Darum geht es
Der Erziehungsstil der Kita ist völlig anders als zuhause. Schadet das dem Kind? Und wie gehen Eltern damit um, wenn sie die pädagogischen Ansätze der Einrichtung ablehnen?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Liebes Good-Enough-Parents-Team,

seitdem unsere Tochter (gerade 3 Jahre alt geworden) in die Krippe beziehungsweise mittlerweile in den Kindergarten geht, erlebt sie dort eher die autoritäre Erziehung, zwar nicht mehr in der „krassen“ Form, wie ich es als Kind noch erlebt habe, aber eben auch noch lange nicht bedürfnisorientiert.

Nur um einige Beispiele zu nennen: Wenn ein Kind hinfällt, wird direkt gesagt: „Ist nichts passiert, das Aua fliegt jetzt schon wieder weg.“ oder es wird erwartet, dass ein 3-jähriges Kind die Sachen, mit denen es gerade gespielt hat, auch direkt wieder wegräumt – ohne Hilfestellung.  Oder es wird gesagt, dass die Mama ohne das Kind geht, wenn es jetzt nicht mit der Mama nach Hause geht oder gefragt, ob man als Erzieher*in selbst mit der Mama mitgehen soll und das Kind dafür im Kindergarten bleibt. Bei solchen Aussagen blutet mein Mamaherz so sehr, weil ich, seitdem ich mich mit der bedürfnisorientierten Erziehung beschäftige, genau weiß, welche Auswirkungen diese Reaktionen und Aussagen haben können und ich mich genau deshalb für den bedürfnisorientierten Weg entschieden habe, um mein Kind davor zu bewahren und aus ihr einen Menschen zu machen, der mit seinen Gefühlen umgehen kann, selbstbewusst ist und eigenständige Entscheidungen treffen kann.

Meine Tochter geht für 5 Stunden in die Betreuung und ich habe echt totale Bedenken, dass diese autoritären Einflüsse ihr schaden könnten und das, was ich mit meiner bedürfnisorientierten Erziehung bewirken möchte, hinfällig wird, weil sie es dort eben anders kennenlernt. Die Zeitspanne ist ja auch nicht gerade klein und sie verbringt nun mal die Hälfte des Tages in dieser Umgebung. Genauso ist es bei den Großeltern, die uns Kinder bereits autoritär erzogen haben und das bei ihren Enkelkindern jetzt genauso durchziehen, zwar in Ansätzen schon versuchen, beispielsweise Gefühle nicht kleinzureden, weil ich bereits das Gespräch gesucht habe und versucht habe, bedürfnisorientierte Erziehung näher zu bringen, aber im Grundsatz ist das eben so fest verankert, dass es denen total schwer fällt anders zu reagieren. Ich versuche deshalb, sie schon so wenig Zeit wie möglich mit den Großeltern verbringen zu lassen, weil ich nicht auch noch möchte, dass sie hieraus noch einen größeren autoritären Einfluss bekommt.

Unsere Tochter ist zu ihrer kleinen Schwester total liebevoll und spiegelt auch das Verhalten, welches wir ihr gegenüber an den Tag legen (Sie nimmt sie in den Arm, wenn sie weint, fragt was los ist, sagt ihr, dass sie da ist und so weiter), auch im Spiel, wenn sie ihre Rollenspiele spielt.
Es kommt allerdings auch vor, dass sie sagt: „Du musst nicht weinen!“ und da kräuseln sich mir echt die Fußnägel hoch, wenn ich das höre und versuche dann auch direkt, wenn ich es mitbekomme, einzugreifen, und zu sagen: „Es ist okay zu weinen, alle Gefühle sind okay“. Auf Dauer habe ich nur totale Bedenken, dass ich da so sehr gegensteuern muss und den Kampf dann vielleicht nicht gewinne und sie mehr von der autoritären Erziehung annimmt als von unserer bedürfnisorientierten Herangehensweise. Das möchte ich natürlich auf keine Fall. Wie geht man mit der Situation um?

Die Antwort
unserer Expertin.
Schadet der Erziehungsstil der Kita meinem Kind?
Dr. Nicole Wilhelm — FamilyLab Deutschland

Drei Tage nachdem mein Sohn in den Kindergarten kam, rannte er zu mir, weil sein jüngerer Bruder ihn an den Haaren gezogen hatte, und forderte vehement: „Der soll jetzt Ärger kriegen!“

Ich brauchte eine ganze Weile, bis ich mich sortiert hatte: Wie will ich damit umgehen? Schadet der Kindergarten meinem Kind? Soll er da überhaupt noch hingehen, wenn er dort lernt, dass es normal ist, für unerwünschtes Verhalten „Ärger zu kriegen“?

Und gleichzeitig ahnte ich, dass darunter noch eine tiefergehende Lebenslernaufgabe steckte, die ich damals noch nicht richtig greifen konnte und die mich bis heute in meinem Muttersein schmerzlich begleitet: Die Akzeptanz, dass ich – egal wie gut ich es mache – nicht alles Schädliche von meinem Kind fernhalten kann. Das kann mir einfach nicht gelingen, keinem Menschen kann das gelingen.

Das zu akzeptieren war für mich als Mutter eine der härtesten Lebenslektionen.

Auch weil ich Stück für Stück erkannte, dass ich, wie alle anderen Menschen auch, unbewusste, in meiner eigenen Kindheit erworbene Muster in mir trage, die – na ja sagen wir mal – nicht ganz so förderlich sind.

„Wir sind nicht allmächtig, wir sind aber auch nicht ohnmächtig.“ Dieser Satz von Mathias Voelchert ermutigt mich, meinen eigenen Handlungsraum darin zu erkennen und zu nutzen. Ich kann nicht alles Schädliche fernhalten, auch weil sich mein Kind in einem solch engen Kokon nicht entwickeln könnte, doch ich kann es begleiten, Verletzungen wahrzunehmen und handlungsfähig zu sein, um für die eigenen Grenzen einstehen zu können.

Dafür ist es aus meiner Sicht wichtig, eine gute Balance zu finden: Wann mute ich meinem Kind das Leben mit all seinen Erfahrungen zu, damit es stark wird und in dieser Welt bestehen kann? Und wann ist es Zeit zu helfen und einzuschreiten, weil die Erfahrung zu heftig ist und mein Kind dadurch eher beschädigt als stärker wird?

„Frustriert es oder schadet es?“ Dieser Satz stammt auch von Mathias Voelchert und er hat mir oft geholfen, meinen Punkt zu finden, wo es aus meiner Sicht notwendig ist, einzuschreiten. Denn Frustration ist ja eine notwendige Zutat für Entwicklung. Was nicht bedeutet, dass ich meine Kinder absichtlich frustriere, jedoch ist es wichtig, nicht sämtliche frustrierende Erfahrungen von Kindern fernzuhalten, damit sie eigenmächtig werden. Dieses „Ich schaffe das“ ist aus meiner Sicht ein ganz wichtiges Lebensgefühl, und dafür müssen wir manche Herausforderungen selbst gelöst haben; auch solche, die aus dem Verhalten anderer Menschen resultieren.

Diese Frage, wann ich meinem Kind helfend oder schützend zur Seite stehe, ist nicht ganz einfach zu beantworten, weil ich ja nur vermuten kann, wie das von meinem Kind Erlebte auf mein Kind wirkt. Denn jeder Mensch nimmt die Welt ja auf seine ganz eigene Weise wahr.

Als mein Sohn mit vier Jahren beim Kinderarzt war, sagte der: „Ich gucke jetzt mal, ob beide Hoden im Hodensack sind.“, und zog ohne zu fragen die Unterhose herunter. Mein Sohn war so empört, dass er nie wieder zu diesem Arzt gehen wollte. Meine Freundin war mit ihrem 4-Jährigen eine Woche zuvor beim gleichen Arzt, und als ich ihr das erzählte, meinte sie, für ihren Sohn sei das überhaupt kein Problem gewesen. Was für meinen Sohn im höchsten Maße integritätsverletzend war, kann für das andere Kind okay gewesen sein. Auch das wissen wir nicht, wir können über die Integrität eines anderen Menschen nur Vermutungen anstellen.

Was ich tun kann, ist beobachten, mich mit meinem Kind und anderen Menschen austauschen und versuchen, eine gute Entscheidung zu treffen. Auch in dem Wissen, dass unsere Kinder nicht dieselben Wunden tragen wie wir.

Wenn ich mir alles genau angeschaut habe, ist es letztlich auch eine Frage der Abwägung. Was, glaube ich, ist der Preis dafür, wenn mein Kind in diesen Kindergarten geht? Und was wäre der Preis dafür, wenn er nicht hinginge oder den Kindergarten wechseln würde? Und klar, Kinder ab dem Kindergartenalter brauchen andere Kinder für ihre Entwicklung, das ist ja ein grundlegendes Bedürfnis.

Oder der Besuch bei den Großeltern: Wie sehr schadet das Beziehungsverhalten der Großeltern? Und was würde mein Kind Gutes und Hilfreiches für seinen Lebensweg mitbekommen, wenn es seine Großeltern erlebt? Wenn es die Beziehungsgestaltung der Erwachsenen erlebt, gerade auch bei Konflikten?

Für mich persönlich spielt bei dieser Abwägung eine sehr wichtige Rolle, ob die Erwachsenen sich über die Existenz des Kindes freuen. Wenn man durch die Eingangstür des Kindergartens kommt, wenn die Großeltern die Tür öffnen: Ist da Freude auf den Gesichtern zu erkennen? Habe ich den Eindruck, meine Kinder haben im Zusammensein mit ihnen das Gefühl, herzlich willkommen zu sein? Das ist für mich viel wichtiger als einzelne kleine Situationen, mit denen ich vielleicht nicht so einverstanden bin.

Wie sehr schadet es meinem Kind, wenn es hinfällt und hört: „Ist nichts passiert“? Ich denke, wenn ein Kind viele Male erfahren hat, dass Gefühle willkommen und hilfreich sind, sind diese Lernerfahrungen in einer solchen Situation ja nicht weg. Und es ist dann an deiner Tochter, all die angebotenen Sätze und Mustern zu erproben und zu schauen, was für ihr Leben am besten taugt. Und wie du schreibst, scheint sie genau das zu machen: Mal ist sie ihrer Schwester zugewandt und mal sagt sie: „Du musst nicht weinen.“ Ich glaube, sie experimentiert, um für sich herauszufinden, wie sie es machen will.

Ich vertraue darauf, dass sie für sich selbst eine gute Wahl treffen wird, denn wenn Menschen in förderlichen Beziehungen leben, in denen sie ihre eigenen Gefühle und die anderer wahr- und ernstnehmen dürfen, und in denen sie selbst wahr- und ernstgenommen werden, lernen sie, liebevolle Beziehungen zu gestalten.

Ich glaube, wir sollten Kinder nicht unterschätzen, schließlich sind sie für Herausforderungen gemacht.

Sie brauchen nicht rund um die Uhr das bestmögliche Angebot, im Gegenteil – dann könnten sie nicht lernen, auch mit den Herausforderungen des Lebens zurechtzukommen – das gilt, solange Kinder nicht ernsthaft beschädigt werden.

Einschreiten würde ich, wenn Kinder für ihre Gefühlsäußerungen beschämt würden oder wenn große Angst entstehen kann, zum Beispiel wenn gesagt wird, dass die Mama ohne das Kind geht. Da wollte ich mein Kind anschauen, in den Arm nehmen und klarstellen: „Ich hole dich IMMER ab, IMMER.“ Und ich wollte zur Fachkraft in aller Freundlichkeit sagen: „Ich will nicht, dass sie so etwas zu meinem Kind sagen – kann ich das von ihnen haben?“ In aller Freundlichkeit, das ist mir dabei besonders wichtig. Denn ich wünsche mir eine Welt im Miteinander, wo wir einander nicht abwerten oder verkehrt machen, auch dann nicht, wenn wir unterschiedliche Vorstellungen haben. Diese Gleichwürdigkeit zu leben, darin übe ich mich jeden Tag, denn ich glaube, unser Tun macht auf unsere Kinder einen tiefen Eindruck.

Ich wünsche dir eine schöne Lebensreise mit deinem Kind und ich freue mich sehr, dass dein Kind eine Mama hat, die es so liebevoll begleitet!

Herzliche Grüße
Nicole