Darum geht es
Unsere Tochter erforscht ihren Körper und wir sind unsicher, wie wir damit umgehen sollen. Wie lernt sie zu unterscheiden, was in der Öffentlichkeit stattfinden darf und was nicht?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Liebes Good-Enough-Parents-Team,

nun traue ich mich auch mal, eine Frage zu stellen. Meine Tochter (gerade 5 Jahre alt geworden) hat großes Interesse an ihrem eigenen Geschlechtsorgan. Wir sind im Umgang damit sehr offen, erklären ihr alles und benennen die verschiedenen Teile (Vagina, Vulva, Vulvalippen etc.). Nun hat sie vor ein paar Monaten entdeckt, dass sie damit auch „ein schönes Gefühl“ hervorrufen kann. Ich finde es gut, wenn sie ihren eigenen Körper entdeckt und ein positives Körpergefühl und Gefühl zu ihrer Sexualität entwickelt – ganz ohne Scham! Auch wenn ich in Richtung Prävention sexueller Übergriffe denke, finde ich es sehr wichtig, wenn man ein gesundes Gefühl zu sich selbst erlernt.

Ich bin jedoch sehr hin- und hergerissen, wie wir in verschiedenen Situationen damit umgehen sollen. Es läuft so ab, dass sie sich eine Kante sucht (z.B. am Tisch, Stuhl, Bank oder Kiste), dort dann ihre Vulva gegen presst und sich reibt. Das ist wirklich sehr auffällig. Wenn sie fertig ist, hat sie auch immer ein knallrotes Gesicht und ist außer Atem. Nun wurden wir auch von der Erzieherin angesprochen, dass es in der Kita vermehrt vorkommt und die anderen Kinder irritieren würde.

Vor ein paar Monaten ist unser zweites Kind geboren worden und seitdem ist es noch exzessiver geworden. Mir ist auch bewusst, dass es eine Regulationsstrategie sein kann und vielleicht daher eine Reaktion auf die neue Lebenssituation, auf Stress oder Langeweile ist? Wie können wir darauf reagieren, ohne sie zu beschämen? Sollten wir Regeln aufstellen? So etwas wie: nicht vor anderen Leuten oder in der Öffentlichkeit? Ihr sagen, dass das etwas ist, was man für sich allein macht?  Ich möchte nicht, dass sie denkt, dass das ein schlechtes Verhalten ist, was sie heimlich machen muss. Möchte ihr aber auch verdeutlichen, dass man es nicht in jeder Situation überall machen sollte. An sich ist es ja ein schönes Gefühl, was ich nicht mit Scham verbinden möchte. Manchmal bin ich auch leider sehr genervt davon, wenn sie sich mehrmals hintereinander so reguliert und wir eigentlich gerade los wollen. Dann kommt es schon auch vor, dass ich sie anmeckere.

Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mir weiterhelfen könntet.

Vielen Dank und liebe Grüße!

Die Antwort
unserer Expertin.
Unsere Tochter erforscht ihren Körper
Dr. Sara Badawi — FamilyLab Deutschland

Liebe Mama, lieber Papa,

wie mutig und wertvoll, dass du deine Frage hier teilst – und gerade diese.

Ich bin mir sicher: Viele Eltern machen sich ähnliche Gedanken – aber nicht alle finden den Mut, sie auszusprechen. Umso schöner, dass du es tust. Danke dafür – auch von all den anderen, die vielleicht still mitlesen. 

Und noch ein Kompliment vorweg: Ich liebe es, wie achtsam und umsichtig ihr mit dem Thema Körper, Sexualität und Selbstgefühl eurer Tochter umgeht. Das ist so ein wichtiger Grundstein; nicht nur für ihr späteres Körperempfinden, sondern einfach für ihr Selbstwertgefühl. Wie schön, dass ihr ihr mit auf den Weg gebt:

„Du darfst dich mögen. Du darfst dich spüren. Du bist okay, so wie du bist.“

Wenn Selbstentdeckung sichtbar wird – und Grenzen braucht

Dass eure Tochter entdeckt hat, wie sie sich ein „schönes Gefühl“ bereiten kann, ist ein ganz natürlicher Entwicklungsschritt. Fast alle Kinder entdecken in diesem Alter ihren Körper – manche leise und zurückhaltend, andere eher aktiv und sichtbar, so wie eure Tochter. Dass sie dabei so deutlich körperlich wird, ist für euch und euer Umfeld vermutlich ungewohnt – aber erstmal versteht ihr es offenbar nicht als etwas Krankhaftes oder gar Besorgniserregendes.

Und gleichzeitig seid ihr in einem Dilemma:

Ihr wollt sie nicht beschämen oder das Gefühl schlechtmachen. Aber eben auch Grenzen setzen. Ihr fragt euch: Wie können wir das gut begleiten, ohne ihre Neugier zu unterdrücken – und ohne dass es in jeder Alltagssituation überhandnimmt?

Eine Frage, die sich viele Eltern stellen und für die es gute Antworten gibt: Keine Patentlösungen, aber eine liebevolle Haltung: 

Zwischen Privat und Öffentlich

Ich finde es wichtig, Kindern zu zeigen: Etwas kann wunderschön sein – und trotzdem etwas sehr Persönliches.

Wie bei vielen anderen Themen ist es wunderbar, wenn wir Eltern zurückhaltend mit Verboten sind und unseren Kindern eigene Erfahrungen ermöglichen. Aber wir dürfen nicht vergessen: Unsere Kinder brauchen einen klaren, liebevollen Rahmen, in dem sie sich sicher bewegen können. Und dafür sind wir Eltern verantwortlich.

In diesem Fall heißt das: Kinder dürfen sich selbst entdecken. Aber sie brauchen auch Orientierung: Wo ist etwas okay und wo vielleicht nicht? Wie sehr darf ich mich zeigen und wann gehört etwas mir ganz allein?

In meiner Familie sprechen wir ganz bewusst über „Privates“ und über „Grenzen“ – ohne Scham, aber mit Respekt.
Zum Beispiel beim Thema Schmatzen: In der Kita eher nicht, aber zu Hause stört es niemanden. Ich erinnere mich auch gut an meine Zwillinge mit zweieinhalb, die mich verwundert anschauten, als ich sagte: „Hey, nicht ohne Unterhose zur Straße laufen.“

Ich bin auf einen Satz gestoßen, der mir geblieben ist:

„Scham darf sein – denn sie ist die Hüterin der Privatsphäre.“

Für uns ist Scham heutzutage oft ein deutlich negativ konnotierter Begriff, verbunden mit Bildern von Einschränkung, äußerer Bewertung, abschätzigen Blicken. Gerade in der Pädagogik legen wir Wert darauf, Kinder nicht durch Scham abzuwerten. Trotzdem ist das Schamgefühl ein wichtiger Baustein im sozialen Miteinander, mit dem wir unsere eigenen Grenzen und die unserer Mitmenschen spüren und vermitteln können.

Und gleichzeitig ist es wichtig zu wissen:
Ein Schamgefühl entwickelt sich nicht durch Belehrung von außen, sondern reift von innen heraus – und jedes Kind ist dabei in seinem eigenen Tempo unterwegs.
Du kannst deinem Kind diesen Entwicklungsschritt zutrauen und feinfühlig begleiten, wenn er sich zeigt.

Zum Beispiel, wenn dein Kind sagt:
„Ich will aber nicht, dass die Oma mich nur in Unterhose sieht.“
Oder wenn es sich im Kindergarten beschwert:
„Die anderen gucken, wenn ich auf Toilette gehe.“

Dann ist ein verständnisvolles „Oh je, das ist dir unangenehm – das kann ich gut verstehen. Auf Toilette möchte man lieber allein sein“ der bessere Weg als ein abwinkendes „Ach, ist doch nicht so schlimm…“

So lernt dein Kind: Mein Gefühl ist richtig. Und ich darf selbst spüren, was privat ist.

In eurem Fall könnte das heißen: „Ich sehe, dass dir das guttut – und ich finde es schön, dass du dich wohlfühlst. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass du das lieber in deinem Zimmer oder für dich allein machst.“ So vermitteln wir: „Das, was du fühlst, ist okay. Und du darfst lernen, wann und wo es passt.“

Was steckt dahinter? Wenn Lust zur Regulation wird

Du hast beobachtet, dass das Verhalten nach der Geburt eures zweiten Kindes zugenommen hat – das ist ein ganz wichtiger Hinweis.

Viele Kinder nutzen Selbststimulation auch, um mit innerer Anspannung, Frust oder Überforderung umzugehen. Das schöne Gefühl hilft ihnen, sich zu regulieren. Und das darf es auch – erstmal. Aber vielleicht könnt ihr gemeinsam hinschauen:

  • Wann genau passiert es?

  • Was fehlt ihr vielleicht gerade – Nähe, Ruhe, Aufmerksamkeit, wieder mehr „Kleinkind-Sein“?

Vielleicht hilft auch mal die Frage: Gibt es noch andere Wege, wie sie gut runterfahren kann? Bewegung, Kuscheln, Kneten, Träumen, Erzählen?

Sei auch milde mit dir selbst

Sei großzügig mit dir selbst und schau auch da genau hin: Wenn du meckerst, genervt bist oder schimpfst – dann ist das oft kein „Fehler“, sondern ein Zeichen:

„Ich bin selbst gerade zu oft über meine eigenen Grenzen gegangen.“

Du hast zwei kleine Wesen, die dich brauchen. Du sorgst, organisierst, hältst zusammen. Und die eigene Selbstfürsorge rutscht dabei so leicht hinten runter. Gerade wenn wir uns besonders bemühen, vernünftig und verständnisvoll zu bleiben, vergessen wir manchmal uns selbst.

Daher: Achte gut auf dich. Und gerade wenn du merkst, dass du innerlich schon angespannt bist, darfst du auch klar sagen:

„Du, ich möchte nicht, dass du das jetzt in dieser Situation machst. Auch wenn es dir guttut – jetzt ist nicht der Raum und nicht die Zeit dafür.“

Das darf (und muss vielleicht) sein. Es geht nicht darum, immer „pädagogisch richtig“ zu handeln. Sondern darum, in Beziehung zu bleiben – und dich selbst nicht zu verlieren.

Ihr seid damit nicht allein

Viele Eltern sind verunsichert, wenn ihr Kind beginnt, sich selbst zu entdecken.

Und ganz oft schwingt die Frage mit: „Ist das noch normal?“ Oder: „Was, wenn andere das sehen?“ Die wichtigste Botschaft, die wir Kindern mitgeben können, ist: „Dein Körper ist gut. Du darfst dich selbst mögen. Und du darfst lernen, was privat ist – ohne dass wir dich dafür beschämen.“

Wir Eltern liefern dafür den Rahmen, in dem Kinder lernen, zwischen privat und öffentlich zu unterscheiden und die Klarheit haben, was gesellschaftlich okay ist und was nicht.
Und denkt daran: Ihr seid damit nicht allein! Viele Kinder entdecken sich. Viele Eltern fragen sich, wie sie damit umgehen sollen. Und es ist okay, wenn es dabei auch mal Reibung, Unsicherheit oder Irritation gibt.

Danke, dass du so ehrlich warst. Und dass du dich kümmerst.

Ich bin sicher: Eure Tochter hat großes Glück mit euch. Und sie wird lernen, ihren Körper zu lieben – und Grenzen zu achten.

Was privat ist, darf schön sein. Und was schön ist, darf geschützt sein.

Herzliche Grüße 💛

Sara