Darum geht es
Ich kann nicht mal alleine aufs WC gehen, da wird schon wieder geschrien oder gekämpft. Der Geschwisterstreit dominiert hier unseren Alltag und gerecht werde ich dabei auch keinem von beiden.
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Meine Söhne sind knapp 5 und 2,5 Jahre alt. Sie verbringen viel Zeit miteinander, da ich oft mit ihnen alleine bin; es gibt wenig bis keine familiäre Unterstützung, zumindest vormittags besuchen sie den Kindergarten und die Krabbelgruppe.

Der „Große“ bräuchte öfter Ruhe vom „Kleinen“. Er möchte aber nicht im Kinderzimmer im 1. Stock alleine spielen während ich im Wohnzimmer im Erdgeschoss bin. Er möchte auch nicht alleine im Kinderzimmer sein, wenn die Tür offen ist und ich im selben Stockwerk bin. So versuche ich, dem Kleinen Spiele anzubieten, ihn abzulenken, wenn z.B. der Große Lego baut. Das sieht der Große und kommt sofort dazu, will mitmachen. Umgekehrt ebenso, wenn ich mit dem Großen spiele. Selbst wenn beide mal zufällig beim eigenen Spiel bleiben, lädt der Große den Kleinen ein „Spiel mit mir!“, ist dann aber genervt, wenn er etwas umstößt oder nicht so spielt wie er möchte.

Ich setze mich dazu, versuche dazwischen zu gehen, erkläre, dass der Große dem Kleinen in einfachen Worten sagen kann, was der tun kann und was heil bleiben soll, ich beschwichtige, nehme den einen oder anderen aus der Situation, und und und. Was soll ich denn machen?!

Jetzt ist es aber so, dass ich nicht mal in die Küche gehen kann, ohne dass beide zwar kurz spielen, aber dann streiten, der Große den Kleinen schubst, der Kleine dem Großen was wegnimmt. Im Garten ebenso: Es gibt keine Pause für mich, ständig sind sie am Streiten, einer will bestimmen, sie schreien und schlagen und da muss ich natürlich dazwischen gehen.

Aber es zehrt so wahnsinnig! Ich kann nicht mal alleine aufs WC gehen, da wird schon wieder gebrüllt oder geschrien.

Hätte ich gewusst, wie furchtbar das wird, ich hätte kein zweites Kind bekommen. Sie lieben sich, aber noch viel mehr streiten sie, und gerecht werde ich auch keinem von beiden.

Ich versuche, beide einzubinden (kochen, Blumen gießen, Wäsche waschen, aufräumen, einkaufen, und so weiter), aber auch das artet immer in Streit aus. Momentan stachelt der Große den Kleinen auch ständig auf und sagt: „Schrei laut!“ (weil ich da empfindlich bin und das schlecht aushalte) oder „Hau die Mama!“, „Reiß die Blumen aus!“ Ich versuche, mit beiden auch allein Zeit zu verbringen, jedes Kind bleibt einen Tag der Woche mit mir allein daheim. Aber ich fürchte mich schon vor den Sommerferien.

Wird das besser? Wie kann ich mehr Gelassenheit reinbringen? Ich kümmere mich so gut wie möglich auch um mich selbst, aber mein Stresspegel ist gerade sehr hoch.

Vielen Dank & liebe Grüße

Die Antwort
unserer Expertin.
Wir haben Geschwisterstreit ohne Ende
Heidy de Blum — FamilyLab Deutschland

Liebe Mama,

vielen  Dank für deine Offenheit und diese wichtige Frage. Ich bin mir absolut sicher, dass ganz viele Eltern bei diesem Text nicken und mitfühlen, denn so geht es auch mir. 

Geschwisterstreit kann für uns so unglaublich herausfordernd sein und uns wirklich den „letzten Nerv“ kosten. Mit Sicherheit könnten wir über dieses Thema ganze Abende lang sprechen und hätten immer noch genug Gesprächsstoff. Ich werde versuchen, die wichtigsten Punkte anzusprechen und gleichzeitig weiß ich, dass ich in diesem Text nicht „die Lösung“ bieten kann, die wir uns in solchen Phasen oft wünschen.

Vorab möchte ich kurz erwähnen, dass ich aus deinem Anliegen und deinen Erläuterungen den Eindruck gewonnen habe, dass es sich um eine herausfordernde Phase handelt, aber ich glaube nicht, dass sich dahinter noch mehr verbirgt. Diese Einschätzung ist bei einem so kurzen Text nicht immer ganz einfach. Es gibt durchaus Situationen, in denen unsere Kinder mit ihren Streitigkeiten auf tieferliegende Probleme aufmerksam machen, da ich dies nun aber aus deinen Worten nicht herauslesen konnte, bezieht sich meine Antwort auf die allgemeinen Herausforderungen, die wir Eltern mit dem Thema Geschwisterstreit oft haben.

Lernen durch Streit

Es ist wichtig, zu verstehen, dass – obwohl Streit für uns so unglaublich anstrengend sein kann – er für die Entwicklung unserer Kinder einfach sehr wertvoll ist.

Streit bedeutet lernen.

Kinder lernen ihre Interessen durchzusetzen oder auch mal nachzugeben. Sie lernen zu verhandeln und zu spüren, was persönliche Grenzen bedeuten. Sie lernen es, neue, konstruktive Wege zu finden, um miteinander gut zurechtzukommen. Nun ist das Gehirn von Kindern noch nicht ausgereift und somit ist die Impulskontrolle noch sehr gering. Das bedeutet auch, dass es mit dem Streit und den konstruktiven Lösungen eben nicht von Anfang an so klappt, wie wir uns das als Eltern vielleicht wünschen. Es ist ein Prozess, der über Jahre hinweg dauert.

Wichtig ist also, sich bewusst zu machen, egal, wie nervig es sich für uns anfühlen mag: Streit bedeutet LERNEN und zwar immer und immer wieder. Es gibt Studien, die sagen, dass Streit unter Geschwistern bis zu sechs Mal pro Stunde vorkommt – also alle zehn Minuten ein Konflikt. Das ist wirklich viel und kein Wunder, dass es sich dann echt anstrengend für uns Eltern anfühlt. 

Der Streit-Kreislauf

Wenn sich im Alltag alles um Streit dreht, dann landen wir oft in einer Art Negativ-Spirale. Unsere Kinder streiten und wir reagieren absolut genervt, unser Stresspegel schießt nach oben und dadurch können wir nicht mehr zugewandt und liebevoll reagieren. Kurz, wir motzen unsere Kinder an, denn wir wollen den Streit einfach weghaben. Wir wollen Ruhe und Harmonie und es soll einfach aufhören. Und unsere Kinder reagieren auf diese Stimmung und unseren Stress oft mit noch mehr Streit und das Ganze wird ein Kreislauf, der sich verselbstständigt.

Um da herauszukommen, versuchen wir oft krampfhaft alles zu tun, damit der Streit aufhört oder es gar nicht erst dazu kommt. Das hast du auch beschrieben, und ich habe herauslesen können, wie viel du bereits tust, damit es leichter wird. Aber es scheint, als ob die Kinder wie zwei Magnete immer wieder zueinander finden, immer wieder Reibung und Streit entstehen und es gar keine Pause gibt.

Wie kommen wir also aus diesem Kreislauf heraus? Die Anpassungsleistung können nur wir als Erwachsene erbringen. Wir dürfen aus dieser negativen Konnotation, die wir Streit gegeben haben, etwas Wichtiges , Hilfreiches, Notwendiges machen und annehmen, dass er zum Familienalltag dazu gehört. Und alleine das kann schon ganz viel Erleichterung bringen.

Blick nach innen

Es ist vielleicht eine gute Idee, sich mal die Zeit zu nehmen, um herauszufinden, was genau mich an dem Streit meiner Kinder so unter Stress setzt. Ist es die Lautstärke? Oder werden bei mir selbst wunde Punkte wachgerüttelt? Durfte ich in meiner Kindheit streiten? Wurde Streit einfach unterbunden und ich habe selbst nicht gelernt, gut mit Konflikten umzugehen? 

Egal, was es ist – es hilft dabei, dass wir in Streitsituationen gut mit uns selbst umgehen und mehr Verständnis für unsere eigenen Verhaltensmuster aufbringen. Wir können dann in ein Gespräch mit uns selbst gehen und auch uns Anerkennung schenken. Gedanken wie zum Beispiel diese helfen mir: „Streit ist für mich so unglaublich schwierig auszuhalten. Aber es ist nicht mein Streit. Meine Kinder dürfen hier gerade etwas lernen und ich darf mich erstmal gut um mich selbst sorgen, denn nur wenn ich nicht so gestresst bin, kann ich meine Kinder gut begleiten.“

Was brauche ich, um diese herausfordernde Zeit gut zu überstehen? Wie kann ich vielleicht hin und wieder aussteigen aus der Spirale und es ab und zu schaffen, meinen Kindern beim Streit zuzusehen und anstatt: „Ahhh, nicht schon wieder!“, vielleicht eher zu denken: „Ah, die beiden lernen gerade!“

Welche meiner Bedürfnisse sind gerade unterversorgt? Und selbst wenn ich sie im Moment vielleicht nicht erfüllen kann, hilft es schon, zu sehen, was bei mir eigentlich gerade alles los ist und das ernst zu nehmen – immer mit dem absoluten Vertrauen, dass es auch wieder andere Zeiten geben wird. Und die werden kommen, das verspreche ich dir.

Erst gestern hat mein mittlerweile 7-jähriger Sohn zu mir gesagt: „Mama, wenn wir streiten, dann tun wir uns nur noch selten weh!“ Und er hat recht, vor noch nicht allzu langer Zeit musste ich immer wieder stoppen, wenn mir der Streit meiner Kinder zu heftig wurde. Und auch mir ist das nicht immer so liebevoll gelungen, wie ich es gerne gehabt hätte.

Du schreibst, dass du das Gefühl hast, dass du keinem gerecht werden kannst und dass du vielleicht kein zweites Kind gehabt hättest, wenn du gewusst hättest, wie herausfordernd es wird. Dieses Gefühl kann ich unglaublich gut verstehen. Vielleicht hilft es, sich bewusst zu machen, dass es eben nicht darum geht, es recht zu machen. Es geht eben nicht darum, dass immer alles harmonisch abläuft.

Du hast deinen Kindern die Chance gegeben, einen perfekten Übungspartner im Leben zu haben und nun können sie miteinander und aneinander wachsen.

Ich hoffe, diese Gedanken helfen dir ein wenig. Doch ich spüre in deinem Anliegen auch wirklich viel Überforderung und auch Angst davor, den Alltag zu bewältigen. Manchmal braucht es auch noch weitere Unterstützung, um aus diesen Spiralen wieder herauszukommen und um überhaupt wieder einen positiven Blick auf den Alltag mit Kindern zu ermöglichen. Falls es so sein sollte oder du das Gefühl hast, es verbirgt sich noch mehr hinter den Konflikten, dann hole dir weitere Hilfe dazu. Du bist nicht alleine mit diesen Gefühlen und Gedanken und ich möchte dich ermutigen, die Unterstützung zu suchen, die für dich und deine Familie passend ist.