Ehrlich gestellt.
Ich schreibe euch, weil wir gerade echt verzweifeln beim Zähneputzen mit unserer Tochter. Sie ist 16 Monate alt. Wir haben einfach alle Tricks schon durch, die es spielerisch und spaßig machen könnten. Heute Abend hat zum Beispiel einer von uns verrückt zu Musik getanzt, was unsere Tochter immer superwitzig findet und der andere hat versucht, bei ihr zu putzen.
Dann gab es Pausen zum Tanzen für alle. Alle Putzen gemeinsam, wir Putzen gegenseitig, Lieder singen, Kitzeln, Lachen, Faxen machen, Ablenken, alle(!!!) Arten von Zahnbürsten…NICHTS HILFT! Wie soll ich denn mit der Situation umgehen?
Sie drückt den Mund so doll zu, dass wir ihr wirklich weh tun müssten, um irgendwie an die Zähne zu kommen. Das Einzige, was sie gern mag, ist Zahnpasta auf die Bürste drücken.
In allen Foren lesen wir nur Sachen wie „dann wird es halt notfalls etwas gröber“ oder „einfach hinlegen, festhalten, was muss, das muss“ und das macht mich gerade echt unsicher.
Tja und dann komme ich immer wieder ins Abwägen, was mir wichtiger ist: Gesunde Zähne oder ihr Vertrauen in uns, das wir ihr nicht willentlich weh tun? Und da komme ich immer bei Nummer 2 raus. Das heißt, aber in der Konsequenz, dass längerfristig ihre Gesundheit Schaden nehmen könnte. Und dann fangen meine Gedanken an zu kreisen. Doch lieber jetzt was richtig Blödes tun, damit es später besser für sie ist?
Vielleicht geht es anderen Familien auch so? Vielleicht könntet ihr in der Elternberatung mal drüber schreiben? Das würde uns sehr helfen.
unserer Expertin.
Liebe Eltern,
in vielen Familien führt das Thema „Zähneputzen“ regelmäßig zu stressigen Situationen, vor allem Abends, wenn alle „durch sind“, und bringt uns Eltern in ein Dilemma: Einerseits tragen wir die Verantwortung dafür, dass es den Kindern gut geht, sie gut versorgt werden, vernünftig essen, genügend Schlaf bekommen und dass sie, wenn möglich auch regelmäßig die Zähne putzen um sie so vor Karies – also ihre physische Gesundheit – zu schützen. Andererseits wollen wir sie ja auch ernst nehmen, ihre Integrität und ihr Vertrauen in uns bewahren, unsere Macht (wir sind ja zweifelsohne stärker) nicht missbrauchen oder übergriffig sein. Und nicht zuletzt haben wir ja noch die gut gemeinte Empfehlung des Kinder- oder Zahnarztes im Hinterkopf: Regelmäßig Zähneputzen!!! Was für ein Druck, der da auf uns lastet und erst recht, wenn wir es mit einem Kleinkind zu tun haben, welches, wie in Ihrem Fall beschrieben, so gar nicht mitmachen will – oder kann.
Gerne möchte ich meine Gedanken dazu teilen, da dieses Thema auch immer wieder in meinen Eltern-Kind-Kursen aufkommt und zeigt, dass es in den verschiedenen Altersstufen herausfordernd sein kann – für Eltern und Kind.
Kinder wollen kooperieren
Sätze wie „was muss, das muss“ oder „einfach hinlegen und festhalten“ beschreiben ja einen Machtkampf, bei dem es für mich nur Verlierer gibt und die auf beiden Seiten. Glaubenssätze, wie „Du musst deinem Kind zeigen, wer der Chef ist.“ oder „Da müssen sie durch.“, sind noch immer in vielen Eltern wirksam (wir haben es selbst als Kinder oft so erlebt) und hindern uns daran, mit unseren Kindern in einen wahrhaften Kontakt, in Beziehung zu kommen.
Kinder wollen mit uns kooperieren und ihre Tochter hat bestimmt einen guten Grund dafür, warum sie gerade nicht mitmachen kann. Nicht selten sind zum Beispiel Backenzähne am Durchbrechen, wodurch das Zahnfleisch sehr schmerzempfindlich ist, oder Abends ist die Müdigkeit schon zu groß (der Kooperationsrucksack des Kindes ist leer), die Zahnpasta mit ihrer Konsistenz und ihrem Geschmack fühlt sich im Mund unangenehm an und so weiter.
Und wir dürfen hier auch nicht vergessen, dass einem Kind mit 16 Monaten der Sinn des Zähneputzens überhaupt nicht einleuchtet. Um zu verstehen, warum es sinnvoll ist, braucht es zum Einen ein Verständnis von Zeit – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – und das Verständnis des Ursache-Wirkungs-Prinzips. Als Kind muss ich verstehen, dass in der Zukunft vielleicht ein Umstand eintreten kann, der mir Schmerzen bereitet. Und um diesen zu vermeiden, muss ich jetzt – also in der Gegenwart – etwas tun, was mir keinen Spaß macht und eventuell sogar gerade Schmerzen verursacht. Diese Art von Denken können wir frühestens mit dem dritten Lebensjahr bei Kindern voraussetzen. Kinder können also in dem Alter ihrer Tochter noch gar nicht verstehen, wofür dieses Prozedere gut sein soll.
Leider kann ich Ihnen kein Standardrezept dazu bieten, wie es in Zukunft besser funktionieren kann, Ihre Versuche sind ja in alle Richtungen sehr kreativ und doch möchte ich Sie ermutigen und einladen, gemeinsam in der Familie zu überlegen, in welchem Rahmen es Ihrem Kind vielleicht leichter fällt, zu kooperieren, hier ein paar Gedanken:
- Haben Sie Vertrauen in Ihre Tochter. Wenn Sie sich als Eltern regelmäßig die Zähne putzen, wird Ihre Tochter das ganz von selber auch tun – Kinder schauen sich ja verschiedene Verhaltensweisen von uns ab, ob wir das wollen oder nicht, so wird es auch mit dem Zähneputzen sein. Wir sind auch hier Vorbilder, an denen sich unsere Kinder orientieren können. Und weil auch Ihre Tochter Vertrauen in Sie hat und Sie liebt (nicht, weil der Sinn klar ist), wird sie sich die Zähne putzen – Kinder sind Lernende und haben ihr eigenes Tempo – das vergessen wir im trubeligen Alltag oft. Unser Sohn wollte sich beispielsweise mit 2 Jahren unbedingt wie Papa nass rasieren, was er dann auch regelmäßig mit meinem Ladyshaver ohne Klinge gemacht hat, inklusive Rasierschaum, um mir dann stolz das Ergebnis zu präsentieren. „Mama fühl mal, wie weich ich jetzt bin ohne Bart.“
- Für meine Kinder war es hilfreich, einen Spiegel in Augenhöhe für sie anzubringen (am Badewannenrand, wo die Zähne im Stehen geputzt werden konnten), einfach um besser sehen zu können, was passiert. Oftmals ist auch die Küche oder ein anderes Zimmer ein guter Ort für Kinder, die Zähne zu putzen. Außerdem ist die Zeit, zu der geputzt wird, ob nun am Morgen, am Mittag, Nachmittags oder Abends gleich wertvoll.
- Nehmen Sie, wenn möglich, den Druck aus der Situation. Wenn Ihre Tochter wie sie schreiben, gerne die Zahnpasta vielleicht auch mal auf Ihre Eltern-Zahnbürste drückt – wunderbar – lassen Sie sie teilhaben an Ihrer Pflege, ein „Beobachter“ sein ohne zu erwarten, dass sie selber putzt. Kinder lernen am besten in einer angenehmen, wohlwollenden Atmosphäre mit Erwachsenen, die vorleben, was ihnen wichtig ist. Es macht weniger Eindruck, was wir sagen, als was wir tun und warum wir das tun.
- Manchmal können Kinder besser kooperieren, wenn sie selber eine Zahnbürste in die Hand bekommen und die Erwachsenen nicht jeden Tag „nachputzen“.
- Kommunizieren Sie klar mit Ihrem Kind, wie verhandelbar das Zähneputzen für Sie ist. Kinder spüren unsere Haltung hinter den Worten. Und dabei müssen wir uns nicht zwischen entweder-oder entscheiden, sondern es geht um das Hier und Jetzt.
Flexibel bleiben
Für uns war es hilfreich in diesen Situationen zu spüren:
Wie geht es MIR gerade? Welche Kapazitäten habe ICH heute noch?
Wie geht es UNS gerade miteinander?
Was kann ich heute überhaupt noch anbieten?
Wie geht es meinem Kind? Ist es schon zu müde oder hungrig oder gerade in einer Zahnungsphase, was eine Kooperation unmöglich macht?
Wieviel Kooperationsleistung verlange ich in anderen Situationen den ganzen Tag von meinem Kind? Gibt es vielleicht Situationen, in denen ich mehr Selbstbestimmung ermöglichen kann?
An Tagen, an denen ich selber keine Ressourcen mehr hatte, war es zum Beispiel hilfreich, wenn mein Mann das Zähneputzen übernommen hat. Einfach die Überlegung: Was macht es für uns alle gerade leichter, was tut uns gut? Und „Lösungen“ dürfen und werden je nach Tagesform auch unterschiedlich ausfallen; was für ein Geschenk für unsere Kinder, denn so erleben sie uns authentisch und in Führung.
Auch in der beziehungsvollen Pflege hilft es, gleichwürdig zu kommunizieren, wie: „Oh, ich sehe, du bist müde und willst deine Zähne nicht putzen“, und gleichzeitig authentisch zu bleiben, „Mir ist es wirklich wichtig, dass wir putzen.“ Dabei können Sie die Integrität des Kindes wahren und anbieten, „Du kannst noch fertig spielen und dann gehen wir Zähneputzen. Willst du heute selber putzen?“ Wichtig ist, dann selbst die Verantwortung dafür zu übernehmen, wenn es nicht so geklappt hat, wie wir es uns gewünscht hätten. Nicht unser Kind ist schuld!
Zwischen Zwang und Nichtputzen gibt es einen Ort, an dem wir uns treffen. Auch wenn es manchmal etwas länger dauern kann oder das Zähneputzen kürzer ausfällt.
Herzlichst,
Sandra Kleber