Ehrlich gestellt.
Ich formuliere schon länger an einer Frage herum, kurz gesagt: Ich wünsche mir Handwerkszeug zu „Don’t warn your daughters, educate your sons“.
Ich bin seit einem Jahr Mutter eines wunderbar wilden Jungen und wir legen insgesamt Wert drauf, dass körperliche Grenzen eingehalten werden (dass wir zwar mal Raufen, aber sonst nicht hauen; wenn Eine/r beim kitzeln Stopp sagt, ist auch Stopp) und auch bspw. beim Essen, dass unser Sohn lernt, auf seinen Körper zu hören, worauf er Lust zu essen hat und wenn er satt ist (haben BLW gemacht).
Nun ist unser Sohn ja noch ganz klein, ich stelle mir vor, dass es spannender wird, wenn er sprechen lernt und ich frage mich vom Gespräch auf der Wickelkommode über Namen von Geschlechtsteilen bis hin zur Gleichberechtigung im Alltag mit welchen Leuchttürmen man da gut durch navigieren kann.
Ich hoffe die Frage sprengt euren Rahmen nicht, ich würde mich total über (bitte gerne auch praxisnahe!) Tipps freuen.
Liebe Grüße aus unserer Mutti WhatsApp Gruppe!
Wir haben nochmal nachgefragt, was dieser Anspruch für die Fragestellerin bedeutet und folgende Antwort bekommen:
Was bedeutet „don’t warn your daughters, educate your sons“ für dich persönlich?
Ich bin Feministin und sehe es daher nicht nur als private, sondern auch als gesellschaftlich-politische Aufgabe, Gleichberechtigung und Respekt in der Erziehung zu verankern. Das bedeutet für mich, die Verantwortung weg von den möglichen Opfern hin zu den potenziellen Grenzüberschreitern zu verschieben. Mir ist dabei wichtig, dass das nicht erst Thema im Jugendalter wird, sondern im Alltag mitwächst.
Warum ist das Thema schon im Babyalter relevant?
Auch wenn mein Sohn noch sehr klein ist, prägen sich Haltung und Selbstbild schon jetzt durch viele kleine Alltagssituationen. Meine Sorge ist weniger, dass er „Fehler“ macht, sondern dass ich unbewusst Rollenbilder reproduziere, die ich eigentlich aufbrechen möchte.
Ich möchte meinem Sohn ein gutes Rüstzeug für ein empathisches, gleichberechtigtes Miteinander mitgeben. Nicht als „Gegengift“ zu toxischer Männlichkeit, sondern als ganz normale Grundlage für sein Leben.
unseres Experten.
Liebe Mama des wilden Jungen,
wie schön, mit welcher Bewusstheit und Liebe du dich diesen Fragen stellst. Schon die Tatsache, dass du dir Gedanken darüber machst, wie du deinem Sohn eine gleichwürdige, respektvolle Haltung zur Welt mitgeben kannst, zeigt, dass du bereits mitten in dieser Haltung lebst.
Dein Anliegen – „Don’t warn your daughters, educate your sons“ – ist mehr als ein Leitsatz. Es ist eine Einladung, Verantwortung neu zu denken. In der Sozialisation von Jungen und Männern gibt es zahlreiche Einflüsse, die es normalisieren und sogar befürworten, die Grenzen anderer zu überschreiten – besonders die Grenzen von Frauen und Mädchen. Es wäre falsch, zu behaupten, dass die alleinige Verantwortung dafür im Elternhaus liegt. Und dennoch können wir als Eltern einen sehr wertvollen Beitrag dafür leisten, dass die Männer von Morgen neue Wege gehen. Nicht unsere Töchter vor übergriffigen Männern warnen, sondern so mit unseren Söhnen umgehen, dass sie gar nicht erst zu übergriffigen Männern werden – das klingt nach einem nachhaltigem Ansatz. Aber wie kommen wir da hin?
Kinder lernen weniger durch Appelle, als vielmehr durch Beziehung und Resonanz. Sie spüren, wie wir sind, bevor sie verstehen, was wir sagen. Wenn du deinem Sohn also im Alltag mit Respekt, Klarheit und Authentizität begegnest, erfährt er unmittelbar, was Gleichwürdigkeit bedeutet. Das ist es, was eine lebendige und innige Beziehung tragfähig macht.
Ich sehe im Bezug auf Haltung nicht das „richtige Erziehen“ im Mittelpunkt, sondern die Qualität der Beziehung. Es geht darum, in echtem Kontakt zu sein – mit dir selbst, mit deinem Kind und mit den Werten, die du leben möchtest. Gleichwürdigkeit, Authentizität, Verantwortung und Integrität sind hier zentrale Begriffe.
Im Folgenden findest du einige Gedanken und Impulse, die dich auf diesem Weg begleiten können – sowohl in der Beziehung zu deinem Sohn als auch in der Begegnung mit dir selbst.
Beziehung statt Erziehung
Dein Sohn braucht keine Lektionen über Gleichberechtigung; er braucht Menschen, die sie leben. Wenn du ihm im Alltag mit Achtung begegnest, lernt er, dass Respekt nicht eingefordert, sondern erfahren wird. Und das geschlechtsunabhängig.
Ein Beispiel: Wenn du seine Grenzen im Spiel ernst nimmst – etwa beim Kitzeln, beim Essen oder beim Anziehen – dann spürt er, dass seine Empfindungen Gewicht haben. Ebenso wichtig ist, dass du deine eigenen Grenzen benennst. Wenn du sagst: „Ich mag das jetzt nicht“, oder „Ich brauche kurz Ruhe“, lernt er, dass auch andere Menschen ein Recht auf Selbstbestimmung haben.
So entsteht kein Machtkampf, sondern Beziehung: zwei Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, die sich gegenseitig sehen.
Sprache schafft Bewusstsein
Sprache prägt, wie wir die Welt verstehen. Wenn du mit deinem Sohn über Körper, Gefühle und Unterschiede sprichst, so selbstverständlich wie über Farben oder Tiere, wächst in ihm das Bewusstsein für Vielfalt.
Nenne Körperteile beim Namen, zeige, dass Gefühle willkommen sind („Du bist wütend, weil ich nein gesagt habe – das ist in Ordnung“), und erzähle Geschichten, über Diversität, in denen Menschen verschieden sind – in Hautfarbe, Geschlecht, Ausdruck, Familie oder Beruf.
So entsteht eine Sprache, die nicht trennt, sondern verbindet. Worte öffnen Räume, in denen alle Rollen und Ausdrucksformen Platz haben dürfen. Hier kann ein Weg sein, sich mit Material wie einem Wimmelbuch in Andere hineinzuversetzen („Wie könnte sich die Person/das Tier gerade fühlen?“).
Innere Führung statt Kontrolle
Das kann heißen: Du setzt klare Grenzen, weil du Verantwortung für die Beziehung trägst („Ich lasse nicht zu, dass du mich schlägst, weil ich mich körperlich sicher fühlen möchte“), und bleibst zugleich offen, seine Gefühle zu sehen („Ich sehe, dass du wütend bist, weil du wahrscheinlich weiterspielen wolltest“).
So erlebt dein Sohn, dass Macht nicht etwas ist, das man gegen andere richtet, sondern etwas, das man verantwortungsvoll (und für sich oder andere) einsetzen kann. Er lernt, dass Stärke und Fürsorge miteinander vereinbar sind.
Viele Wege, Mensch zu sein
Ein zentraler Teil deines Anliegens ist es, Rollenbilder zu erweitern. Es geht nicht darum, traditionelle Vorstellungen einfach umzukehren, sondern Vielfalt sichtbar und erlebbar zu machen.
Ein Junge darf wild, laut und mutig sein – und ebenso sanft, fürsorglich, traurig oder zärtlich. Er darf experimentieren, wie er sich ausdrückt, kleidet, spielt und liebt. Wenn du all das willkommen heißt, stärkst du in ihm das Vertrauen, dass er als ganzer Mensch richtig und vor allem angenommen ist.
Du kannst in Büchern, Filmen und Spielzeug auf unterschiedliche Vorbilder achten: Männer, die pflegen; Frauen, die forschen; Menschen, die anders leben, lieben, arbeiten. So lernt dein Sohn, dass Männlichkeit und Weiblichkeit keine engen Schubladen sind, sondern weite Felder menschlicher Erfahrung.
Selbstreflexion: Wo wirken alte Rollenbilder weiter?
Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg ist, die eigene Prägung liebevoll zu betrachten. Auch wir tragen Bilder und Erwartungen in uns – oft unbewusst – die aus unserer eigenen Kindheit stammen.
Du könntest dich im Alltag fragen:
Wann reagiere ich gereizt, wenn er stark, laut oder fordernd ist – und was wird da in mir berührt?
Wann fällt es mir schwer, seine Sanftheit oder Verletzlichkeit zuzulassen? Oder wo erwarte ich Sanftheit von ihm, wenn ich Stärke oder Aggression spüre?
Welche Vorstellungen habe ich selbst von einem „richtigen Jungen“, von „Männlichkeit“ oder „Stärke“? Und welche Erlebnisse und Erfahrungen haben meine feministische Einstellung geprägt?
Und: Welche Anteile in mir möchten vielleicht auch mehr Raum bekommen – meine eigene Wildheit, Zärtlichkeit, Verletzlichkeit?
Diese Fragen sind keine Selbstkritik, sondern Einladungen zur Selbsterkenntnis. Denn Kinder spüren, wie ehrlich wir mit uns selbst umgehen. Wenn du dir erlaubst, dich immer wieder neu zu entdecken, lernt dein Sohn, dass Entwicklung ein lebenslanger Prozess ist – kein Zustand, den man erreicht.
Fehlerfreundlichkeit und Selbstmitgefühl
Du wirst auf diesem Weg nicht alles „richtig“ machen – und das ist gut so. Achtsame Begleitung heißt, dich selbst freundlich zu begleiten. Kinder lernen Empathie nicht durch perfekte Eltern, sondern durch Erwachsene, die Verantwortung übernehmen und authentisch bleiben.
Wenn du merkst, dass du zu streng oder ungeduldig warst, dann kann eine ehrliche Entschuldigung mehr bewirken als jede pädagogische Maßnahme: „Das war nicht fair von mir, ich war gestresst. Es tut mir leid.“
So lernt dein Sohn, dass Menschen Fehler machen dürfen und dass Beziehung auch nach Brüchen heilbar ist.
Der Alltag als Übungsfeld
Die Prinzipien, die du deinem Sohn mitgeben möchtest, wachsen nicht aus großen Gesprächen, sondern aus den vielen kleinen Momenten des Miteinanders:
Beim Essen, wenn du seine Signale achtest und ihm vertraust, dass er spürt, wann er satt ist.
Beim Spielen, wenn du Stopp-Signale respektierst und selbst klar formulierst, was für dich angenehm ist und was nicht.
Beim Vorlesen, wenn du Geschichten wählst, die Vielfalt zeigen.
Beim Beobachten anderer Menschen, wenn du ins Gespräch gehst: „Schau, manche Männer tragen Röcke. Ist das nicht schön, dass Menschen so unterschiedlich sind?“
Diese alltäglichen Erfahrungen prägen Haltung weit nachhaltiger als jede Erklärung.
Vom „Erziehen“ zum „Begleiten“
Das Ziel sollte nicht sein, deinen Sohn vor etwas zu „bewahren“ oder ihn aktiv „besser“ zu machen als andere, sondern ihn so zu begleiten, dass er sich selbst als wertvoll, verbunden und wirksam erlebt.
Wenn du ihm zutraust, eigene Wege zu finden, wächst in ihm ein innerer Kompass, der auf Beziehung und Respekt ausgerichtet ist.
Er wird Grenzen achten, weil er gelernt hat, dass Grenzen etwas mit Würde zu tun haben – nicht mit Macht. Er wird Empathie zeigen, weil er sie erfahren hat. Und er wird Vielfalt leben, weil sie ihm von Anfang an selbstverständlich war.
Und zuletzt: Vertrauen
Vielleicht ist der wichtigste Leuchtturm in all dem dein Vertrauen – in deinen Sohn, in eure Beziehung und in dich selbst.
Er braucht keine perfekte Anleitung, sondern ein echtes Gegenüber. Ein Kind, das spürt, dass es geliebt wird, wie es ist, findet seinen Platz in der Welt – ohne dass wir ihm sagen müssen, wie dieser Platz auszusehen hat.
Achtsame Begleitung bedeutet, die Richtung zu halten, ohne das Ziel zu bestimmen. Offen zu bleiben, neugierig und zugewandt.
Du trägst die Haltung, die du deinem Sohn mitgeben möchtest, schon jetzt in dir: Achtung vor Grenzen, Freude an Beziehung, Mut zur Reflexion und Vertrauen in Entwicklung. Vielleicht ist genau das die Grundlage für das, was du suchst – kein fertiges Konzept, sondern eine gelebte Haltung.
Mit herzlicher Verbundenheit,
Jérôme Avé