Darum geht es
Die Kinder wollen nonstop kuscheln, der Partner abends auch. Aber ich als Mama halte es manchmal einfach nicht mehr aus! Wie setze ich Grenzen bei zu viel Körperkontakt?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Liebes Team der Elternberatung,

ich bin Mama von zwei Jungs – 3,5 und 1,5 Jahre alt. Der Ältere braucht in seinem Alltag viel körperliche Nähe, insbesondere meine. Einerseits häufig bei großen Gefühlen wie Wut, Frust oder Freude, aber auch aus Gewohnheit. Er streckt zum Beispiel während des Essens seine Füße immer zu mir und muss nach jeder Mahlzeit auf meinen Schoß. Er benennt das meist ganz klar:

„Mama, ich muss jetzt mit Dir schmusen.“

Beim Einschlafen kann er ziemlich kompromisslos sein, da müssen wir Gesicht an Gesicht liegen und ich darf mich nicht mehr bewegen.

Es gibt Momente, in denen es mir zu viel wird und ich meine Bedürfnisse ihm gegenüber klar äußere: „Du kannst Dich neben mich auf die Bank setzen, nicht auf meinen Schoß, ich möchte noch fertig essen.“ Das löst bei ihm viel Frust aus und es wird schnell sehr körperlich, weil er sich dann an mir festhält. Erklärende Gespräche in ruhigen Situationen, wie „Ich hab Dich immer lieb und bin für Dich da, auch wenn wir uns nicht berühren.“, waren bisher ohne Erfolg.

Der Jüngere braucht altersbedingt auch noch oft meine Nähe, muss getragen werden und braucht mehrmals täglich Einschlafbegleitung. Oft führt körperliche Nähe mit dem einen Kind zu Eifersucht beim anderen und ich habe dann zwei Kinder auf dem Schoß, die mich beide gleichzeitig umarmen.

Ich komme gerade abends oft in die Situation, dass mir dann einfach jede Berührung zu viel ist und ich von keinem mehr angefasst werden möchte, weil untertags ständig jemand an mir „hängt“. Das führt dann auch zu Konflikten in der Partnerschaft, weil es sich für mich anfühlt, als würde auch mein Mann noch etwas Körperliches von mir wollen.

Ich freue mich auf Lösungsansätze, die mir hier weiterhelfen. Denn eigentlich kuschle und umarme ich gerne und das kommt mir momentan abhanden.

Die Antwort
unserer Expertin.
Alle wollen Körperkontakt, aber ich nicht
Dr. Desiree Bender — FamilyLab Deutschland

Liebe Mama,

was Du jeden Tag Deinen Kindern schenkst, ist unfassbar groß und wertvoll. Zwei Kinder in diesem Alter mit den von Dir beschriebenen Bedürfnissen täglich zu begleiten, ist einfach eine herausfordernde Situation, die Du offenbar ganz wunderbar meisterst! In den sozialen Netzwerken gibt es tatsächlich viel Austausch über das Phänomen, das du beschreibst. Besonders Mütter kleiner Kinder berichten davon, „overtouched“ zu sein – überberührt.

So viele Bedürfnisse!

Es ist so natürlich, dass in einer solchen Situation die eigenen Bedürfnisse nach körperlicher Nähe zu anderen Menschen nicht mehr spürbar sind. Körperliche Nähe innerhalb einer Partnerschaft ist etwas, das wir gerne mögen und genießen können, wenn andere zentrale Grundbedürfnisse erfüllt und wenn unsere körperlichen Grenzen sonst so gewahrt sind, dass wir nicht das Gefühl von „zu viel“ an körperlicher Nähe zu anderen Menschen haben. Und das ist bei Dir gerade nicht der Fall.

Zu diesen „anderen Menschen“ gehören eben auch unsere eigenen Kinder, gerade weil sie uns – insbesondere in den ersten Lebensjahren – körperlich besonders nahe sind. Deine Abgrenzung von noch mehr körperlicher Nähe (vielleicht zum Partner) ist hier zentral, um gut für Dich selbst zu sorgen. Das darf auch offen kommuniziert werden und hat mit dem Partner direkt nichts zu tun, sondern vielmehr damit, dass Grundbedürfnisse immer Vorrang haben sollten, damit es allen gut gehen kann und wir wieder offen füreinander werden können.

Wie unsere Kinder, sind wir Erwachsene soziale Wesen. Wir haben sowohl das Grundbedürfnis nach Autonomie und authentischem Ausdruck unseres Selbst, sowie das Bedürfnis nach Bindung. Um uns wohl, sicher und geborgen zu fühlen, müssen diese Bedürfnisse zu einem Mindestmaß erfüllt sein. Das gilt auch ganz unabhängig von unserer Elternrolle, die uns ja allzu oft (häufig unbemerkt) dazu bringt, die Bedürfnisse unserer Kinder an erste Stelle zu setzen.

Wichtig ist also, dass wir uns in solchen Phasen der Überlastung zuerst einmal selbst mit viel Mitgefühl begegnen: Es ist so nachvollziehbar, natürlich und auch Ausdruck von psychischer Gesundheit, wenn die beschriebene Situation sich nach einem „zu viel“ anfühlt und Du mit Deinem Körper mehr Raum für Dich selbst brauchst!

Recht auf Rückzug

Körperliche Nähe zu wollen und zulassen zu können, braucht also immer zuerst einmal – und das kann wie eine Bedingung für sie verstanden werden – auch den ausreichenden Raum für sich selbst zur Erholung von zum Beispiel der Mutterrolle. Es braucht ein persönliches Maß an Rückzug von den Kindern, wenn wir uns durch ihre Bedürfnisse nach körperlicher Nähe zu stark beansprucht fühlen. Es geht hier auch tatsächlich um unsere persönlichen Grundbedürfnisse wie eben zum Beispiel, in Ruhe und ohne große körperliche Nähe zu einem anderen Menschen essen zu wollen. Erst wenn dafür genug Raum ist, kommt auch wieder die offene und warmherzige Bereitschaft, die körperlichen Nähebedürfnisse des Kindes – wie zum Beispiel das Kuscheln – zu befriedigen.

In solch herausfordernden Situationen ist es für uns Eltern stets wertvoll, tiefer in uns hinein zu blicken. Hier könnten wir etwa fragen: Wie oft bin ich eigentlich wirklich offen für den körperlichen Kontakt zu meinen Kindern? Radikale Ehrlichkeit ist hier unabdingbar! Das, was „da ist“, fühlen unsere Kinder sowieso. Wenn unsere Kinder sich nicht vollkommen angenommen und willkommen fühlen, fordern sie womöglich noch mehr körperliche Nähe, weil sie nach genau diesem Gefühl suchen und es in der nicht wirklich erwünschten Berührung nicht finden können. Wir versuchen dieses Bedürfnis nach Nähe womöglich „oberflächlich“ zu befriedigen, indem wir unseren Körper bereitstellen, doch nicht wirklich eine innere Bereitschaft für diese Nähe empfinden. So kann eine solche Situation zu einem sich selbst verstärkenden Kreislauf werden, bei dem Eltern leicht ausbrennen können.

Könnte dieser Aspekt in Eurer Dynamik eine Rolle spielen?

Der Fokus meiner Antwort liegt deshalb so sehr darin, in Dich zu blicken und Dich selbst zu verstehen, weil das Selbstmitgefühl und die Selbstfürsorge in solchen Situationen das Allerwichtigste sind: Nur wenn wir wirklich fühlen, dass es legitim, wichtig und notwendig für uns selbst und damit auch für unsere Kinder ist, uns in herausfordernden Lebensphasen besonders gut zu versorgen, treten wir in die Energie und auch die authentische Sprache ein, die es braucht, um uns klar von den Kindern abzugrenzen. Gesunde, persönliche Abgrenzung ist ein längerer Lernprozess, für den auch wir in der Regel einige Jahre brauchen, da viele von uns dies durch unsere Kindheitserfahrungen zumeist komplett verlernt haben.

Es ist herausfordernd, wenn auf unsere Abgrenzung von den Kindern dann sehr körperlich reagiert wird und auch hier dürfen wir wieder in uns selbst schauen und neugierig fragen: Was könnte mir helfen, mit der Frustration auf meine Abgrenzung gut umzugehen? Wie wunderbar, dass Du Deine Bedürfnisse klar benennst und Deinem Sohn sagst, was Du von ihm erwartest! Dass diese Klarheit und diese wertvolle Kommunikationsform von ihm nicht direkt mit Verständnis beantwortet wird, heißt nicht, dass sie nicht wirkungsvoll ist. Unsere Kinder brauchen oft Jahre, um solche Erfahrungen für sich zu integrieren und in ihre Entwicklung (für uns sichtbar) einfließen zu lassen.

Die nötige Klarheit

Falls möglich, wäre es vielleicht sinnvoll, täglich Zeiten ganz für Dich selbst zu reservieren und in diesen bewusst für Dich zu sorgen, um richtig bei Dir anzukommen. In den Zeiten, in denen Du nicht verfügbar bist, ist es für die Kinder womöglich leichter, sich auf eine andere Bezugsperson einzustellen und es könnte erst einmal die akute Situation der Überforderung entlasten, um wieder in Deine Kraft zu kommen.

Wir müssen keine Berührungen über uns ergehen lassen, die wir eigentlich nicht wollen, sondern nur dulden. Das sendet auch eine schwierige Botschaft an unsere Kinder.

Es hilft allen, wenn wir klar sind in dem, was wir möchten – und was nicht.

Dazu gehört eben manchmal auch das Kuscheln mit unseren Kindern. Deren Bindungstank füllen wir nämlich weniger mit Berührungen, auf die wir eigentlich gar keine Lust haben (was Kinder immer merken!) – sondern während der Momente, in denen wir wirklich authentisch und zugewandt beieinander sein können. Das ist vielleicht seltener, als unsere Kinder es einfordern. Aber dafür ist es echt. Dafür ist es wirkliche Verbindung. Und das ist es, was Kinder suchen.