Ehrlich gestellt.
Hallo, ich hadere heute etwas mit meiner Familiensituation und habe in der Elternberatung nichts ganz passendes gefunden…
Daher meine Frage: Heute haben wir bei dem heißen Wetter viel Zeit drinnen verbracht (zwei Söhne, 4 Jahre und 0,5 Jahre). Ich habe alles gegeben, um den Tag schön zu gestalten, Snacks geschnitten, gespielt, ein Schaumbad gezaubert, gekocht etc. Trotzdem wurde gemeckert.
Irgendwann hat es mir gereicht und ich habe zurück gemeckert und ihm gesagt, dass sein Verhalten mich traurig macht, dass ich mir wünschen würde, dass wir freundlich miteinander umgehen und dem anderen sagen, was uns stört oder wir brauchen, statt zu meckern. Nun habe ich im Ohr, man solle die Kinder nicht für die eigenen Gefühle verantwortlich machen. Wie ist das… Kann ich sagen, dass mich Verhalten traurig macht?
Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen. Viele Grüße und Danke!
unserer Expertin.
Hallo liebe Fragestellerin oder lieber Fragesteller!
Kann ich sagen, dass Verhalten anderer mich traurig macht? Gefühlt würde ich sagen, dass es keine gute Idee ist, kann jedoch nicht gut erklären, warum. Deshalb fühle ich mich von deiner Frage eingeladen, darüber nachzudenken und danke dir sehr dafür.
Zwischenzeitlich war ich ein paar Tage im Urlaub und habe deine Frage an verschiedenen Erlebnissen „ausprobiert“ und denke immer noch, dass ich es nicht empfehlen würde.
Mein Mann hat in diesem Urlaub seinen Ehering verloren. Er hat ihn zum Sport auf einem Steg ausgezogen und der Ring ist in den Ammersee gefallen. Mein Mann sagte: „Oh wie schade.“ – und ich war entsetzt. Wie konnte er das „nur“ schade finden, ohne Verzweiflung, ohne tiefes Bedauern? (Spoiler: Er ist statt in die Emotion ins Handeln gegangen – durch eine gemeinsame Tauchaktion wurde der Ring unglaublicherweise wieder hochgetaucht).
Wenn ich jetzt zu meinem Mann gesagt hätte: „Dein Verhalten macht mich traurig“, wäre das eine Aussage über ihn gewesen. Ich hätte ihn falsch gemacht, weil ich damit auch gesagt hätte: „Du solltest dich anders verhalten.“
In persönlicher Sprache, also wenn ich über mich und meine Gedanken und Gefühle spreche, könnte das so klingen: „Ich bin traurig, weil der Ring weg ist. Er bedeutet mir viel. Und ich bin erschüttert, weil es dir nichts auszumachen scheint.“ Dann wäre ziemlich schnell klar gewesen, dass auch er traurig ist, er nur anders damit umgeht. Das hätte für Nähe gesorgt. Ein „Du machst mich traurig mit deinem Verhalten“ führt oft zu Schuldgefühlen oder dazu, dass Menschen sich verteidigen oder in den „Gegenangriff“ gehen, um sich nicht verkehrt machen zu lassen.
Der Unterschied liegt fast nicht in den Worten, sondern ob ich versuche auszudrücken, wie es in mir gerade aussieht, oder ob ich damit zum Ausdruck bringe, dass der andere sich falsch verhält und er sich besser so und so verhalten würde.
Analog ist es auch in deinem Beispiel. Du hattest für deine Kinder einen so schönen Tag gestaltet, dennoch hat dein Sohn gemeckert. Wenn du dann sagst: „Dein Verhalten macht mich traurig…ich würde mir wünschen, dass wir so und so miteinander umgehen…“, dann ist die dahinterliegende Botschaft: Du verhältst dich falsch und deshalb geht es mir schlecht. Wegen dir bin ich traurig. Und das tut weh.
Zum einen, weil Kinder entwicklungsbedingt nicht unterscheiden können zwischen der Rückmeldung, die sie aufgrund ihrer Person erhalten und der Rückmeldung, die sie für ihr Verhalten bekommen (die meisten Erwachsenen auch nicht). Wenn sie kritisiert werden, haben sie das Gefühl, verkehrt zu sein, und damit wertlos für ihre Eltern.
Zum anderen schmerzt eine solche Aussage Kinder, weil wir ihre positive Absicht damit nicht anerkennen. Sie wollen ja aus sich selbst heraus alles gut und richtig machen. Sie wollen, dass wir mit ihnen zufrieden sind.
Sie versuchen, in diesem Entwicklungsprozess herauszufinden, wann sie sich selbst folgen können und wann es wichtig ist, sich an die Gemeinschaft anzupassen. Wenn es gut läuft, braucht es ein paar Jahrzehnte, bis das ausgereift ist.
Es ist SEHR wichtig zu wissen: Alle Eltern verhalten sich hin und wieder ungünstig. Das lässt sich nicht vermeiden! Die besten Eltern sind für mich die Eltern, die über diese Dinge nachdenken und bereit sind, etwas zu verändern, wenn sie feststellen, dass ihr Verhalten vielleicht nicht so eine gute Idee war. Und genau darauf kommt es für mich an: die Bereitschaft, gemeinsam mit seinem Kind zu wachsen. Das finde ich so wundervoll und immer wieder so berührend von Eltern! Das ist das Heilungsklima, das Kinder brauchen, um diese kleinen Verletzungen zu heilen.
Und diese Heilung geschieht, wenn Kinder erleben, dass sie herzlich willkommen sind und ihre Eltern sich an ihnen freuen.
Also ich wäre gerne in so viel Fürsorge aufgewachsen, mit Eltern, die sich Gedanken machen um mein Wohl, und natürlich auch mit leckeren Snacks und Schaumbad.
Was wäre eine alternative Reaktion aufs Meckern?
Ein Vierjähriger, der meckert, versucht so gut es ihm möglich ist, mitzuteilen, was gerade in ihm los ist. Er nimmt in sich ein Unwohlsein wahr, irgendwas fehlt ihm, irgendwas passt für ihn nicht.
Meist können sie nicht konkret sagen, was es ist, geschweige denn es so in Worte fassen, dass die Umwelt das verstehen kann. (Das kenne ich auch bei mir, manchmal bin ich übelgelaunt, ohne konkret sagen zu können, wodurch dieses Gefühl hervorgerufen wird.) Kurz: Der Ausdruck ist verzerrt und es bedarf der Empathie des Umfeldes, diese Botschaft zu übersetzen.
Manchmal habe ich als Elternteil die Kapazität dazu, manchmal nicht. Beides ist gut. Wenn ich Zeit und Nerv habe, kann ich mich dem Kind zuwenden und ihm etwas anbieten, Körperkontakt oder Worte: „Ich habe den Eindruck, irgendetwas ist richtig blöd für dich. Kann das sein?“ Vielleicht wird mein Kontaktangebot angenommen, vielleicht will das Kind lieber in Ruhe gelassen werden. Egal was geschieht, wichtig ist:
Was dem Ganzen manchmal im Wege steht, ist, dass die Erwachsenen das Verhalten des Kindes persönlich nehmen. Wir haben oft so viel Kritik in unserem Leben erfahren, dass wir eine Kritik-Allergie entwickelt haben. Dann denken wir, das Meckern unserer Kinder sei Kritik an uns. Doch es ist die Aussage des Kindes über sich selbst: So geht es mir jetzt gerade. Und natürlich kann ich mit dem auch etwas zu tun haben, denn ich verhalte mich nicht immer optimal.
Manchmal sind solche Worte auch der Versuch, Kinder zu erziehen. Doch Kinder brauchen keine Erziehung, nur freundliche Begleitung und Resonanz mit anderen. Also dass Eltern sagen, was sie wollen und was nicht, im guten Kontakt auch mit ihren eigenen Bedürfnissen.
Aus dem alten Bild vom Menschen heraus, mit dem wir alle aufgewachsen sind, glauben wir manchmal, Kindern sagen zu müssen, wie man sich richtig verhält, um sie zu „erziehen“.
Doch dieser Entwicklungsprozess geschieht von ganz alleine und wird gespeist durch die Art und Weise, wie wir mit ihnen zusammenleben. Sie schauen sich von uns ab: Wie gehen wir in unserer Gemeinschaft miteinander um? Was machen wir, wenn wir mit dem Verhalten des anderen nicht einverstanden sind? Wie begegnen wir einander, wenn wir Unterschiedliches wollen? Und das machen sie dann nach.
Ich denke, du kannst in dich selbst vertrauen, auf deinen eigenen positiven Einfluss auf deine Kinder. Du begleitest deine Kinder so liebevoll und schaust so genau hin, was ihnen guttut und was nicht.
Das freut mich sehr – für deine Kinder und für dich.
Ich grüße dich herzlich
Nicole