Ehrlich gestellt.
Unser Sohn ist 2,5 Jahre alt und geht seit Juli in eine Waldkita. Er war dort immer sehr glücklich und ist gerne hingegangen. Vor ein paar Wochen gab es den Fall, dass ihn ein anderes (neues) Kind heftig an seinen Haaren gezogen hat. Alle sind über die Wucht erschrocken gewesen, er hat sehr stark geweint.
Obwohl sich das andere Kind ihm gegenüber schon wieder sehr lieb verhalten hat, möchte er wegen besagtem Kind nicht in die Kita. Das Anziehen morgens, um aus der Türe zu gehen, ist daher zum Teil sehr schwierig.
Mittlerweile ist sogar das Essen schwierig – sowohl zuhause als auch in der Kita. Ob das damit zusammenhängt?
Wir bestärken ihn darin, dass er sich immer Hilfe holen darf, dass er NEIN sagen darf und dass er für sich einstehen soll. (Er spricht leider sehr wenig)
PS: Unser Sohn und das andere Kind haben beide ein Geschwisterchen bekommen, falls das relevant sein sollte.
unserer Expertin.
Aus Ihrer Frage lese ich, dass Sie sich viele Gedanken machen, wie Sie Ihren Sohn bestmöglich unterstützen und begleiten können. Diesen Wunsch kann ich sehr gut nachvollziehen. Oft steckt dahinter auch die Sehnsucht, dem Kind möglichst alle Schwierigkeiten und Probleme abzunehmen und Konflikte zu vermeiden.
So verständlich dieser Wunsch auch ist, leider ist er unrealistisch, denn zum Leben gehören Freud und Leid, und auch kleine Kinder erleben täglich Sonnen- und Schattenseiten. Das können wir als Eltern leider nicht vermeiden. Wir können unsere Kinder jedoch darin stärken, damit umzugehen! Wir können sie darin unterstützen, ihr Selbstwertgefühl und ihre Selbstregulation zu entwickeln, um dem Leben positiv und gelassen entgegenzutreten.
Gefühle ernstnehmen
Wenn es Ihnen gelingt, Ihren Sohn darin zu begleiten, dass Konflikte zum Leben dazugehören – und dass sie konstruktiv gelöst werden können – geben Sie Ihrem Kind etwas sehr Wertvolles mit auf den Weg! Sie können Ihren Sohn zum Beispiel unterstützen, indem Sie ihm helfen, seine Gefühle zu benennen. Auch wenn er selbst, so wie Sie schreiben, noch nicht so viel spricht, hilft es ihm sicher sehr, wenn Sie ihm durch Ihre Worte verschiedene Gefühlswelten näherbringen. Das können Sie tun, indem Sie seine Empfindungen benennen und vor allem ernst nehmen. Erwachsene neigen manchmal dazu, den Kindern Gefühle auszureden. Sie wollen ihnen die unangenehmen Gefühle am liebsten nehmen und sie umlenken oder davon ablenken. Das könnte dann so klingen: „Du musst keine Angst vor Kind xy haben, es ist wieder lieb, und es sind doch so viele andere liebe Kinder da und ihr erlebt doch ganz tolle Sachen.“
Hilfreich wäre es, Ihren Sohn und seine Gefühle erstmal an- und ernst zu nehmen, zum Beispiel: „Ich kann verstehen, dass das ein Schreck für dich war, als Kind xy dich an den Haaren gezogen hat. Das hat dir sicher weh getan und es ist verständlich, dass du geweint hast. Ich kann deine Reaktion gut verstehen.“ Geben Sie ihm dann Raum, das Gesagte sacken zu lassen und darauf gegebenenfalls zu reagieren.
Der Blick zum anderen Kind
Und dann wenden Sie sich im Gespräch mit Ihrem Sohn auch der Situation des anderen Kindes zu: „Vermutlich hat ihn/sie irgendetwas geärgert und er/sie wusste sich nicht anders zu helfen, als dich an den Haaren zu ziehen. Das ist natürlich nicht schön. Doch für seine Wut oder Verzweiflung gab es bestimmt einen Grund.“ Vermitteln Sie Ihrem Sohn:
Mit der Akzeptanz der gesamten Gefühlswelt Ihres Sohnes, sowohl der Freude als auch der Wut und Traurigkeit, stärken Sie sein Selbstwertgefühl. Er lernt: Ich bin ok. All meine Gefühle sind willkommen. Und ich lerne, damit umzugehen, und die Kinder in meiner Umgebung ebenso. So helfen Sie ihm langfristig, zu sich selbst zu stehen und sich selbst zu regulieren; zu akzeptieren, dass alle Gefühle zum Leben dazu gehören.
Eine Möglichkeit wäre, sich mit den Eltern des anderen Kindes zu verabreden, womöglich auf einem Spielplatz oder zum Eis essen. Dort können die beiden außerhalb der Waldkita erleben, dass sie miteinander auskommen können, dass sie beide ok sind, Konflikte vorbeigehen und verletzendes Verhalten verziehen werden kann. Damit vermitteln Sie Ihrem Sohn Werte, die ihn durch sein weiteres Leben tragen. Gegebenenfalls könnten auch jeweils die kleinen Geschwister dabei sein. So erleben beide, dass sie in einer ähnlichen Situation sind, nämlich zu Hause plötzlich Mama und Papa teilen müssen. Denn auch die neue Situation kann ein weiterer Grund sein, dass Ihr Sohn nicht mehr in die Kita gehen möchte, vielleicht auch, dass er aktuell nicht so gut isst.
Kinder müssen in der Welt der Erwachsenen viel kooperieren. Sie müssen Rücksicht nehmen, sich anpassen, sich an Regeln halten, und so weiter. Sowohl daheim als auch in der Kita – auch wenn es manchmal so aussieht, dass sie dort ja nur spielen. Seit der Geburt des Geschwisterchens muss Ihr Sohn vermutlich zu Hause noch mehr kooperieren. An diese Situation muss er sich gewöhnen und braucht dazu eventuell noch etwas mehr Zeit. Während im Umfeld alle das neue Familienmitglied voller Freude betrachten, fühlt Ihr Sohn manchmal vielleicht auch Trauer, Wut oder Eifersucht. Auch diese Gefühle sollten ernst genommen werden. Es kann also ebenfalls sein, dass er aktuell nicht gerne in die Kita geht, weil er lieber bei Mama und seinem Geschwisterchen sein möchte.
Nehmen Sie sich Zeit mit Ihrem Sohn und geben Sie ihm so oft wie möglich das Gefühl, dass er in seiner Ganzheit willkommen ist, mit all seinen Gefühlen. So entwickelt er Selbstwertgefühl, Selbstregulation, Vertrauen und fühlt sich sicher.