Ehrlich gestellt.
Liebes Team,
ich habe diese Email immer wieder in meinem Kopf nachts geschrieben und dann doch wieder verworfen, weil ich mir dachte, wir kriegen das auch alleine hin. Jetzt beschleicht mich aber das Gefühl, später es zu bereuen, wenn ich doch nicht nachfrage, so here I go:
Meine Tochter ist 3,5 Jahre alt, geht noch in die Krippe und ab Herbst in den Kindergarten. Vor ein paar Wochen wurde ich zum Elterngespräch gebeten, wo mir ihre Erzieherin mitteilte, sie haben das Gefühl, das Kind sei „emotional instabil“ und hätte Ängste gezeigt, die es gilt „ganz schnell in den Griff zu bekommen, damit sie im Kindertagen keine Probleme hat“. Sie hat Angst vor den größeren Kindern, versteckt sich meistens, wenn eines davon in den Gruppenraum kommt, geht öfter mit den anderen nicht in eine der Bällebad-Ecken spielen, weil es ihr da zu laut werden könnte. Sie sagen, wenn ein Problem auf sie zukommt, dann atmet sie erstmal durch, bevor sie das angeht, aber laut dem Personal „sollte man Probleme nicht wegatmen, die muss man lösen“. Na ja…
Auch auf dem Spielplatz hält sie sich eher zurück, wenn andere (ältere) Kinder da sind, weint dann öfter mal, wenn sie in einer Situation ist, wo sie sich überfordert fühlt. Mir ist bewusst, dass das alles normal für ihr Alter ist und doch hab ich ein schlechtes Gewissen, dass ich sie zu sehr „betüddelt“ hab und sie deshalb so reagiert. Das Gefühl wurde mir übrigens auch von den Erzieherinnen vermittelt, ich könnte nicht loslassen und würde meine Ängste auf das Kind übertragen. Ihre Erzieherin meinte, mittlerweile ignorieren sie sie, wenn sie bei solchen Situationen weint, um sie nicht in dem Gefühl zu bestärken. Wenn ich sowas höre, bricht es mir das Herz, ich würde immer mein Kind in Arm nehmen, wenn ich merke, es ist überfordert. Ist das falsch? Ich spreche oft daheim mit ihr übers Mutig sein, gebe ihr auch Beispiele, wie sie in bestimmten Situationen reagieren kann, wir lesen Bücher mit mutigen Helden, aber was kann ich noch konkret tun? Habe Angst, dass sie spätestens im Kindergarten zur „Memme“ abgestempelt wird und ich würde ihr gerne konkrete Ideen an die Hand geben, damit sie nicht ausgeschlossen wird.
Vielleicht habt ihr ein paar Tipps 🙂
Vielen Dank und liebe Grüße!
unserer Expertin.
Liebe Mama,
wie schön, dass du den Schritt gegangen bist, dein Anliegen in Worte zu fassen und abzuschicken.
Ich habe den Eindruck, dass dich gerade mehrere Themen gleichzeitig beschäftigen. Da sind die Beobachtungen zu den Eigenschaften und dem Verhalten deiner Tochter verbunden mit der Sorge, dass ihr diese im Kindergarten und grundsätzlich im Leben im Weg stehen könnten. Du fragst dich, ob dein eigenes Erziehungsverhalten dazu beigetragen haben könnte. Dabei wirkt es auf mich so, als würde dich weniger das Verhalten deiner Tochter selbst verunsichern als die Schlussfolgerungen, die in der Kita daraus gezogen werden. Hinter all dem steht die Frage, ob dein Kind anders werden muss, um gut durchs Leben zu kommen.
Zurückhaltung als Ausdruck der Persönlichkeit
Zunächst finde ich es sinnvoll festzuhalten, dass wir Menschen mit sehr unterschiedlichen Wesenszügen ausgestattet sind. Manche von uns haben ein eher neugieriges und lebhaftes Temperament, andere sind sensibler und vorsichtiger. Das eine ist nicht besser oder schlechter als das andere. Deiner Beschreibung nach scheint deine Tochter eher ein sensibleres, vorsichtiges Kind zu sein. Ich würde ihr Verhalten daher weniger als ein Problem einordnen, das möglichst schnell behoben werden muss, sondern vielmehr als Ausdruck ihres Wesens und ihrer Art, der Welt zu begegnen. Hinzu kommt, dass sie mit 3,5 Jahren noch sehr jung ist. Dass sie in herausfordernden Situationen viel Unterstützung durch ihre Bezugspersonen braucht, ist deshalb nichts Ungewöhnliches.
Egal, mit welchem Temperament unser Kind ausgestattet ist, wollen wir, dass es ihm gut geht. Wenn wir uns Sorgen machen, dass unser Kind es schwer haben könnte, überlegen wir, was wir tun können, um zu helfen. Dabei kann es passieren, dass sich unser Blick darauf richtet, wie unser Kind anders werden könnte, um es leichter zu haben. Das wäre nur allzu verständlich. Wenn wir aber aus diesem Wunsch heraus die Gefühle und Bedürfnisse unserer Kinder übergehen und sie beispielsweise häufig dazu drängen, gegen ihr Wesen und über ihre Grenzen zu gehen, kann daraus die Erfahrung entstehen: „Meine Gefühle werden nicht ernst genommen. So wie ich bin, bin ich nicht richtig.“
Deshalb möchte ich mich der Frage aus einer etwas anderen Perspektive nähern:
Es scheint, als ob dein Gefühl als Mama bereits in diese Richtung geht: Dass es dir nicht in erster Linie darum geht, deine Tochter zu verändern, sondern sie in ihrem Erleben zu verstehen und ernst zu nehmen. Darin sehe ich etwas sehr Wertvolles. Genau diese Haltung bereitet den Boden dafür, dass unsere Kinder ein gesundes Selbstgefühl entwickeln können. Damit meine ich nicht das Selbstvertrauen, das man hat, wenn man etwas gut kann. Sondern die Fähigkeit, sich selbst wahrzunehmen und nach und nach ein Gefühl dafür zu entwickeln, wer man ist. Daraus kann die innere Sicherheit entstehen, wertvoll und richtig zu sein.
Das Selbstgefühl nähren
Ich kann gut verstehen, dass dich auch die Sorge beschäftigt, deine Tochter könnte im Kindergarten oder später als zu sensibel oder nicht mutig genug eingeordnet werden. Natürlich wünschen wir uns, dass unsere Kinder dazugehören und nicht aufgrund ihrer Art ausgegrenzt oder beschämt werden. Gleichzeitig können wir nur begrenzt beeinflussen, wie andere Menschen unser Kind beurteilen. Worauf wir aber großen Einfluss haben, ist, wie sich unser Kind erlebt. Und genau daraus kann dann mit der Zeit auch Mut entstehen. Damit meine ich aber nicht den Mut, mich zu überwinden aus Angst, nicht dazu zugehören oder abgelehnt zu werden. Sondern den Mut, zu meinen Bedürfnissen und Grenzen zu stehen.
In meinen Augen lohnt es sich deshalb sehr, ganz bewusst die Entwicklung eines gesunden Selbstgefühls zu unterstützen. Wir Eltern können viel dazu beitragen, denn dieses entsteht in Beziehung und in Resonanz mit den wichtigsten Bindungspersonen.
Was kannst du also jetzt konkret tun? Es ist wichtig, dass Kinder erleben dürfen: „Ich werde gesehen, so wie ich bin. Unabhängig von dem, was ich kann oder leiste.“ Wenn dich deine Tochter beispielsweise auffordert, ihr zuzuschauen, versuche genau das: sie in ihrem Erleben und ihrer Freude wirklich zu sehen, ohne gleich in eine Bewertung zu fallen. Du könntest einfach beschreiben, was du wahrnimmst: „Ich sehe, du freust dich gerade richtig, dass du so schnell bist“. Ebenso wichtig ist es, unsere Kinder in ihrer Wahrnehmung ernst zu nehmen und sie feinfühlig und zugewandt zu begleiten. Wenn deine Tochter in einer Begegnung mit älteren Kindern überfordert ist und weint, könntest du zunächst in Worte fassen, was gerade los ist: „Ich glaube, die vielen großen Kinder sind dir gerade etwas zu viel.“
Gemeinsam könnt ihr dann schauen, was ihr helfen könnte. Vielleicht braucht sie einen Moment auf deinem Schoß oder etwas Zeit, um die Situation erst einmal zu beobachten. Wie so oft spielt dabei die Co-Regulation durch uns Eltern eine wichtige Rolle. Dein Impuls, deine Tochter in den Arm nehmen zu wollen, wenn sie überfordert ist, geht für mich genau in diese Richtung. Sie erlebt dadurch: „Mit dem, was ich gerade fühle, bin ich nicht allein. Meine Gefühle werden ernst genommen.“ Gerade solche Erfahrungen bilden die Grundlage dafür, dass unsere Kinder schwierige Situationen zunehmend selbst bewältigen können.
Auch das Selbstgefühl von uns Eltern hat großen Einfluss auf unsere Kinder: Darauf, wie sie sich in Beziehung zu uns erleben. Wenn wir gut in Kontakt mit unseren Gefühlen, Bedürfnissen und Grenzen sind und sagen können: „Das bin ich, das denke ich, das fühle ich“, dann können wir authentisch handeln und unsere Gefühle zeigen. Entscheidend ist aus meiner Sicht weniger, ob wir zum Beispiel Angst haben oder Unsicherheit spüren, sondern wie wir damit umgehen. Sicherheit entsteht vor allem dann, wenn wir unseren Kindern vermitteln: „Ich habe zwar gerade Angst oder bin unsicher, aber ich kann damit umgehen und kümmere mich darum.“ Wenn wir ihnen dagegen dauerhaft weniger zutrauen, als sie bewältigen können, aus Angst viele Situationen vermeiden oder häufig anders handeln, als es unseren Gefühlen und Bedürfnissen entspricht, kann das Kinder durchaus verunsichern. Aber sicherlich nicht, wenn wir unser überfordertes Kind zugewandt begleiten oder trösten.
Gleichzeitig geht es aber nicht darum, jede Schwierigkeit von unseren Kindern fernzuhalten. Im Gegenteil: Kinder brauchen viele Gelegenheiten, eigene Erfahrungen zu machen und herauszufinden, wer sie sind, was sie können und was sie brauchen. Wir dürfen ihnen durchaus auch etwas zumuten, aber immer auf der Basis eines sicheren Fundaments, von dem aus sie diese Herausforderungen in ihrem eigenen Tempo angehen können. Das kann sich manchmal ganz schön nach einer Gratwanderung anfühlen, bei der es darum geht, auf das eigene Kind zu schauen und zu spüren, welches Maß an Unterstützung oder Herausforderung es gerade braucht.
Auch für sensible, eher zurückhaltende Kinder gilt, dass sie an Herausforderungen wachsen. Für sie besteht der „Lernerfolg“ dann aber wahrscheinlich nicht darin, dass sie sich plötzlich mit ins Getümmel stürzen, sondern dass sie sich eben darin üben, die richtige Distanz zu genau diesem Getümmel zu wahren. Von außen sieht das auf den ersten Blick für uns Erwachsene vielleicht nicht danach aus, dass unser Kind die Situation „gemeistert“ hat, aber gemessen an seinem eigenen Tempo kann es genau das bedeuten.
Der Austausch mit den Fachkräften
Die Beobachtungen zum Verhalten deiner Tochter kannst du zunächst als hilfreiche Hinweise einordnen, um sie und ihre Bedürfnisse besser zu verstehen. Einiges von dem, was die Fachkräfte wahrnehmen, scheint sich mit deiner eigenen Beschreibung zu überschneiden. Die Schlussfolgerung daraus, dass deine Tochter ihre Ängste möglichst schnell „in den Griff bekommen muss“, um im Kindergarten gut zurechtzukommen, scheint dich jedoch verständlicherweise unter Druck zu setzen.
Ich würde gerne eine andere Einschätzung daneben stellen. Im Hinblick auf das Selbstgefühl lohnt es sich, den Fokus weniger darauf zu richten, wie sich deine Tochter verändern müsste, als zu schauen, was sie braucht. So könntet ihr gemeinsam überlegen, wie ihr den Übergang in den Kindergarten achtsam gestalten könnt. Gibt es die Möglichkeit, deine Tochter mit etwas mehr Zeit von der Krippe in den Kindergarten zu begleiten? Könnte man ihr ein älteres Kind als Patin oder Paten an die Seite stellen? Ist es möglich, die Betreuungszeit zumindest anfangs etwas zu verkürzen?
Auch wenn sich deine Haltung und die der Kita an manchen Stellen unterscheiden mögen, darfst du dir bewusst machen, dass ihr vermutlich trotzdem dasselbe Ziel habt: Dass es deiner Tochter gut geht und sie sich gut entwickeln kann. Genau das stellt in meinen Augen eine gute Basis dar, um mit der Kita in einen freundlichen Dialog zu kommen. Gleichzeitig möchte ich dich ermutigen, deine eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen. Du kennst deine Tochter am besten. Deshalb dürfen die Einschätzungen von Fachkräften eine wertvolle Ergänzung sein, sie ersetzen aber nicht deinen Blick auf dein Kind. Wenn sich etwas für dich nicht stimmig anfühlt, darfst du nachfragen, deine eigene Sichtweise in das Gespräch einbringen und wenn nötig, auch für die Bedürfnisse deiner Tochter einstehen.
Vielleicht wird deine Tochter nie das Kind sein, das als erstes auf den höchsten Baum klettert oder sich unerschrocken jeder Herausforderung stellt. Und vielleicht wird es immer ihre Art sein, sich erst einmal vorsichtig heranzutasten, sich Zeit zu nehmen oder zu beobachten. Ein Ziel lässt sich aber auch in mehreren vorsichtigen und kleinen Schritten erreichen, statt mit großen Sprüngen. Gerade diese Vorsicht und Sensibilität können hier auch eine Stärke sein: Vielleicht kann deine Tochter dadurch genauer hinschauen, Zwischentöne wahrnehmen und ihren Mitmenschen besonders feinfühlig begegnen.
Ich habe den Eindruck, dass du sie auf ihrem Weg bereits sehr achtsam und zugewandt begleitest.
Herzliche Grüße
Lena
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