Ehrlich gestellt.
Hallo,
Wir versuchen unsere beiden Söhne (6 & 4 Jahre alt) bedürfnisorientiert und liebevoll zu begleiten. Wir sind immer bemüht, Konflikte friedlich zu lösen und ermuntern sie, ihre Gefühle zu verbalisieren. Nun ist es so, dass sie im Spiel mit anderen Kindern immer wieder mit Kämpfen und Raufereien konfrontiert sind.
Da wird zum Beispiel auf dem Heimweg nach dem Kindergarten direkt angefangen, mit Stöcken aufeinander einzuschlagen, Rucksäcke aneinanderzurempeln usw. Dies geht in der Regel von anderen Kindern aus, aber meine Söhne steigen sofort darauf ein. Manchmal fangen sie auch an. Wenn ich einschreite, erhalte ich von anderen Müttern nur achselzuckend den Kommentar:
Aber das ist doch völlig egal, welches Geschlecht meine Kinder haben?! Sollte man Ihnen nicht allen beibringen, dass man friedlich miteinander umgeht?
Mein großer Sohn geht in die erste Klasse und erzählt regelmäßig von gegenseitigem Schubsen, Boxen und Jagen auf dem Pausenhof. Neulich kam ein Klassenkamerad zum Spielen zu uns und brachte ein Schwert mit, damit sie miteinander kämpfen können. Mein Mann hat den Kindern erklärt, dass wir das bei uns nicht machen und das Schwert auf die Seite gelegt.
Wir wohnen auf dem Dorf und es scheint völlig normal zu sein, dass Jungs ständig miteinander kämpfen dürfen. Bald ist Fasching – mir graut es schon vor all den schießenden Cowboys .
Übertreibe ich? Egal in welchem Zusammenhang, ich bin stets die einzige, die eingreift und ich habe dann das Gefühl, ich bin die Spielverderberin.
Wie kann ich meinen Söhnen erklären, warum sie etwas nicht dürfen, was für die anderen ganz normal zu sein scheint? Ist das überhaupt sinnvoll oder reizt das Verbotene dann erst recht? Gerade mein Ältester möchte Anderen immer gerne gefallen und steigt sofort auf solche Situationen ein. Es fällt ihm dann sehr schwer, sich vom Verhalten seiner Freunde abzugrenzen.
Wie kann ich meine Söhne bestmöglich darin unterstützen, friedliche Menschen zu sein, die ihre Konflikte gewaltfrei lösen und nicht aus Spaß auf jemanden einschlagen? Es bereitet mir wirklich Kopfzerbrechen.
unseres Experten.
Liebe Fragestellerin,
in Deinem Brief steckt so viel drin. Vielen Dank, dass Du Deine Gedanken mit uns teilst.
Geschlechtsspezifische Zuschreibungen wie „Jungs sind halt so!“, Rempeleien zwischen Mitschüler*innen, Waffen während der Faschingszeit und mittendrin Deine Kinder, denen Du doch ganz andere Werte vermitteln möchtest.
Wertevermittlung durch Vorbild und Kommunikation
Was ich am stärksten spüre ist Dein Wunsch, Deinen Kindern positive Werte zu vermitteln. In einer Welt, in der wir uns tagtäglich in den Medien mit Gewalt konfrontiert sehen, ist das nur allzu verständlich. Ich glaube, es darf der Anspruch an uns als Eltern sein, unseren Kindern als Grundlagen des Miteinanders die Fähigkeit mitzugeben, Konflikte gewaltfrei zu lösen.
Genau das tust Du, wenn Du Deine Kinder liebevoll und bedürfnisorientiert begleitest und ihnen vorlebst, wie Konflikte gewaltfrei gelöst werden können. Ihnen ein Vokabular mitzugeben, mit dem sie ihre Gefühle und Bedürfnisse ausdrücken können, ist dabei ein so wichtiger Faktor. Es ist in meinen Augen ein noch immer weit verbreitetes toxisches Bild von Männlichkeit, wenn Männer zwar wütend, aggressiv und gewaltvoll sein dürfen, aber niemals über die Trauer in ihnen sprechen sollen. Um darüber nachzudenken, was hinter Wut stecken könnte, bedarf es des Bewusstseins darüber, wie vielseitig unsere Emotionen tatsächlich sein können. Also weiter so! Sprich mit deinen Jungs über die inneren Vorgänge, verbalisiere deine Gefühle und gib ihnen diese so wichtigen Vokabeln und die Vielfalt von Emotionen mit auf ihren Weg.
Wir als Eltern konstruieren den Rahmen, in dem unsere Kinder ihr Potential entwickeln dürfen und stellen dabei ihre wichtigste Reflexionsfläche dar.
Rede mit Deinen Jungs über Deine Bedenken in Bezug auf die Möglichkeit, dass während der Faschingszeit manche Kinder Schwerter und Revolver dabei haben könnten. Drücke Dich aus und erkläre Ihnen, warum Du Deine Meinung dazu hast. Dabei darfst Du Dich auch abgrenzen von den Vorlieben Deiner Söhne, ohne dass sie sich dafür schämen oder schlecht fühlen müssen, Schwerter und schießende Cowboys gerade vielleicht einfach total cool zu finden.
Aber deine Werte vorzuleben und auszusprechen, muss nicht bedeuten, dass deine Söhne ein schlechtes Gewissen haben. Das Wichtigste ist meiner Meinung nach, dass sich keiner von euch mit dem, was ihm oder ihr wichtig ist, falsch fühlt.
In Bezug auf familiäre Strukturen und Wertevermittlung, muss ich immer an mein Lieblingszitat von Matthias Voelchert denken:
„Das ist hier keine Harmonieveranstaltung, sondern eine Wachstumsveranstaltung. “
Wir bieten unseren Kindern im Sinne des Co-Konstruktivismus unsere Realität und unsere Werte an. Sie konstruieren also ihr Weltbild im Austausch mit dem, was wir ihnen anbieten und vorleben. Viele Werte werden sie dabei annehmen. Andere unserer Werte und Ideen werden sie betrachten, hin und her wenden und sich vielleicht für einen späteren Entwicklungsschritt einpacken. Vielleicht werden unsere Kinder diesen Wert zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal herausholen und erneut überprüfen, „Passt das zu mir? Möchte ich diesen von meinen Eltern hochgehaltenen Wert übernehmen?“
Das ist für uns immer wieder herausfordernd, macht unsere Kinder aber gleichzeitig zu solch großartigen Individuen, die zu begleiten fantastisch und herausfordernd zugleich ist.
Ein Recht auf Raufereien
Mir ist in Bezug auf Deine Beobachtungen wichtig, eine Trennung zwischen kindlichem Spiel auf der einen Seite und den Werten und Normen Erwachsener auf der anderen Seite hervorzuheben.
Kämpfen beinhaltet in der kindlichen Entwicklung mehrere wichtige Lernfelder:
Kinder verarbeiten dadurch Erlebtes. Unsere Kinder erleben Gewalt, sei es durch Geschichten und Märchen, Beobachtungen im Alltag oder aufgeschnappte Radioberichte. Durch freies Spiel können sie diese Eindrücke verarbeiten.
Im gemeinsamen Kampf können unsere Kinder Kooperation erlernen. Sie erarbeiten gemeinsame Regeln, stellen fest, was für sie in Ordnung ist und was nicht. Wie doll darf es sein, worauf müssen wir achten, damit es für alle fair ist und ein Spaß bleibt? Und sie erleben, dass jeder andere Grenzen hat.
Und zu guter Letzt ist das spielerische Kämpfen ein großartiger Weg, sich auszutoben und sich zu spüren. Die Kinder bauen überschüssige Energie und Anspannung ab und erproben sich körperlich.
Wenn mein Sechsjähriger zu mir sagt, „Papa, können wir mal wieder einen Spaßkampf machen?“, dann geht es ihm nicht um Gewalt. Es geht ihm um Action, Spannung, sich zu spüren und um das „verbunden sein“.
Ich bin der festen Überzeugung, eines der größten Geschenke an unsere Kinder ist die bedingungslose Annahme ihrer Person, ihnen zu vermitteln, dass alle Gefühle okay sind und dass es gut ist, diese auszudrücken. Es ist wichtig, Grenzen zu setzen und klar zu machen, was im Miteinander ok ist und was nicht. Aber wie Jesper Juul in seinem Buch über Aggression beschrieben hat, ist diese zunächst eine natürliche und gesunde Kraft im Kind, die ihm hilft, sich abzugrenzen, seine Bedürfnisse auszudrücken und seine Persönlichkeit zu entwickeln. Aggressive Gefühle an sich sind nicht problematisch – entscheidend ist der Umgang mit ihnen. Kinder müssen lernen, ihre aggressiven Impulse in sozial verträgliche Bahnen zu lenken. Gemeinsame Raufereien und körperliche Spiele, wie deine Kinder sie zu mögen scheinen, sind ein gutes Beispiel dafür, wie ein angemessenes Ausleben aggressiver Gefühle geübt wird. Wir dürfen unseren Kindern einen liebevollen und zugewandten Rahmen bieten, sich auszuleben und ihnen mit Verständnis begegnen.
Dazu kann in meinen Augen auch das Zulassen von spielerischen Raufereien und Kämpfen gehören.
Schwerter zu Pflugscharen?
Ich habe letzten Sommer eine Beobachtung machen dürfen, die ich gerne abschließend mit Dir teilen möchte:
Wir waren zu Besuch bei meiner Schwiegermutter und der Enkel der Nachbarin wollte gerne zum Spielen zu uns in den Garten. Die beiden Jungs kannten sich nicht, wollten aber sofort miteinander spielen. Da mein Sohn mit mir Stöcke geschnitzt hatte, war schnell klar, dass die beiden mit den Stöcken fechten wollten.
Kurz nach dem Start rief mein Sohn, „Stopp! Das ist mir zu doll! Ich hab Angst, dass du mir auf die Finger haust!“ und schlug vor, lieber gegen unsichtbaren Gegner zu kämpfen. Sein Spielpartner war jünger, aber deutlich körperlicher und wollte viel lieber mit voller Kraft auf den Stock des Gegenübers „eindreschen“. Trotz verschiedener Rollenspielansätze meines Sohnes fanden sie keine Einigung.
Was ich damit beschreiben möchte, ist der Umstand, dass die beiden Jungs die spielerische Auseinandersetzung suchten, aber schnell klar wurde, dass sie sich alleine nicht einigen konnten. Es bedurfte elterlicher Anleitung und Unterstützung. In meinen Augen sollten Eltern nicht zu schnell Spiele unterbinden, aber auf jeden Fall ihre Kinder eng begleiten.
Mein Sohn wollte so sehr diesen Konflikt mit dem Nachbarn alleine lösen und als die Frustration darüber, nicht verstanden und gehört zu werden, zu groß wurde, flossen Tränen und er wurde aggressiv. Sein neuer Lieblingsstock flog in die Ecke, „Dann spiel ich nicht mehr!“ und ich bot mich an, mit den beiden etwas Neues zu überlegen. Am Ende wurden mit den Stöcken Seifenblasen zum Platzen gebracht und alle hatten einen riesigen Spaß.
Der Nachmittag wurde zu einem tollen Erlebnis für die beiden Jungs, gerade weil sie sich erleben durften und die Unterschiede in ihren Vorstellungen von Spiel klar wurden.
Dass Du dich Deinen Liebsten ganz authentisch mit Deinen Werten und Normen zeigst, ist das größte Geschenk an Deine Jungs. Hab also keine Scheu, ihren wilden Spielen und Rangeleien im freien Spiel mit gutem Gewissen Raum zu geben und sie dabei zu begleiten. Natürlich bleibt es deine Aufgabe, den Rahmen im Blick zu behalten und einzugreifen, wenn persönliche Grenzen überschritten werden oder eine Begleitung durch einen Erwachsenen erforderlich ist.
Doch diese spielerischen Kämpfe stehen langfristig nicht im Gegensatz zu deinen Werten – im Gegenteil, sie erfüllen eine wichtige Funktion für die kindliche Entwicklung. Sie helfen dabei, den Umgang mit Aggressionen zu erlernen sowie eigene Grenzen zu erkennen und mitzuteilen. Deine gewaltfreie Haltung, deine klaren Grenzen und deine Vorbildrolle bieten deinen Kindern Orientierung, während sie ihre eigenen moralischen Werte formen. Darauf kannst du vertrauen – ebenso wie darauf, dass auch Kinder, die gerne mit Schwertern spielen, lernen können, Konflikte gewaltfrei zu lösen.
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