachten, denn es braucht den Raum, sich selbst zu fragen, was es will beziehungsweise seinem Frust noch eine Weile Ausdruck zu verleihen.

Wenn das Kind alles ablehnt, kann man sagen: „Jetzt willst du gar nichts. Aber ich möchte, dass du etwas isst.“ Wenn das Kind auch dann nicht will, ist das in Ordnung. Der Organismus kommt damit klar, auch mal nichts zu essen. Die Eltern übernehmen mit dieser Klarheit die Verantwortung für eine gute Atmosphäre ohne Machtkampf. Kinder wollen nicht die Macht, sie wollen gesehen werden. Dieser Prozess kann etwas dauern. Er wird aber alle zufriedener machen.

Schaut bei den Mahlzeiten nicht mit sorgenvollen Augen auf die Kinder, denn das hemmt sie in ihrer natürlichen Ess-Entwicklung. Entwickelt in euch Vertrauen, dass sich das Spektrum erweitert, wenn die Kinder spüren, dass Essen Lust bedeutet und dass Mahlzeiten gemeinschaftsstiftend sind. Ein wertvolles Mitglied der Familie zu sein, ist eine tiefe Sehnsucht und Kinder sollten das erleben, unabhängig davon, was oder ob sie essen.

Gute Voraussetzungen schaffen

Richtet das Essen appetitlich und farbenfroh an, denn das Auge isst mit. 

Kinder sollten die Erlaubnis bekommen, Essen in die Hand zu nehmen, denn das gehört mit zum urzeitlichen „Prüfen“ der Nahrung und ist eine sinnliche Erfahrung.

Kinder müssen lernen, ihre Portionsgröße zu finden, deshalb nicht zum Aufessen nötigen, lieber die Reste für später zurückstellen. Sie sollten die Erlaubnis bekommen, auf ihr Gefühl zu hören. Das Sättigungsgefühl ist vom ersten Lebenstag an eine Sache der Eigenverantwortung.

Bezieht die Kinder mit in die Essenszubereitung ein. Einmal in der Woche könnte es ein gemeinsames Werkeln in der Küche geben, das Lust macht, etwas zu probieren. 

Übernehmt die Führung, indem ihr entscheidet, was an Nahrungsmitteln im Haus ist. „Schrott“ sollte erst gar nicht gekauft werden. Trotzdem sollten die Bedürfnisse der Kinder mitberücksichtigt werden. 

Ich möchte euch als Eltern Mut machen, zu dem zu stehen, was für euch wichtige Werte sind. Da aber emotionales Wohlbefinden mindestens genauso wichtig ist wie gute Ernährung, ist es ratsam, den eigenen Standpunkt freundlich, klar und ohne Druck zu vertreten. Dann machen Kinder wieder gerne mit.

Ich wünsche euch gutes Gelingen!