Ehrlich gestellt.
Hier unser Problem aus beiden Perspektiven:
Das ist meine als Mama:
Wir haben eine 6,5 jährige bezaubernde Tochter, die uns ab und an die Nerven raubt, da sie sich maximal 5 min am Tag mit sich selbst beschäftigt und ansonsten immer Nähe und Unterhaltung bzw. Bespaßung verlangt.
Damit haben wir uns ein wenig abgefunden, auch wenn wir seit Geburt kein Privatleben oder Hobbies mehr haben… aber wir gehen fest davon aus, dass es sich in spätestens 5-10 Jahren erledigt hat und wir uncool sind 😉
Sie ist ansonsten sehr aufgeweckt, aufgeschlossen, wenig ängstlich, sehr weit für ihr Alter, deshalb auch mit 5 eingeschult worden, fröhlich etc.
Was aber für uns immer noch oder immer wieder ein Problem darstellt, ist die Schlafsituation!!!
Die Geburt war für mich und meine Tochter (und auch für meinen Mann zeitweise) sehr traumatisch… es gab einen vermutlich unnötigen NOT-Kaiserschnitt, schlecht durchgeführt, keiner wusste warum, auch danach nicht, mit verstörender Kommunikation… aus der Vollnarkose wurde ich von der Gynäkologin unsanft frühzeitig geweckt, damit sie uns mitteilen konnte, dass unsere Tochter eventuell vielleicht Trisomie 21 hat. Nach 5 Tagen Albtraum, stellte es sich als Fehldiagnose raus.
So viel zu unserem Start ins 3er-Leben.
Seitdem helikoptern mein Mann und ich etwas bei unserem einzigen Kind. Von Geburt an schläft unsere Tochter an unserem Ehebett, drangestellt mit Beistellbett oder Kinderbett, irgendwie befestigt. Sobald sie mobiler wurde, kam sie immer zu uns ins Bett gekrabbelt.
Da ich mit Körperkontakt überhaupt nicht schlafen kann, ob Mann oder Kind, schlafe ich seit 1-2 Jahren im Gästezimmer. Meine Tochter schläft in ihrem 90*200cm -Bett (ans Ehebett gestellt, sodass es eine Ebene ist) ein und krabbelt spätestens nachts um ca. 1.00-3.00 Uhr zu meinem Mann und sucht Körperkontakt mit der Hand oder wenigstens ein Fuß von ihr muss angedockt sein.
Mein Mann schläft sowieso schon sehr schlecht und diese Kuschelattacken machen es noch schwerer. Zudem benötigen wir, wenn wir in Urlaub fahren immer ein Ehebett für unsere Tochter und meinen Mann und ein einigermaßen stabiles Zustellbett für mich.
Wir machen uns große Sorgen, warum sie nicht bei sich im Bett bleibt. Auch wenn wir das Thema ansprechen… ganz liebevoll und verständnisvoll gerät sie total in Panik und wird noch anhänglicher.
Mein Bauchgefühl sagt, dass es noch etwas mit der Geburt zu tun hat, auch wenn wir einige Hilfe danach in Anspruch genommen haben.
Wir wünsche uns von Herzen, ihr Vertrauen stärken zu können, so dass sie alleine einschlafen kann und in ihrem Bett bleibt…wir vielleicht wieder im großen Ehebett (gerne auch mit ihr nebendran) schlafen können und nächtliche Ruhe einkehrt…für alle
Das ist meine Version als Vater:
Noch vor einigen Jahren konnten beide Elternteile im Ehebett schlafen. Unsere Tochter ist in ihrem Bett, welches im gleichen Raum stand, eingeschlafen. Nachts ist sie aber dann immer früher zu uns ins Bett geklettert. Meine Frau hat sich zwischenzeitlich ein Bett in einem anderen Zimmer eingerichtet. Wir haben unserer Tochter ein eigenes Zimmer eingerichtet und dort ihr Bett platziert. Sie verweigert aber, dort zu schlafen. Im Ergebnis steht ihr Bett nun direkt am Ehebett und hat eine ebene Schlaffläche. Sie schläft die ersten Stunden in Ihrem Bett ein, schiebt sich aber dann während der Nacht zu mir ins Ehebett heran. Dabei fällt auf, dass sie stets Körperkontakt sucht – auch wenn es nur mit den Füßen ist.
Einerseits muss ich ja eingestehen, dass es mir schmeichelt und mich als Vater bestätigt, wenn mein Kind nachts die Nähe zu mir sucht. Es gibt mir das Gefühl, meine Tochter zu beschützen und ihr damit vielleicht auch eine große Sorge und Angst zu nehmen. Gleichzeitig möchte ich die Situation aber gerne ändern, sie muss doch auch alleine schlafen können und wollen, oder?!?
Ich fühle mich verantwortlich dafür, dass sie ihr eigenes Vertrauen in sich selbst erlangt und keine Angst mehr hat. Das setzt mich unter Druck. Ich lese viel im Internet über das sogenannte „Familienbett“. In diesen Artikeln ist davon die Rede, dass die Kinder irgendwann ihre eigene Entscheidung treffen und sich ein eigenes Bett wünschen – allerdings ist da oft die Rede von 4 oder spätestens 5 Jahren. Wird ihre Entwicklung damit durch mich behindert, schade ich ihr sogar damit? Was kann ich, was können wir tun?
Noch ein paar Hintergrundinformationen für Euch: die Geburt gestaltete sich sehr dramatisch (Not-Kaiserschnitt), die erste körperliche Bindung erfolgte daher auf meiner Brust. Vor zwei Jahren hatte ich einen schweren Verkehrsunfall mit dem Fahrrad, der zu erheblichen Platzwunden im Kopf- und Frakturen im Gesichtsbereich geführt hat. Unsere Tochter ist mit ihrer Mutter zur Unfallstelle gekommen und hat mich auf der Straße liegen sehen. In den ersten Tagen nach meiner Rückkehr aus dem Krankenhaus hatte sie auch Angst, mich zu sehen (aufgrund der Blutergüsse in Augen und Gesicht). Unsere Tochter ist ein sehr lebhaftes Kind, braucht permanent Entertainment, während wir regelmäßig Ruhephasen einplanen. Sie beschäftigt sich eher wenig mit sich selbst, nur in Ausnahmen.
Wir haben bisher darauf gesetzt, dass es aufgrund der gegenwärtigen Umstände mit der Zeit zu einer Entspannung der Schlafsituation kommt. Bislang ist dies aber nicht ersichtlich. Könnt Ihr uns helfen?
Auf diese Frage oder Fragen besser gesagt antwortet heute Britta Peitz. Britta ist familylab-Familienberaterin und leitet das Familienzentrum Dänischenhagen. Und Hier ist ihre Beratung:
unserer Expertin.
Liebes Elternpaar,
zunächst einmal möchte ich euch sagen, wie beeindruckend es ist, wie sehr ihr euch mit der Situation eurer Tochter auseinandersetzt und wie tief ihr die Dynamiken in eurer Familie versteht. Es gibt sicherlich viele Emotionen, die mit diesem Thema verbunden sind – von Sorge um das Wohl eurer Tochter über das Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit bis hin zu dem Wunsch nach mehr Ruhe und Unabhängigkeit. Die gute Nachricht ist: Es gibt Ansätze, die euch helfen können, die Situation gemeinsam zu lösen.
Ein gemeinsamer Plan
Ein wichtiger erster Schritt ist, dass ihr euch als Eltern gemeinsam einig werdet, wie ihr die Schlafsituation verändern wollt. Es ist entscheidend, dass ihr miteinander besprecht, welche Veränderungen ihr euch wünscht, um dann als Team an einem Strang zu ziehen. Kinder merken sehr genau, wenn ein Elternteil unsicher oder ambivalent ist. Und da die Bindung zu euch beiden so stark ist, wird eure Tochter spüren, wenn ihr unterschiedliche Vorstellungen über das Thema habt.
Deshalb ist es wichtig, dass ihr beide hinter dem Plan steht, den ihr eurer Tochter vorstellen werdet. Ein gemeinsames, verständnisvolles Gespräch mit ihr – darüber, was ihr euch wünscht, was sie braucht und warum ihr diese Veränderung für sinnvoll haltet – wird ihr helfen, den neuen Plan anzunehmen.
Ihr habt in euren Schilderungen sehr gut beschrieben, wie stark die emotionalen Erlebnisse der Geburt und der Unfall des Vaters das Thema beeinflussen. Der Not-Kaiserschnitt und die schwierige Kommunikation während und nach der Geburt, das frühe Trauma durch den Unfall des Vaters – all das spielt eine Rolle. So ein intensives Erleben kann Ängste auslösen, die sich auf die Nachtruhe und das Schlafverhalten auswirken.
Die Nähe zu euch, das Drängen nach Körperkontakt in der Nacht, das immer wieder kommende Bedürfnis nach Sicherheit, sind deutliche Zeichen für dieses Bedürfnis nach Geborgenheit und Schutz. Dabei muss man wissen, dass Kinder nicht nur in der Nacht, sondern auch tagsüber eine starke Bindung aufbauen – besonders in einer Zeit, in der sie als emotional empfindsame Wesen immer neue Eindrücke verarbeiten müssen.
Für euch als Eltern stellt sich nun die Herausforderung, einerseits eure Tochter in ihrer Bedürftigkeit nach Nähe ernst zu nehmen und gleichzeitig den Weg hin zur Selbstständigkeit und Selbstsicherheit zu ebnen. Hierbei ist es wichtig zu verstehen, dass die Entwicklung von Selbstständigkeit nicht nur durch äußere Bedingungen, wie das „Zwingen“ ins eigene Bett, sondern vor allem durch eine schrittweise, behutsame und achtsame Veränderung geschehen kann.
Weniger Action – mehr Vertrauen
Ein erster Schritt ist daher, euren Alltag zu entschleunigen. Der Wunsch nach ständiger Unterhaltung und starker Bindung hängt oft auch mit der Art und Weise zusammen, wie Kinder ihre Umgebung erleben. Wenn Eltern ständig „Unterhaltung“ bieten, kann dies dazu führen, dass Kinder das Gefühl haben, sie müssten ständig stimuliert werden, um sich sicher zu fühlen. Ein Schritt in Richtung Veränderung könnte also sein, den Alltag mit weniger Unterhaltung und mehr Entschleunigung zu gestalten. Das bedeutet: weniger „Action“, mehr Ruhezeiten, in denen sich eure Tochter mit sich selbst beschäftigen kann – in einem sicheren Rahmen, den ihr ihr gebt.
Neben der Entwicklung von Selbstbewusstsein und Autonomie trägt diese Selbstbeschäftigung auch dazu bei, ihre Frustrationstoleranz zu stärken. Wenn Kinder allein spielen oder sich beschäftigen, kommen sie manchmal an Grenzen, etwa wenn sie etwas nicht sofort schaffen oder sich langweilen. Sie lernen, mit diesen Herausforderungen umzugehen, was eine wertvolle Fähigkeit für viele Lebensbereiche ist.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Selbstregulation.
Diese Fähigkeit ist besonders wichtig, um auch in stressigen oder ungewohnten Situationen, wie dem Einschlafen im eigenen Bett, gelassen und selbstständig zu bleiben.
Wenn ein Kind tagsüber lernt, sich selbst zu beschäftigen, nimmt es zudem den Unterhaltungsdruck von den Eltern. Dieser Druck, ständig für Beschäftigung und Unterhaltung sorgen zu müssen, fällt weg, was nicht nur für euch als Eltern eine Erleichterung darstellt, sondern auch eine gesunde Distanz und Unabhängigkeit zwischen euch und eurem Kind fördert. Auch der selbstständige Kontakt mit Gleichaltrigen kann für diesen Prozess sehr förderlich sein.
All diese Punkte wirken sich auch positiv auf die Schlafsituation aus. Ein Kind, das tagsüber mehr Selbstständigkeit entwickelt, wird es leichter haben, nachts allein zu schlafen und mit sich und seinen Gedanken kurz vor dem Einschlafen klarzukommen, wenn es im eigenen Bett liegt. Die Fähigkeit zur Selbstregulation und emotionalen Unabhängigkeit, die sie tagsüber erlernt, hilft eurer Tochter, auch nachts selbstbestimmt und ruhig in ihrem eigenen Bett zu liegen.
Klarheit für die Umstellung
Es ist klar, dass die aktuelle Schlafsituation eine Herausforderung darstellt, und es ist wichtig, dass ihr als Eltern gemeinsam darüber nachdenkt, wie ihr sie langfristig gestalten möchtet. Aktuell schläft eure Tochter mit dem Vater auf einer Ebene (Bett an Bett), was für sie einerseits Geborgenheit bedeutet, aber gleichzeitig auch die Situation verkompliziert, weil sie keine klare Abgrenzung zwischen den Schlafbereichen hat. Sie versteht möglicherweise nicht genau, warum sie in ihrem eigenen Bett schlafen soll, wenn sie doch körperliche Nähe zu euch beiden bekommt und diese Nähe auch weiterhin von ihr eingefordert wird.
Die Tatsache, dass du als Mama mittlerweile in einem weiteren Zimmer schläfst, macht es noch schwieriger, den klaren Raum für den Schlafbereich deiner Tochter zu verstehen. Kinder brauchen eine klare Struktur, um Sicherheit zu erleben. Wenn sie die elterliche Nähe immer noch so stark sucht und ihr euch als Eltern nicht eindeutig darüber einig seid, wie der neue Schlafbereich gestaltet werden soll, ist es für sie schwer, sich von der gemeinsamen Schlafsituation zu lösen.
Ein Neuanfang in der Schlafsituation könnte daher hilfreich sein. Es ist wichtig, dass ihr euch als Eltern klar überlegt, wer wo schlafen möchte und was ihr beide braucht, um euch wohlzufühlen. Denn das ist auch der erste Schritt, um eurer Tochter eine sichere und verständliche Struktur zu bieten. Dabei ist es entscheidend, dass ihr die Veränderung behutsam anpackt und gleichzeitig eine sanfte Übergangsphase einplant, damit sie nicht überfordert wird.
Macht euch bewusst, dass der Wechsel zu einer neuen Schlafsituation nicht nur für eure Tochter, sondern auch für euch selbst eine Umstellung ist. Wenn ihr euch als Eltern einig seid, warum und wie ihr diesen Schritt gehen wollt, wird es für sie viel leichter nachvollziehbar, und sie wird eher bereit sein, den Übergang zu akzeptieren. Und hier ist das Allerwichtigste, dass ihr eine gemeinsame Lösung findet, so dass ihr alle drei wieder erholsam schlafen könnt.
In dieser Phase braucht es also nicht nur eine klare Entscheidung darüber, wer in welchem Bett schläft, sondern auch eine sanfte, klare Kommunikation, die eurer Tochter das Gefühl gibt, dass ihr euch als Eltern über die Veränderungen einig seid. Das hilft ihr, zu verinnerlichen, dass diese Veränderung nicht mit Verlust oder Unsicherheit verbunden ist, sondern mit einem klaren, liebevollen Schritt in ihre eigene Selbstständigkeit.
Es ist schön, dass ihr beide so sehr die Bindung zu eurer Tochter spürt und sie auch in dieser Nähe sucht. Diese Nähe ist ein wertvoller Teil der Eltern-Kind-Beziehung. Wichtig ist jedoch, dass Kinder auch lernen, ihre eigenen emotionalen Grenzen zu respektieren. Dies bedeutet, dass sie nicht „unsicher“ werden, nur weil sie nachts allein schlafen, sondern dass sie lernen, dass Nähe auch bedeutet, den anderen Raum zu lassen.
Es wird von euch beiden ein gewisses Maß an Geduld und Fürsorge verlangen, aber wenn ihr den Prozess schrittweise und ruhig angeht, wird eure Tochter langfristig das Vertrauen entwickeln, auch nachts ohne eure körperliche Nähe in ihrem eigenen Bett zu schlafen.
Die Schlafsituation ist kein einmaliges Problem, das schnell zu lösen ist. Vielmehr handelt es sich um einen Prozess, der Geduld und Beharrlichkeit von euch beiden verlangt. Wenn ihr als Eltern gemeinsam an einem Strang zieht, die Veränderungen ruhig und schrittweise angeht und dabei eure Tochter weiterhin mit Liebe und Sicherheit begleitet, wird sie auch lernen, in ihrem eigenen Bett zu schlafen. Und dabei wird sie nicht nur mehr Selbstvertrauen gewinnen, sondern auch eure Bindung stärken.
Ich hoffe, diese Gedanken helfen euch weiter! Es ist so schön, dass ihr euch in dieser schwierigen Situation gegenseitig unterstützt. Mit diesem gemeinsamen Plan und einer behutsamen Annäherung wird eure Tochter sicherlich bald auch nachts die Freiheit und Sicherheit erfahren, die sie braucht.