Darum geht es
Reagiere ich über? Mein Kind spielt Krieg und mitten in Zeiten echter Kriege fühlt sich das für mich falsch an. Wie können wir dem begegnen ohne einen zu großen Fokus darauf zu legen?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hallo allerseits,

Unser ältester Sohn ist 4,5 Jahre alt und seit einiger Zeit benutzt er die verschiedensten Gegenständen so, dass er spielt, dass er schließen würde. Er benennt das auch so. Wenn er etwas baut aus Duplo oder Ähnlichem, dann sind das neuerdings immer wieder „Schießpistolen“.

Ich weiß, dass es einerseits eine normale Phase ist, in der das für Buben beziehungsweise Kinder generell spannend ist. Ich sehe es halt durch die Erwachsenen-Brille und im Lichte aller Kriege, die grad auf der Welt am Laufen sind, merke ich, dass es mich unruhig macht, ihn so spielen zu sehen. Wir haben versucht, ihm kindgerecht begreiflich zu machen, dass „aufeinander schießen“ im echten Leben nichts Lustiges oder Cooles ist, sondern Menschen dadurch verletzt werden oder sogar sterben. Wir versuchen es spielerisch, indem wir sagen „Oh, was kommt denn da aus deiner Pistole? Smarties? Luftballons?“

Wenn er wirklich spielt, dass er auf uns schießt, sagen wir klar, dass wir das nicht wollen und nehmen ihm die „Waffe“ auch aus der Hand, wenn er nicht aufhört.

Reagiere ich über?

Ich weiß, dass mir vor allem der Krieg in Israel seit über einem Jahr emotional sehr nah geht und finde es vielleicht deshalb so absurd, schießen zu spielen. Aber vielleicht sollten wir es einfach nicht groß kommentieren und diese Phase vorbeiziehen lassen…?

Da wir noch zwei weitere Söhne haben (2 Jahre und 9 Monate), die ihren großen Bruder anhimmeln und ihm so gut wie alles nachmachen, nehme ich an, dass uns dieses Thema noch weiterhin begleiten wird und deshalb frage ich mich:

Wie können wir unserem Sohn da gut begegnen, ohne zu viel Fokus darauf zu legen und diese Art von Spiel zu etwas „Verbotenem“ zu machen, das dann vielleicht dadurch erst recht wieder mehr Reiz bekommt?

Danke!

Die Antwort
unserer Expertin.
Mein Kind spielt Krieg
Stephanie Schmiedel — FamilyLab Deutschland

Liebe Eltern,

vielen Dank für eure Frage. Gerade in diesen so unruhigen Zeiten, mit den nicht enden wollenden schrecklichsten Bildern aus den Kriegsgebieten dieser Welt, die täglich über so viele Medien direkt in unser Zuhause kommen, fühlt es sich auch für mich fast unerträglich an, wenn meine Kinder in ihren Spielen kämpfen und schießen. Gerade das Spielen mit Pistolen oder anderen Dingen, die zum Schießen spielen genutzt werden können, ist auch für mich in dieser Zeit manchmal kaum auszuhalten. Wie können wir als Eltern damit umgehen? Diese Frage ist nicht nur pädagogisch, sondern gerade auch emotional und moralisch herausfordernd – und so wichtig! Vielen Dank, dass ihr sie hier stellt!

Ich möchte euch gerne ein paar meiner Gedanken dazu schreiben. Vielleicht können sie für euch hilfreich sein, euren Weg als Eltern mit diesem Thema zu finden.

Die Bedeutung des Spielens

Das Spiel unserer Kinder mit Waffen kann für uns Eltern schnell als ein Ausdruck für Gewalt, Macht und auch Abstumpfung verstanden werden. Hier lohnt es sich jedoch, sich das Spiel in seiner wichtigen Bedeutung für die Entwicklung unserer Kinder einmal genauer anzuschauen.

Für Kinder ist das Spiel und auch das symbolische Spiel mit Gegenständen, die sie ab einem gewissen Alter dann auch zum Schießen, Schlagen oder Bombenbauen nutzen, ein Weg die Welt um sich herum aufzunehmen und auf ihre Art und Weise und entsprechend ihrer emotionalen und kognitiven Entwicklungsstufe, zu verstehen. Das Spiel an sich, und somit auch das Spielen von Krieg und Schießen, ist ein Weg, den Kinder wählen, ihre innere und auch körperliche Kraft auszuprobieren und zu erleben. Im Rollenspiel probieren Kinder aus, wie sich Macht, Kontrolle, Gefahr und auch Sicherheit anfühlen können. Sie erleben sich im Spiel stark, aktiv und selbst gestaltend.

Über einen manchmal unglaublich langen Zeitraum sind unsere Kinder dann in ihrem Spiel und ihrer Rolle versunken und entwickeln dabei oft gemeinsam immer neue Ideen und Strategien. Sie probieren aus, planen, scheitern, versuchen es neu und entwickeln ihr Spiel und damit, scheinbar nebenbei, ihre kognitiven und emotionalen Fähigkeiten weiter und weiter. Das Schießen mit Pistolen, das Zielen auf etwas ist zudem immer auch mit viel Konzentration und großer Spannung verbunden. Wie beim Verstecken spielen, üben Kinder hierbei auch, Anspannung auszuhalten, abzuwarten und ihre Kraft und Energie dann zielgerichtet einzusetzen. Es macht einfach einen Riesenspaß. Es ist unsere Erwachsenenbrille, die dieses Spiel mit den schrecklichen Bildern von Tod, unsagbarem Leid und menschenverachtendem Gräuel verbindet.

Für Kinder ist es erstmal nur ein Spiel.

Das Spiel kann, ganz egal, ob es das Löschen eines Feuers mit einem imaginären Feuerlöscher ist, das Fangen eines Diebes, das Schimpfen als Vater oder Mutter in der Puppenecke mit dem Kind oder auch das Spielen von Krieg, immer auch ein Versuch sein, Erlebtes oder Gesehenes zu verarbeiten und zu verstehen. Kinder lernen neue Dinge dazu, wenn diese für sie wichtig sind und mit zuvor gemachten Erfahrungen verbunden werden können. Erleben Kinder Situationen, in denen sie Angst haben, die bedrohlich und unbeherrschbar auf sie wirken, dann spielen Kinder dies häufig wieder und wieder nach. Das Nachspielen ist dann ein Versuch, wieder Sicherheit zu gewinnen. Im Spiel können Kinder alles. Sie sind stark und sie haben die Regie über den Verlauf.  Hierbei stellen sich Kinder dann auch Fragen wie: Wer ist der Gute? Wer gewinnt? Wer beschützt?

Genau hier könntet ihr als Eltern dann mit euren Kindern in ein Gespräch kommen. „Oh, was passiert gerade in deinem Spiel?“, „Warum schießt du?“ oder „Wie fühlt sich das an, wenn du selbst abgeschossen wirst?“, könnten Fragen sein, die euch in einen Dialog mit eurem Sohn bringen. Euer echtes Interesse am Spiel und an den Gedanken eures Sohnes, kann eine Tür werden, um Einblick in seine kindliche Welt zu erhalten. Echtes Interesse hat immer das wirkliche Verstehen zum Ziel. Euer Sohn wird euer echtes Interesse spüren. Mit vier Jahren wird er euch mit seinen Worten Antworten auf eure Fragen geben. „Ich spiel, dass ein Räuber kommt! Und den schieße ich weg!“, könnte eine Antwort eines Vierjährigen sein. „Ah, okay. Ich verstehe, du willst nicht, dass etwas von unseren Sachen gestohlen wird. Dir ist es wichtig, dass uns nichts weggenommen wird, richtig?“, so, oder so ähnlich könnte eure Antwort darauf lauten. Ihr könntet ihm dann davon erzählen, wie sicher es in eurer Stadt ist, wie gut ihr darauf achtet, dass niemandem etwas weggenommen wird oder was ihr machen würdet, wenn jemand versucht euch etwas zu stehlen: „Ich rufe dann laut: Hey, Stopp. Das gehört mir! Und ich suche mir schnell Hilfe bei anderen Menschen oder rufe die Polizei! Die kommt dann und hilft sofort!“. Auf diese Weise könntet ihr euren Sohn in seinem Spiel begleiten und ihm ganz ohne Verbot oder erhobenen Zeigefinger eine Alternative zu seinem Umgang mit der Angst vor Verlust anbieten. Ihr könntet eurem Sohn anbieten, im Wohnzimmer aus den Sofakissen eine Polizeistation zu bauen, mit Gefängnis für die Räuber.

Unsere Werte und Gefühle als Eltern

Unsere Kinder schauen sich besonders in den ersten Lebensjahren alles bei uns ab. Wie gehen wir mit Konflikten um? Was machen wir, wenn jemand etwas tut, was uns stört? Wenn unsere Kinder erleben können, wie wir miteinander Probleme lösen, ohne dass es am Ende einen Gewinner oder Verlierer geben muss, dann tragen wir dadurch mehr dazu bei, dass unsere Kinder dies auch lernen werden, als es tausend mahnende Worte erreichen könnten. Zu diesem Vorleben und Erfahrbar-Machen gehört es auch, dass ihr euch euren Kindern zeigt, ihnen von euren Gedanken und euren Vorstellungen erzählt und eure ganz persönlichen Grenzen für sie erlebbar macht. Erzählt euren Kindern davon, wie unwohl ihr euch bei bestimmten Spielen fühlt.

Gleichzeitig ist es wertvoll, wenn ihr eure Kinder spielen lasst – mit Begleitung, im Dialog statt mit Verbot. Ihr dürft eure Meinung und Haltung als Eltern ehrlich und zugewandt vertreten und deutlich sagen.

Das ist eure Meinung dazu. Nicht mehr und nicht weniger.

Hierbei ist es auch nicht wichtig, dass beide Elternteile das Thema genau gleich sehen. Kinder können so Unterschiedlichkeiten kennenlernen, die gleichberechtigt nebeneinander stehen können.

Ich beispielsweise würde niemals eine Waffe in die Hand nehmen, meine Nachbarin ist Försterin. Beides ist wichtig und richtig. Du hältst solche Spiele nicht gut aus, dein Mann hat vielleicht selbst mehr Spaß daran, mit den Jungs wilde Schieß- und Kampfspiele durch das ganze Haus zu spielen. Du könntest sagen: „Ich will nicht, dass du mit der Pistole auf mich zielst. Das fühlt sich für mich nicht gut an! Du kannst hier im Haus auf die Zielscheibe schießen, das ist für mich okay.“ Das ist deine klare Grenze. Und gleichzeitig gebt ihr eurem Sohn Raum, weiterzuspielen – vielleicht mit einem anderen Ziel, mit euch im Gespräch, ohne ihn oder das Spiel falsch zu machen. „Ich finde Krieg im echten Leben ganz schlimm und ich habe Angst davor! Deshalb ist das Spiel für mich manchmal schwer auszuhalten.“ Das könntest du deinen Kindern sagen. Auf diese Weise lernen sie etwas über dich und deine Gefühle. Deine Haltung zum Thema Krieg wird deutlich und dein Gefühl bekommt einen Namen. Um Gefühle zu verstehen, müssen Kinder diese bei sich und bei anderen Menschen erleben können. In den ersten Jahren ihres Lebens brauchen sie hierbei Übersetzungshilfe und müssen das bewusste Wahrnehmen ihrer Gefühle erst lernen. Erst dann können sie sich auch in die Gefühle anderer hineinversetzen. Der Motor für Moral ist unsere Fähigkeit, uns einzufühlen – unsere Empathie.

Und was ist mit den kleineren Brüdern? Ja, sie orientieren sich natürlich stark am großen Bruder – aber eben auch an euch. Je sicherer ihr in eurer Haltung seid, desto besser können auch die Jüngeren das Spiel als das erkennen, was es ist: eine kindliche Art die Welt zu erproben, zu verstehen, zu lernen, ein Ausdruck von Fantasie.

Ich möchte euch zum Schluss einen für mich so wichtigen und wertvollen Satz von Astrid Lindgren schicken. Er stammt aus ihrer Rede „Niemals Gewalt“, die sie 1978 bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gehalten hat.

„Die jetzt Kinder sind, werden ja einst die Geschäfte unserer Welt übernehmen, sofern dann noch etwas von ihr übrig ist. Sie sind es, die über Krieg und Frieden bestimmen werden und darüber, in was für einer Gesellschaft sie leben wollen. In einer, wo die Gewalt nur ständig weiterwächst, oder in einer, wo die Menschen in Frieden und Eintracht miteinander leben.“

Wie schön ist es, dass ihr als Eltern so überlegt und reflektiert gemeinsam mit euren Kindern euer Zusammenleben mit einem so wertvollen Blick für die ganz unterschiedlichen Bedürfnisse aller in eurer Familie gestaltet. Dabei an manchen Stellen zu stocken und unsicher zu sein, gehört aus meiner Sicht zum authentischen Elternsein dazu. Aber nur, wenn wir unsere Fragen stellen und nach Antworten suchen, können wir gemeinsam wachsen und die Eltern sein, die durch ihre Art, ihre Kinder beim Großwerden zu begleiten, auch ein bisschen dazu beitragen können, dass die Welt vielleicht irgendwann ein bisschen mehr Frieden finden kann.

Herzliche Grüße

Stephanie