Darum geht es
Meine größte Herausforderung ist weniger der Umgang mit meinen Kindern, sondern das Verhalten meines Mannes. Wir geraten deshalb oft aneinander. Wie kann ich ihn mit ins Boot holen, ohne dass er sich kritisiert und gegängelt fühlt?

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Ich befasse mich viel mit bindungs- und bedürfnisorientierter Erziehung und versuche hier viel in unserem Alltag umzusetzen, um mehr Harmonie beziehungsweise weniger Wut und Streit in unser Familienleben zu bringen. Oft gelingt das, oft auch nicht. Meine größte Herausforderung dabei ist aber weniger der Umgang mit meinen Kindern (2 Mädels: 4 Jahre und 8 Monate alt), sondern das Verhalten meines Mannes.

Wir geraten oft aneinander, weil ich seine Reaktionen meist nicht nachvollziehen kann. Er ist schnell gereizt und reagiert sehr pampig, genervt oder gestresst auf das (ja schon oft) herausfordernde Verhalten unserer Vierjährigen sowie auf das Weinen des Babys. Mir fällt es unglaublich schwer in diesen Momenten nichts zu sagen, weil ich seinen Umgang mit den Kindern einfach unmöglich finde und ich das genauso eben nicht möchte. Unsere Beziehung leidet darunter sehr. Meine Frage ist daher: Wie kann man als Eltern da einen gemeinsamen Weg finden und mehr auf einer (und wie ich denke richtigen) Schiene fahren? 

Natürlich bekomme ich oft gesagt, dass ich nicht das gleiche von ihm erwarten kann und dass ich zu hohe Erwartungen habe. Auch sagt er, dass der Alltag zu stressig ist, als dass er da immer „lieb und nett“ sein kann. 

Aber mir geht es ja genau darum, dass wir die Energiefresser gemeinsam herausfinden und reduzieren, sodass wir – beziehungsweise er – eben nicht mehr so gestresst ist. 

Hier brauche ich mal konkrete Vorschläge wie ich ihn mit ins Boot holen kann, ohne dass er sich (wie fast immer) von mir kritisiert und gegängelt fühlt. Ich weiß, dass es vielen anderen Mamas oder Papas auch so geht. Zumindest in unserem Umfeld. Oft hören wir dann sowas wie „Ja dir fällt das alles ja auch leicht, bei dir sind die Kinder halt entspannter.“ Aber das stimmt so überhaupt nicht. Ich explodiere auch manchmal innerlich (und auch äußerlich) und arbeite aber hart an mir und uns, dass das eben weniger wird. Ich finde das sind einfach faule Ausreden und sie zeigen die geringe Wertschätzung, die mir in meiner/unserer Rolle als hauptsächliche Care-Person entgegen gebracht wird. Das ist so unglaublich frustrierend und ich will einfach nicht mehr (allein) kämpfen für ein harmonischeres Familienleben, sondern einen Partner an meiner Seite haben, der das mit mir trägt.

Vielleicht habt ihr da Ideen, Impulse oder Vorschläge? 

Die Antwort
unserer Expertin.
Das Verhalten meines Mannes fordert mich heraus
Dr. Nicole Wilhelm — familylab-Familienberaterin

Diese Zeilen hätte auch ich am Anfang meiner Elternschaft schreiben können, sie lesen sich ein bisschen wie ein Déjà-vu. Der Weg zu mehr Harmonie hat sich jedoch ganz anders gestaltet, als ich es erwartet hatte (nein, wir haben uns nicht getrennt, wir leben immer noch zusammen, heute verbundener denn je).

Als mein Sohn mit zwei Jahren in die Selbstständigkeitsphase kam, fing er an, sich an den Haaren zu reißen. Ich hatte schon viel darüber gelesen und irgendwie den Eindruck, dass mehr dahintersteckte als reines Autonomiebestreben. Er ging ja gegen sich selbst vor – und deshalb habe ich nach dem Grund dafür gesucht. 

Ich war mir sicher, ihn gut zu behandeln, gleichwürdig und bedürfnisorientiert. Das konnte schon mal nicht die Ursache sein. Die Beziehung zu meinem Mann vielleicht? Sicher, er machte es in meinen Augen nicht so gut wie ich, doch dass das die Ursache dafür sein sollte? Mein Sohn ging in keine Kita und die Großeltern sah er zu selten, als dass deren Beziehungsgestaltung zu ihm die Ursache dafür hätte sein können. 

Und plötzlich fiel es mir ein: Er erlebte ja auch uns als Eltern, auch diese Beziehung war Teil seines Lebens. Und ganz ehrlich: Ich habe meinen Mann eher wie einen Hilfssheriff behandelt, als wie einen ernstzunehmenden Vater. Ich habe ihn oft kritisiert und ihn darüber belehrt, wie er es mit unserem Sohn machen sollte, nämlich genauso wie ich, und mein Mann hat die ihm zugewiesene Rolle mitgespielt. Ja, da waren wir nun, und uns war klar, dass wir damit aufhören mussten, wenn es gut werden sollte. 

Denn Kinder sind ja mit beiden Elternteilen verbunden und leiden, wenn Eltern destruktive Beziehungsmuster leben, sich gegenseitig abwerten oder sich abwerten lassen. Dabei wollte ich es SO! gut machen. Mein Kind sollte ohne Verletzungen aufwachsen, ohne grobe Behandlung, und deshalb habe ich mich wie eine Löwenmutter vor mein Kind geworfen. Super Absicht, Ergebnis eher ungünstig. 

Was ich daraus gelernt habe, war Folgendes:

Ich kann für mich definieren, was ich richtig finde und was nicht, wie ich mit meinem Kind umgehen will, was ich mache und was nicht. Doch wenn ich auch den Standpunkt meines Mannes definieren will, darüber bestimmen will, wie er zu denken und zu handeln hat, wie er als Vater zu sein hat, dann wird es verletzend.

Eltern sind ja gleichermaßen erziehungsberechtigt, was auch bedeutet, dass jeder seinen eigenen Erziehungsstil einbringen darf und soll. Auch wenn mein Partner sich gruselig verhält? Ja, auch das darf er. Solange das Kindeswohl nicht gefährdet wird, ist das sein gutes Erziehungs-Recht. Und wenn es schwerfällt, die Art und Weise, wie er andere Konflikte löst, mit anzuschauen, ist es manchmal hilfreich, aus dem Raum zu gehen und etwas anderes zu machen – gerne auch was Schönes. 

Kinder überleben das. Und wenn ich den anderen durch Kritik oder Belehrung demontiere, um das Kind vor etwaigen unguten Erfahrungen zu schützen, erweise ich meinem Kind damit einen Bärendienst. 

Wie aber geht man mit Verhaltensweisen um, mit denen man nicht einverstanden ist?

Wie kommt man zu einem guten gemeinsamen Weg? Eine der wichtigsten Zutaten dafür ist Interesse. Wenn ich anfange, mich dafür zu interessieren, warum mein Partner, meine Partnerin so handelt, welche Ziele er oder sie damit verfolgt, welche Ängste am Werk sind, dann ist ein gemeinsamer Weg möglich. Wenn ich dem anderen jedoch nur sagen will, wo es lang geht und wie er sich verändern soll, damit es gut ist, wird ein gemeinsamer Weg schwer zu finden sein.

Es ist Unglaubliches möglich, wenn man den Mut hat, dem anderen wirklich zuzuhören und zu verstehen, wie seine Lebenswirklichkeit aussieht. Und dein Mann sagt, dass der Alltag zu stressig ist. Sich gemeinsam darüber zu unterhalten, wie ihr euer Familienleben so gestalten wollt, dass sich alle wohl fühlen und auch mal Luft zum Atmen bekommen, das wäre aus meiner Sicht ein guter gemeinsamer Weg. 

Ein dreijähriges Kind wollte regelmäßig morgens nicht in den Kindergarten. Die Mutter versuchte herauszufinden, was los ist und was dem Kind helfen könnte, hinzugehen. Nach langer Verhandlung platzte dem Vater der Kragen, und er machte „kurzen Prozess“. Er schnappte das Kind und brachte es in den Kindergarten. Nach vielen streitvollen Anläufen hatten die Eltern es geschafft, sich darüber zu verständigen, dass dieser Kindergarten ein guter Ort für das Kind ist, sie beide die Betreuung wollten und fanden folgende Lösung: Wenn die Mutter das Kind in den Kindergarten brachte, löste sie den Konflikt auf ihre Weise, war der Vater dran, machte er es auf seine Weise. Ich finde dieses Vorgehen auch eine gute Idee in anderen Konfliktsituationen:

Wer den Konflikt mit dem Kind hat, der darf ihn auch nach seinen eigenen Vorstellungen lösen.

Gleichwürdigkeit meinen Kindern gegenüber zu leben, fiel mir leicht; in Bezug auf meinen Mann fiel es mir viel schwerer. Jesper Juul hat in seinem Buch „Was Familien trägt – Werte in Erziehung und Partnerschaft“ so schöne Dialoge für ein gleichwürdiges Miteinander zwischen Eltern formuliert, die mich sehr inspiriert haben. Und manchmal ist es auch hilfreich, die Liebe zu visualisieren. Vielleicht habt ihr Lust, ein Foto aufzuhängen, auf dem man eure Liebe spüren kann, sodass man sich erinnert und im Alltagsstress nicht verirrt. 

Denn es geht ja auch um euer Leben. Die Qualität eurer Beziehung ist ja ganz entscheidend für euer Lebensgefühl. Wenn oft Streit herrscht, ist das nicht nur Turbostress für eure Kinder, der meist viel schädigender ist als die „Untaten“ des anderen. Ein solcher Dauerstreit ist auch zermürbend für eure Beziehung. Mir klingt der Satz eines koreanischen Vaters noch im Ohr:

„Irgendwann Kind zieht aus.
Wenn gut gemacht, Frau bleibt.“