Darum geht es
Wie gehen wir mit Gender Disappointment um? Mit der Enttäuschung, wenn das Geschlecht unseres Kindes nicht unseren ursprünglichen Wünschen entspricht?

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Liebes Goodenoughparents Team,
ich brauch mal ein paar Tips von einer Fachfrau, denn es geht bei mir um das Thema gender disapointment.Ich liebe meine Kinder. Und ich werde auch diesen kleinen Jungen lieben – daran gibt es keinen Zweifel. Ich bin aktuell schwanger mit Baby Nr. 3.

Aber trotzdem tut es weh, Abschied von einer Vorstellung zu nehmen, die ich so lange im Herzen getragen habe.

Nach zwei Jungs habe ich mir so sehr ein Mädchen gewünscht. Nicht, weil meine Söhne nicht genug wären. Sondern weil da dieser Wunsch war, einmal auch die andere Seite erleben zu dürfen. Zöpfe flechten, gemeinsam durch die Mädchenabteilung schlendern, Puppen im Wohnzimmer, vielleicht ein kleines Stück von mir selbst in meinem Kind wiederfinden.

Und jetzt zu wissen, dass ich das wahrscheinlich niemals erleben werde, macht traurig. Ehrlich traurig.

Nicht wegen des Babys, sondern wegen der Vorstellung, von der ich mich verabschieden muss.

Das Schwerste daran ist fast, dass man darüber kaum sprechen darf. Sobald man zugibt, enttäuscht zu sein, wird man schnell als undankbar abgestempelt. Dabei können zwei Gefühle gleichzeitig existieren: unendliche Liebe für das eigene Kind und echte Trauer über einen unerfüllten Wunsch.

Ich danke euch schon mal im Voraus.

Die Antwort
unserer Expertin.
Gender Disappointment: Ich habe mir so sehr eine Tochter gewünscht!
Dr. Desiree Bender — FamilyLab Deutschland

Liebe (bald) 3-fach Mama,

es ist so schön zu lesen, wie sehr Du Dir darüber bewusst bist, dass es gerade darum geht, sich von einer Vorstellung zu verabschieden, von einem Bild, von einem Wunsch und letztlich: von einer Täuschung. Die Ent-Täuschung, die sich nun als Trauer ihren Weg bahnt, ist so verständlich mit den Bildern in Deinem Kopf, die Du schilderst. Zugleich wissen wir ja nie, welches Kind wir bekommen, ob Junge oder Mädchen – und ob es unsere kulturellen Gender-Konstruktionen überhaupt bedient. Vielleicht würde ja auch eine Tochter eventuell Zöpfe flechten, Kleider tragen und das Spielen mit Puppen uninteressant finden. 

Einladung zur Selbsterforschung

In Deinem Wunsch, vielleicht ein „kleines Stück“ von Dir selbst wiederzufinden, liegt großes Potenzial, Dich selbst näher zu entdecken. Um herauszufinden, worum es genauer geht, notiere ich Dir vorschlagsweise Reflexionsfragen, damit Du die verschiedenen Ebenen, die Dein Wunsch tangiert, für Dich erforschen kannst. 

Du könntest Dich fragen: Was bedeutete es für mich, „Mädchen“ zu sein? 

Vielleicht magst Du erforschen, was es für Dich bedeutet hat in der Zeit als Du selbst noch Kind warst, was es jetzt für Dich als Erwachsene bedeutet, wenn Du zurückblickst und was es in Deiner Mutterrolle bedeutet hätte, ein Mädchen auf seinem Weg zu begleiten? Was glaubst Du, mit einer Tochter innerlich erfahren zu können, was Du eher bei einem Mädchen annimmst zu erfahren als bei einem Jungen? Welche Sehnsucht verbindest Du mit Weiblichkeit und welche Art von Weiblichkeit möchtest Du leben und fühlen? Welche Form der weiblichen Verbindung mit anderen Menschen wünschst Du Dir? Welche Aspekte sind es, nach denen Du Dich sehnst?

Einerseits könntest Du Deinen Wunsch also nutzen, um Dir selbst als das Kind, das Du einmal warst, wieder näherzukommen. Andererseits könntest Du Dich in Deiner Mutterrolle und als Frau neu erforschen, um herauszufinden, worin es Dir in der Tiefe eigentlich geht, welche tieferen Wünsche sich hinter Deiner Ent-Täuschung verbergen. 

Die Mutter-Tochter-Beziehung und Weiblichkeit

Außerdem berührt der Wunsch auch deine eigene Mutter-Tochter-Beziehung:

Wie war Dein Verhältnis zu Deiner Mama?

Was hast Du genossen? Welcher Erfahrung hättest Du so gerne Raum gegeben, wenn Du eine Tochter bekommen hättest und wie hätte sich das in Deiner Wunschvorstellung angefühlt? Wäre das etwas Neues oder Bekanntes aus Deiner Kindheit gewesen? Es ist vielleicht eine spezifische Beziehungserfahrung, die Du Dir zu erleben wünschst. Vielleicht betrauert ein Teil von Dir Deine eigene weibliche Biografie oder den Weg vom Mädchen zur Frau oder die Verbindung von Mutter und Tochter. 

Es ist nicht selten, dass wir unbewusst, über unsere Kinder, etwas nachzuholen oder neu zu erleben versuchen. Und wenn uns dies bewusst wird, wie in Deinem Fall, ist das auch völlig in Ordnung, denn wir können herausfinden, was davon wir uns selbst geben können. Wir können uns nachnähren. So vermeiden wir eine Beziehung, in der die Kinder von uns einen unausgesprochenen Auftrag erfüllen sollen: nämlich etwas in uns Unerlebtes und Unerfülltes für uns erlebbar zu machen, indem sie es leben beziehungsweise „werden“ sollen. Das wäre für unsere Kinder eine selbstverneinende und ihre Integrität verletzende Situation, die wir aber durch unser Reflexionsvermögen als Eltern vermeiden können. Oft suchen wir nach solchen Korrekturerfahrungen, um etwas in uns heil werden zu lassen.

Diese Aufgabe sollten Kinder nicht tragen müssen.

Diesen Punkt könntest Du einmal für Dich reflektieren. Nachdem du erfahren hast, worum es dir wirklich geht, bleibe offen dafür, ob du die gewünschten Gefühle nicht auch auf andere, vielleicht unerwartete Weise erleben kannst.

Die Gleichzeitigkeit von Gefühlen und die Ent-Täuschung 

Es ist wertvoll, sich den inneren Bildern, die mit dem Wunsch nach einem Mädchen eng verknüpft sind, aktiv zuzuwenden und ihnen und den dazugehörigen Gefühlen Raum zu geben. Dies befreit die zukünftige Mutter-Sohn-Beziehung von möglichen Projektionen, sodass Dein Blick auf Deinen kleinen Jungen ganz losgelöst von der Enttäuschung und den damit verbundenen Gefühlen gelebt werden darf. Deshalb ist es so wertvoll, sich noch vor der Geburt diesem Prozess zuzuwenden. Es geht darum, Abschied zu nehmen von dem Wahrwerden eines tiefen Wunsches. Du erwähnst die Einsamkeit dieses inneren Prozesses weil wenig Mitgefühl dafür aus Deinem sozialen Umfeld spürbar ist. Das liegt nicht an Dir, wir haben nur nicht gelernt, unseren Gefühlen Raum zu geben und tendieren dazu, Gefühle von anderen „wegmachen“ zu wollen und sie zu bewerten. Deine wertvolle Perspektive auf Dich selbst und Deinen Trauerprozess bei gleichzeitiger Liebe möchte ich gerne verstärken: Liebe und Dankbarkeit für den kleinen Sohn, den Du in Deinen Armen halten wirst, sind genauso da wie der Trauerprozess. Genau um die Anerkennung der Gleichzeitigkeit geht es.

Der Trauerprozess

Du erlebst reale Trauer, Du darfst aktiv Abschied nehmen und es ist wichtig, Dich hierin vollständig ernst zu nehmen und Dich zugleich davon zu befreien, ob andere das verstehen und mitfühlen. Deine große Ressource ist, dass Du Deine Gefühle anerkennst, so fällt es leichter, sie zu verarbeiten.

Trauer entsteht auch um nicht erfüllte Zukunftsbilder und Wünsche, ungelebte Möglichkeiten und Geschichten, die wir über unser Leben nicht schreiben werden. Dieser echte erlebte Verlust braucht von Dir Anerkennung, Mitgefühl und Bejahung. Es geht um die Frage: Wie möchtest Du Deiner Trauer und Deinem Abschied Raum geben? Möchtest Du eine kleine Kiste füllen oder ein Symbol des unerfüllten Wunsches finden, von dem Du Dich in einem bewussten Ritual verabschiedest und dabei Deine Gefühle fließen lässt? So würdigst Du Deinen Abschied. 

Zugleich brauchst Du vielleicht Geduld, denn Trauer ist ein Prozess, der in Wellen kommt. Gefühle verschwinden und können in einem Moment ganz plötzlich und unerwartet intensiv auftauchen. Wenn Du darauf gefasst bist und weißt, dass dies ein natürlicher Teil von Trauerprozessen ist, wird es leichter fallen, Dich darin zu begleiten, bewusst wahrzunehmen und weiterzugehen. Für Dich beginnt mit der Geburt Deines dritten Sohns eine neue Geschichte und neue Möglichkeiten bahnen sich ihren Weg. Empfange sie offen, denn es könnte sein, dass der Weg Dir mehr Lehren und Einsichten in Dich selbst zu vermitteln vermag als du jetzt noch für möglich hältst.