Darum geht es
Manchmal bin ich streng, manchmal ist alles okay. Das Kind weiß nie was es erwartet. Wie wirkt elterliche Unberechenbarkeit auf Kinder, wie wird man verlässlicher? Und gibt es eine Alternative zum Schreien?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Liebes Beratungsteam,

ich selber hatte keine schöne Kindheit. Alles was wir heute nicht mehr machen, ist mir widerfahren – über allein einschlafen müssen, Liebesentzug, Ignorieren, Gefühle nicht ernst nehmen, beschämen, die Liste ist endlos.

Natürlich will ich es jetzt anders machen und mir gelingt es immer besser. Aber ich habe nie gelernt meine Grenzen zu wahren und dementsprechend oft werden diese überschritten. Ich kommuniziere zwar, wenn es mir zu viel, laut oder anstrengend wird, aber die Kinder hören erst auf, wenn ich dann anfange zu schreien. Dann merken sie, dass es jetzt zu viel war.

Ich sehe dann in ihren Gesichtern, dass sie richtiggehend Angst vor mir haben und ich kann es verstehen. Wenn jemand plötzlich rum schreit und sich ganz anders verhält als sonst, verunsichert das. Ich kriege zwar schnell die Kurve und wenn sie dann weinen oder so, tröste ich sie auch, weil ich sie ja auch gar nicht bestrafen will, aber ich denke mir, dass diese Unberechenbarkeit für die Kinder nicht gut ist. Ich versuche schon, dass solche Situationen gar nicht erst entstehen und schaue auch, wann ich so ausraste. Zum Beispiel ist das oft passiert, wenn ich allein mit den Kindern war und nur ganz schnell irgendwas fertig machen wollte. Dann war ich super schnell genervt und bin schnell laut geworden. Daher mache ich das nicht mehr, wenn ich allein bin. Aber wenn ich anstrengende Tage habe, passiert es auch schneller. Sonst bin ich fast immer ruhig und geduldig.

Wie schlimm ist das für Kinder? Wie kann ich das besser vermeiden oder anders gestalten? Gibt es ne andere Möglichkeit zum Schreien? Ich habe schon versucht, es anzukündigen, von wegen: „Meine Geduld ist gleich aufgebraucht oder meine Grenze ist erreicht“, aber gefühlt reagieren die Kinder erst, wenn ich schreie. Die beiden sind knapp 4 und 6 Jahre alt.

Danke für Eure Unterstützung.

Die Antwort
unserer Expertin.
Gibt es eine Alternative zum Schreien?
Dr. Desiree Bender — FamilyLab Deutschland

Vielen Dank für Deine Offenheit und dafür, dass Du teilst, wie Du in Überforderungssituationen Deinen Kindern gegenüber reagierst. Was mich auch beeindruckt ist, dass Du bereits aufgespürt hast, wann Du in solche Situationen kommst und diese vermeidest. Wir schreien ja nie aus dem Nichts, wenn wir in uns blicken. Vielmehr ist es meist ein Aufstauen von Erfahrungen und Belastungen, Anstrengungen, unangenehmen Gefühlen, die nicht ausreichend Raum bekommen, gefühlt zu werden, ein Zurückgeworfen werden in alten Schmerz aus der Kindheit und der Eindruck, nicht anders gehört zu werden. So greifen wir auf alte und bekannte Strategien zurück. Da wir zugleich so viel wissen, was wir anders machen wollen, ist dies oft mit Scham verbunden, wenn wir von dem Verhalten abweichen, das wir unseren Kindern gegenüber gerne zeigen möchten.

Wenn wir überfordert sind….

Danke, dass Du eingangs direkt die Erfahrungen aus Deiner eigenen Kindheit einbeziehst, das ist so wertvoll. Ich glaube, dass wir trotz dieses Wissens, was uns widerfahren ist, noch oft unterschätzen, was diese Kindheitserfahrungen wirklich nachhaltig bedeuten:

In uns sind tief eingeschliffene Muster, uns selbst zu schützen und diese waren in unserer Kindheit enorm wichtig. Wer unsere Grenzen überschreitet, wird von unserem inneren System schnell als echte Gefahr eingestuft, auch wenn das im Falle unserer Kinder eine Art Missverständnis ist. Für Dein System wird in dem Moment alter Schmerz und vor allem alte Gefahr aktiviert und wir dürfen wirklich verstehen, dass wir in diesen Momenten „out of order“ sind, dass unser autonomes Nervensystem auf Notfallpläne zurückgreift und dass wir dann nicht mehr bewusst handeln.

Wenn wir das wirklich tief in uns verstehen, dann ist klar, was wir brauchen, nachdem wir laut wurden: Mitgefühl. Mit uns selbst. Das ist es, was in uns situativ und auch langfristig zu Veränderung führt.

Auswirkungen auf die Kinder

Die Frage liegt nahe, wie sich diese Verhaltensweisen auf Kinder auswirken. Schauen wir uns das kurz an: Natürlich erschreckt es die Kinder, wenn das Schreien wirklich aus dem Nichts kommt und wird sich für sie nicht schön anfühlen. Wir dürfen unseren Fokus jedoch auch darauf legen, was danach kommt: Hast Du danach Gefühle von Schuld? Selbstabwertende Gedanken, die Dich unter Druck setzen, z.B.: „Das hätte nicht passieren dürfen?“ Ein tiefes Gefühl von „ich bin falsch, ich schädige meine Kinder“? Diese Gedanken können sogar unbewusst sein und dennoch tief in uns wirken, eine Schwere und eine Belastung in uns erzeugen, die unterschiedlich lang anhält. Wichtig zu erkennen ist: Wir machen das selbst und wir können uns dazu entscheiden, anders mit uns selbst zu sprechen. 

Das ist es, was den Unterschied macht! Du schreibst ja, dass dies nicht oft vorkommt. Das heißt, Deine Kinder erleben zu Dir grundlegend eine sichere, verlässliche Art und Weise des Umgangs, der Sicherheit. Sie kennen das Gefühl, angenommen und geliebt zu sein, gesehen zu werden. Wir dürfen verstehen: All das sind enorme Unterschiede zu der Lebenswelt, die noch vor einer Generation sehr normal und weit verbreitet war. Viele von uns haben das Gefühl, wirklich gesehen zu werden, schlichtweg nicht erlebt. Viele von uns haben nie die Erfahrung gemacht, dass ihre Eltern sich wahrhaftig für sie interessieren. Wir kannten dieses Gefühl als Kinder oft gar nicht. Wenn Kinder dies jedoch als Normalität erfahren, hat das „Angeschrien-werden“ eine ganz andere Qualität und das dürfen wir verstehen. Wir dürfen erkennen, wie groß das von uns ist, diesen Weg zu gehen, es auf dieser tiefen Ebene anders zu machen und nicht doch wieder Muster zu wiederholen.

Bedeutet auch: Wenn Du nach dem Schreien wieder Kontakt zu Dir selbst und Verbindung zu den Kindern aufbaust und Verantwortung für Dein Verhalten übernimmst, ist das eine Art „Reparaturleistung“. Auf diese kommt es an. Es kommt darauf an, ob wir nach einem Fehlverhalten das Kind weiter abwerten à la: „Du hast ja selbst Schuld, hättest Du halt vorher auf mich gehört, ich hab´s ja oft genug gesagt, jetzt geh auf Dein Zimmer, ich will Dich die nächsten zwei Stunden nicht mehr sehen!“, und den Kontakt damit abbrechen und das Kind mit seinen Schuldgefühlen alleine lassen – wie es in unserer eigenen Kindheit vielleicht war.

Stattdessen nun folgendes zu sagen, ist wichtig und groß: „Hey, es tut mir echt leid. Das war von mir nicht okay. Es ist nie okay, so mit Euch zu sprechen und zwar egal, was Ihr gemacht habt. Ihr habt nichts falsch gemacht. Ich lerne noch, das besser zu machen und gebe mein Bestes. Trotzdem ist jedes einzelne Mal nicht ok und ich will, dass Ihr das wisst. Mamas machen auch Fehler und ich arbeite daran.“ Unsere Kinder lernen so, fast nebenbei: Ach, so gehen wir in unserer Familie damit um, wenn jemand was weniger gut gelöst hat. Sie lernen dabei also sogar etwas sehr Wichtiges. 

Was Dein Innerstes betrifft: Vergiss in diesen Momenten nicht Dich selbst. Du bist die wichtigste Person in diesem ganzen Prozess! Denn Kinder tendieren dazu, auch die Selbstabwertung und die Schuldgefühle sowohl zu fühlen als auch zu übernehmen. Bring hier möglichst schnell Akzeptanz, Weichheit, Liebe und Zugewandtheit Dir selbst gegenüber ins Spiel.

Selbstabwertung, hohe Ansprüche an uns, denen wir kaum gerecht werden können, erzeugen mehr Druck in uns. Mehr Druck führt zu mehr Anspannung und dazu, dass wir schneller impulsiv reagieren und nicht mehr bewusst handeln (können). Wenn wir also vermeiden wollen, dass unsere Kinder innere ungünstige Strategien und Gefühle übernehmen, wäre es gut, wenn wir uns sehr liebevoll um uns selbst kümmern und zum Beispiel mit uns innerlich sprechen: „Puh, das war gerade anstrengend. Du hast so oft gesagt, dass sie aufhören sollen und ständig ging es weiter. Das hat richtig weh getan. Das hat Dich richtig in Not gebracht. Ich bin da. Ich sehe Dich. Ich halte Dich. Alles gut. Du machst das gut, sehr gut. Geh weiter. Übernimm Verantwortung und sieh es als Lerngelegenheit.“ Nimm Dir Zeit, das einsinken zu lassen und zu fühlen. Auf diese Weise erkennen wir an, was es in uns ausgelöst hat, als unsere Kinder durch ihr Verhalten versehentlich einen Schmerzpunkt in uns berührt haben. Wir übernehmen Verantwortung für unsere Gefühle, indem wir uns selbst sehen, wertschätzen und durch den Prozess führen. Zugleich übernehmen wir auch unseren Kindern gegenüber Verantwortung und das lehrt sie so viel Wichtiges für ihr Leben.

Grenzen setzen, muss gelernt werden!

Wenn wir wirklich verstehen, wie sehr unsere persönlichen Grenzen in unserer Kindheit überschritten wurden, wie viele Tausend Male das geschehen ist, dürfen wir damit aufhören, uns darüber zu wundern, dass wir noch keine Profis im Grenzen setzen sind 😊

Ich spreche hier unsere innere Entwicklung an. Wir wünschen uns oft Alternativen auf Handlungsebenen („Alternativen zum Schreien“), doch der Weg führt zu uns zurück und durch uns selbst hindurch: Deshalb ist es so wichtig, uns selbst in dem großen Schmerz anzuerkennen, der ausgelöst wird, wenn unsere Kinder auf unser „Grenzen-setzen“ nicht hören: Es fühlt sich an, als würde wieder jemand unsere Grenze überschreiten, als wären wir wieder ohnmächtig ausgeliefert, als müssten wir das immer weiter ertragen. Wende Dich Dir zu in absoluter Selbstbejahung, wie fürchterlich dieses Gefühl ist. Das ist ein stetiger Prozess und darf jeden Tag mehrfach und immer wieder passieren: Hand aufs Herz, Verbindung zum Körper, innere Ansprache: „Ich sehe Dich, es fühlt sich fürchterlich an. Ich bin da, Du bist nicht mehr alleine. Es geschieht nicht noch einmal. Dies ist eine neue Situation. Wir schaffen das!“

Es geht hier um radikale und sehr liebevolle Selbstführung. Lasst uns verstehen, dass wir zum Grenzen-setzen-lernen Jahre brauchen (dürfen)! Es ist eine Entwicklung auf vielen Ebenen und diese Entwicklung löst Ängste aus, die wieder gesehen, gefühlt und angenommen werden möchten. Wir müssen das nicht alleine schaffen und dürfen uns dabei auch Hilfe suchen.

Wichtig zu wissen ist, dass es vor allem auf die innere Ausrichtung ankommt: Wenn ich in mir Klarheit habe, dass ich bestimmte Sachen in meiner Anwesenheit einfach nicht zulasse, dann sorge ich auch dafür. In dieser Klarheit liegt so viel Kraft. Doch wenn wir uns diese Klarheit nicht ganz in uns erlauben, können wir sie auch nicht ausstrahlen. Das spüren unsere Kinder. Echte Durchsetzungsfähigkeit bringt die klare Energie eines überzeugten „Nein! Nicht jetzt, nicht mit mir, nicht so!“ zum Ausdruck. Letztlich ist es Übung. Jeden einzelnen Tag und immer wieder. Hab Geduld mit Dir, führe Dich selbst liebevoll hindurch, sei weich mit Dir, verzeihe Dir und den Kindern schnell. Das sind die wichtigsten Eckpunkte, an die Du immer und immer wieder denken kannst auf diesem Wege. Ich wünsche Dir dabei das Gefühl, das Du selbst nicht von Deinen Eltern bekommen hast, als Du es dringend brauchtest: Ganz angenommen, geachtet und geliebt zu sein – von Dir selbst.