Darum geht es
Ich bin wieder schwanger und kann unseren ersten Sohn nicht mehr so lange tragen. Wie kann ich dabei seinen Frust begleiten, ohne ihn dafür wie gewohnt hochzunehmen?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Liebes Team der Elternberatung,

wir tun uns gerade immer wieder im folgenden Konflikt schwer und wissen nicht, wie wir da richtig mit umgehen sollen.

Ich bin wieder schwanger und kann unseren ersten Sohn (2 Jahre) nicht mehr so lange tragen und hochnehmen. Wir haben uns darauf verständigt, dass in der Regel der Papa ihn dafür unterwegs trägt. Das hat ein bisschen gedauert, aber in der Regel akzeptiert unser Sohn das mittlerweile. Das Problem ist aber, dass ich das nicht mehr leisten kann, wenn ich alleine mit ihm unterwegs bin und er dann unbedingt auf den Arm möchte. Das erkläre ich ihm dann immer geduldig, aber oft quengelt er weiter oder wird richtig wütend.

Wie kann ich dabei seine Wut und Frustration begleiten, ohne ihn dafür hochzunehmen oder auf dem Boden sitzen zu müssen und ihn zu kuscheln? Ich kann und möchte mich auch nicht überall dafür hinsetzen müssen. Oft ist das morgens der Fall (vermutlich ist es die Müdigkeit), auch nachdem wir ausgiebig beim Aufwachen gekuschelt haben und seine Reserven eigentlich voll sein müssten. Ein ähnliches Problem haben wir auch manchmal zu Hause, wenn ich gerade kochen muss oder etwas erledige, dass er wütend wird, weil ich ihm gerade nicht die Nähe anbieten kann. Aber wie begleite ich dann seine Wut ohne dem Wunsch gleichzeitig „nachzugeben“?

Und die zweite Frage, wie gehe ich mit dem Gequengel richtig um? Ich hab es ihm immer wieder erklärt und möchte ihn danach nicht einfach ignorieren, aber das Gequengel lässt einfach nicht nach (z. B. im Kinderwagen), was mich unglaublich stresst. Daher mag ich gerade keine weiten Strecken mehr allein mit ihm zu Fuß oder im Kinderwagen unternehmen. 

Ich hoffe, ihr könnt mir weiterhelfen.

Die Antwort
unserer Expertin.
Frust begleiten auf neuen Wegen
Britta Peitz — FamilyLab Deutschland

Vielen Dank für deine Familienfrage. Ich kann gut nachvollziehen, dass diese Situationen gerade für dich herausfordernd sind. Meine beiden Töchter haben auch einen Altersabstand von 2 Jahren und auch wenn es schon 8 Jahre her ist, dass wir in dieser Konstellation waren, fühle ich mit Dir.

Denn das Nicht-Tragen eines 2-Jährigen ist im Alltag und insbesondere in stressigen Situationen oft schwer umzusetzen. Auf der einen Seite hat man die Worte „Du darfst nicht mehr so schwer heben!“ im Kopf und man spürt auch selbst, dass man an seine eigenen Grenzen kommt und auf der anderen Seite ist da ein vielleicht aufgelöstes Kleinkind, was die Welt nicht mehr versteht, wenn Mama ihn nicht mehr hochheben kann und in ihrer gewohnten Art und Weise trösten kann.

Grenzen der Empathie

Einem zweijährigen Kind fällt es noch schwer sich in andere Menschen hineinversetzen zu können. Zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr zeigen entwicklungspsychologische Studien, dass Kinder die erste Stufe der Empathie, sprich des Mitgefühls für andere, entwickeln. Diese Stufe nennt sich egozentrische Empathie. Sie verstehen, wenn es ihren Mitmenschen nicht gut geht, und helfen zu trösten. Zum Beispiel reichen Kinder, die gerne mit ihrem Teddy zum Trost kuscheln, ihrem Gegenüber auch ihr Kuscheltier. Sie zeigen Verständnis für die Gefühlslage der anderen, können jedoch nicht die Bedürfnisse dahinter begreifen.

Erst gegen Ende des vierten Lebensjahres kann sich ein Kind vorstellen, dass andere etwas anderes als sie selbst fühlen und denken. Hierfür sind die sogenannten Spiegelneuronen im Gehirn verantwortlich, welche sich dann erst voll entwickelt haben. Daher ist es wichtig, dass wir gar nicht viel in diesen Situationen auf sie einreden. Denn anstatt auf das Verständnis zu bauen, ist es viel wichtiger ihnen mithilfe der persönlichen Sprache unsere eigenen Grenzen zu zeigen und ihnen wiederum zu spiegeln, dass wir ihr Bedürfnis wahrnehmen. Hier reicht ein kurzes „Ich will oder ich will nicht…“ gepaart mit der Benennung des Gefühls und Bedürfnisses. „Ich sehe, dass du wütend bist und auf Mamas Arm willst.“

So schwer es in den Momenten auch manchmal sein kann und so sehr wir unseren Kindern ihre Wut oder ihre Traurigkeit auch abnehmen möchten, helfen wir ihnen am meisten, wenn wir einfach bei Ihnen bleiben und wir ihren Gefühlszustand begleiten und ihn auch in gewisser Weise gestatten. Denn genau das fällt uns ja so schwer, denn am liebsten wollen wir sie glücklich erleben. Sobald sie in einen Gefühlszustand von Traurigkeit, Angst oder Wut kommen, fällt es uns durch unsere Verbundenheit mit ihnen so schwer, das auszuhalten.

Die neue Lage akzeptieren

Es ist wichtig, einfühlsam und geduldig mit eurem Sohn zu sein, um ihm zu helfen, mit seinen Emotionen umzugehen. Dafür brauchen wir viel Akzeptanz. Akzeptanz, die morgendliche Situation gerade so anzunehmen, wie sie ist. Das klar und bewusst zu benennen, zeigt eurem Sohn, dass ihr sein Bedürfnis morgens oder abends beim Kochen wahr und ernst nehmt. Akzeptanz gilt so oft als etwas Passives, jedoch ist dies ein großes Missverständnis. Denn wenn wir diesen Konflikt wirklich annehmen und akzeptieren, ist es nicht nur eine intellektuelle Entscheidung, sondern es entsteht aus unserem Herzen und unserem Verstand. Somit ist Akzeptanz ein aktiver Schritt und der Beginn eines lebendigen Prozesses zur gemeinsamen Lösungsfindung. Zeigt eurem Sohn, dass ihr seine Gefühle versteht und akzeptiert. Sagt ihm, dass es okay ist, traurig oder wütend zu sein und dass ihr für ihn da seid, um ihn zu unterstützen.

Wir Eltern spüren oft den Druck, jedes einzelne Bedürfnis unserer Kinder sofort erfüllen zu müssen. Doch dies ist nicht möglich und auch nicht erstrebenswert, wie in eurer morgendlichen beschriebenen Situation oder abends beim Kochen. Gerade mit einer neuen Schwangerschaft, die deine Möglichkeiten verändert, kannst du eben nicht mehr in der gleichen Weise trösten, wie vorher, als dein Kind es gewohnt war, dafür immer auf den Arm genommen zu werden. Ich möchte dir diesen Druck nehmen und Dir das Motto „gut gesehen ist halb erfüllt“ aus Nora Imlaus Buch „Mein Familienkompass“ empfehlen. Denn auch wenn wir nicht ständig alle Anliegen unserer Kinder erfüllen können, können wir ihnen klar signalisieren, dass wir ihre Bedürfnisse wahrnehmen. Und allein das macht emotional einen entscheidenden Unterschied: Mama sieht mich, ich bin ihr wichtig auch wenn mein Anliegen warten muss, was mich frustriert und auch frustrieren darf.

Insbesondere, wenn alles gleichzeitig auf uns einprasselt, hilft es, die verschiedenen Bedürfnisse klar zu benennen und zu sortieren. Wichtig ist auch, dass du auf dich hörst und spürst was du eigentlich in diesem Moment gerade brauchst. Denn nur wenn du selbst gut für dich sorgst, kannst du auch anderen zugewandt helfen.

So dringend die Anliegen deines Sohnes auch sind: Aus einem leeren Krug kannst du nicht schöpfen.

Daher ist ein Umdenken auf dich selbst in den Stressmomenten so wichtig. Das zugewandte Hingucken und schlichte Benennen der Anliegen erfüllen bereits die wichtigsten Bedürfnisse unserer Kinder nach Aufmerksamkeit und Bedeutsamkeit. Und schafft dir Zeit diesen Moment der Wut in einem größeren Kontext zu sehen, so dass du in Ruhe die Situation für dich bewerten kannst und zurück dir zu kommen kannst. Dann können wir uns im nächsten Schritt auch wieder entspannter und vor allem klarer unseren Kindern zuwenden.

Unser elterliches Einfühlen und unsere Empathie sind wichtig, um Kindern Resonanzprozesse zu ermöglichen. Resonanz im Kontext der zwischenmenschlichen Beziehungen bezieht sich auf die Fähigkeit, auf die Emotionen, Bedürfnisse und Signale anderer Menschen einzugehen und angemessen darauf zu reagieren. Es ist ein bedeutender Aspekt sozialer Intelligenz und trägt zur Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen bei.

In Bezug auf eure Situation ist dabei die Körpersprache enorm wichtig. Ich kann Resonanz zeigen, indem ich diese allein körpersprachlich ausdrücke. Sprich, gehe ich zu meinem Sohn in die Hocke und schaue ihm liebevoll in die Augen, wenn er weint? Nehme ich meinen Sohn in den Arm und versuche ihn ruhig durch seine Gefühlslage zu begleiten? Versuche einmal dich auch dabei in der Tröste-Situation zu beobachten und versuche deine innere Haltung auch durch deine Körpersprache ihm gegenüber klar auszudrücken. Nun wird ja, wie du schreibst, mit fortschreitender Schwangerschaft genau dieses in die Hocke gehen oder auf den Arm nehmen zum Problem. Aber auch im Stehen oder Sitzen kannst du mit deiner Haltung und deiner Stimme Ruhe und Zugewandtheit signalisieren, damit dein Sohn wahrnimmt, dass du ihn mit seinen Gefühlen gerade voll beachtest, auch wenn du seinem Wunsch, getragen zu werden, nicht nachkommst.

Neue Wege finden

Deine bisherige Reaktion auf die Wut, Trauer und Angst war, ihn in den Arm zu nehmen. Wir nennen das Resonanzerfahrung. Das war für dich und für ihn eine wunderbare Lösung, um zu zeigen „Ich sehe, dass du traurig bist“ und ihm durch das auf den Arm nehmen sein Bedürfnis nach Orientierung und Zugehörigkeit, oder – was auch immer als Bedürfnis in der Situation fehlte – zu erfüllen. Ein Kind fühlt sich durch die Resonanz der Mutter oder des Vaters oder einer anderen Bezugsperson wahrgenommen. Diese empathische Resonanz trägt dazu bei, dass das Grundbedürfnis nach Geborgenheit gestillt ist.

Dr. Herbert Renz Polster hat uns in unserer Berater*innen-Ausbildung immer das Bild von einem gefüllten Glas erzählt. Sobald unsere Kinder ein gut gefülltes Glas von uns bekommen, können sie wieder ins Explorationsverhalten gehen und die Welt entdecken. Kommt dort wieder etwas ins Schwanken, kommen sie wieder zu uns, trinken ihr Glas aus und haben wieder Sicherheit und Orientierung für ihr Entdeckertum. Bisher habt ihr zwei dieses Glas durch hochheben und tragen gefüllt. Die gute Nachricht ist, dass unser Gehirn ca. 86 Milliarden Zellen hat und diese entwickeln sich nutzungsbedingt. Wenn Schaltkreise wiederholt feuern, in eurem Beispiel: „Wenn ich wütend oder traurig bin, finde ich auf Mamas Arm Trost“, werden diese zu Standardeinstellungen. Wir könnten es also wie eine Art Autobahn sehen. Die Veränderung in der Schwangerschaft, sprich dass ihr zwei in diesen Fällen nun eine andere Abbiegung nehmt und eine neue Straße ausprobiert, wird am Anfang schwer und natürlich wird euer Sohn darüber nicht „jippi ei yeah“ rufen.

Aber sobald wir Erwachsenen innerlich bereit sind, diese neue Straße zu fahren und unsere eigene Unsicherheit darüber überwunden haben, wird es einfacher. Denn auch für dich, deine Verhaltensmuster und die damit verbundenen Gefühle, bedeutet das ja, in Stresssituationen erstmal anders zu reagieren und sich von dem gewohnten Weg zu lösen. Hinzu kommt natürlich die innere Zerrissenheit. Denn du möchtest ja sowohl gut für dein Baby im Bauch und deinen Körper, als auch gut für deinen Sohn sorgen. Jetzt sind da zwei Bedürfnisse, welche miteinander in Widerspruch stehen. In der Fachsprache spricht man von „Ambiguitätstoleranz“. Diese beschreibt die Fähigkeit, widersprüchliche Gefühle aushalten zu können. Sich dieser Ambiguitätstoleranz bewusst zu sein, ist von entscheidender Bedeutung, wenn es darum geht, Kinder auf ihrem Entwicklungsweg gelassen zu begleiten und vor allem für euch beide eine Klarheit in den Situationen zu schaffen.

Dafür brauchen wir in einem ersten Schritt, wie besprochen, die Akzeptanz, dass es gerade einfach so ist und du, auch wenn du es gerne beides vereinen wollen würdest, nicht beide Bedürfnisse gleichzeitig erfüllen kannst. So ist es jetzt und das ist okay. Ihr zwei seid bereit für den nächsten Schritt und dafür muss es deinem Sohn an nichts mangeln. Im Gegenteil, versuche genau darauf zu achten, welches Bedürfnis in den verschiedenen Situationen hinter seinem Verhalten steht.

Nun, da die Schwangerschaft euch auf ihre Weise „zwingt“, neue Wege zu gehen, ist es natürlich wichtig, dass ihr eine alternative Route wählt, die euch beiden gefällt und für dich auch körperlich gut umsetzbar ist. Ich habe mir immer etwas zum Draufsetzen gesucht, so dass unsere große Tochter dann zu mir auf den Schoß klettern konnte oder ich habe mich zu ihr heruntergesetzt oder manchmal, wenn auch das nicht ging, habe ich ihre Hand genommen oder mich mit ihr aufs Sofa gelegt, falls wir zuhause waren. Egal wie eure Veränderung in der jeweiligen Situation aussieht, es muss etwas sein, was vor allem du mit Begeisterung umsetzen kannst. Kinder sind die ersten, die spüren, wenn man etwas macht, nur weil man es halt so macht und dann wird es nicht funktionieren. Ihr braucht quasi eine alternative Route zum Trösten, welche du mit vollem Einsatz, Überzeugung und Klarheit umsetzen kannst. Denn das ist ansteckend und ich bin mir sicher, dass diese Veränderung sehr schnell zu einer vielbefahrenen Autobahn für euch werden kann, so dass ihr schon bald gar nicht mehr über die Veränderung nachdenken müsst.

Herzliche Grüße,

Britta