Ehrlich gestellt.
Hallo liebes Familylab-Team,
unser Sohn (3,5 Jahre alt) will nicht aufs Klo gehen. Von klein auf haben wir immer wieder das Töpfchen angeboten. Interesse war wenig da. Wie meistert man den Übergang von der Windel zur Toilette?
Immer mal wieder setzt er sich aber aufs Töpfchen oder aufs Klo mit Toilettensitz. Es klappt auch schon ganz gut, das große und kleine Geschäft ins Klo zu machen. Meistens abends. Neulich lagen wir schon im Bett, als er plötzlich sagte, er müsse Pipi, wir sind nochmal aufgestanden und er hat Pipi gemacht. Ich habe ihn sehr bestärkt, dass ich es gut finde, dass er es gesagt hat und nicht einfach in die Windel gemacht hat.
Allerdings – und jetzt kommen wir zu dem Punkt, an dem wir nicht weiterkommen – will er immer eine Windel anziehen. Gerade am Wochenende oder mittags nach dem Kindergarten frage ich oft, ob wir die Windel weglassen und eine Unterhose anziehen. Je mehr ich ihn motiviere oder dränge, desto mehr macht er zu und stampft wütend mit dem Fuß auf, dass er seine Windel behalten will.
Wir haben auch zwei Bücher übers „aufs Klo gehen“, die wir viel lesen und immer wieder sagt er, er will später auch mal aufs Klo wie Conni oder Mia (die Kinder aus dem Buch). Aber so recht kommen wir nicht weiter.
Was können denn Gründe für diese Klo-Verweigerung sein? Ich habe den Eindruck, er hat Angst, die Windel zu verlieren. Weil wir halt auch immer wieder davon sprechen, dass „Große“ aufs Klo gehen. Er sagt dann oft auch ma:
Dass er nur zu faul ist, glaube ich nicht, es steckt wohl etwas mehr dahinter.
Wie können wir ihn denn unterstützen, die Toilette besser anzunehmen und ihm die Sache näherbringen oder erleichtern, ohne ihn zu verängstigen?
Tausend Dank für Tipps und Ratschläge.
unserer Expertin.
Liebe Eltern und liebe Interessierte,
wie ihr schreibt, war das Interesse eures Kindes am „Trockenwerden“ bisher nicht so groß, eher spielerisch. Ihr habt ihm gezeigt, dass der Toilettengang ein Ereignis ist, das für euch Erwachsene etwas ganz Normales ist, was ihr bei ihm jedoch bemerkenswert findet, wenn ihr ihn dafür lobt. Damit wurde dieses Prozedere für euer Kind interessant und es hat dann immer mal wieder damit experimentiert. Mal mit dem Topf, mal mit dem Kindersitz auf dem WC, wurde es für ihn spannend, was da aus ihm herauskam.
Ihr habt nun über drei Jahre eine intensive Zeit des Windelns miteinander erlebt. Da ging es nicht nur ums Saubersein, ihr habt auch durch diese wiederkehrenden Pflegesituationen eine vertrauensvolle Beziehung aufgebaut. Euer Kind wurde täglich mehrmals an seinen intimsten Zonen berührt. Meist in liebevoller, ruhiger, zugewandter Atmosphäre. Sich davon zu lösen, braucht Zeit und Verständnis für die Phasen des Übergangs. Wenn Eltern beim bisher vertrauten Windelwechseln nun ungeduldig werden, kann es sein, dass das Kind Sorge hat, diese vertraute Zeit miteinander zu verlieren.
Die üblichen Entwicklungsschritte
Das „Trocken- oder Sauberwerden“ findet in ganz individuellen Phasen statt. Mit etwa 20-24 Monaten können manche Kinder schon sagen, dass Kot in der Windel ist. Etwas später werden manche es schon ankündigen, dass da was kommt und sie können dann vielleicht auch noch warten, bis die Kleidung geöffnet wurde. Etwas länger abwarten können Kinder erst ab etwa 3 Jahren. Was sich jetzt mit 3,5 Jahren wohl bei eurem Kind entwickelt, ist die Wahrnehmung des Stuhl- und Harndrangs, die dazu führen wird, dass er bald die Toilette nutzen wird, wahrscheinlich immer sicherer tagsüber; nachts brauchen Kinder oft noch deutlich länger.
Eltern, die das „Windelfrei-Konzept“ umsetzen, lenken ihren Blick auf die kleinen Signale, die ihr Kind kurz vor dem Entleeren der Blase zeigt, und machen dann das Angebot, ins Töpfchen oder WC abzuhalten. Weitere Angebote machen sie oftmals zu wiederkehrenden Zeiten nach dem Trinken oder Essen und so entwickelt sich eine gemeinsame Routine. Daraus sollte kein Training werden. Viele Eltern unterbrechen die Routine des Abhaltens für einige Zeit, wenn andere Entwicklungsschritte herausfordernder werden, zum Beispiel die Bewegungsentwicklung oder die Autonomieentwicklung. Dann greifen auch hier die Eltern zeitweise zu Windeln oder Windelhöschen, damit das Kind keinen Druck erlebt und sie als Eltern nicht zu viel Arbeit haben. Und ich denke, darauf kommt es an.
Wahrscheinlich begann es bei eurem Kind irgendwann im zweiten Lebensjahr, als er das erste Mal gespürt hat, dass der Druck im Bauch stärker wurde, und er entdeckte, dass dies mit seinen Ausscheidungen zu tun hatte. Da in dieser Zeit viele Entwicklungsschritte zu meistern waren, hat er es aber auch immer wieder vergessen. Die Windel war ein hilfreicher Begleiter.
Zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr bilden sich neuronale Verbindungen zwischen Gehirn und Blase sowie Darm und das Kind kann den Druck, der von dort kommt, wahrnehmen. Es kann aber lange nicht steuern, wann die Blase überläuft. Das tut sie, nachdem sie allmählich immer voller wurde, nämlich ganz plötzlich. Und dieses Geschehen ist es, was euer Kind mittlerweile wohl deutlicher wahrnimmt. Er experimentiert mit dem Halten und Loslassen von Urin und Stuhl. Er lernt wieder etwas Neues von sich kennen und er braucht Übung und eure Zuversicht, dass er bald selbst wissen wird, wann er losgehen muss, damit nichts in die Hose geht. Und manchmal wird es einfach noch überlaufen, wenn die Blase voll ist. Ich spreche hier ungern von Unfällen, Unglück oder ähnlichen Bezeichnungen, das beschämt das Kind, denn das plötzliche Überlaufen ist ein normales Geschehen. Dafür kann das Kind nichts. Es braucht dann auch eine respektvolle Sprache und einen geschützten Raum, um sich umziehen zu können. Und wie ihr schreibt, trifft er da auf euer Verständnis. Wie kommuniziert er und was hilft ihm?
Das eigene Tempo
Ich beglückwünsche euch, denn eigentlich sagt er schon ziemlich genau, worum es bei ihm geht. „Er will später auch mal aufs Klo gehen wie Conni“, und „Ich bin noch klein“.
Damit zeigt er seine Motivation zu kooperieren, jedoch ist es noch nicht so weit. Mit irgendwas ist er noch nicht sicher genug, er braucht seine Windel, und das ist kein Spiel. Der Druck durch die hohe Aufmerksamkeit, die das Thema für ihn bekommen hat (auch wenn ihr das von eurer Seite nicht so erlebt) kann groß sein.
Manche Kinder sind anfangs ohne Windel ziemlich irritiert. In der Windel ist es warm und gut gepolstert. Nur mit Unterhose oder nackig, kommt es zu anderen Empfindungen, die vielleicht auch erst ein bisschen unklar sind. Es ist leichter, die Geschlechtsteile zu fühlen oder anzufassen. Manche Kinder fühlen sich dann stimuliert, haben schöne Gefühle und sind davon ganz eingenommen und können sich dabei nicht auf Anderes einlassen. Sie müssen sich auch daran erst gewöhnen. Das ist im Sommer mit viel nackter Haut sehr viel leichter, da wird es auch selbstverständlicher und nachvollziehbarer, das „Pipi machen“ zu beobachten.
Du schreibst: „Je mehr ich ihn motiviere oder dränge, desto mehr macht er zu und stampft wütend mit dem Fuß auf, dass er seine Windel behalten will.“ Damit zeigt er, dass er sich bedrängt fühlt, er ist mitten im Lernprozess und noch nicht fertig damit. Er will den Zeitpunkt bestimmen. Das gehört zu seiner Autonomieentwicklung und ist wichtig. Auch beim Laufen lernen kommt der Impuls zum ersten freien Schritt ohne Hilfe, meist zu individueller Zeit. Das trifft auch beim Entschluss die Windel zu verabschieden zu und hat mit der gewonnenen Kompetenz zur Regulation von Blase und Darm zu tun.
Es gibt Kinder, deren Vorhaben, die Windel wegzulassen, schon deutlich früher dominant ist, und bei denen die Eltern noch nicht bereit sind, dies zu begleiten. Wenn dann von Seite der Erwachsenen auf die Windel beharrt wird, kann es sehr lange dauern, bis das Kind sich wieder verabschieden will. Dies trifft bei euch aber nicht zu.
Nun sagt ihr vielleicht: „Wir wollen ihm doch helfen und wir machen ihm nur Angebote.“ Wahrscheinlich funkt ihr da auf verschiedenen Wellen. Ich nehme an, er erlebt bereits das Angebot als Druck.
Was wir Eltern als hilfreich ansehen, ist für die Kinder oft schon eine beschämende Erfahrung. Wissen die Kinder doch längst, worauf wir hinauswollen. Wenn Eltern das Kind erinnern, „Damit das nicht wieder in die Hose geht!“, erlebt sich das Kind kritisiert oder schon als falsch. Zu seiner Autonomiefindung gehört es, selbst entscheiden zu können, jedoch nicht allein damit zu sein, wenn es „noch nicht gelingt“.
Meine Empfehlung wäre folgende:
S
Schaut einmal wieder auf euren Sohn mit Neugierde, was ihn gerade sonst so beschäftigt und interessiert. Besprecht als Elternpaar, wo ihr das Gefühl habt, zu oft „zu erinnern oder anzubieten“, wann ihr freundlich dabei sein könnt und ab wann ihr gereizt reagiert. Wählt einen guten Moment aus, um eurem Sohn zu sagen, dass ihr sicher seid, dass er auch bald selbständig auf die Toilette gehen wird und dass das vielleicht noch ein Weilchen dauern kann. (Manche Kinder brauchen sehr viel länger. 3,5 Jahre ist nicht zu alt, ihr habt nichts versäumt!). Wenn ihr es aushaltet, sagt ihm auch, dass er die Windel haben kann, solange er das möchte und er ganz allein bestimmen kann, wann er sie haben will und wann nicht.
Ich glaube, er würde sich entlastet fühlen, wenn ihr ihn nur dann erinnert, wenn er dazu eingewilligt hat und wenn ihr die Bücher zum Thema nur lest, wenn er sie auswählt.
Was hilft euch Eltern dabei? Ihr beobachtet sicherlich, dass er manchmal nicht spürt, dass er muss, weil er mit voller Aufmerksamkeit bei etwas Wichtigerem ist, und wollt ihm dann helfen, das wahrzunehmen. Das hilft meist nicht, außer ihr findet einen Moment, in dem ihr ihn freundlich ansprechen könnt und er sich einladen lässt. „Ich sehe du ruckelst so hin und her, ich glaube du könntest jetzt auf die Toilette gehen. Willst du es alleine versuchen oder soll ich dich begleiten?“, so könnte ein Angebot lauten. Vielleicht kann er darauf eingehen oder er muss „Nein!“ sagen, (obwohl es stimmt), weil er sich in dem Moment nicht von außen bestimmen lassen kann. Wenn ihr ihn dabei ernst nehmen könnt, hilft es euch allen.
Oftmals führe ich diese Beratungsgespräche und es stellt sich dabei heraus, dass die Idee, Abschied von der Windel nehmen zu wollen, aus einer ganz anderen Ecke kommt. Steht ein Kitawechsel bevor und die Erzieher*innen wollen keine Windel mehr erlauben, oder kommen vergleichbare Ansagen aus der Einrichtung? Ein Urlaub mit Großeltern, die sagen, dass das doch schon längst ohne Windeln gehen sollte? Vergleiche mit anderen Eltern und Kindern, die es schon „geschafft“ haben?
Erinnert euch an die großen Entwicklungsschritte, die euer Kind und ihr schon bewältigt habt. Ganz sicher wird er das Loslassen meistern. Reif zum Leben ohne Windel wird jedes Kind zu seiner Zeit.
Mit besten Grüßen
Astrid Draxler