Ehrlich gestellt.
Liebes Beratungsteam
Uns fehlt eine klare Haltung zum Thema Essen bzw. Ernährung im Zusammenhang mit unserem 4-jährigen Sohn. Wir wünschen uns, dass er eine gesunde Beziehung zum Essen hat und wir schwanken immer wieder zwischen viel Freiheit lassen und das Was, Wann und Wie des Essens mehr einzugrenzen, was für unseren Sohn sicher auch nicht ganz einfach ist, wenn uns die Klarheit fehlt.
Wir haben grundsätzlich folgende Fragen:
- Wir haben das Gefühl, ihm ist immer wieder mal langweilig am Tisch und er steht dann auf und vergisst zu essen. Wenn wir das Essen spielerisch gestalten, passiert das weniger. Wir sind uns jedoch unsicher, ob Spielen während des Essens seine Beziehung zum Essen nicht eher verschleiert, weil er dadurch abgelenkt sein könnte.
- Manchmal wünscht er sich, dass wir ihn füttern. Ist das okay oder spricht da was dagegen? Er kann sich so mehr auf das Essen einlassen, haben wir das Gefühl.
- Und die große Frage: Wie gehen wir mit Süßigkeiten und allgemein mit Snacks um? Unbegrenzte Wahl (auch was die Menge betrifft) und hoffen, dass sich da eine Intuition entwickelt, oder sollten wir es doch zum Beispiel auf eine gewisse Anzahl begrenzen? Wir möchten Süßigkeiten nicht auf ein Podest stellen, aber gleichzeitig ist es uns auch wichtig, dass keine Süßigkeiten vor einer Mahlzeit gegessen werden oder dann doch begrenzt.
Wir stehen da wirklich immer wieder an und wissen nicht recht weiter. Das, was wir aus unserer eigenen Kindheit kennen, möchten wir auf keinen Fall weitergeben und wir wissen auch, was das Ziel ist – nur wie kommen wir dahin?
unserer Expertin.
Liebe Familie,
Vielen Dank für diese wertvolle Frage. Aus meiner Erfahrung heraus, ist das Thema „Essen“ wirklich bei vielen Familien ein Thema, das mit sehr viel Unsicherheiten und auch oft Konflikten einhergeht.
Deshalb finde ich es wirklich sehr berührend, dass ihr euch hier dieser Frage widmet und überlegt, wie ihr dies in eurer Familie gestalten könnt.
Als erstes empfinde ich es als hilfreich anzuerkennen, dass „Essen“ eben nicht einfach nur Nahrungsaufnahme bedeutet. Vom ersten Moment an ist das Trinken an der Brust oder Nuckeln am Fläschchen mit so viel mehr verbunden als einfach nur Nährstoffe aufzunehmen. Es bedeutet für uns beispielsweise auch Wärme, Nähe, Zuwendung, Geborgenheit, Anerkennung – die Liste lässt sich mit Sicherheit individuell weiter fortsetzen und wandelt sich auch im Laufe unseres Lebens. Später sind Familienmahlzeiten eben auch Momente, in denen ganz viel passiert. Das bedeutet, es ist eigentlich total verständlich, dass mit dem Thema „Essen“ auch ganz viele Emotionen verknüpft sind.
Als zweiten Aspekt möchte ich erwähnen, dass wir in unserer Lebensrealität alle erdenklichen Lebensmittel einfach zur Verfügung haben. Die Auswahl in den Supermärkten ist gigantisch und unser Körper ist aber noch so aufgebaut wie schon in der Steinzeit. Hier kommt es zu einer Dysbalance, denn unser Körper freut sich, wenn er Reserven für schlechte Zeiten anlegen kann, doch in unserem Alltag kommt es bei dem üppigen Angebot an Lebensmitteln (zum Glück) zu keinen Hungerphasen mehr.
Dies sind mit Sicherheit keine „neuen“ Gedanken, aber ich denke, es ist hilfreich, sich das noch einmal bewusst zu machen, wenn wir nun sehen wollen, wie wir in unserer Familie das Essen miteinander gestalten möchten.
Was und wie Familien auf unserer Welt so essen, ist unglaublich unterschiedlich und die große Auswahl an Lebensmitteln bringt eben auch die große Frage mit sich: „Und wie machen wir das jetzt“?
Nun habt ihr bereits geschrieben, dass ihr das, was ihr aus eurer Kindheit gelernt habt, nicht weitergeben möchtet. Ohne zu wissen, wie genau sich die Mahlzeiten bei euch gestaltet haben, klingt es auf jeden Fall so, dass ihr erkannt habt, dass euch einiges davon nicht besonders gut getan hat.
Erstmal könnt ihr euch freuen, denn das ist schon mal ein ganz großer Schritt, um nun euren eigenen, für euch passenden „Speiseplan“ zu entwickeln.
Ich glaube, ihr seid schon mittendrin in diesem Prozess und vielleicht könnt ihr euch mal ein bisschen Zeit nehmen, es euch gemütlich machen und gemeinsam mehr Klarheit finden.
Es ist verständlich, dass man sich bei solchen Unsicherheiten nach jemandem sehnt, der einem einfach den „Masterplan“ überreicht und uns sagt, wie es genau zu laufen hat, doch der Masterplan für eure Familie kann nur aus eurer Familie stammen.
Hier sind nun ein paar Fragen und Gedanken, die euch dabei helfen können euren eigenen Weg zu finden:
Was genau hat euch als Kinder gestört? Und wie hättet ihr es euch gewünscht?
Welche Stimmung bringt ihr mit an euren Essenstisch?
Was esst ihr gerne?
Wollt ihr euren Sohn noch füttern?
Wie ist es in anderen Situationen? Isst er im Kindergarten oder zum Frühstück alleine und genießt es abends einfach, von euch umsorgt zu werden?
Und nun die Frage der Fragen – Wie gestalten wir das Thema Süßigkeiten?
Die allermeisten Kinder brauchen beim Thema Süßigkeiten Unterstützung. Ihr beschreibt, dass ihr da immer wieder am Schwanken seid. Ich würde euch ermutigen, euch gemeinsam zu überlegen, wie ihr es gestalten wollt und dann mit Klarheit auch dazu zu stehen. Ich kann mir vorstellen, dass es euch damit leichter fallen wird.
Mit 4 Jahren bestimmt letztendlich ihr, was auf den Tisch kommt, in die Schubladen gefüllt und in die Brotbox gepackt wird. Euer Sohn darf dafür entscheiden, was er davon essen möchte und was nicht. Es gibt verschiedene Möglichkeiten dies zu gestalten. Hier mal ein paar Ideen, vielleicht ist etwas passendes dabei:
Überlegt euch, wie viel Süßes an einem Tag so im Angebot sein kann. Dann könnt ihr zum Beispiel eine Süßigkeiten-Schüssel machen und euer Sohn darf sich daran bedienen, wann er mag. Wenn diese leer ist, dann ist sie leer und wird am nächsten Tag wieder befüllt.
Vielleicht ist es auch eine Möglichkeit zum Abendessen alle Lebensmittel auf den Tisch zu stellen und auch ein paar Süßigkeiten darunter zu mischen und dann euren Sohn frei entscheiden zu lassen, was er wann essen mag.
Oder ihr sagt, Süßigkeiten gibt es nur ab und zu mal und sie sind grundsätzlich nicht in unserem Haus verfügbar.
Ihr seht schon, es ist eigentlich gar nicht so wichtig, wie genau euer Weg aussieht, wichtig ist, dass ihr klar seid und diesen mit gutem Gewissen und ohne großen Aufwand in euer Leben integrieren könnt.
Hierbei geht es nicht um strenge Regeln, oder ganz genau abgemessene Mengen, es geht vielmehr um eure Haltung, wie ihr grundsätzliche eure Mahlzeiten gestalten wollt. Es wird natürlich immer wieder Ausnahmesituationen geben, denn das nächste Osterfest, Kindergeburtstag oder der Besuch bei der Oma steht bestimmt an. Und wenn wir eine grundsätzliche, entspannte Haltung dem Essen gegenüber gefunden haben, dann können wir auch die Ausnahmen mit Freude und Leichtigkeit annehmen.
Nun hoffe ich, dass diese Fragen und Gedanken euch dabei helfen, euren Weg zu finden. Denn letztendlich ist es genau das, was wir unseren Kindern mitgeben können. Wir leben vor, wie wir unseren Speiseplan gestalten und unsere Kinder dürfen dies kennenlernen und letztendlich über ihr Leben hinweg ihren eigenen individuellen Speiseplan entwickeln. Wie toll, wenn auf dem Speiseplan Platz für nahrhafte Lebensmittel ist. Und noch schöner, wenn viel Platz für Freude, Genuss und Spaß am Essen und am Miteinander sein darf.