Ehrlich gestellt.
Ich bin grad ein bisschen ratlos & weil ich bei euch immer so tollen Rat finde, versuche ich es mal auf diesem Weg. Unser Sohn (4,5 Jahre) hat eine beste Freundin, unser Nachbarsmädchen, und seit kurzem verziehen sich die beiden immer alleine in sein Bett und ziehen sich nackig aus.
So weit so gut. Neulich kam ich ins Zimmer, hab vorher geklopft & dann hatten beide rote Bäckchen, fühlten sich etwas ertappt und mein Sohn hatte eine deutlich sichtbare Erektion. Ich weiß, dass es an sich „normal“ ist, aber ich hatte ein so seltsames Gefühl, auch der Mama des Mädchens gegenüber, zumal es gestern wieder der Fall war und das Mädchen scheinbar zuhause erzählt hat, dass sie das gar nicht so sehr will wie mein Sohn. Du kannst dir vorstellen, welche Assoziationen und Bilder in unseren Köpfen erscheinen. Wie können wir unseren Sohn da gut hindurch begleiten?
unserer Expertin.
Liebe Eltern,
vielen Dank, dass Ihr Euch so feinfühlige Gedanken über alle Beteiligten in dieser Situation macht. Damit seid Ihr Eurem Kind ein ganz wundervolles Beispiel und schafft eine wertschätzende Atmosphäre für dieses Thema.
Kindliche Sexualentwicklung
Sexuelle Entwicklung und körperliches Lustempfinden sind für uns von existenzieller Bedeutung. Sie wachsen auf unserem Körpergefühl. Jedes Kind nimmt seinen Körper von Beginn an nach und nach „in Besitz“, lernt ihn kennen und möchte über ihn bestimmen. Es will wissen, wie sein Körper so ist, wie er sich anfühlt, was er alles macht und kann. Auf welche Weise Eltern mit ihrem Kind von Geburt an körperlich in Kontakt gehen, prägt es diesbezüglich, ebenso wie das Verhältnis der Eltern zu deren eigenem Körper. Im Alter Eures Sohnes, also mit etwa 3 bis 5 Jahren, beginnen Kinder normalerweise, bewusstes Interesse an Sexualität zu zeigen und beginnen, die sexuelle Facette ihres eigenen Körpers zu entdecken und sich diesbezüglich mit anderen zu vergleichen.
Kindliche Identitätsentwicklung und die Entwicklung des Schamgefühls spielen ebenfalls in der Sexualentwicklung eine wichtige Rolle. Scham ist eine Verhüllungsreaktion unseres Selbst und schafft einen Schutz vor dem Blick der anderen. Dies ist ein wichtiger Teil unserer Persönlichkeitsentwicklung und trägt unter anderem zum Verstehen von Intimität, also dem eigenen Raum und der eigenen Privatsphäre bei. Sexualität berührt ebenso die Themen Grenzen, Nähe, Respekt und Autonomie. Wo höre ich auf, weil Du da anfängst? Dies sind lebenslange Entwicklungsbereiche und Kinder beginnen ja erst, sich hier bewusst zu steuern. Und: Wie in jeder Entwicklung gibt es auch hier Momente, die Eltern und Kinder erschrecken.
Umgang mit Verunsicherung
Häufig geschehen Missverständnisse deshalb, weil Erwachsene kindliche Entwicklung durch die Augen ihrer ausgereiften Erwachsenensexualität beurteilen. Erwachsenensexualität jedoch entwickelt sich erst ab der Pubertät, baut auf die vorherigen Entwicklungsschritte auf und gehört zur letzten großen Autonomieentwicklung eines Kindes. Sie unterscheidet sich deshalb sehr von dem, was Euer Sohn gerade tut.
Lasst uns gemeinsam Eure Situation betrachten: Wenn Du von „Assoziationen und Bildern in Euren Köpfen“ sprichst, sehe ich Eure Erwachsenenperspektive. Ich sehe auch zwei in ein spannendes Entdeckerspiel vertiefte Kinder, die es gewohnt sind, respektvoll miteinander umzugehen und die sich in ihren Familien so sicher fühlen, dass sie ihren Eltern davon erzählen. Dieses Spiel hat sie beim letzten Mal offenbar so sehr begeistert, dass sie es mehrmals spielen mögen und zwar ohne dass Erwachsene daran teilhaben. Möglicherweise hat das Mädchen schneller von dem Spiel genug als Euer Sohn und mag vielleicht etwas anderes spielen. Oder vielleicht fürchtet sie Beschämung für ihr Interesse und fühlt sich unbehaglich. Oder etwas Unerwartetes hat sie erschreckt oder sie fühlt sich gerade allgemein unwohl. In jedem Fall hat sie es erzählt.
Und: Ich sehe einen Elternteil, der respektvoll die Grenze der Kinder achtet, indem er vor Betreten des Zimmers anklopft. In solchen Momenten ist es hilfreich, soweit gelassen zu bleiben, wie Ihr es gerade könnt. Dann erhaltet Ihr leichter einen objektiven Überblick und könnt Wege und Möglichkeiten finden, der Situation und allen Beteiligten gerecht zu werden. Es ist tatsächlich wichtig, hier behutsam und feinfühlig zu bleiben und möglichst keine eigenen Anteile mit hineinzutragen.
Aus meiner Sicht verhalten sich Kinder und Eltern hier sehr sozialkompetent und sind absolut vertrauenswürdig. Die Lernchance Eures Sohnes könnte möglicherweise sein, selbst dann auf Gefühlsäußerungen seines Gegenübers oder auf ein „Nein“ zu achten, während er starke Gefühle fühlt und vielleicht noch weiterspielen möchte. Es ist wichtig zu lernen, über die eigenen Gefühle und Impulse bestimmen zu können, gerade dann, wenn man unter Druck steht oder ein „Nein“ hört. Die Lernchance des Mädchens könnte vielleicht sein, in solchen Momenten deutlich „Nein“ zu sagen, darauf weiter zu bestehen und sich bei Bedarf Unterstützung zu holen. Hilfe holen ist kein Petzen. Lernen braucht viele Wiederholungen, Verständnis, Ermutigung, Selbsterkenntnis, Geduld und Zeit.
In den Austausch gehen
Meine Idee wäre dazu: Kommt mit Eurem Sohn entspannt und beiläufig ins Gespräch. Denn je emotional aufgeladener ihr selbst seid, umso mehr wird er vermutlich bemüht sein, in Euch keine schlechten Gefühle hervorzurufen und sich innerlich zurückziehen. Wenn ihr könnt, redet mit ihm darüber so normal, gelassen und offen wie über den letzten Schwimmbadbesuch.
Erzählt, wie ihr damals selbst gelernt habt, was er heute lernen darf, was Euch dabei leicht- und was schwergefallen ist. Falls ihr dadurch bei Euch selbst Lücken entdeckt, entwickelt Euch einfach mit Eurem Kind gemeinsam. Je mehr ihr selbst mit eurem Körper und eurer Sexualität im Reinen seid, desto entspannter verlaufen solche Gespräche.
Ich finde, dass Kinder sich und einander in Gemeinsamkeiten und Unterschieden kennenlernen dürfen, solange die eigenen und fremden Grenzen gewahrt bleiben. Ebenfalls finde ich wichtig, wie bei jedem Spiel vorher gemeinsam Regeln festzusetzen. Hier könnte beispielsweise gelten: nichts in Körperöffnungen hineinstecken, bei einem „Nein“ muss gestoppt werden oder auch auf Hygiene achten. Regeln sollte jede*r verstehen und ihnen zustimmen. Wenn Erwachsene einer Situation einmal nicht zustimmen, übernehmen sie dafür die Verantwortung und sagen beispielsweise: „Mir geht das zu weit, ich möchte nicht, dass ihr das tut“. Damit entscheiden sie eigenverantwortlich, ohne das Kind dafür falsch zu machen.
Wie ihr mit anderen Eltern diesbezüglich sprechen könnt hängt natürlich von Euch, den anderen Eltern und Eurer Beziehung zueinander ab. Bezüglich Sexualität gibt es selten einfache Antworten, eher individuelle. Vielleicht könnte es eine gute Idee sein, Euch gemeinsam hinzusetzen und erst einmal die einzelnen Gedanken und Emotionen auf den Tisch zu legen, ohne sie zu bewerten oder eine Diskussion zu beginnen. Dann sortiert ihr: Was davon ist mein eigenes Thema oder das von jemand anderem, wo liegen Ängste, Schamgefühle, gesellschaftlichen Themen, was ist Fakt und was Hypothese und so weiter. In diesem gemeinsamen Prozess wird es vermutlich dort knirschen, wo Ihr selbst oder Euer Gegenüber innerlich unklar seid. Das ist ein guter Moment, um die eigene Position noch einmal zu klären oder vielleicht auch, um mit einem Punkt in der eigenen Biografie ins Reine zu kommen? Dann kann ein respektvoller Konsens gut gelingen. Diese Thematik ist auch für Erwachsene so vielschichtig, komplex, individuell und berührt so viele Bereiche, dass Ihr Euch für diesen Findungsprozess entspannt Zeit lassen könnt.
So feinfühlig, achtsam und gedankenvoll, wie ich Euch durch Eure Frage erlebe, bin ich sehr zuversichtlich, dass Euch gelingen wird, was Ihr entwickeln und gestalten möchtet. Ihr werdet Euren eigenen Weg als Eltern finden.
Herzlichst, Christiane