Darum geht es
„Alles muss sie selbst machen – und wenn es nicht klappt, rastet sie sofort aus.“ Wie begleiten Eltern diese Autonomiephase, ohne ständig dem Kind nach der Pfeife zu tanzen?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hallo liebes Beratungsteam,

Hoffentlich habt ihr einen Rat für uns. Unsere Tochter (grade 3 geworden) ist ein sehr selbstbewusstes Kind, das fast alle Alltagssituationen schon selber meistert. An- und Ausziehen, waschen, Zähneputzen, Brot schmieren usw. Sie ist super pfiffig und macht auch gerne alles selber und probiert viel aus. Wir bieten ihr regelmäßig unsere Hilfe an und sagen ihr auch, wenn sie Hilfe benötigt, braucht sie nur fragen, wir helfen gerne.

Jetzt spitzen sich die Situationen regelmäßig derart zu, dass wir nicht wissen, wie wir damit umgehen sollen.

Man öffnet die Türe und sie flippt komplett aus, sie wollte das machen. Sie knallt die Türe zu und öffnet sie wieder. Man geht ins Bad und macht das Licht an, da kommt sie angerannt, macht das Licht aus und wieder an.

Wenn man Dinge tut, die sie schon mal gemacht hat, ist regelmäßig Drama, denn sie wollte das machen. Und sie setzt sich durch und macht die Türe auf und wieder zu, Licht an oder wieder aus, holt die Windel die man aus dem Schrank geholt hat, wirft die weg und holt eine neue.

Versucht man das zu unterbinden, hat man mindestens eine Stunde Geschrei.

Wir erklären immer wieder, dass wir auch selber gerne mal die Türe öffnen wollen und so weiter…

Wir beziehen sie gerne überall, wo es eben geht und wie es die Zeit zulässt, mit ein, suchen mit ihr ihre Kleidung aus etc. Aber das ist doch sehr anstrengend und wie man das „Problem“ löst, ist uns etwas schleierhaft. Wir sind stolz auf sie, dass sie weiß, was sie will und sich auch dementsprechend äußert, haben aber Bedenken, sie verinnerlicht, dass sie immer alles machen kann, wie sie will. Wo ist da die Grenze?

Und an anderen Tagen braucht sie für alles Hilfe, lässt sich plötzlich auf den Boden fallen, ruft: „Hilfe, Hilfe!“ und will, dass man ihr aufhilft. Dann kann sie keinen Raum verlassen, ohne an die Hand genommen zu werden. Wenn man schon aus dem Raum ist, schreit sie, sie kann nicht ohne Hand laufen. Man bittet sie, doch so rüber zu kommen, weil das Essen am Herd kocht oder Ähnliches, dann wird geschrien und sich fallen gelassen und um Hilfe gebettelt. Das nicht nur mal eben kurz, sondern wenn man das laufen lässt, dauert es auch wieder Ewigkeiten. Von dem einen ins andere Extrem. Wie kommen wir da wieder raus, ohne sie „alleine“ zu lassen oder zu sehr „nach ihrer Pfeife tanzen“?

Die Antwort
unserer Expertin.
Meine Tochter muss alles selbst machen, sonst rastet sie aus
Astrid Draxler — FamilyLab Deutschland

Liebe Eltern,

euer Blick auf das, was sich eure Tochter bereits an Selbstständigkeit und in der Auseinandersetzung mit sich und ihrer Umwelt an Fähigkeiten erworben hat, hilft mir in meiner Einschätzung sehr.

Ihr ermöglicht eine freie Entfaltung ihrer Kompetenzen und bietet euch hilfsbereit an, wenn sie es braucht. Daraus lese ich auch, mit welcher Freude und Wertschätzung ihr euer Kind in seiner Entwicklung bisher begleitet habt. Dass eure Tochter pfiffig ist und willensstark, gefällt euch, und das konntet ihr bisher auch gut begleiten. Da habt ihr schon einen guten Weg geschafft.

Und nun kommt es zu „Entwicklungsspitzen“, die euch als Eltern deutlich mehr herausfordern. So eindrucksvoll ist eure Beschreibung, es nimmt einem den Atem: an – aus, auf – zu, hin – her, und ständig möglich: Der Vulkanausbruch. Und ihr kommt an eure Grenzen und fragt euch, was ist hier nun „good enough“?

Eltern sind Bergführer*innen

Eure Tochter ist mittendrin in einem sehr wichtigen Lernprozess und gerade in den Phasen, in denen sie so aktiv ist, zeigt sie einen sehr autonomen Selbstausdruck. Die Lern- und Verarbeitungsprozesse in ihrem Gehirn feuern, wachsen und gedeihen auf Höchststufe. Sie lernt, erforscht, erprobt, in Bezug auf Machbarkeit, persönliche Umsetzung ihrer Pläne, sie erkennt immer besser die Wirkung auf ihr Tun. Sie erlebt sich enorm selbstbestimmt und erträgt ein „Scheitern“ schwer. Alle Kinder und Eltern müssen durch diese Phase der Persönlichkeitsentwicklung durch, nicht alle Kinder erleben das so temperamentvoll wie eure Tochter.

Ein Vergleich mit anderen Familien hilft da meist nicht.

Was hilft ist eher der Schritt zur echten Akzeptanz im Hier und Jetzt: „Ich stelle mich dem turbulenten Leben mit dir, achte auch auf mich und meine Gefühle, zeige dir, wie ich bin und nehme dich so wie du bist, und wir gehen gemeinsam Schritt für Schritt, so lange du mich dabei brauchst.“

Erst wenn eure Tochter die inneren Lernziele ihrer aktuellen Entwicklungsphase erreicht hat, werden die Ausbrüche milder, weniger und der Alltag wird sich beruhigen.

Das ist für euch alle eine sehr anstrengende Zeit, fast so als wäret ihr gemeinsam auf einer Expedition, um den Mount Everest zu erklimmen. Solche großen Unternehmungen schafft niemand alleine, dazu braucht es ein gutes Team. Es braucht erfahrene Menschen, die die Umgebung kennen und die Herausforderungen, die auf dem Weg liegen und die auch die Gefühlsschwankungen kennen, wenn man sich übernommen hat und kurz vor dem Aufgeben ist. Es braucht Führung, wenn es steil und gefährlich wird, und immer wieder gute Orte, um Kraft zu tanken und auszuruhen. Von diesem „Bergführer-Wissen“ wird eure Tochter profitieren, auch wenn sie durch eure weitsichtige, persönliche Führung oftmals gebremst werden wird, und darauf mit Frust und Ärger reagiert.

Ihre Anstrengung im Lernen ist manchmal so groß, dass sie fast zusammenbricht und Tage der Erholung braucht, in der sie erst mal wieder den Abstieg vorzieht, zurück geht in das Bekannte. Da zeigt sie sich abhängig, kraftlos und will genährt werden durch liebevolle Pflege, Wärme und Hilfe, die sie dann einklagt. Was euch wiederum herausfordert, denn in der aktiven Phase ist eure Haltung der Zuversicht, des Ermutigens, dass sie die Dinge alleine kann, meist hilfreich. Wenn sie dann wieder so „klebt“, ist es auch nicht leicht darauf einzugehen. Hier in der Phase des Luftholens, braucht sie nun wieder eure Zuwendung bei Dingen, die schon längst überwunden und gelernt schienen. Anderes braucht wieder Anerkennung und Einlassen, und das am besten ohne auffordernde Sätze wie: „Das kannst du doch schon!“.

Der Spagat

Aus meinen Beratungen weiß ich, wie schwer und unangenehm es für die meisten Eltern ist, diesen Energiespagat anzunehmen. Angebrüllt zu werden oder ein unzufriedenes, nörgelndes Kind zu begleiten, bringt uns selbst oft in Rage und wir lassen uns anstecken, um durch Zurückbrüllen ebenfalls Druck abzulassen oder durch Strafen unsere Macht auszuüben. Beides hilft nicht, um einem (willensstarken) Kind ein empathisches Vorbild zu sein. Im Unterschied zu den Erwachsenen weiß ein 3jähriges manchmal nicht genau was es will, aber umso besser, was es nicht will. Und das zeigt euch eure Tochter gerade deutlich.

Die Haut wird dünn, die Nerven gereizt und die Geduld nimmt ab, wenn jede für euch normale Handlung durch eine Schreiattacke begleitet wird, weil sie es gerne selbst gemacht hätte oder sie sich übergangen fühlt.

Das führte wohl gerade dazu, dass ihr Eltern nun übervorsichtig geworden seid. Wie bei eurem Beispiel mit der Türe: „Wir erklären immer wieder, dass wir auch selber gerne mal die Türe öffnen wollen!“ Das Gefühl von Macht und Ohnmacht ist unmittelbar zu spüren. Das Dilemma der Erwachsenen: Mache ich die geöffnete Türe wieder zu, damit sie öffnen kann, und wähle damit den Weg des geringeren Widerstandes beziehungsweise kleineren Wutausbruches. Oder bleibe ich dabei, durch die Tür zu gehen und stehe meinem Kind bei der Verarbeitung des Gefühls der Ohnmacht zur Verfügung? Je nach Kraft und Tagesform sind beides adäquate Möglichkeiten, sowohl für das Kind als auch für die Eltern.

Wertvoll ist dabei zu betrachten, was das Kind aus dem Verhalten seines Vorbildes lernen kann und wird. Gut wäre es, beides erleben zu können.

Manchmal können wir sehen, wie wichtig etwas für das Kind ist, und wenn es die Möglichkeit gibt, bieten wir an, zurückzutreten und dem Kind die Handlung zu überlassen.

Das Kind erlebt dabei: Es ist möglich, von Vorhaben zugunsten eines Anderen zurückzutreten. Ich kann dabei freundlich sein.

Wenn sie Dinge, die ihr eigentlich schon gemacht habt, wiederholt, hilft ihr vielleicht eine Bemerkung wie: „Du machst es genauso wie wir, das hast du schon gelernt. Du kannst die Windel holen, die du willst. Leg die andere doch wieder zurück.“ Bestimmt bindet ihr sie bereits in euren Alltag ein, etwa mit der Bitte, euch die Tür zu öffnen, wenn ihr Hilfe braucht. Damit ladet ihr sie ein, die Gemeinsamkeiten wahrzunehmen und sich immer mehr als Teil eurer Gemeinschaft zu fühlen.

Manchmal ist es schon geschehen: Die Tür ist offen und wir möchten nichts daran ändern, egal ob nun der Wutausbruch kommt oder nicht.

Das Kind erfährt dabei: Ich kann meinen Plan nicht durchführen, nicht immer alles im Blick haben und schnell genug sein. Und bald merkt eure Tochter, dass das auch ok ist – ein wichtiger Lernschritt.

Diese Enttäuschung können wir Eltern verstehen, es braucht dafür keine Entschuldigung, aber das Verständnis: „Du wolltest es selber machen. Ja, so war es. Du kannst das auch schon.“ Eventuell braucht sie dann Trost, für den ihr euch Zeit nehmen könnt, und weiter geht’s, den Berg hinauf. 

Freundliche Beharrlichkeit

Eure Tochter erkennt immer mehr Zusammenhänge und erlebt Gefühle, die sie langsam verstehen, und mit denen sie irgendwann ausgewogen umgehen kann. Dafür braucht sie jetzt am Anfang eure freundliche Beharrlichkeit. Denn die Bewältigung und das Verständnis für Perspektivwechsel baut sich allmählich auf. Die Fähigkeit, sich in andere Personen und deren Handlungen einzufühlen, entwickelt sich zwischen dem 3./4. – 7. Lebensjahr. Und die Betonung liegt hier auf „entwickelt“ sich. Meist erst mit dem Schuleintritt gelingt es Kindern immer besser, auf einen Anlass, der sie herausfordert, adäquat zu antworten oder zu agieren, was vielen Menschen noch im Erwachsenenalter schwer fällt, wenn sie sich ärgern oder ungerecht behandelt fühlen.

Eure Bedenken, „sie verinnerlicht, dass sie immer alles machen kann, wie sie will“, sind verständlich. Wenn ihr aber vermeidet, sie nun in jeder Hinsicht zu bedienen, damit sie ja keinen Frust erleben muss, wird das nicht passieren. Sie wird durch euch lernen, sich zu regulieren, zu erkennen, wer sie ist und wer ihr seid, und dabei neue Erfahrungen sammeln. Die Erkenntnisse der Gehirnforschung beschreiben, wie individuell Kinder lernen. Bei eurer Tochter zeigt sich der Fortschritt in der Entwicklung des Verstehens von Zusammenhängen daran, dass sie rational schon Pläne machen kann, Wünsche entwickelt und Vorhaben durchführen will. Erfolg und Misserfolg gehören zum Lernen dazu, und zur Bewältigung der starken Gefühle braucht sie euch als Regulationshilfe und als Vorbild. Manche Kinder brauchen zum Trost den direkten Körperkontakt, andere nur das Wissen, dass sie nicht alleine sind.

Wenn ihr mitgehen könnt, dass eure Tochter zur Beruhigung ihrer Wutausbrüche hauptsächlich eine verständnisvolle Begleitung braucht, ohne dass ihr euch dafür verantwortlich macht und schlecht fühlt, kommt ihr auf einen leichteren Weg. Damit lasst ihr sie nicht alleine, findet den Abstand, der für euch beide stimmt. Und wenn ihr das Gefühl habt, gerade nach ihrer Pfeife zu tanzen, überprüft, ob ihr das gerade gerne macht und sagt ihr das auch so: „Ich mache das gerade gerne für dich.“ Wenn es nicht so ist, solltet ihr es nicht tun und authentisch, persönlich und warm in der Ansprache bleiben: „Das will ich nicht.“ Ohne große Erklärungen. Im Wissen, dass ihr eurer Tochter helfen werdet, sich zu beruhigen, wenn die Gefühle sie überschwemmen.

Für die Ausgangssituation deiner Frage gibt es also kein allgemeingültiges Vorgehen, aber wichtig ist, sich nicht zu verstellen, sondern freundlich und ehrlich zu bleiben.
Entweder du sagst – freundlich und ehrlich:
„Na klar, ich mache die Tür nochmal zu. Du hast dich ja so darauf gefreut, sie zu öffnen.“
Oder du sagst – ebenso freundlich und ehrlich:
„Nein, ich mache die Tür jetzt nicht nochmal zu. Ich sehe aber, wie sehr du dir das wünschst.“   

Euer Kind reift und lernt über die Art, wie ihr in eurer Familie starke Emotionen anerkennt, und wie Konflikte gelebt und gelöst werden. Und auch für euch Eltern ist es ein großes Lernfeld, so verantwortlich für das Aufwachsen des eigenen Kindes zu sein. Während ihr eure Tochter wertschätzend und achtsam begleitet, spielen sich wahrscheinlich bei euch als Paar und in euch selbst manch wilde Kämpfe ab. Vielleicht kennt eines der Elternteile diese Emotionen der Tochter aus eigener Erfahrung, oder einer von euch fühlt sich hilflos ausgeliefert. Durften in eurer Kindheit Wut und Frust nicht gezeigt werden oder wurdet ihr dafür bestraft, fehlen positive Erfahrungen, um eure Tochter nun mit ihren Gefühlen gut zu begleiten. Und dadurch kommt auch ihr immer wieder in den Strudel der Hilflosigkeit. Das wahrzunehmen ist alleine schon hilfreich. Dann könnt ihr heraustreten aus der Situation, durchatmen und eventuell den Partner oder die Partnerin bitten, euch abzulösen. „Ich weiß gerade nicht weiter“, ist ein hilfreiches Eingeständnis, weil es wahr und echt ist. Das führt meist zu neuer Kraft. Denn ihr habt ja in eurer eigenen Entwicklung zu dem Menschen, der ihr heute seid, mittlerweile Möglichkeiten der Beruhigung gefunden, das habt ihr eurer Tochter voraus und darauf kommt es nun an. Lasst euch nicht in das kindliche Gefühl hineinziehen, bleibt bei der Kunst des Vorbilds als Bergführer*in. Es ist es wert, neue Wege der Begleitung zu finden, statt zu bewerten, zu schimpfen, zu bestrafen und so weiter. Und ja, diese Etappe ringt allen Beteiligten viel ab, bis zur Erschöpfung. 

Daher ist es für alle entlastend, wenn ihr Pausen machen könnt, in denen ihr auftankt. Wenn ein Tag schon anstrengend beginnt, erlaubt euch, Pläne zu ändern, einen Tag mehr auf der Basisstation abzuhängen, oder manches wegzulassen, wie zum Beispiel einen Spielplatzbesuch oder ähnlich anstrengendes. Zusätzlich wünsche ich euch Eltern auch persönliche Ruhe und Entlastungszeiten, jeder für sich. Mit der inneren Anerkennung, dass ihr wahrscheinlich die anstrengendste und aus späterer Sicht, wertvollste Zeit eures Lebens meistert.

Genießt und würdigt den Blick über die Gipfel der Umgebung auf jeder Etappe des Aufstiegs.

Mit herzlichen Grüßen
Astrid Draxler