Darum geht es
Mein Mann parkt unser Kleinkind vorm Tablet, was ich überhaupt nicht gut finde. Wie können Eltern einen gemeinsamen Weg beim Thema Bildschirmzeit finden?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hallo liebes Team der Elternberatung,

ein immer wiederkehrendes Thema bei uns ist der Medienkonsum. Wir haben zwei Kinder, eines in der ersten Autonomiephase mit 2 Jahren und eines in der zweiten Autonomiephase mit 14 Jahren.

Unser ältestes Kind hat ein eigenes Smartphone und obwohl wir gemeinsam feste Zeiten vereinbart haben und oft über das Thema sprechen, weil es eigentlich immer Social Media Inhalte gibt, die in irgendeiner Weise Angst und Unsicherheit schüren, kann unser Kind diese nicht einhalten. Wir müssen ihm das Gerät abnehmen, damit es wirklich keinen Zugriff mehr darauf hat. Das fühlt sich für uns aber nicht gut an, wir bemerken nämlich auch, dass wir damit massiv in eine wichtige Austauschmöglichkeit mit den Freunden eingreifen.

Bei unserem jüngsten Kind ist das selbstverständlich auch schon angekommen. Hier ertappe ich den Papa immer wieder dabei, wie er es vor dem Tablet „ruhig stellt“, etwa um die Einkäufe zu verräumen, zu kochen etc. Ich habe alles durch: Protestieren, Schreien, ruhig bleiben, klar dagegen argumentieren, weinen, ignorieren, aber es hilft alles nichts. Mein Wunsch, unser Kind von dem Tablet fernzuhalten, wird maximal für ein paar Stunden akzeptiert und dann sitzt es doch wieder davor.

Diese unterschiedlichen Verhaltensweisen sind natürlich auch mega inkonsequent.

Gibt es noch andere Lösungswege als die Geräte kurzerhand aus dem Fenster zu werfen?

Herzlichen Dank für Eure Hilfe!

Die Antwort
unseres Experten.
Wir streiten uns wegen Bildschirmzeit
Jerome Ave — FamilyLab Deutschland

Liebe Fragestellerin,

vielen Dank für Deinen offenen und persönlichen Brief. Es ist spürbar, wie sehr Dir die Entwicklung Eurer Kinder am Herzen liegt – und wie intensiv Du Dich mit Euren Rolle als Eltern auseinandersetzt. Deine Fragen sind nicht nur nachvollziehbar, sie berühren auch einen der zentralen Konfliktherde moderner Familien: den Umgang mit digitalen Medien. Dass Du das Thema nicht nur aus technischer oder erzieherischer Sicht betrachtest, sondern auch mit einem Blick auf die Beziehung zu Euren Kindern und zueinander, ist ein starker und wertvoller Schritt.

In Deinem Schreiben schwingen mehrere Ebenen mit: die Sorge um die gesunde Entwicklung Eurer Kinder, das Ringen um eine gemeinsame Linie in der Erziehung, die Frustration über das Gefühl von Ohnmacht, und – nicht zuletzt – der Wunsch, gesehen und ernst genommen zu werden, auch von Deinem Partner. Ich möchte auf diese Ebenen einzeln eingehen und sie dabei mit den Werten und Haltungen verknüpfen, die ich als Familienberater und Vater in der Elternarbeit vertrete.

Elternkonflikt: Von Rechthaben zu Beziehungspflege

Wenn Du schreibst, dass der Wunsch, Euer Kind vom Tablet fernzuhalten, von deinem Partner „nicht akzeptiert“ wird, klingt darin ein starkes Bedürfnis nach Gesehenwerden, Verstandenwerden und auch nach Respekt mit. Genauso klingt aber auch ein tiefer Konflikt an, der nicht nur um das Thema Medien kreist, sondern um die grundlegende Frage: Wie gehen wir als Paar mit unseren Unterschieden in der Elternschaft um?

Unterschiedliche Haltungen in Erziehungsfragen sind vollkommen normal. Wir alle bringen unsere eigenen Prägungen, Werte und Erfahrungen mit. Konflikte entstehen vor allem dann, wenn wir das Gefühl haben, dass unsere Sichtweise keine Gültigkeit bekommt oder dass unser Gegenüber unsere Haltung übergeht – sei es bewusst oder unbewusst.

Der von Jesper Juul geprägte Begriff Gleichwürdigkeit bedeutet in diesem Kontext nicht, dass alle einer Meinung sein müssen, sondern dass alle Perspektiven den gleichen Wert haben. In Eurer Situation hieße das:

Der Wunsch der Mutter, das Kleinkind von Medien fernzuhalten, ist genauso gültig wie die Entscheidung des Vaters, das Tablet in bestimmten Alltagssituationen einzusetzen. 

Statt gegeneinander zu argumentieren, kann es hilfreich sein, sich gegenseitig die Fragen zu stellen:

  • Was ist Dir als Mutter/Vater wichtig, wenn es um Medien geht?
  • Welche Erfahrungen oder Sorgen liegen hinter Deiner Haltung?
  • Was brauchst Du, um Dich in unseren Erziehungsentscheidungen gesehen und unterstützt zu fühlen?

Solche Gespräche benötigen Zeit und oft auch einen neuen Rahmen – frei von Vorwurf, Streit und Schuld, dafür offen, neugierig und zugewandt. Ziel ist nicht die perfekte Lösung, sondern die Wiederherstellung von Beziehung auf Augenhöhe – zwischen Euch als Eltern.

Mediennutzung bei Kleinkindern: Mehr als ein Gerät

Das Thema Medienkonsum bei Kleinstkindern ist zu Recht sensibel. Die ersten Lebensjahre sind geprägt von körperlicher Nähe, dialogischer Beziehung und unmittelbarem Erleben. Ein Bildschirm bietet davon nur sehr begrenzt etwas. Dass Du diesen Bereich besonders achtsam gestalten willst, ist nachvollziehbar und verantwortungsvoll.

Gleichzeitig leben wir in einer Welt, in der digitale Medien ein Teil des Alltags geworden sind – auch für Kinder. Wenn der Vater das Tablet nutzt, um das Kind „ruhig zu stellen“, geschieht das vermutlich nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil er in dem Moment an seine eigenen Grenzen stößt – organisatorisch, emotional, vielleicht auch nervlich. Diese Momente gilt es nicht zu verurteilen, sondern zu verstehen.

Wir sprechen hier von persönlicher Verantwortung – das heißt: Jeder Erwachsene übernimmt Verantwortung für seine Entscheidungen, ohne die Schuld beim Kind oder dem anderen Elternteil zu suchen. Vielleicht hilft in Eurer Situation die Frage:

Wie können wir gemeinsam Situationen entschärfen, in denen einer von uns überfordert ist – ohne sofort zum Tablet greifen zu müssen?

Das könnte ganz konkret bedeuten:

  • Kurze Übergabezeiten, in denen der andere Elternteil übernimmt.
  • Gemeinsame Planung: „Was machen wir in Momenten, in denen einer dringend eine Pause braucht?“
  • Rituale, bei denen das Kind auch mal alleine beschäftigt sein darf – aber analog (z. B. mit Hörspiel, Bilderbuch, Bausteinen).

Wichtig ist: Kinder lernen nicht nur durch das, was wir sagen, sondern auch durch das, was wir leben. Wenn ein Kind spürt, dass seine Eltern im Kontakt bleiben, auch wenn sie nicht einer Meinung sind, dann entsteht Vertrauen. Wenn ein Kind in einer Atmosphäre der Gleichwürdigkeit erlebt, dass Papa manchmal das Tablet gibt, Mama aber lieber Bücher anschaut, dann lernt es: Es gibt verschiedene Wege – und beide sind „okay“.

Mediennutzung bei Teenagern: Zwischen Kontrolle und Vertrauen

Euer älteres Kind ist mitten in der Pubertät – einer Zeit, in der Kinder beginnen, sich von den Eltern abzugrenzen, eigene Werte und Vorlieben zu entwickeln und soziale Zugehörigkeit vor allem über Gleichaltrige suchen. Digitale Medien – insbesondere soziale Netzwerke – spielen dabei eine zentrale Rolle.

Wenn Du schreibst, dass Euer Kind die vereinbarten Medienzeiten nicht einhält, dann ist das keine ungewöhnliche Herausforderung. Selbstregulation ist etwas, das Jugendliche erst langsam lernen – und auch da: unterschiedlich schnell. Die Erfahrung, dass Ihr das Smartphone wegnehmen „müsst“, weil es sonst nicht funktioniert, ist Ausdruck eines Dilemmas, das viele Eltern kennen.

Doch Kontrolle allein führt selten zur Entwicklung innerer Verantwortung. Im Sinne von Integrität und Gleichwürdigkeit ist es wichtig, Jugendliche auch in ihren Widersprüchen ernst zu nehmen: Sie wollen frei sein, aber brauchen Halt. Sie wollen dazugehören, aber sind manchmal überfordert.

Statt härter zu kontrollieren, kann es helfen, in den Dialog zu gehen – nicht moralisch, nicht belehrend, sondern ehrlich interessiert:

  • Was macht Social Media für Dich so spannend oder wichtig?
  • Wann hast Du das Gefühl, es wird zu viel?
  • Was hilft Dir, besser auf Dich zu achten – ohne dass wir Dir etwas wegnehmen müssen?

Solche Gespräche brauchen Zeit, Mut und manchmal einen neuen Tonfall – raus aus dem „Du musst“ und rein in ein echtes Zuhören. Vielleicht entstehen daraus neue, gemeinsame Regeln – nicht aufgezwungen, sondern ausgehandelt. Und vielleicht braucht es auch Phasen, in denen das Kind erlebt: Meine Eltern trauen mir zu, Verantwortung zu übernehmen – auch wenn ich dabei Fehler mache.

Inkonsequenz: Was Kinder wirklich brauchen

Du hast sehr treffend beschrieben, dass Eure unterschiedlichen Umgangsweisen mit dem Thema Medien bei den Kindern zu Inkonsequenz führen. Und ja – Kinder spüren, wenn die Eltern uneins sind. Aber wichtiger als vollständige Konsistenz ist für Kinder das Gefühl: Meine Eltern bemühen sich. Sie sind in Beziehung – mit mir und miteinander.

Wenn Kinder erleben, dass auch Erwachsene ringen, lernen sie, dass Konflikte nicht das Ende von Beziehung bedeuten. Im Gegenteil: Sie lernen, dass es in Ordnung ist, verschiedene Meinungen zu haben – und trotzdem respektvoll und verbunden zu bleiben. Genau das meint Gleichwürdigkeit: Alle Stimmen zählen. Auch – oder gerade – in der Erziehung.

Statt also die Inkonsequenz zu verstecken oder zu „bekämpfen“, könnte es hilfreich sein, sie transparent zu machen. Ein Satz wie „Papa und ich sehen das Thema unterschiedlich. Das ist okay. Wir reden darüber, weil wir beide wollen, dass Du gut aufwächst.“, kann sehr viel Halt geben.

Der gemeinsame Weg: Ein neues „Wir“ finden

Vielleicht liegt die größte Chance in Eurer Situation darin, nicht in erster Linie eine Lösung zu finden, sondern einen neuen Dialog miteinander zu beginnen. Einen Dialog, in dem es nicht um „richtig“ oder „falsch“ geht, sondern um Beziehung, Verbindung und Verantwortung.

Ein möglicher Anfang:

Wofür wollen wir als Eltern stehen – unabhängig vom Thema Tablet?
Vielleicht ist es: Für Vertrauen. Für Respekt. Für Klarheit. Für Achtsamkeit.
Wenn Ihr Euch über solche Werte annähert, wird vieles leichter – auch wenn Ihr nicht immer einer Meinung seid.

Zum Schluss möchte ich Dir sagen:

Du bist nicht alleine. 

Die gleichen Konflikte haben meine Frau und ich und tausende andere Elternpaare. Wir sind unterschiedlich sozialisiert und bringen diverse Haltungen zum Thema Medien in unsere Elternschaft mit ein.

Du machst das gut. 

Nicht, weil alles perfekt läuft – sondern weil Du achtsam bist und bereit bist für Weiterentwicklung. Elternsein auf Augenhöhe. Für Eure Kinder. Und für Euch selbst.

Ich wünsche Euch Mut, Geduld und immer wieder kleine Momente des Verstehens.

Viele Grüße

Euer Jérôme Avé