Darum geht es
Wo wir uns eigentlich harmonisches Miteinander wünschen, wird es regelmäßig total wild beim Essen, unser Sohn macht den Esstisch zu seiner Theaterbühne. Manchmal fordert unser Kind so viel Aufmerksamkeit, dass wir Erwachsenen uns nicht mal mehr miteinander unterhalten können.
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Liebes Beratungsteam,

seit Längerem beobachte ich, dass unser 3,5-Jahre alter Sohn, meist beim Frühstück und Mittagessen, die Bühne für sich entdeckt. Typischerweise sitzen Mama, Papa, Sohn und Omi zusammen. Wir Erwachsenen nutzen das Zusammensein logischerweise auch um den Tagesplan abzusprechen, dazu beziehen wir unseren Sohn ins Gespräch mit ein.

Dennoch schießt es ihm plötzlich in den Kopf, stark zu kippeln, laut theatralisch zu lachen, sein Essen mit dem Mund (wie etwa ein Hund) zu essen.

Im Hausaufgabenheft würde stehen: Er stört den Unterricht…

Ich persönlich beobachte mein Kind liebevoll und denke an die Babyzeit, als es noch hieß: jetzt macht das Kind einen „Sprung“ in der Entwicklung. Ich spreche beschreibend, was er gerade macht, während er das Theaterprogramm ausweitet. Dann frage ich freundlich, ob er mir mal beschreiben kann, was wir Erwachsenen machen, wie zum Beispiel dass wir ruhig essen, damit der Bauch nicht mehr knurrt. Ich versuche es nicht hochzuspielen und zur Not gibt es per Flieger das Brötchen Häppchenweise. 

Mein Mann und die Omi sind nicht so geduldig, reagieren eher genervt und schimpfen. Der Name von unserem Sohn wird mit tiefer, harter Stimme von meinem Mann gesprochen, sowie „Lass das!“ und „Hörst du nicht?“ und „Das kann doch nicht sein, dass er so unerzogen ist!“

Nun, ich als Mama versuche parallel das eine wie auch das andere auszuhalten.

Heute in der Kita sagte uns die Erzieherin unseres Sohnes, dass er beim Essen die Grenzen austestet und den Clown spielt.

Ok, jetzt brauche ich bitte doch Hilfe. Wie sollten wir uns verhalten, auch damit unser Sohn in der Kita weiß, beim Essen hat die Theaterbühne Ruhepause?!

Die Antwort
unserer Expertin.
Es ist zu wild beim Essen
Wolfgang Bergmann — FamilyLab Deutschland

Liebe Eltern,

vielen Dank für Ihre Zeilen. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieses Thema viele Eltern betrifft.

Ich selbst musste innerlich etwas schmunzeln, weil mich Vieles an das erinnert, was ich selbst erlebt habe, als meine Jungs in diesem Alter waren. Essenssituationen mit Kindern sind häufig eine Herausforderung. Unterschiedliche Bedürfnisse treffen aufeinander, gleichzeitig möchte man „erziehen“, den Kindern Werte vermitteln und so weiter – dies alles ist manchmal anstrengend.

Verständnis für die aktuelle Entwicklungsphase

Ihr Sohn ist mit 3,5 Jahren auch in seiner Selbstständigkeitsphase. Er lernt mehr und mehr sich selbst kennen, möchte seine Wünsche und Bedürfnisse ausleben und die Grenzen der Erwachsenen testen. Wie reagiert Mama, wenn ich so bin? Was sagt Papa wenn ich laut lache? Wie reagiert die Erzieherin? Dieses Verhalten ist normal und für die Entwicklung eines guten Selbstwertgefühls sehr wichtig.

Sie beschreiben am Anfang, dass Sie typischerweise zu viert am Tisch sitzen – Mama, Papa, Omi und Ihr Sohn. Die Erwachsenen besprechen den Tagesplan und Sie schreiben, dass Sie Ihren Sohn mit einbeziehen. Das ist sicherlich sehr wertschätzend, doch achten Sie vielleicht darauf, dass Sie Ihren Sohn nicht überfordern. Er ist erst 3,5 Jahre alt. „Planen“ und den „Tag organisieren“ liegen eher im Bereich der Erwachsenen. Kinder in diesem Alter sind manchmal überfordert, wenn zu viele Fragen gestellt werden und sie das Gefühl haben, jetzt muss ich entscheiden. Sie könnten Ihren Sohn insoweit mit einbeziehen, dass Sie ihm die getroffenen Entscheidungen mit Blickkontakt und einem freundlichen Lächeln mitteilen. Dann spürt Ihr Sohn Ihre „elterliche Führung“, die in diesem Alter besonders wichtig ist. Mama und Papa entscheiden, ich als Kind werde gesehen, ernst genommen und mit einbezogen.

„Ich will auch gesehen werden!“

Ich kann mir gut vorstellen, dass bestimmte Dinge, die Sie als Erwachsene besprechen, Ihren Sohn auch langweilen, oder er die Dinge für sich nicht einordnen kann. Ihr Sohn kann mit 3,5 Jahren dann noch nicht ruhig sitzen bleiben und zuhören, wie wir Erwachsenen das tun würden. Folglich beginnt er zu zappeln, unruhig zu werden und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. „Hallo, ich bin auch noch da, ich will auch gesehen werden in meiner Welt“ – so oder ähnlich könnte man das Verhalten übersetzen.

Wenn Ihr Sohn auf dem Stuhl kippelt, laut lacht und das Essen wie ein Hund aufnimmt, macht er im Prinzip genau das, was Sie als Erwachsene auch gerade tun: Er geht seinem Bedürfnis nach, macht das, was ihm gerade wichtig ist. Sie unterhalten sich, planen den Tag, und Ihr Sohn wünscht sich vielleicht Aufmerksamkeit, lacht und kippelt. Zwei Bedürfnisse treffen aufeinander!

Vielleicht können Sie die „Erwachsenengespräche“ soweit reduzieren, dass ein gesundes Gleichgewicht entsteht zwischen Aufmerksamkeit und Gespräch zwischen den Erwachsenen und Aufmerksamkeit und Gespräch mit Ihrem Sohn.

Die Führung übernehmen

Wenn Ihnen das Kippeln und Lachen zu viel ist, dann zeigen Sie sich mit Ihrer Grenze und Ihren Werten: „Lieber Sohn, mir ist das zu laut! Ich möchte gerne mit Papa etwas besprechen. Ich weiß, Du möchtest lieber Kippeln und Lachen, vielleicht ist Dir langweilig. Mich stört das aber gerade. Du darfst gerne aufstehen und spielen.“

So oder ähnlich könnte ein Dialog mit Ihrem Sohn aussehen. Dabei müssen Sie keine Frage stellen, Sie müssen das Verhalten nicht beschreiben – wenn Ihr Sohn spürt, dass er gesehen wird und sein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit nicht bewertet oder verurteilt wird, dann kann sich über die Zeit sein Selbstwertgefühl steigern und dann ist er auch mit der Zeit eher bereit, sich der Situation anzupassen. Kritik und Bewertung sind keine guten Begleiter! Bedenken Sie: Weder sind Sie gezwungen, das „störende Verhalten“ ihres Sohnes zu ertragen, oder sich zu verbiegen, um es auch Oma und Papa gerecht zu machen, noch müssen Sie ihren Sohn zwingen, sich „zusammenzureißen“. Sie können hier guten Gewissens diese Grenze klar machen:

„Wenn dir langweilig ist und du dich lieber bewegen oder spielen möchtest, dann steh bitte auf.“

Und zu Papa und Omi gegebenenfalls: „Das besprechen wir später. Ich möchte ein ruhiges Frühstück haben und dafür möchte ich mit meiner Aufmerksamkeit jetzt etwas mehr bei unserem Sohn sein.“

An anderer Stelle ist vielleicht ein Gespräch unter Erwachsenen ganz gut. Sprechen Sie über Ihre unterschiedlichen Erziehungsansätze, nehmen Sie sich ernst, verurteilen Sie sich nicht gegenseitig. Und, übernehmen Sie auch in dem „Erwachsenengespräch“ die Führung: „Liebe Omi, ich weiß, du siehst manches anders, bitte habe Verständnis dafür, dass ich anders auf meinen Sohn eingehe.“

Ebenso könnten Sie mit Ihrem Mann in einem ruhigen Moment ein wertschätzendes Gespräch führen: „Lieber Mann, ich höre, dass dir das Verhalten unseres Sohnes missfällt. Das kann ich gut verstehen, ich selbst wünsche mir auch, dass sich unser Sohn bei Tisch ruhiger verhält. Ich denke für unseren Sohn ist es manchmal anstrengend, bei unseren „Erwachsenengesprächen“ dabei zu sein. Gleichzeitig wünsche ich mir von Dir, dass Du unseren Sohn liebevoller begleitest. Sag‘ ihm persönlich, was dir nicht gefällt und erwarte bitte nicht, dass er das sofort ändert.“ So oder ähnlich könnten die Worte sein.

Im besten Fall übernehmen auch die Erzieher*innen in der Kita die Führung und zeigen ihre persönlichen Grenzen und Werte. Mit liebevollen Worten könnten Sie den Erzieher*innen mitteilen, dass Sie für die Momente zu Hause zuständig sind und die Erzieher*innen für die Bereiche in der Kita. Wenn einer Erzieherin das Kippeln nicht gefällt, kann sie es direkt mit Ihrem Sohn besprechen, so übernimmt die Erzieherin ihren Teil der Verantwortung.

Damit Ihr Sohn Stück für Stück erfahren kann, dass Essenssituationen keine „Theaterbühnen“ sind, braucht es also Erwachsene, die ihre persönlichen Grenzen zeigen – möglichst wertschätzend Ihrem Sohn mitteilen, was sie wollen und was nicht. Dies klappt vermutlich nicht beim ersten Mal, und das ist das Anstrengende dabei. Wahrscheinlich braucht es mehrere Wiederholungen und ähnliche Situationen, damit Ihr Sohn über die Zeit sein Verhalten ändern und anpassen kann.

Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Geduld bei der Begleitung Ihres Sohnes. Zeigen Sie sich!