Ehrlich gestellt.
Ich habe einen konkreten Fall, zu dem ich Hilfe brauche, ich hoffe ihr könnt uns helfen.
Bevor unser 2. Kind geboren ist, haben wir angefangen, uns mit dem Zubettbringen unseres 1. Kindes (3) abzuwechseln. Das klappt eigentlich ganz gut, hin und wieder wurde ich als Mutter eingefordert, aber das haben wir meistens gedreht gekriegt.
Es gibt so Tage, an denen ist sie übermüdet oder überdreht oder hat was bestimmtes in der Kita erlebt, sodass sie nur mich fürs Zubettgehen will.
Dann gibt es mit Papa schon Streit beim Umziehen und Zähneputzen. Mein Partner hat eine kürzere Zündschnur als ich und wird entsprechend schneller wütend, was das ganze nicht einfacher macht.
Gestern hat sie dann während dem Ritual angefangen, heftig zu weinen und nach mir zu schreien. Ich bin zum Trösten dazugekommen und dann war es erstmal wieder ok.
Danach wurden über 30 min Geschichten vorgelesen und als ich gehört habe, dass mein Partner ein weiteres Buch verwehrt hat und anfing zu singen, fing unsere Tochter wieder an zu schreien und nach mir zu rufen. Ich saß aber unten mit Kind 2 und konnte gerade nicht einspringen.
Meine Frage ist also: Wie können wir damit umgehen? Wenn wir merken, dass sie einen harten Tag hatte – sollten wir dann ihrem Wunsch nachgehen und ich bringe sie ins Bett? Oder sollten wir bei unseren Routinen bleiben? „Lernt“ sie dann, dass sie nur heftig genug nach mir schreien muss, damit ich es immer mache?
Ich kann nicht einschätzen, ob sie mich einfordert, weil ich vielleicht weniger streng bin oder ob sie mich einfordert, weil sie gerade ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis hat?
Danke schonmal im Voraus und liebe Grüße
unserer Expertin.
Liebe Eltern,
vielen Dank für die offene Schilderung der Situation. Ab dem Zeitpunkt, an dem mehrere Kinder in der Familie leben, geht es am Abend nicht mehr so sehr darum, wer heute das Zubettbringen generell übernimmt, sondern vielmehr darum zu schauen, wer kümmert sich heute um welches Kind . Denn mit mehreren Kindern in der Familie verändern sich viele Abläufe – und oft auch die Dynamik rund um vertraute Rituale wie das Zubettgehen. Das erleben viele Familien ganz ähnlich.
Individuelle Lösungen
Vielleicht vorweg ein Gedanke, der für euch in dieser, aber auch in anderen Situationen hilfreich sein kann: Einen „richtigen“ oder „falschen“ Weg gibt es hier nicht. Wie auch in vielen anderen Momenten im Familienalltag geht es vielmehr darum, immer wieder neu abzuwägen, wie es für alle Beteiligten gerade am besten sein kann. Dazu gehört auch, einen Blick auf sich selbst zu richten: Wie geht es mir heute? Habe ich noch genügend Ressourcen? Und gleichzeitig zu schauen: Welches Kind braucht im Moment was? Mit zweiKindern kann es sehr hilfreich sein, sich als Eltern bewusst abzusprechen, wer sich um welches Kind kümmert – und dabei auch die eigenen Kräfte im Blick zu behalten. An manchen Tagen gelingt es vielleicht gut, an Routinen festzuhalten. An anderen Tagen darf es auch einmal anders laufen, wenn ein Kind gerade besonders viel Nähe oder Unterstützung braucht. Vor der Geburt des Geschwisterkindes konnte eure Tochter vermutlich auch tagsüber noch viel mehr „Mama-Nähe“ tanken, so dass es ihr am Abend leichter fiel, vom Papa in den Schlaf begleitet zu werden.
Bindungsverhalten
Wenn euer Kind nach einem anstrengenden Kita-Tag, bei Übermüdung oder nach vielen Eindrücken ganz deutlich nach dir als Mama verlangt, dann zeigt sich darin vor allem, dass du für deine Tochter im Moment die erste und wichtigste Bindungsperson bist.
Die erste Bindungsperson ist in der Regel die Person, die die meiste Zeit mit dem Kind verbringt und es durch viele Situationen des täglichen Lebens begleitet. Das hat jedoch nichts mit der Liebe des Kindes zu den Eltern zu tun, sondern vielmehr mit den Erfahrungen von Nähe, Begleitung und Sicherheit im gemeinsamen Alltag. In emotional herausfordernden Situationen verlangen Kinder instinktiv nach der Person, bei der sie sich am sichersten fühlen und bei der sie am schnellsten Trost und Regulation erfahren. Dass deine Tochter dann nach dir ruft, ist deshalb ein ganz natürlicher Ausdruck von Bindungsverhalten und hat nichts mit Manipulation zu tun, da eure Tochter aus entwicklungspsychologischer Sicht noch nicht fähig ist, die Perspektive zu wechseln und sich in Gedanken anderer Menschen hineinzuversetzen. Sie handelt vielmehr aus einem Gefühl heraus, um ihr Bedürfnis nach Sicherheit zu befriedigen. Das Weinen und Schreien ist dabei ihr Weg, mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln (sie ist ja erst 3 Jahre alt) darauf aufmerksam zu machen.
Abendliche Klarheit
Nun zu eurer Frage, wie ihr damit umgehen könnt, wenn ihr schon im Vorfeld merkt, dass eure Tochter einen anstrengenden Tag hatte und es am Abend mit der Einschlafbegleitung durch den Papa möglicherweise schwieriger werden könnte:
Ihr könntet zum Beispiel folgendes für euch abwägen:
- Wenn deine Ressourcen an diesem Tag noch ausreichen und dein Partner sich in der Zeit gut um das Geschwisterkind kümmern kann, könntest du deiner Tochter folgendes sagen:
„Ich sehe heute war ein sehr aufregender, anstrengender…. Tag, heute bringe ich dich ins Bett.“
Damit kannst du vielleicht schon im Vorfeld die ein oder andere „Klippe“ umschiffen und so dazu beitragen, dass der Abend für alle etwas entspannter verläuft. - Wenn du merkst, dass deine Kapazitäten für diesen Tag erschöpft sind oder das Geschwisterkind dich zur selben Zeit mehr braucht kannst du deiner Tochter trotzdem empathisch begegnen und zum Beispiel sagen:
„Ich sehe, du möchtest heute mit mir ins Bett gehen. Heute schaffe ich das aber nicht mehr, ich bin zu müde, deshalb bringt Papa dich ins Bett.“ Vielleicht ist es dir aber dennoch möglich, kurz vorher noch einmal bewusst Zeit mit deiner Tochter zu verbringen – etwa beim Umziehen oder beim Zähneputzen, damit der „Mama-Tank“ noch etwas gefüllt werden kann, dann könntest du anbieten: „Wir können aber gerne noch gemeinsam die Zähne putzen und den Schlafanzug anziehen.“
In beiden Fällen ist es keine Bitte an euer Kind, sondern eine Information. Und wenn eure Optionen nicht das sind, was es sich wünscht, wird euer Kind höchstwahrscheinlich nicht nicken und sagen: „Ja klar, das verstehe ich, geht in Ordnung, kein Problem und lieben Dank fürs Bescheid sagen“. Sondern es wird höchstwahrscheinlich frustriert sein und in einen Widerstand gehen. An dieser Stelle ist es wichtig, klar zu bleiben. Und was dieser Klarheit am allermeisten hilft, sind vorherige Absprachen zwischen euch Erwachsenen. Dass ihr kurz darüber sprecht: „Wahrscheinlich wird es heute Abend ein bisschen schwierig, wenn Du sie bettfertig machst, aber auch wenn sie nicht damit einverstanden ist, bleiben wir dabei und ändern die Verantwortlichkeit nicht und du begleitest die Situation.
Wenn wir als Eltern erst während des Zubettbringens überlegen, wer die Situation heute begleitet, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein zusätzliches Hin-und-Her für mehr Frust beim Kind sorgt, was die Situation für alle Beteiligten erschwert.
Ganz unabhängig davon, wie ihr euch entscheidet, ist ein Punkt besonders wichtig: Ihr übernehmt die Verantwortung für eure Entscheidung. Nicht euer Kind ist „schuld“, weil es den Papa ablehnt oder weil es laut nach Mama ruft. Ihr als Eltern trefft die Entscheidung, wie der Abend gestaltet wird und übernehmt dafür die volle Verantwortung. Diese Klarheit kann für Kinder sehr entlastend sein.
Ich wünsche euch weiterhin viele schöne gemeinsame Abendmomente.
Herzlichst,
Sandra Kleber
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