Darum geht es
Wie gehe ich mit meiner Angst vor der Zukunft um? Seit dem ersten Kind habe ich für mich persönlich erlebt, dass sich Ängste und Sorgen um die Zukunft plötzlich komplett gewandelt haben –intensiver, unberechenbarer und umfangreicher… Wir verbringen sehr viel schöne Zeit zusammen und gleichzeitig bricht es mir das Herz, wenn ich sie so fröhlich und unbeschwert sehe, und mich bedrückt, was wohl alles auf sie zukommen wird.

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hallo liebes Beratungsteam, 

ich möchte mich gerne mit einem Thema an euch wenden, das mich mehr und mehr beschäftigt. Es geht um Ängste um die Kinder. Ich habe ein Kleinkind (2J.) und ein Baby mit 3 Monaten. 

Seit dem ersten Kind habe ich für mich persönlich erlebt, dass sich Ängste und Sorgen um die Zukunft plötzlich komplett gewandelt haben – intensiver, unberechenbarer und umfangreicher. 

Sei es die politische Lage auf der Welt, Klimakrise, Anschläge oder wie es den Kindern in der Schulzeit/ihrem Leben ergehen wird… 

Ich habe oft das Gefühl, dass ich sie überhaupt nicht mehr vor Gefahren beschützen kann bzw. man die Chance hat, diesbezüglich etwas positiv beeinflussen zu können. 

Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, sie in die Welt mit so vielen „Baustellen“ gesetzt zu haben – gleichzeitig liebe ich sie unendlich und bin so glücklich und dankbar, dass sie da sind. 

Wir verbringen sehr viel schöne Zeit zusammen und gleichzeitig bricht es mir das Herz, wenn ich sie so fröhlich und unbeschwert sehe und mich bedrückt, was wohl alles auf sie zukommen wird. Ich wünsche mir für die Kinder, dass sie diese Unbeschwertheit noch sehr lange für sich behalten dürfen. 

Es fällt mir schwer, damit umzugehen und ich möchte das auf gar keinen Fall auf die Kinder übertragen oder ihnen diese Angst in irgendeiner Form vermitteln. 

Mich würde wirklich sehr interessieren, wie es anderen Familien damit geht und wie man generell besser damit umgehen kann. 

Ich versuche mich von zu vielen schlechten Nachrichten so gut es geht fern zu halten, möchte aber auch nicht komplett uninformiert sein. 

Bei dem Versuch, mit einem Angehörigen darüber zu sprechen, bekam ich den Kommentar, dass das halt die Hormone seien – das wäre bei Frauen nun mal so. Das hat mich sehr enttäuscht und natürlich nicht weiter geholfen. 

Mein Partner ist bei dieser Thematik leider auch nicht so hilfreich, da er sich generell viel weniger Sorgen macht und das nicht so gut nachvollziehen kann. 

Ich würde mich sehr freuen, wenn das Thema in der Beratung bearbeitet wird!

Die Antwort
unserer Expertin.
Angst vor der Zukunft meiner Kinder
Dr. Maria Rockenfeller — FamilyLab Deutschland

Vielen Dank für deine Nachricht! Ich freue mich sehr, dass du dieses Thema ansprichst, was gerade in der aktuellen Zeit sehr viele Eltern beschäftigt. So oder so möchten wir Eltern unsere Kinder am liebsten vor allem beschützen, was kommen könnte und in der heutigen Zeit mit der Klimakrise, der geopolitischen Lage und den gesellschaftlichen Spannungen kann dieser Wunsch noch stärker werden.

Realität vs. Kinderwelt

Hier finde ich es als allererstes wichtig, sich klarzumachen, dass das alles natürlich reale Themen sind. Und gleichzeitig dürfen wir zwei Ebenen auseinanderhalten: unsere erwachsenen Zukunftsgedanken und die Lebenswelt unserer Kinder.

In deinem Fall sind deine Kinder zwei Jahre und drei Monate alt. Sie leben nicht in geopolitischen Szenarien. Sie leben im Hier und Jetzt. Ihre Welt besteht aus Bindung, Körpernähe, wiederkehrenden Abläufen, vertrauten Gesichtern. Sie sorgen sich nicht um globale Entwicklungen – es sei denn, sie spüren, dass diese Themen uns Eltern stark belasten.

Kinder haben unglaublich feine Antennen. Sie nehmen weniger die Nachrichten selbst wahr, sondern unsere innere Reaktion darauf. Wenn sich zum Beispiel deine Atmung verändert, wenn du angespannt wirst oder wenn du dich innerlich zurückziehst – das registrieren sie. Und deshalb beginnt der Umgang mit Zukunftsangst immer bei uns selbst. Und das ist ja auch genau das, was du in deiner Nachricht beschreibst: dass du nicht möchtest, dass sich deine Ängste auf deine Kinder übertragen. Und dass du dir dessen bewusst bist und an diesem Thema arbeiten möchtest, ist der erste wichtige Schritt.

Und der Kommentar deines Angehörigen, „das seien halt die Hormone“ reproduziert ein gesellschaftliches Narrativ, in dem weibliche Gefühle schnell als übertrieben abgetan werden und Frauen ihr Erleben abgesprochen wird. 

Deshalb, um es ganz klar zu sagen: Wir sprechen hier nicht von einem „typisch Frau“-Phänomen. Das ist Bindung. Das ist Fürsorge. Und das kann sich unglaublich erdrückend anfühlen – egal ob für einen Mann oder eine Frau.

Und ich feiere dich sehr dafür, dass du genau spürst, was sich in dir abspielt. Das ist eine enorme Fähigkeit und die Grundlage für alles Weitere. Dazu gleich mehr.

Vorher finde ich es wichtig, dass wenn wir uns dem Thema unserer eigenen Zukunftsangst annähern, uns bewusst machen, dass nicht nur das bekannte Sprichwort gilt:

„Du bist, was du isst“

Sondern abgeändert vielleicht auch: „Du bist, was du liest.“

Damit meine ich, dass Nachrichten unsere geistige Nahrung sind. Wenn wir uns täglich hauptsächlich mit Bedrohungsszenarien füttern, entsteht leicht ein verzerrtes Weltbild. Unser Gehirn ist evolutionsbiologisch darauf programmiert, Gefahren stärker zu gewichten als Positives. Medien verstärken diesen Effekt, weil Dramatisches Aufmerksamkeit erzeugt. Fortschritte, Lösungen, positive Entwicklungen sind oft weniger präsent, obwohl es sie genauso gibt.

Hier kann es helfen, bewusst zu steuern:

Wie oft höre ich Nachrichten? Wann? In welchem Zustand? Und gleiche ich das mit konstruktiven, lösungsorientierten Informationen aus?

Es gibt mittlerweile Formate mit konstruktivem Journalismus oder sogenannten „Good News“, die nicht Probleme leugnen, sondern das Bild erweitern. Das mag auf den ersten Blick naiv wirken, aber eigentlich soll es uns davor schützen, innerlich in Ohnmacht zu kippen.

Denn Ohnmacht ist das Gefühl, das unter vielen Zukunftsängsten liegt. Dieses „Ich kann nichts tun.“ Und genau hier liegt ein zentraler Schlüssel: Selbstwirksamkeit.

Sowohl für dich als auch später für deine Kinder.

Selbstwirksamkeit und Vorbildfunktion

Du kannst nicht die Welt retten. Aber du kannst in deinem Rahmen Einfluss nehmen. Nachhaltige Entscheidungen im Alltag. Engagement im Kleinen. Bewusste Gespräche. Wahlverhalten. Gemeinschaft. Wenn Kinder erleben: „Meine Eltern tun etwas“, wird Selbstwirksamkeit vorgelebt und es wird der Hilflosigkeit etwas entgegengesetzt.

Und hier ist mir eine ganz grundlegende Sache wichtig zu betonen: Unser Ziel als Eltern ist nicht, Kindern jede Schwierigkeit aus dem Weg zu räumen. Das ist nicht möglich und vor allem auch nicht entwicklungsförderlich. Resilienz entsteht nicht in einer perfekten Welt, sondern dann, wenn Kinder Herausforderungen erleben und in diesem Prozess erfahren, dass sie nicht allein sind und etwas bewirken können.

Und wir können noch so viel mit unseren Kindern reden und ihnen erklären, wie man mit Herausforderungen umgeht – das, was sie wirklich in sich aufnehmen werden, ist unser gelebtes Verhalten. Wie reagieren wir als Eltern, wenn Schwierigkeiten auftauchen? Wie gehen wir mit schlechten Nachrichten um? Wie sehr setzen wir uns ihnen aus? Und setzen wir ihnen etwas entgegen? Genau darüber können wir in einem entsprechenden Alter auch mit unseren Kindern sprechen: dass die Welt weit mehr Positives bereithält, als in den Nachrichten sichtbar wird. Dass Fortschritte oft leise geschehen. Dass eine Meldung über ein kleiner werdendes Ozonloch weniger Aufmerksamkeit bekommt als ein dramatisches Ereignis – obwohl beides Teil der Realität ist.

Bewusste Gegenprogrammierung

Ein weiterer Punkt, der wissenschaftlich erwiesen sowohl für uns als auch für unsere Kinder einen großen Unterschied machen kann, ist das Thema der Dankbarkeit. Unser Gehirn ist, wie gesagt, darauf programmiert, eher das Negative wahrzunehmen und sich stärker daran zu erinnern. Und gleichzeitig sind wir auch diesem Mechanismus nicht hilflos ausgeliefert. Die Forschung zeigt sehr deutlich, dass unser Gehirn formbar ist und sich durch bewusst gelenkte Aufmerksamkeit verändern kann. Wenn wir regelmäßig unseren Blick auch auf das richten, wofür wir dankbar sind, stärkt das nachweislich die entsprechenden neuronalen Netzwerke in unserem Gehirn.

Und genau das kann einen großen Unterschied machen – für unser eigenes Wohlbefinden und auch für das unserer Kinder. Dementsprechend können wir zum Beispiel abends entweder alleine für uns oder gerne auch gemeinsam mit unserem Kind jeder 5 Dinge nennen, für die man an diesem Tag dankbar ist. Mit so einem kleinen Ritual trainieren wir über die Zeit unser Gehirn, diese Erfahrungen auch im Alltag stärker zu registrieren und zu speichern.

Hinfühlen statt Wegdrücken

Ein weiterer Punkt, der unterstützend wirken kann, ist etwas, das im Alltag mit kleinen Kindern oft viel zu kurz kommt: nämlich bewusste Zeit für die eigenen Gefühle.

Zukunftsängste verschwinden nicht dadurch, dass wir sie wegschieben. Im Gegenteil. Je mehr wir sie im Alltag funktionierend übergehen, desto größer können sie innerlich werden.

Es kann deshalb sinnvoll sein, sich ganz bewusst Zeit zu nehmen und sich zu fragen:

„Was sind das für Gefühle in mir?“

Das darf ich auch laut aussprechen: 

„Da ist Hilflosigkeit.“ 

„Da ist Wut.“ 

„Da ist Traurigkeit.“

Und dann als Nächstes: 

„Wo spüre ich diese Gefühle im Körper?“ 

Und sie dann für einen kurzen Moment da sein zu lassen. Ohne sie wegmachen zu wollen.

Gefühle wollen nicht gelöst werden. Sie wollen gefühlt werden. Und das im Alltag bewusst einzuplanen und sich auch mit anderen Eltern über solche Themen auszutauschen, kann sehr hilfreich sein.

Und dabei dürfen Sorge und Vertrauen nebeneinander existieren. Vielleicht darfst du sagen: „Ja, es gibt Herausforderungen. Und ich glaube trotzdem an Entwicklung.“

Und dass – so wie du es beschreibst – dein Partner sich möglicherweise weniger sorgt, kann sehr schmerzhaft sein, wenn du dich nicht verstanden fühlst. Und gleichzeitig kann auch diese Sicht auf die Dinge ein wertvolles Gegengewicht sein. Und vielleicht braucht es weniger inhaltliche Übereinstimmung, sondern mehr emotionale Anerkennung, dass es sich für beide unterschiedlich anfühlen darf und vielleicht gerade darin eine Chance liegt.

In Bezug auf das schlechte Gewissen, dass du beschreibst – deine Kinder in eine Welt mit so vielen „Baustellen“ gesetzt zu haben – möchte ich dir sagen: auch dieses Gefühl begegnet vielen Eltern. Und gleichzeitig dürfen wir uns bewusst machen: 

Historisch betrachtet war die Welt nie dauerhaft „krisenfrei“. Und wenn wir uns konkret die letzten 200 Jahre anschauen, hatte jede Generation ihre eigenen massiven Herausforderungen, eigene Unsicherheiten und Zukunftsängste. Und jede Generation hat Entwicklung hervorgebracht, Lösungen gefunden, Neues geschaffen. Deine Kinder sind nicht nur potenziell Betroffene zukünftiger Herausforderungen – sie sind auch Teil zukünftiger Lösungen. Und wenn wir auf die Generation Z blicken, sehen wir ja genau das: dass sich sehr viele ganz bewusst fragen, welchen positiven Beitrag sie leisten können – und daraus ganz konkrete Ideen und Bewegungen entstehen lassen. 

Und die Grundvoraussetzung für all das ist das verlässliche Basislager von Kindern. Ein Zuhause, das ihnen sicheren Rückhalt gibt und sie immer wieder erleben lässt: 

„Ich werde gesehen. Meine Gefühle sind erlaubt. Ich kann etwas bewirken.“ 

Diese Kinder sind gut gerüstet. Auch für eine komplexe Welt. 

In diesem Sinne wünsche ich dir und deiner Familie alles Liebe!