Ehrlich gestellt.
Wir machen uns gerade echt Sorgen wegen der anstehenden Kita-Eingewöhnung. Die Erzieherin meinte am Telefon, nach 3 Tagen sollte die erste Trennung stattfinden und ich sollte mir keine Sorgen machen. Ich meinte, das ist zu kurz und dass ich an mindestens 3 Wochen gedacht habe, bevor die erste Trennung stattfindet.
Aber ablenken ist doch nicht das Ziel, sondern das Kind trösten und nicht ablenken?! Jetzt weiß ich nicht, was ich machen soll. Überall stehen wir auf Wartelisten und haben keinen anderen Platz.
Ich würde mich ja auch freuen, wenn es so schnell geht, aber so schätze ich unseren kleinen Sohn einfach nicht ein. Woran merke ich denn, dass er bereit ist für die Trennung? Und wie soll ich das mit den Erzieherinnen klären, wenn ich anderer Meinung bin? Ich möchte dann auch nicht gleich als klammernde Mama abgestempelt werden, aber es müssen ja doch beide Seiten für die Trennung bereit sein, und dass mein Kind sich sicher fühlt, steht für mich nun mal an oberster Stelle.
Wie kann ich mir sicher sein, dass es Zeit für die erste Trennung ist? Und noch weiter gedacht: Woran erkennen wir dann, dass die Eingewöhnung insgesamt abgeschlossen ist?
Viele Grüße und Dankeschön!
unserer Expertin.
Liebe Eltern,
beim Kitastart haben die meisten Eltern viele Fragezeichen im Kopf und gerade die Zeit der Eingewöhnung erlebt jeder mit unterschiedlichen Gefühlen, Erwartungen und Bedürfnissen.
Bisher haben wir allein für das Wohl unseres Kindes gesorgt und viele vertraute Momente haben diese Zeit geprägt.
Beim Elternsein gibt es keine Einarbeitungszeit. Ich habe mir mal gedacht, dass es für jeden Job, den man neu beginnt, eine Einarbeitungszeit gibt, nur beim Elternwerden nicht. Klar machen wir Kurse oder lesen Bücher und erkundigen uns bei Freunden, wie es ist, Eltern zu sein, aber ab dem Zeitpunkt der Geburt sind wir es dann einfach.
Da ist plötzlich ein Wesen, dass dein Leben so sehr bereichert und Dich gleichzeitig an deine Grenzen bringt. Freude, tiefe Verbundenheit und bedingungslose Liebe sowie Schlaflosigkeit, Konflikte und Erschöpfung. Als Familie lernen wir uns dabei ganz neu kennen und spielen uns als Team allmählich ein.
Mit der Eingewöhnung in eine außerfamiliäre Betreuung werden nun auch andere Menschen eine wichtige Rolle im Leben unseres Kindes spielen, auch wenn wir weiterhin die Hauptbezugsperson bleiben.
Zeit zum Kennenlernen
Unserem Kind begegnen neuen Alltagsstrukturen und Räumlichkeiten, die zu neuen spannenden Erfahrungen einladen. Es lernt neue Menschen kennen, die nun auch seine alltäglichen Bedürfnisse stillen werden; sei es das Begleiten von Mahlzeiten, das Wickeln oder das Schlafenlegen. Unser Kind wird täglich anderen Kindern und Erwachsenen begegnen und neue Eindrücke sammeln.
Es wird Raum und Zeit benötigen, um all das Neue kennenzulernen und einordnen zu können und dabei Sicherheit und Vertrauen aufzubauen.
Aber nicht nur die Kinder, auch wir Eltern benötigen eine professionelle, empathische Begleitung während der Eingewöhnung (und auch danach), um ebenfalls Sicherheit und Vertrauen zu den Fachkräften zu gewinnen.
In vielen Kitas wird immer noch nach „Modellen“ eingewöhnt. Wenn man etwas darüber nachdenkt, steht ein Modell natürlich mit einer individuellen, den Bedürfnissen des Kindes angepassten Vorgehensweise im Widerspruch.
Ob eine erste Trennung nun bereits nach 3 Tagen oder erst nach 3 Wochen stattfindet, sollte vorher nicht festgeschrieben sein. Jedes Kind hat sein eigenes Tempo und es ist wichtig, dieses Tempo zu respektieren und flexibel zu bleiben.
Ablenken – da gebe ich Dir recht – ist leider oft eine gängige Methode, um Kinder bei der Trennung von Eltern zu beruhigen. Das kann mal in Ordnung sein, wenn man das Kind zum Spiel einlädt oder ihm ein anregendes Material anbietet. Kritisch wird es, wenn die Ablenkung als Hauptstrategie genutzt wird, um schwierige oder unerwünschte Gefühle des Kindes zu vermeiden, anstatt dem Kind den Raum für diese Emotionen zu geben und ihm zu helfen, diese zu verarbeiten.
Du schreibst, dass Du deinen Sohn so einschätzt, dass er mehr Zeit braucht. Vertraue deiner Einschätzung und gehe mit den Betreuer*innen in Kontakt, ob sie darauf eingehen können und wollen.
Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass jedes Kind eine Eingewöhnung benötigt, egal ob es sich während der Eingewöhnung eher anhänglich zeigt oder den Anschein macht, sie gar nicht zu brauchen. Ein sanfter Übergang hilft, die einzelnen Schritte gut zu bewältigen.
Wenn Ihr Euch etwa vier bis sechs Wochen für eine Eingewöhnung einplant, dann ist das schon ein guter Zeitraum, um eine Stressüberflutung bei deinem Sohn (und vielleicht auch bei Dir selbst) zu vermeiden.
Heute spricht man auch von der „partizipatorischen Eingewöhnung“, bei der die Wünsche und Bedürfnisse aller Beteiligten gesehen, gehört und aktiv eingebunden werden. Wobei viele Kitas das noch nicht so beherzigen.
Die Trennung ist hier eine der letzten Phase der gesamten Eingewöhnung. Im Vordergrund steht das Ankommen, in Kontakt treten, Beziehungen aufbauen und sich in der Einrichtung wohlfühlen, bevor man bereit für den Abschied ist.
Bereit für die erste Trennung
Du fragst, woran Du merkst oder wie Du Dir sicher sein kannst, wann dein Sohn für eine erste Trennung bereit ist? Die Antwort ist: Dann, wenn Du den Eindruck hast, dass die Einrichtung für Euch zu einem sicheren, vertrauten Ort geworden ist. Dabei nimmt dein Sohn von sich aus Blick- oder sogar Körperkontakt zur Bezugsperson auf, zeigt Interesse an anderen Kindern oder Spielmaterialien und versinkt in Spielprozesse. Er bringt seine Gefühle zum Ausdruck, wie Du es von zu Hause kennst, gleichzeitig schaut er weniger nach Dir. Das kann ein Zeichen sein für:
Das ist nun der richtige Moment, Dich selbst mehr zurückzuziehen, während die Bezugsperson immer mehr für dein Kind da ist. Vielleicht holst Du Dir einen Tee oder Kaffee und findest eine ruhige Ecke für Dich.
Wichtig ist, grundsätzlich deine eigenen Ängste und Unsicherheiten zu reflektieren und nicht auf das Kind zu übertragen. Das könnte dann die Trennungsphase für das Kind erschweren. Wenn Du grundsätzlich zuversichtlich und ruhig bleibst und dem Prozess vertraust, überträgt sich diese Haltung meist auf das Kind und hilft, eine positive Einstellung zur Kita zu entwickeln.
Ich verstehe sehr gut, dass Du Dir nun sicher sein willst, dass dein Sohn gut eingewöhnt ist und Du beruhigt gehen kannst. Beobachte dein Kind. Nehme das Ausbleiben von Weinen oder Unmutsäußerungen nicht als alleiniges Kriterium für eine gelungene Eingewöhnung. Manche Kinder zeigen ihr Unwohlsein auf andere Art und Weise und leiden eher still.
Im Allgemeinen ist dein Kind dann angekommen, wenn die Einrichtung zum Alltag wird. Wenn Du und die Fachkraft beobachten könnt, dass sich dein Sohn aktiv am Alltags- und Spielgeschehen beteiligt, die Verabschiedung harmonisch verläuft und er sich sichtlich wohlfühlt, dann können die Betreuungszeiten nach und nach verlängert werden.
Und ich möchte Dich ermutigen, stets in einem engen persönlichen Austausch mit den Fachkräften zu sein und Dinge, die Dich beschäftigen, zu besprechen, damit Du deinen Sohn mit einem guten Gefühl für die vereinbarte Zeit in der Einrichtung lassen kannst.
Wichtig ist es, die Balance zwischen Unterstützung und Loslassen zu finden, damit dein Sohn selbstständig und sicher in die neue Umgebung starten kann.
Ich wünsche Euch viel Glück und eine schöne Eingewöhnung!
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