Ehrlich gestellt.
Hallo,
unser Sohn, 5 Jahre, wirft seit ein paar Monaten nur so mit Schimpfwörtern und Beschimpfungen um sich. Es ist einfach nur noch belastend. Erst haben wir versucht, es einfach zu ignorieren und nicht zu reagieren. Dann haben wir gesagt, dass es andere Menschen verletzt, beschimpft zu werden und dass uns das auch „weh tut.“
Auch hat er eine kleine Schwester, 3 Jahre alt, sie übernimmt zum Glück eher selten seine Ausdrucksweise. Er beschimpft auch seit ein paar Wochen Erzieherinnen und andere Kinder im Kiga. Auch draußen, es ist einfach nur noch nervenaufreibend und wirklich sehr unangenehm.
Wir wissen nicht mehr weiter, auch Konsequenzen jeglicher Art interessieren ihn nicht.
Natürlich fluchen wir hier als Erwachsene auch mal, oder beim Autofahren, im Streit etc. Man kennt es.
Wir achten die letzten Monate aber noch viel mehr auf unsere Ausdrucksweise. Aber es wird mit unserem Sohn schlimmer. Er drückt sich wohl so aus…aber er sagt teilweise zu mir, ich solle sterben oder tot sein. Das tut mir sehr weh.
Dumm, hässlich, peinlich, Penner, Idiot und so weiter…
Wenn man ihn fragt, warum er das sagt, wird die Frage meist von ihm ignoriert oder er ist richtig laut und läuft weg, entzieht sich jeglichen Gesprächen. Ist das die sogenannte Wackelzahnpubertät?
Es gibt auch Tage, leider selten, da fällt kaum was Böses von ihm.
Es zerfrisst mich langsam.
unserer Expertin.
Liebe Eltern,
vielen Dank für eure Frage. So wie euch geht es vielen Familien mit Kindern im Alter von fünf bis zehn Jahren – ja genau, mit Kindern in der wunderbaren Wackelzahnpubertät. Diese herausfordernde und überaus spannende Zeit in der Entwicklung eures Sohnes ist voll von Veränderungen. Ich möchte versuchen, euch ein paar Gedanken und Impulse zu schicken, mit denen ihr euer Familienleben vielleicht wieder ein wenig zuversichtlicher, entspannter und gelassener miteinander genießen könnt.
Als ersten wichtigen Punkt möchte ich euch sagen: Euer Kind meint nicht euch. Euer Kind kann es gerade nur noch nicht anders und besser sagen, wenn es sich in manchen Momenten nicht gut, durcheinander oder nicht richtig fühlt. Und da sind Schimpfworte eine ganz wunderbare Kraft, seinen Unmut über irgendetwas oder irgendjemanden auszudrücken. Uns geht es ja manchmal morgens im Auto, mit viel Zeitdruck und einem sehr langsam fahrenden PKW vor uns nicht viel anders. Ich jedenfalls kann dann auch schon mal ganz großartige Schimpfworte von mir geben.
Was steckt hinter den Schimpfworten?
Manchmal ist der Idiot einfach ein tolles neues Wort, das in seiner wahren Bedeutung und Wirkung ausprobiert werden muss. Es ist sinnvoll, zunächst zu fragen, ob unser Kind das Wort wirklich versteht, und dann zu erklären, warum wir das Wort nicht mögen.
Wenn dein Kind dir sagt: „Ich will, dass du tot bist!“, gilt das gleiche. Frag einmal, was versteht dein Kind unter tot sein. Wie wäre das, wenn du nicht mehr da wärst? Erzähl deinem Kind, warum du unbedingt noch ganz lange mit deinem Kind zusammenleben möchtest.
Wenn wir die Wortexperimente unserer Kinder nicht mit unserem Verhalten und unserer Reaktion beantworten, dann probieren Kinder immer weiter aus, wo unsere persönliche Grenze beginnt. Über Schimpfworte hinwegzuhören, kann deswegen dazu führen, dass sie eher noch lauter und häufiger ausgesprochen werden. Wir können unseren Kindern aber sehr klar und echt sagen: „Ich will das bei uns nicht hören!“.
Wichtig ist es jedoch auch, ein „Mama, du bist so dumm!“ oder „Papa, du hässlicher Penner!“ zum Anlass zu nehmen, genau hinzuschauen, was bei unserem Kind gerade los ist. Häufig sind es Gefühle, die unser Kind noch nicht anders benennen kann. Wir können für unser Kind dann eine Art Übersetzungshilfe sein: „Du hast grad gesagt, dass ich dumm bin, das habe ich gehört! Ich will nicht, dass du so etwas zu mir sagst! Aber ich will verstehen, was gerade bei dir los ist. Was ist passiert? Bist du ärgerlich, dass ich jetzt entschieden habe, dass wir nach Hause gehen?“. So oder ähnlich könnte eine Reaktion auf die „dumme Mama“ sein.
Dabei ist es voll verständlich, dass die Sprüche deines Sohnes dich verletzen. Dafür sind Beleidigungen ja im Endeffekt da. Und diese Verletztheit dürfen wir als Eltern auch zeigen – immerhin gehört sie zum authentischen Feedback auf diese Beschimpfungen und ist so auch ein wertvoller Teil des Lerneffekts für deinen Sohn – möglichst ohne ihn zu beschämen oder ihm ein schlechtes Gewissen zu machen. Trotzdem ist es dabei wichtig, sich in den Kopf zu rufen, dass solche Beleidigungen kein wahrhaftiges Abbild dessen sind, was unsere Kinder wirklich über uns denken. Vielmehr sind sie ein Ausdruck der neuen und teilweise echt verwirrenden Entwicklungsaufgaben, die unsere Kinder erwarten. Ähnlich wie bei beißenden Kleinkindern oder absichtlich Saft verschüttenden Vierjährigen, denen die gewohnte Sitzordnung am Abendbrottisch plötzlich überhaupt nicht mehr passt.
Die Wackelzahnpubertät
Aber was verursacht diese manchmal so großen Gefühlsstürme? In der Wackelzahnpubertät steckt unfassbar viel Wachstum. Im Innen und im Außen.
Ein ganz wichtiger Satz, der in mir immer wieder viel mehr Einfühlsamkeit und Mitgefühl für meine Kinder in diesem Alter erzeugt hat: Wackeln die Zähne – wackelt auch die Seele: Die eigene und individuelle Persönlichkeit tritt ab dem sechsten Lebensjahr immer stärker hervor und bringt so einiges Chaos mit sich. Im sechsten Lebensjahr (ungefähr mit fünf Jahren, also im Alter eures Sohnes) und dem beginnenden Zahnwechsel, fangen Kinder an, ihr bis dahin entwickeltes Weltbild im Kontakt mit anderen Menschen und in neuen Situationen zu überprüfen.
Es ist die Zeit der starken Gefühlsschwankungen, gerade noch fröhlich, kann ein kleines Missgeschick tiefe Erschütterung auslösen.
Der Kiefer wächst und schmerzt, die bleibenden Zähne suchen sich ihren neuen Platz, der Körper wächst und die neuen Dimensionen der längeren Arme und Beine verursachen manchmal eine große motorische Unruhe und Zappeligkeit. Das Aufrecht am Tisch sitzen ist manchmal schwierig und alles, was zuvor scheinbar mit Leichtigkeit funktioniert hat, ist grad fast unmöglich. Manche Kinder haben auch große Konzentrationsprobleme in dieser Zeit. In diversen Konflikten darum, wer hier wo das sagen hat, versuchen sie herauszufinden, was sie schon selbst entscheiden dürfen. Es ist die Zeit, in der wir Erwachsenen umso öfter sehr deutlich unsere persönlichen Grenzen zeigen dürfen und müssen.
Neben immer neuen Herausforderungen, die gesucht und toll gemeistert werden, werden Situationen, die zuvor kein großes Thema waren, plötzlich schwierig. Unser Sohn ist in diesem Alter auf einmal nicht mehr allein in die obere Etage unseres Hauses gegangen. Die Jahre zuvor war es kein Thema, heute, mit neun Jahren auch nicht mehr, aber mit fünf Jahren, war es ihm nicht möglich. Genau sagen, warum, konnte er nicht. Es war ein schlimmes Gefühl – so konnte er es beschreiben. Also musste einer von uns oder einer unserer Hunde immer mitgehen, dann ging es leichter.
Häufig können Kinder gar nicht so genau sagen, was in ihnen gerade los ist. Einfach, weil sie es selbst noch nicht verstehen. Aus diesem Grund können „WARUM-Fragen“ meist auch nicht beantwortet werden. Dann kann man als Fünfjähriger nur weglaufen. „Ich verstehe mich nicht und Mama versteht mich auch nicht!“ Das ist wirklich zum Weglaufen. Vielleicht kann euer Sohn die Frage „Was ist passiert?“ in solchen Momenten leichter beantworten.
Anlauf holen für die neue Selbstständigkeit
Kinder in diesem Alter werden zunehmend selbstständig, möchten Aufgaben allein erledigen, einmal allein Brötchen holen, sich allein anziehen oder eben auch so coole Schimpfworte sagen, wie sonst nur die Großen. Gleichzeitig suchen Kinder immer wieder auch die direkte und unmittelbare Nähe ihrer Eltern: zurück auf den Schoß, Kuscheln, sich beim Anziehen helfen lassen oder wieder im Elternbett schlafen wollen, gehört ebenso in diese Zeit. Entwicklung verläuft nie linear. Nur weil unser Kind sich einmal selbst angezogen hat, möchte es das an dem Tag darauf nicht auch. Nur weil unser Kind schon lange Zeit im eigenen Bett, im eigenen Zimmer geschlafen hat, ist es kein Rückschritt, wenn es wieder zu uns ins Bett möchte. Es ist wie Anlauf nehmen: Jetzt habe ich das mit dem allein Brötchenholen einmal geschafft. Jetzt weiß ich, wie sich das anfühlt. Bis zum nächsten Mal brauche ich erst einmal wieder viel Nähe und Sicherheit, dann kann ich mit mehr Kraft noch weiter allein gehen.
Kinder in der Wackelzahnpubertät haben mit dem Wahrnehmen und Verstehen ihrer eigenen Gefühle zu kämpfen. Wenn die Gefühle in den ersten Lebensjahren relativ klar und einfach einzuordnen waren (glücklich, zufrieden, frustriert, wütend, traurig, ängstlich, etc.) kommen im sechsten Lebensjahr immer feinere und differenzierte Gefühle dazu. Der Umgang damit muss von unseren Kindern erst gelernt werden. Neue Gefühle, wie zum Beispiel Scham oder Zweifel müssen erst verstanden und Strategien erlernt werden, damit umzugehen.
Zu diesem neuen Gefühlschaos unserer Kinder kommt, dass auch unser elterlicher Anspruch mit nahendem Schulanfang immer größer wird. „Jetzt muss er aber stillsitzen können! Jetzt muss unser Sohn aber mal aushalten, wenn es mal nicht nach seinem Willen geht! Wie soll das sonst in der Schule funktionieren?“, sind Sätze, die von vielen Eltern in dieser Zeit immer wieder gesprochen oder zumindest gedacht werden.
Eine Menge Konflikte sind einfach typisch für diese Entwicklungsphase und wichtig.
Auf der Seite der Eltern entstehen jetzt Zweifel, ob sie wirklich gute Eltern sind, oder nicht vielleicht doch viel strenger werden müssten und viel mehr Regeln und Grenzen setzen sollten, damit unsere Kinder zu starken, selbstständigen und gesunden Erwachsenen werden können. So viel vorab: Strengere Regeln, Grenzen und ausgedachte Konsequenzen helfen hier nur wenig und wenn überhaupt, nur kurzfristig. Klar, wenn unsere Kinder noch klein sind und unsere elterliche Macht, aufgrund der enormen und überlebenswichtigen Abhängigkeit unserer Kinder von uns, noch über die Maßen groß wirkt, können wir mit Fernseh- oder Tabletverbot ziemlich schnell ein sehr angepasstes Verhalten erzwingen. Mit zunehmendem Alter, zunehmender Eigenständigkeit unserer Kinder und damit einhergehender sinkender elterlicher Macht, führt dies jedoch ausschließlich dazu, dass wir durch unsere Machtdemonstrationen immer wieder die Botschaft an unsere Kinder senden: Du bist nicht gut so, wie du bist! Kinder wollen aber gute Kinder sein. Ebenso wie wir Eltern gute Eltern sein wollen.
Wir dürfen genau in solch herausfordernden Phasen miteinander und voneinander lernen, wachsen und ganz wichtig: auch Fehler machen!
Kinder dürfen lernen, wie sich ein Leben und ein Miteinander mit so vielen Gefühlen, Gedanken und Möglichkeiten gestalten lässt. Dabei passieren manchmal einfach blöde Fehler: ein leise gesprochenes Wort Idiot, das rausrutscht, wenn der Opa so nervig das siebte Mal fragt, wie es im Kindergarten war und man eigentlich grad spielen möchte, zum Beispiel.
Wir Erwachsenen dürfen lernen und dabei auch immer mal wieder Fehler machen, wie wir mit unseren eigenen Gefühlen und alten übernommenen Glaubenssätzen, eine neue, zugewandte Erziehung und Beziehung zu unseren Kindern leben, in der die Bedürfnisse und auch die persönlichen Grenzen aller Menschen in der Familie wichtig sind. Das gelingt uns Eltern an manchen Tagen besser, an manchen nur so mittelgut.
Es wachsen die Zähne, es wachsen die kognitiven Fähigkeiten und es wächst der Körper, das ist einfach richtig, richtig anstrengend und verursacht erst einmal großes Chaos in unseren Kindern und manchmal dann auch in uns.
Viel Humor und noch viel mehr Gelassenheit helfen, gut durch diese herausfordernden Zeiten zu gehen. Ich wünsche euch viele tolle Schimpfworte mehr und viele tolle erste selbsterzählte Witze, auch die sind nämlich typisch für dieses Alter und manchmal sehr, sehr lang. Und ich wünsche euch, dass eure Momente, in denen es sich wieder leichter anfühlt, wieder mehr werden und ihr euch und eure Kinder genießen könnt.
Stephanie