Darum geht es
Unser Kind ist schüchtern, sehr zurückhaltend und getraut sich kaum, Neues auszuprobieren. Wie können wir ihr Selbstbewusstsein stärken?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Unsere große Tochter (3,5 Jahre) war schon als Baby ein sehr zurückhaltendes und sensibles Wesen. Schon immer konnte sie sich in ihrem „Safe Place“ gut entfalten, jedoch ist es schon immer herausfordernd, etwas zu erreichen, wenn sie in eine neue Situation kommt. Sei es der Schuhkauf bei der fremden Verkäuferin, die geschenkte Wurst beim Metzger oder die Brezel beim Bäcker. Sobald eine fremde Person ihr etwas Gutes tun möchte, versteckt sie sich hinter mir und bekommt keinen Pieps mehr heraus. Eine neue Rutsche ausprobieren, Ponyreiten, eine neue Turngruppe. Sie sagt, dass sie die Dinge unbedingt machen möchte. Ist es dann soweit, versteckt sie sich hinter mir oder klammert sich fest und will einfach nicht.

Im Kindergarten ist sie gut angekommen und traut sich laut der Rückmeldungen der Erzieher meistens auch mitzumachen. Wenn dort jedoch „Neues“ angeboten wird, beispielsweise eine Kette basteln oder draußen im Planschbecken spielen, will sie auch auf keinen Fall mitmachen. Ich frage mich ständig, wie ich sie unterstützen kann, dass sie sich die Dinge zutraut. Denn oft platzen aus diesen Gründen schöne und aufwändig geplante Familienausflüge und alle sind am Ende enttäuscht und unzufrieden.

Wenn man sie zu Hause erlebt, glaubt man nicht, dass sie in unbekannten Situationen solche Probleme hat. Im Gegenteil, sie will eher die Bestimmerin sein und am liebsten alles und für jeden entscheiden.

Ich selbst erinnere mich, dass ich als kleines Mädchen auch sehr schüchtern war und möchte ihr aus diesem Grund noch viel mehr diese Unsicherheit nehmen und sie in ihrem Selbstbewusstsein stärken. Ich hoffe sehr auf Impulse aus eurer Elternberatungs-Community!

Vielen Dank fürs Lesen und liebe Grüße

Die Antwort
unserer Expertin.
Mein Kind ist so schüchtern
Heidy de Blum — FamilyLab Deutschland

Liebe Mama,

vielen Dank für deine Frage und den Einblick in euer Familienleben. Wie schön, dass deine Tochter sich zu Hause sicher und wohl fühlt und hier auch mal ganz bewusst andere Dinge ausprobieren kann.

Ein kleiner Schritt zurück

Nun hast du beschrieben, dass deine Tochter in fremden Situationen erstmal schüchtern und zurückhaltend reagiert. In unserer Gesellschaft ist es oft so, dass wir dieses Verhalten eher negativ bewerten. Allerdings würde ich gerne dazu einladen, einmal den Blick darauf zu werfen, wie sinnvoll dieses Verhalten für deine Tochter ist. Sie beobachtet, prüft, überlegt und spürt erstmal ganz genau in sich hinein und erst wenn sie sich ganz sicher ist, dann möchte sie sich zeigen, wie sie wirklich ist, mit all ihren Facetten.

Schüchternheit kann vorerst schlicht als Charaktereigenschaft verstanden werden und vielleicht hilft es, einen kleinen Schritt zurück zu machen und diese einfach erstmal anzunehmen, ohne sie zu bewerten. Gerade wenn es um neue Erfahrungen in ungewohnten Umgebungen geht – du erwähnst in deiner Anfrage Ponyreiten und eine neue Turngruppe – kann Schüchternheit auch ein sehr gesunder Ausdruck der eigenen Grenzen sein. „Das ist für mich noch nichts!“, sagt deine Tochter dann vielleicht mit ihrem Verhalten und das ist voll okay so. Ob wir viele neuartige Eindrücke genießen oder wie wohl wir uns stattdessen in Gewohntem fühlen, variiert von Mensch zu Mensch.

Nun hat deine Tochter mit ihren 3,5 Jahren schon eine weitere, wichtige Erfahrung gemacht und ist im Kindergarten gut angekommen. Das ist ein richtig großer Schritt für alle Kinder und wie toll, dass sie sich auch an diesem neuen Ort sicher genug fühlt, um meistens mitzumachen! Dadurch hat sie schon eine ganz wertvolle Erfahrung gemacht, denn sie weiß jetzt, dass sie, auch außerhalb von eurem Zuhause, immer mehr sie selbst sein kann.

Deine Tochter ist gerade 3,5 Jahre alt und hat schon wirklich große Schritte gemeistert! Nun würdest du gerne wissen, wie du deine Tochter weiterhin gut unterstützen kannst. Du schreibst, dass du als Kind selbst schüchtern warst und sie deshalb so gut wie möglich begleiten möchtest. Vielleicht kannst du noch einmal in dich hinein spüren, wie es für dich als Kind so war. Wurdest du mit deiner Schüchternheit angenommen, oder hattest du das Gefühl, dass diese Verhaltensweise eher abgelehnt wurde?

Dass du diese Erfahrungen gemacht hast, kann eine richtig große Ressource sein. Oftmals hilft es, sich bewusst zu machen, was du als Kind gebraucht hättest oder was dir wirklich geholfen hat, mit schwierigen Situationen gut zurechtzukommen.

Ich bin mir sicher, dazu wird dir einiges einfallen. Wie geht es dir heute mit deiner Schüchternheit? 

Nachdem du diese kleine Reise in die Vergangenheit getan hast, möchte ich dich dazu ermutigen, diese Erkenntnisse einfach anzunehmen, vielleicht aufzuschreiben und dann erstmal in einem Briefumschlag beiseite zu legen. Denn dann kannst du deinen Blick voll und ganz auf deine Tochter richten. Vielleicht kannst du ganz neugierig beobachten:

Was genau hilft deiner Tochter, sich auch auf neue Situationen einzulassen?
Was lief gut bei der Eingewöhnung in den Kindergarten?
Unter welchen Umständen kann sie sich öffnen und woran könnte es liegen?

Und dann könnt ihr gemeinsam herausfinden, was deine Tochter braucht, um sich immer mal wieder zu trauen. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich habe als Mama oft dazu tendiert, meinem Kind schwierige Situationen einfach abzunehmen. Aber ich glaube, dass Kinder die Möglichkeit brauchen, immer wieder Herausforderungen meistern zu können.

Wenn ich an dein Beispiel beim Bäcker denke:
Anstatt die Brezel vom Bäcker einfach zu nehmen, weil du vielleicht vermutest, dass dies eine potenziell schwierige Situation sein kann, würde ich immer wieder fragen: „Magst du die Brezel heute nehmen?“

Wenn deine Tochter es verneint, könnt ihr im Nachgang überlegen:
„Hast du eine Idee, wie es für dich leichter wäre, die Brezel zu nehmen?“ Oder du kannst ihr auch davon erzählen, dass du dich selbst noch daran erinnerst, wie komisch sich solche Situationen für dich als Kind angefühlt haben und du ihre Zurückhaltung absolut nachvollziehen kannst.

Dann könnt ihr gemeinsam kreativ werden und einfach immer wieder dran bleiben in dem vollen Zutrauen, dass deine Tochter, wenn sie für sich soweit ist, die Brezel mit vollem Stolz ergreifen wird.

Dies ist jetzt nur ein ganz kleines Beispiel, aber so würde ich ihr immer wieder liebevoll die Möglichkeit geben, es zu versuchen – mit absolutem Vertrauen, dass sie immer wieder neue kleine Schritte gehen wird.

Denn wenn du dieses Vertrauen in dir wachsen lässt, wird auch deine Tochter dieses Vertrauen spüren und es wird auch in ihr stärker werden.

Vielleicht ist es manchmal hilfreich, einen Blick in den Briefumschlag zu werfen, um Ideen zu finden, was deiner Tochter helfen könnte. Vielleicht ist es aber gar nicht notwendig. Vielleicht findet deine Tochter ihren eigenen ganz individuellen Weg. Hilfreich ist auf jeden Fall, wohlwollende Erwachsene an ihrer Seite zu haben, die ihr das Gefühl geben, dass sie genauso wie sie ist richtig ist.

Somit kommen wir auch zu dem letzten Punkt aus deiner Frage: Selbstbewusstsein. Das ist für mich ein sehr wichtiger Punkt. Wir sprechen oft von Selbstbewusstsein, doch ich würde gerne zwei andere Begriffe unterscheiden: Selbstvertrauen und Selbstgefühl.

Selbstvertrauen bedeutet, dass ich weiß, was ich gut kann, zum Beispiel: Ich bin gut in Mathematik. Selbstvertrauen bezieht sich also immer auf eine Leistung. Je besser ich also in Mathematik bin, desto mehr Selbstvertrauen habe ich auf diesem Gebiet.

Das Selbstgefühl hingegen blickt eher auf unser „Sein“. Wenn ich ein gutes Selbstgefühl habe, dann fühle ich mich in meinem Kern angenommen und als Mensch wertvoll. 

Manchmal bringen wir diese beiden Begriffe durcheinander und schmeißen „Können“ und „Sein“ in einen Topf. Dann loben wir vielleicht die Leistung unseres Kindes in der Hoffnung, das Selbstgefühl zu steigern. Beide Dimensionen sind wichtig und für unterschiedliche Aspekte unseres Lebens bedeutsam und es ist sinnvoll, sich diesen Unterschied bewusst zu machen.

Für unsere Kinder ist es also hilfreich, wenn sich beides auf gesunde Art entfalten kann. Um Selbstvertrauen zu stärken, ist sachliches Feedback hilfreich sowie auch Unterstützung und Aufmunterung. Durch Erfahrungen, bei denen Kinder ihre eigene Kompetenz erleben, verinnerlichen sie: „Ich kann das!“.

Um hingegen ein gesundes Selbstgefühl zu stärken, brauchen Kinder Menschen, die ihnen wohlwollend entgegentreten. Die Schüchternheit deiner Tochter steht der Entwicklung von Selbstgefühl und Selbstvertrauen also nicht im Weg, auch wenn sie sich beim Erkunden neuer Umgebungen und Erfahrungen mehr Zeit lässt als Gleichaltrige. Kinder wollen angenommen und anerkannt werden, so wie sie sind, und sie brauchen das Vertrauen, dass sie ihren Weg gehen werden. 

Deshalb wünsche ich dir, dass du offen und neugierig an der Seite deiner Tochter sein kannst. Ich bin mir sicher, dass es auch viele frustrierende Momente im Familienleben gibt, weil es vielleicht (noch) nicht so klappt, wie ihr es euch gewünscht habt.

Aber wenn ihr eurer Tochter weiterhin das Gefühl gebt, dass sie so, wie sie ist, in eurer Familie herzlich willkommen ist, dann werdet ihr staunen, wie sich dieses Wesen noch entwickeln wird.

Auf diesem Weg wünsche ich euch von Herzen alles Gute.