Ehrlich gestellt.
Guten Morgen,
meine Frau und ich sind die Eltern von zwei Jungs. Der Große ist vier Jahre und der Kleine ist zwei Jahre alt. Wir lieben die beiden. Aber gerade wenn die beiden zusammen sind, eskaliert es andauernd. Ist der eine von uns mit einem oder beiden Elternteilen alleine, ist das jeweilige Kind immer recht entspannt.
Es gibt keinen Ärger.
Keiner rastet aus.
Alle sind lieb zueinander.
Sind die beiden Jungs allerdings zusammen, egal ob nur mit Mama, nur mit Papa oder mit beiden Eltern, kommt es regelmäßig zur absoluten Eskalation. Damit meine ich, dass die beiden kämpfen, sich gegenseitig arg ärgern und dauerhaft schreien. Ganz normale Jungs eben.
Wie kriegen wir es hin, dass es, auch wenn beide Jungs zusammen sind, etwas normaler zu Hause abläuft?
Freundliche Grüße 🙂
unserer Expertin.
Vielen Dank für deine Frage. Ich freue mich, dass du schon selbst schreibst, dass Kämpfen, Ärgern und Schreien in Geschwisterbeziehungen weit verbreitet sind – übrigens nicht nur unter Jungs. Laut wissenschaftlichen Erhebungen streiten Geschwister in westlichen Gesellschaften durchschnittlich alle 10 Minuten. Es läuft also „normal“ ab bei euch zuhause. Es ist aber anstrengend. Das kann ich als selbst dreifache Jungsmama sehr gut nachempfinden.
Konflikte unter den eigenen Kindern zu erleben und zu begleiten, kann viel Energie kosten. Gerade wenn die Kinder noch sehr jung sind und einen geringen Altersabstand haben, wie bei euren Kindern mit 2 und 4 Jahren. Einerseits ist es für euch wahrscheinlich schön, weil sie in diesem Alter immer mehr zu Spielkameraden werden und gleichzeitig kommt es so natürlicherweise auch häufiger zum Streit. Und hier finde ich es wichtig, sich als Erstes folgendes bewusst zu machen.
Wer steht sich hier eigentlich gegenüber?
Bei einem Konflikt zwischen Kindern in diesem Alter treffen Gehirnstrukturen aufeinander, in denen der emotionale Teil dominiert. Die Kinder können also gar nicht anders reagieren, als sie es tun, weil ihre Gefühle „übernehmen“ und ihr Nervensystem in großen Stress gerät. Zusätzlich dazu entwickeln Kinder erst ungefähr ab dem 4. Lebensjahr die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Unter anderem deshalb streiten junge Kinder besonders viel. Sich diese Tatsachen immer wieder bewusst zu machen, kann uns Eltern helfen, ins Verständnis zu kommen gegenüber unseren Kindern.
Was (verständlicherweise) jedoch häufig passiert, ist, dass wir als Eltern so etwas denken wie:
„Wieso rasten hier schon wieder alle so aus?“
„Können wir nicht ein Mal einen entspannten Morgen haben?“
Dadurch fahren wir selbst hoch, das spüren wiederum die Kinder und die „Eskalation“, von der du sprichst, ist vorprogrammiert.
Wichtige Fragen, die du dir ganz grundsätzlich stellen kannst, wären aus meiner Sicht also beispielsweise:
„Was brauche ich selbst, um meine Chancen zu erhöhen, dass ich einigermaßen gelassen bleiben kann?“
So kann es zum Beispiel Sinn machen, morgens vor den Kindern aufzustehen, damit wenigstens die eigenen Grundbedürfnisse schonmal gestillt sind und man nicht hungrig und ohne Kaffee den streitenden Kindern gegenübersteht.
Außerdem kannst du dich fragen:
„Wie leicht oder schwer fällt mir die Abgrenzung von den Gefühlen anderer?“
Wenn wir vom Temperament her eher reizoffen sind, können Gefühle anderer leicht auf uns „überschwappen“. Dann könnte es Sinn machen, sich dieses Thema vielleicht mal genauer anzuschauen. Das nur als erste kleine Impulse zu dem großen Thema der Selbstregulation, das in diesem Zusammenhang aus meiner Sicht eine wichtige Rolle spielt.
Was fördert eine gute Geschwisterbeziehung?
Bevor ich gleich zu ganz praktischen und eher leicht umsetzbaren Ideen komme, möchte ich auf einen Punkt eingehen, der aus meiner Sicht weiterhin oft unterschätzt wird. Und zwar, wie die Art und Weise, wie wir als Eltern mit Geschwisterkonflikten umgehen, die Beziehung der Kinder zueinander beeinflusst.
Die noch immer oft eingeforderten Entschuldigungen beispielsweise wirken sich erwiesenermaßen negativ auf die Beziehung aus und können Konflikte noch verstärken. Dies liegt daran, dass Kinder sich zum Beispiel ungerecht behandelt fühlen oder sie spüren, dass die Entschuldigung vom Gegenüber nicht ernst gemeint ist. Dementsprechend wird es ihre Verbindung eher schwächen als stärken.
Ähnliche negative Auswirkungen hat es, wenn wir als Eltern eine sogenannte Richterposition einnehmen. Das heißt, dass wir uns bei Konflikten beide Seiten anhören und dann entscheiden, wer Recht hat und mit wem geschimpft wird. Hilfreicher ist eine Moderation des Streits. Das heißt, dass wir – nachdem sich die starken Gefühle bei den Kindern gelegt haben (!) – beide nacheinander fragen, worum es ihnen geht. In einem nächsten Schritt fassen wir die Aussagen der Kinder dann ohne Partei für eine Seite zu ergreifen zusammen: „Paul, du möchtest alleine spielen? Und Emil, du möchtest in seiner Nähe sein? Ok. Habt ihr eine Idee, was ihr machen könntet?“ Je jünger die Kinder sind, umso eher bieten wir ihnen Lösungsvorschläge an, wie zum Beispiel „Emil, was möchtest du denn gerne machen, während Paul alleine spielt? Wollen wir zusammen etwas basteln? Und Paul, hast du Lust, später etwas mit Emil zu spielen?“
Immer wieder zwischen den Kindern zu übersetzen, heißt nicht, dass sich alle schnell beruhigen und immer eine Lösung gefunden wird. Aber es stärkt die Geschwisterbeziehung, weil sich im besten Fall beide Seiten gehört fühlen und kein Kind denkt „Na toll, wegen meinem blöden Bruder hab ich jetzt wieder Ärger bekommen.“
Du beschreibst zudem, dass deine Kinder oft miteinander kämpfen. Wenn du damit ein Kämpfen meinst, wo sich gegenseitig verletzt wird, greifen wir als Eltern natürlich schützend ein. Wenn es sich allerdings um ein spielerisches Raufen handelt, steht dem nichts im Wege. Ganz im Gegenteil: Die Kinder sind auf diese Art und Weise im Körperkontakt, es wird das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet und ihre emotionale Verbindung kann gestärkt werden. Hier wäre es aus meiner Sicht dann wichtig, dass es feste Regeln gibt und wir als Eltern die Situation im Blick haben und immer mal wieder fragen, ob es so noch für beide ok ist.
Ein weiterer Ansatzpunkt, um die Geschwisterbeziehung zu fördern, könnten gemeinsame positive Erlebnisse sein. Gibt es etwas, das sie beide gerne tun und was ihnen auch zusammen Spaß machen könnte? Ganz besonders stärkend für den Zusammenhalt kann es sein, wenn es sich um eine Aktivität handelt, wo sie gemeinsam an einem Ziel arbeiten, also zum Beispiel ein Puzzle lösen oder ein Projekt zusammen machen. Oder auch „Machtumkehrspiele“, wo Eltern bewusst eine untergeordnete Rolle spielen und die Kinder es zum Beispiel als Team schaffen, Mama oder Papa auf den Boden zu drücken.
Außerdem tut es vielen Kindern gut, wenn sie regelmäßig Zeit alleine mit einem Elternteil verbringen dürfen. Hier muss es gar nicht um große Ausflüge gehen, sondern es kann wirklich ein tägliches Zeitfenster von 15-20 Minuten sein, in dem ich meinem Kind die alleinige Aufmerksamkeit widmen kann.
Und als letzten Gedanken dazu: Damit das ältere Kind sich auch im Alltag immer wieder zurückziehen kann, kann es Sinn machen, einen Spielbereich für dieses Kind abzutrennen. Wenn es kein eigenes Zimmer hat, kann das durchaus auch eine kleine Ecke in einem Zimmer sein, wo das ältere Kind Hörspiel hören, in Ruhe Lego bauen kann oder Ähnliches.
Und zum Abschluss als kleiner Ausblick: Die Konflikte unter deinen Kindern werden sich im Laufe der kommenden Jahre verändern. Sie werden in kleinen Schritten (!) Impulskontrolle, Frustrationstoleranz und Perspektivwechsel erlernen und dadurch wird es in vielen Momenten leichter werden. Gleichzeitig wird es immer wieder zu Konflikten kommen. Die gehören zum Leben dazu. Und in Familien geht es in erster Linie nicht um Harmonie, sondern um Wachstum. Wenn wir mit dieser Erwartung an Familie herangehen, wird vielleicht einiges leichter.
In diesem Sinne wünsche ich dir und deiner Familie alles Gute!aa