Darum geht es
„Mama, wann stirbst du?“ Wie sprechen wir mit kleinen Kindern über das Thema Tod und vermitteln Sicherheit obwohl wir selbst unsicher sind?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Liebes Beraterteam,

Meinen Sohn, fast 5 Jahre alt, beschäftigt das Thema Tod und Sterben seit bestimmt einem Jahr.
Mich überfordert das Thema, da ich nicht weiß wie ich auf seine Sorgen und Fragen reagieren soll. Zum einen weiß ich ja selbst nicht, wie es ist zu sterben 🙂 Das sag ich ihm auch, aber er hat täglich irgendwas. Zum Beispiel:

„Wann stirbst du?“
„Oma stirbt früher als du, oder?“
„Wer passt auf mich auf, wenn ihr tot seid? Vielleicht hab ich dann schon meine eigene Familie?“
„Wo stirbt man zuerst, im Kopf, im Fuß?“
„Warum stirbt man?“
„Man stirbt nur, wenn man alt ist.“ „Ich will nicht erwachsen werden, denn dann fängt man langsam an zu sterben.“

Und so weiter. Also mehrmals die Woche beschäftigt ihn irgendwas zu dem Thema. Der Hund von seinen Großeltern ist vor einem Jahr gestorben, seitdem ist es so. 

Er ist sehr sensibel, sehr empathisch und schnappt alles auf. Seine Tante hat nun Krebs und er weiß davon nichts, ich will es nicht thematisieren. Jedoch spätestens nach ein paar Wochen wird er Fragen stellen, da sie sich wegen der Chemotherapie verändern wird. Auch hier bin ich überfragt, denn eine seiner Fragen wird sein, ob sie dann tot ist. 

Ich sage immer, dass ich immer für ihn da bin. Zu sagen, dass es noch dauert, bis ich sterbe, erscheint mir nicht gut, denn ich weiß es ja nicht. 

Ich sage ihm, dass ich gesund bin, dass alles gut ist und dass ich da bin. Er hat ja auch kein Zeitgefühl. „Ich lebe noch bestimmt 50 Jahre!“, ist erstens keine sichere Sache und zweitens kann er sich das Ausmaß von 50 Jahren nicht vorstellen.

Gibt es Tipps, um mit dem Thema umzugehen, ohne zu viel Raum dafür zu geben, es aber trotzdem ernst zu nehmen und ihm seine Verlustängste zu nehmen?

Die Antwort
unserer Expertin.
Wie sprechen wir über den Tod?
Beate Kuhlmann — FamilyLab Deutschland

Herzlichen Dank für deine Frage, denn viele von uns würden das Thema Tod lieber „totschweigen“ – gerade auch im Umgang mit Kindern. Wir wollen sie zwar so gut es geht auf das Leben vorbereiten, aber trauen wir ihnen zu, mit dem Thema Tod umzugehen? Wir haben in unserer Kultur Berührungsängste mit dem Sprechen über den Tod, weil es unsere ungeklärten Fragen und Ängste zum eigenen Sterben und dem von geliebten Menschen aktiviert. Wie sollen wir da so locker und flockig antworten und erklären, wie wenn uns das Kind fragt, woher der Regen kommt? Und wie du schreibst, wissen wir einfach auch nicht, wie es sich stirbt, und wann und was danach kommt. Der Tod ist unbegreiflich, daher kommen wir an Grenzen, ihn zu erklären und sind überfordert. Wir möchten auch das Kind beschützen vor Überforderung. Gleichzeitig wollen wir aber auch seine Fragen ernst nehmen und ihm Sicherheit geben.

Zunächst einmal ist es sehr plausibel, dass dein Sohn all diese Fragen stellt, seit der Hund der Großeltern gestorben ist.  Die Trauer und das Nachdenken über den Tod eines geliebten Tieres kann sehr groß sein, weil es mindestens dieselbe Bedeutung wie eine nahe Bezugsperson haben kann.

Ehrliche Infos über den Tod

Mit 5 Jahren haben Kinder noch keine konkrete Vorstellung von Tod und Sterben. Daher müssen sie in dieser Phase auch immer wieder nachfragen – meist tun sie das, wie dein Sohn auch, auf einer naturwissenschaftlich-pragmatischen Ebene. Außerdem wissen sie noch nicht, dass der Tod endgültig ist und meinen, dass jemand, der gestorben ist, danach wiederkommt. Ich spreche mich dafür aus, Kindern immer die Wahrheit zu sagen, ohne zu beschönigen und falsche Hoffnungen zu machen, aber auch nicht, ohne eine positiv-zuversichtliche Haltung einzunehmen: „Nein, der Mensch kommt leider nicht mehr wieder, er ist gestorben und man kann ihn nie wiedersehen, aber man kann an ihn denken.“ Wichtig ist auch eine realistische Antwort, statt Umschreibungen für den Tod wie „einschlafen“ oder „auf eine lange Reise gehen“.

Zudem finde ich es wichtig, nicht über das hinaus zu antworten, was das Kind gefragt hat, weil dafür in dem Moment das Interesse oder auch die (altersgemäße) Auffassungsfähigkeit fehlt. Kinder wollen keinen „Rundumschlag“, man kann sich kurzfassen und beim Thema bleiben.

Elementar ist meiner Erfahrung nach, die kindlichen Fragen ernst zu nehmen, geduldig und ehrlich zu sein sowie sachlich und in kurzen, eindeutigen Sätzen zu antworten. Es gibt keinen Grund, Fragen nicht klar zu beantworten – außer unser eigenes Unbehagen. Ein Umgang auf Augenhöhe bedeutet, die Haltung zu haben: Du machst dir Gedanken zu Sterben und Tod, und das ist verständlich. Ich werde das unliebsame Thema nicht totschweigen, sondern dir immer wieder deine Fragen beantworten.

Umgang mit der eigenen Unsicherheit

Ich höre in deiner Frage auch einen gewissen Anspruch, es „richtig“ zu machen. Man kann die kindlichen Fragen zu Tod und Sterben nur so gut beantworten, wie man kann. Und das bedeutet, wenn ich etwas nicht weiß, kann ich auch das sagen. „Ich weiß nicht, warum man stirbt. Es ist so, wie es ist.“ Oder: „Ich weiß nicht, ob man in den Himmel kommt oder ob es ein Leben nach dem Tod gibt, aber ich wünsche es mir.“ Oder: „Weißt du, ich stelle mir den Himmel so vor…“ (Da hat jeder andere Vorstellungen.) Oder ich kann fragen: „Wie denkst du darüber?“ Oder: „Was glaubst du, wie es ist?“ oder: „Was glaubst du, wo der Hund jetzt ist?“

Wenn das Kind nach dem Tod der Eltern fragt, ist auch hier ein ehrliches, klares, gleichzeitig aber auch zuversichtliches Antworten hilfreich: „Auch ich werde irgendwann sterben. Aber die meisten Menschen sterben erst dann, wenn sie sehr alt geworden sind. Ich werde bestimmt noch lange leben.“ Kind: „Und wenn nicht?“ „Sowas passiert nur sehr selten. Das sind Ausnahmen.“ Oder: „Dann leben noch die Tante, der Onkel… Und die werden dann für dich da sein.“ Dabei können Eltern durch Körperkontakt zusätzlich Sicherheit und Trost geben.

Wenn das Kind fragt, ob es selbst auch sterben muss, kann man sagen: „Jeder Mensch muss irgendwann sterben, wann das ist, wissen wir nicht.“
Dabei kann ich deine Unsicherheit gut verstehen, dass es schwierig ist, hoffnungsvoll und zugleich ehrlich auf eine Frage zu reagieren, deren Antwort man ja wirklich nicht kennt. Wir wollen ja nicht, dass unsere Kinder Angst haben, dass wir sterben. Zugleich wollen wir ihnen nicht unsere eigene Unsterblichkeit vorgaukeln. Vielleicht hilft dir auch folgende Herangehensweise, indem du sagst: „Also ich habe vor, richtig alt zu werden! Deswegen ernähre ich mich gesund, bin vorsichtig im Straßenverkehr und sorge mich gut um mich selbst. Weil ich möchte noch ganz viel erleben und ganz viel Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden verbringen, bevor ich irgendwann sterbe.“ 

Für ein 5-jähriges Kind ist es nicht vorstellbar, dass der Tod wirklich endgültig ist. Tod bedeutet in diesem Alter soviel wie weg sein oder kaputt sein. Der Körper ist weg, weil er nicht mehr funktioniert. Demzufolge sind Leben und Tod austauschbar – wer tot ist, kann auch wieder lebendig werden, da der Tod zeitlich begrenzt ist und wieder rückgängig gemacht werden kann. Das Kind macht sich daher auch unter Umständen Sorgen, dass der tote Mensch Schmerzen oder Hunger hat und es unter der Erde zu kalt ist. Auch hier ist es wichtig, realistisch und klar zu sagen: „Wer tot ist, hat keine Schmerzen mehr, er hat keine Angst mehr und er wacht nicht wieder auf.“

Wenn das Kind fragt, ob der Mensch unter der Erde erstickt, kann man sagen: „Der Tote atmet nicht mehr und hat dadurch auch keine Schmerzen. Er braucht auch keine Luft mehr zum Atmen.“ 

In Bezug auf die Erkrankung und die Chemotherapie der Tante möchte ich dir sagen: Ich hoffe, dass die Behandlung eine Heilung bringen wird. Wenn sie sich körperlich verändern wird, kannst du deinem Sohn sagen, dass die Medikamente so stark sind, dass sie die Krankheit bekämpfen. Das kostet so viel Kraft, dass sich die Tante so verändert hat. Danach geht es ihr dann aber besser. Falls sie nicht wieder gesund wird und es definitiv dem Tod entgegen gehen sollte, würde ich deinem Sohn sagen, dass sie bald sterben wird. Zu lügen, weil man etwas nicht so drastisch ausdrücken will, um dem Kind keine Angst zu machen, hilft nicht, denn die Wahrheit kommt ja irgendwann raus, und dann kann es einen Vertrauensverlust geben. 

Vielleicht kannst du dich auch fragen, wovor du selbst Angst hast.

Manchmal kann schon dieses Bewusstsein über eine Angst helfen, besser mit ihr zu leben.

Zum Schluss möchte ich dir sagen, dass dein bisheriger Umgang mit den Fragen deines Sohnes sehr kompetent und empathisch auf mich wirkt. Ich würde mich freuen, wenn du dich selbst damit auch als souverän und handlungsfähig erleben kannst. Das kann in dir die Sicherheit und Entschlossenheit erzeugen, die du brauchst, um mit ihm weiter über seine und deine eigenen Emotionen und Gedanken im Kontakt zu bleiben. So kann er eine angstfreie Einstellung zum Thema Tod und Sterben entwickeln.

Als Inspirationsquelle für altersgerechte Erklärungen an Kinder möchte ich dir das Buch von Ralph Caspers „Wenn Papa jetzt tot ist, muss er dann sterben? Mit Kindern über Trauer reden“ empfehlen. Eine wertvolle Hilfe für den Fall, dass dir die Worte fehlen.

Ich wünsche dir und deinem Kind eine spannende Entwicklung!