Darum geht es
Das Gefühl zu streng zu sein, zu ungeduldig, einfach nicht gut genug. Woher kommt dieser innere Kritiker – und wie gewinnen wir Eltern Vertrauen in uns selbst zurück?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Meine Tochter ist 3,5 Jahre alt, und ich bin von Anfang an alleinerziehend – das war so geplant. Sie ist ein sehr gefühlsstarkes, willensstarkes, aber auch sensibles Kind. In letzter Zeit kommt es oft vor, dass sie zu mir sagt: „Doofe Mama“ oder „Immer bist du böse zu mir.“ Diese Sätze verletzen mich sehr, weil ich wirklich versuche, eine gute Mutter zu sein.

Unser Alltag sieht so aus, dass wir morgens nach dem Aufstehen noch kuscheln und lesen, und nach der Kita-Abholung nehme ich mir immer etwa eine Stunde nur für sie – je nachdem, worauf sie Lust hat: Spielplatz, Picknick, Kuscheln. Danach kommt es drauf an, was geplant ist, mal basteln wir oder spielen was zusammen, mal steht turnen im Verein an oder wir treffen uns mit Freunden oder den Großeltern. Manchmal stehen aber auch einfach nur Dinge wie Haushalt, Wäsche oder Kochen an. Ich versuche immer, sie mit einzubeziehen. Manchmal hat sie Lust und es klappt gut. Manchmal klappt es gar nicht und es ist schwierig zu kochen, weil sie viel meine Aufmerksamkeit einfordert.

Dann sagt sie auch Sätze wie: „Nie hast du Zeit für mich.“

Natürlich muss ich im Laufe des Tages öfter mal „Nein“ sagen – wenn sie zum Beispiel ein zweites Eis möchte, mehr Fernsehen will oder etwas zu gefährlich ist. Genau in diesen Situationen kommen dann oft die verletzenden Sätze wie „Doofe Mama“„Ich will eine andere Mama“ oder „Du bist nicht mehr meine Mama“. Auch wenn ich mal schimpfen muss, was ich eigentlich vermeiden möchte, passiert das. Danach fühle ich mich oft richtig schlecht und frage mich, ob ich überreagiere oder zu streng bin. An manchen Tagen habe ich das Gefühl, ich habe nur nein gesagt und geschimpft, was mich ebenfalls richtig schlecht fühlen lässt.

Ich habe ihr schon gesagt, dass mich solche Worte verletzen, und sie meinte dann: „Das war doch nur Spaß.“ Aber ich weiß nicht, inwiefern eine Dreieinhalbjährige das überhaupt schon so versteht. Ich fühle mich oft ratlos, wie ich in solchen Momenten reagieren soll.

Abends ist das Einschlafen oft sehr schwierig – das war schon immer so. Manchmal dauert es zwei Stunden, bis sie zur Ruhe kommt. Irgendwann ist meine Geduld dann am Ende, und ich schimpfe – was wieder zu den gleichen verletzenden Situationen führt.

Auch die Abholsituation in der Kita beschäftigt mich sehr. Ich hatte mir immer vorgestellt, dass sie sich richtig freut, wenn ich sie abhole. Morgens weint sie fast jeden Tag beim Abgeben, beruhigt sich laut Erzieherin aber schnell wieder. Trotzdem gehe ich jedes Mal mit einem schlechten Gefühl aus der Kita. Beim Abholen läuft sie oft einfach an mir vorbei, fragt, ob ich ihr etwas Süßes oder eine Überraschung mitgebracht habe. Ich mache das manchmal, aber natürlich nicht immer.

Inzwischen zeigt sie mir zwar manchmal, was sie gemalt hat, aber ich habe selten das Gefühl, dass sie sich richtig über mich freut. Wenn meine Eltern oder Freunde sie abholen, rennt sie ihnen sofort in die Arme, was bei mir nie passiert. Das macht mich traurig und nachdenklich.

Eine Freundin erzählte mir, dass ihre Tochter (zwei Jahre älter als meine) auch mal „Doofe Mama“ gesagt habe – aber eben nur einmal. Meine Tochter sagt es fast täglich, und das lässt mich noch schlechter fühlen. Ich habe dann oft das Gefühl, die schlechteste Mutter der Welt zu sein.

Es gibt auch einen Bekannten, den wir etwa alle zwei Wochen sehen. Er spielt mit ihr, macht jeden Spaß mit – und sie liebt das. Ich freue mich darüber, fühle mich aber gleichzeitig schlecht, weil er natürlich nie „Nein“ sagen muss. Er ist nicht Teil unseres Alltags, muss keine Grenzen setzen. Ich bin dann diejenige, die das tut – und die dann eben auch „die Doofe“ ist.

Ich versuche vieles spielerisch zu lösen – auch abends, wenn es ums Waschen oder Schlafengehen geht –, aber ehrlich gesagt habe ich nicht immer die Kraft oder Geduld dazu. Ich will, dass es entspannt läuft, aber im Alltag gelingt mir das nicht immer. Ich überlege mir schon bewusst, wann ein Nein wirklich nötig ist, und sage auch manchmal: „Ich denke erstmal drüber nach“, um nicht ständig ablehnen zu müssen. Ich würde mich selbst eigentlich als eher lockere Mutter beschreiben, die vieles zulässt – Spielen, Chaos, Quatschmachen.

Und trotzdem habe ich ständig das Gefühl, zu streng, zu ungeduldig oder einfach nicht genug zu sein. Ich frage mich, ob ich etwas falsch mache, ob meine Tochter mich wirklich gern hat, auch wenn sie das nicht immer zeigt – und ob wir trotz dieser vielen Konflikte ein gutes Verhältnis haben. Ich bin so enttäuscht, obwohl ich weiß das es nicht ihre Aufgabe ist, mich glücklich zu machen oder mir das Gefühl zu geben, dass ich mich von ihr geliebt fühle.

Ich wünsche mir Ihre Einschätzung, wie Sie unsere Beziehung sehen, und vor allem, wie ich mit diesen Situationen und meinen eigenen Gefühlen besser umgehen kann.

Ganz viele liebe Grüße

Die Antwort
unserer Expertin.
Bin ich zu streng?
Dr. Maria Rockenfeller — FamilyLab Deutschland

Erstmal vielen Dank für deine Offenheit und die ausführliche Schilderung deiner Situation. Beim Lesen wird für mich direkt spürbar, wie wichtig dir das Wohlergehen deiner Tochter und eure Beziehung zueinander ist und wieviel du dafür tust. Und somit ist es sehr verständlich, dass Aussagen deiner Tochter wie „Doofe Mama“ sehr unangenehme Gefühle in dir auslösen. Diese Gefühle dürfen absolut sein und es darf sich für dich so anfühlen. 

Entwicklungsgerechte Reaktionen

Diese Sätze deiner Tochter sind keine Aussage über dich und deinen Wert als Mutter, sondern sie sagen vor allem etwas über deine Tochter aus. Über ihre Entwicklungsphase, ihr Temperament und darüber, wie es ihr in dem aktuellen Moment geht. Sie ist in diesen Situationen möglicherweise frustriert, traurig, wütend, hilflos, verzweifelt und diese Gefühle bekommen durch solche Sätze den Raum, den sie brauchen. Bei Kindern in diesem Alter dominiert bei starken Gefühlen der emotionale Teil des Gehirns, das heißt, sie handeln aus ihren Emotionen heraus und können sich in diesen Momenten tatsächlich nicht anders verhalten.

Zusätzlich dazu befindet sich deine Tochter mitten in der Autonomiephase, wo ihr Selbstbestimmung ganz besonders wichtig ist und sie entsprechend frustriert oder wütend ist, wenn ihr diese durch dein Eingreifen genommen wird. Weil du zum Beispiel kein zweites Eis oder keine weitere Folge im Fernsehen erlaubst. Hier kämpft sie dann für ihre Autonomie und das ist absolut entwicklungsgerecht. Umso wichtiger ist es aus meiner Sicht, dass wir die Macht, die wir als Eltern über unsere Kinder haben – ganz egal welchen Alters – gut überlegt und bewusst einsetzen und ihr Bedürfnis nach Autonomie ernst nehmen.

Das heißt jedoch nicht, dass wir Kindern die Führungsposition in der Familie übergeben. Es macht aber einen riesen Unterschied, ob ich aus einem Automatismus heraus nein sage oder ob ich mein Kind in seinem Wunsch sehe und ernst nehme und mich dann dagegen entscheide. Dass du dir also ganz bewusst überlegst, ob ein Nein nötig ist, finde ich einen ganz wunderbaren Umgang mit den ganz alltäglichen Situationen.

Genauso feiere ich dich dafür, dass du im Alltag nicht „die Entertainerin“ deiner Tochter bist, sondern versuchst, sie in Alltagsaufgaben miteinzubeziehen. Und dass das mal besser und mal schlechter klappt, ist völlig normal. Genauso normal wie der Wunsch deiner Tochter, so viel Zeit wie möglich mit dir zu verbringen. Kinder sind auf Bindung aus. Und die Aussage deines Kindes „Nie hast du Zeit für mich“ ist evolutionsbiologisch betrachtet ein Ausdruck des kindlichen Bindungssystems, das darauf ausgelegt ist, Nähe einzufordern und die Verfügbarkeit der Bezugspersonen sicherzustellen. Die gute Nachricht hierbei ist: Es kommt viel mehr auf die Qualität an, als auf die Quantität. Wenn wir also täglich ein kleines Zeitfenster einplanen, wo wir uns als Eltern wirklich voll und ganz unserem Kind zuwenden können, ist das ganz wunderbar. Und den Rest der Zeit dürfen Kinder gerne – soweit es geht – in unseren Alltag einbezogen werden. Genau so, wie du es machst.

Dann beschreibst du, dass sich altersähnliche Kinder von Freunden anders verhalten würden. Dass sich Verhalten von Kindern im gleichen Alter unterscheidet, hängt damit zusammen, dass es sich um unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Temperamenten handelt. Du beschreibst deine Tochter als gefühlsstark, das heißt, du hast den Eindruck, dass sie Gefühle intensiver erlebt als andere Kinder. Und das führt eben auch dazu, dass sie ihren Gefühlen häufiger und stärker Ausdruck verleiht, weil ihre Amygdala, also ihr „Feuermelder“ im Gehirn, einfach sensibler reagiert. Daran ist niemand schuld, sondern das ist ein Temperament, mit dem sie auf die Welt gekommen ist. Und was dann als „Du bist doof, ich will eine andere Mama“ aus ihr herausfällt, bedeutet übersetzt oft:
„Ich halte diese Frustration gerade nicht aus.“
oder
„Es war heute alles schon so viel, und jetzt bricht es aus mir heraus.“

Und das geschieht fast immer bei der Person, bei der das Kind sich am sichersten fühlt. Kinder werfen ihre schwersten Gefühle dorthin, wo die Bindung am stabilsten ist. Du bist der sichere Hafen – und genau deshalb diejenige, die diese Sätze abbekommt. Es ist also ein riesen Kompliment, dass deine Tochter dir gegenüber ihren Gefühlen Ausdruck verleiht – auch wenn es sich nicht danach anfühlt.

Und diese sicheren Bindungspersonen sind es eben auch, die oft nicht so gefeiert werden, wie die Personen, die die Kinder seltener sehen, wie zum Beispiel befreundete Erwachsene oder Großeltern, die sie ausnahmsweise von der Kita abholen. Das ist dann etwas besonders und dementsprechend reagieren die Kinder dann auch darauf.

Du trägst so viel

Alles, was bei deinem Kind passiert, ist also völlig entwicklungsgerecht und gesund. Was ich dich in einer Beratung jedoch gerne fragen würde, ist, was durch das Verhalten deiner Tochter in dir ausgelöst wird. Gerade bei Alleinerziehenden kann – oft unbewusst – eine hohe Erwartung an sich selbst da sein. Der Wunsch, dass es deiner Tochter an nichts fehlt, dass du deiner Tochter alles geben willst – auch als alleiniger Elternteil. Das könnte etwas sein, das dich im Alltag „etwas über’s Ziel hinausschießen lässt“. Deshalb darfst du dich erinnern, dass du keinen zweiten Elternteil ersetzen kannst – und du das vor allem auch gar nicht musst.

Ganz im Gegenteil: Wenn du regelmäßig versuchst, zwei Personen in einer zu sein und dich dabei möglicherweise selbst immer wieder hintenanstellst, tut das weder dir noch deiner Tochter gut. Und außerdem kann bei uns Eltern in solchen Fällen eine weitere unbewusste Erwartung entstehen, die lautet: Wenn ich mich nur genug anstrenge und alles gebe, dann ist mein Kind bestimmt zufrieden. Und wenn das Kind dann unzufrieden ist, muss es an mir liegen. Dann mache ich etwas falsch und bin eine schlechte Mutter.

Und dazu möchte ich dir auch hier in aller Deutlichkeit sagen:

Wo kein Konflikt ist, ist keine Beziehung.

Überall, wo Menschen aufeinandertreffen, gibt es Konflikte. Die Frage ist, wie wir mit diesen Konflikten umgehen und was sie in uns auslösen.

Und wenn bei uns Eltern dadurch Schuld- oder Schamgefühle ausgelöst werden, dann ist das so und wir dürfen das ohne Bewertung wahrnehmen und anerkennen. Im Sinne von „Ah, ok, jetzt hab ich wieder das Gefühl, ich bin nicht gut genug, ich werde nicht geliebt.“

Und dann kann es ganz grundsätzlich Sinn machen zu erforschen, welche Erfahrung hier in dir berührt wird und wo der Ursprung dieser Gefühle liegt. Und in der konkreten Situation könntest du erstmal versuchen, dieses Gefühl für einen kurzen Moment da sein zu lassen und dir selbst Mitgefühl dafür zu geben, dass da grad unangenehme Gefühle in dir ausgelöst werden. Vielleicht legst du dir eine Hand aufs Herz oder tust dir auf eine andere Art und Weise etwas Gutes. Das brauchen wir als Eltern ganz dringend, damit wir es schaffen, die Verantwortung für dieses Gefühl nicht auf das Kind zu übertragen. Dass das Kind nicht das Gefühl bekommt: Mir muss es gut gehen, damit es Mama gut geht. Das ist eine große Last für Kinder, die sie nicht tragen sollten. Sondern wir als Eltern übernehmen die Verantwortung dafür, welche Gefühle in uns entstehen und wie wir mit diesen Gefühlen umgehen. Immer in dem Wissen, dass das Verhalten des Kindes nur der Auslöser für unsere Gefühle ist und nicht die Ursache.

Wenn deine Tochter also das nächste Mal wütend erklärt, dass sie eine andere Mama haben möchte, dann darfst du ihr zeigen, dass du sie siehst in ihrer Frustration oder Wut oder Traurigkeit und ihr dafür Mitgefühl geben: „Du willst das gerne selbst bestimmen, kann das sein?“ Und dich dir selbst liebevoll zuwenden und dich immer wieder daran erinnern: Mein Kind tut gerade etwas für sich. Nicht gegen mich. Und ich tue meiner Tochter einen riesigen Gefallen, wenn auch ich gut für mich sorge und auf meine Grenzen und meine Ressourcen achte.

Ganz besonders vor dem Hintergrund, dass sich als alleinerziehende Mama mit gefühlsstarkem Kind alles bei dir entlädt. Und das ist eine enorme Belastung, die nichts mit Kompetenz zu tun hat, sondern mit der schlichten Tatsache, dass du alles alleine hältst: euren Alltag, alle Entscheidungen und eben auch alle Momente, in denen du sehr intensive Gefühle begleitest. Das ist viel. Und was ich sehe, ist keine Distanz zwischen dir und deiner Tochter, sondern ich sehe Nähe, Intensität und Bindung. Und ich sehe eine Mutter, die jeden Tag mit Liebe führt, begleitet und ihrem Kind dadurch Sicherheit und Orientierung gibt. Wie wunderbar!

Alles Liebe

Maria