Darum geht es
Mein Kind vermisst mich in der Kita. Seit Monaten weint unser 6-jähriger Sohn bei der Abgabe an der Kindergartentür. Wenn ich ihn frage, wieso, sagt er: „Ich vermisse dich, Mama, und ich liebe dich so!“ Wie soll ich damit umgehen?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Mein Sohn ist 6 und ein Vorschulkind. Er geht seit er 3 ist in den Kindergarten. Er war immer sehr glücklich, dort zu sein und wollte sogar an den Wochenenden dorthin. Seit September haben wir das Problem, dass er immer vor der Tür weint. Wir haben wirklich alles versucht: Ihn begleitet, 15-20 Minuten im Auto gesessen, bis er bereit war, reinzugehen, mit Belohnungen von mir und der Erzieherin und so weiter.

Immer wieder, wenn ich ihn frage, wieso er weint, sagt er: „Ich vermisse dich, Mama, und ich liebe dich so sehr”. Wir haben auch sehr oft versucht, dass der Papa oder die Oma ihn dorthin fährt, aber das akzeptiert er überhaupt nicht. Die Mama muss immer mit. Es macht mich einfach fertig, weil diese Situation seit September so ist.

An einem Tag nach dem Kindergarten hat er mir gesagt, dass ein trauriges Gefühl aus seinem Bauch kommt und er dieses Gefühl am liebsten in den Müll werfen möchte, aber es klappt einfach nicht. Das hat mir das Herz gebrochen, weil ich ihm nicht weiterhelfen kann. Ich habe ihm auch mal für ein paar Tage Bildschirmverbot gegeben, weil ich einfach nicht mehr weiter wusste, ich kann wirklich nicht mehr. Habt ihr Tipps für mich?

Die Antwort
unserer Expertin.
Mein Kind vermisst mich
Britta Peitz — FamilyLab Deutschland

Liebe Eltern,

es klingt, als würdet ihr eine herausfordernde Zeit durchmachen, und es ist verständlich, dass diese Situation euch belastet. Elternsein kann voller Widersprüche und moralischer Konflikte sein. Auf der einen Seite ist es uns wichtig, dass wir die Gefühle und die damit verbundene Integrität unserer Kinder wahren, aber auf der anderen Seite müssen wir nun einmal arbeiten und sind auf externe Betreuung angewiesen. Wenn es dann in der Kita oder Schule nicht rund läuft, belastet das die komplette Familie. Der Umgang und das Aushalten dieser widersprüchlichen Gefühle ist für mich beim Mama-Sein die absolute Königsdisziplin.

Das Aushalten von Widersprüchen

Die Frage ist, was ist seit September anders, dass er dieses Verhalten zeigt? Gab es eine unschöne Situation im Kindergarten? Wurde diese aufgearbeitet mit den Erzieher*innen? Steht ihr vielleicht selbst morgens unter sehr viel Stress und seid unbewusst unentspannt bei der Abgabe? In all diesen morgendlichen Situationen versuchen wir Eltern unser Bestes im Umgang mit unseren Kindern zu geben. Und wir entscheiden und handeln aufgrund unserer stark subjektiven Einschätzungen. Demnach lassen sich elterliche Entscheidungen oft nicht in „richtig“ oder „falsch“ einordnen, und wir müssen lernen, damit zu umgehen. In der Fachsprache spricht man von „Ambiguitätstoleranz“, diese beschreibt die Fähigkeit, widersprüchliche Gefühle aushalten zu können. Sich dieser Ambiguitätstoleranz bewusst zu sein, ist von entscheidender Bedeutung, wenn es darum geht, Kinder auf ihrem Entwicklungsweg gelassen zu begleiten.

Indem wir Eltern lernen, mit Ambiguität umzugehen und Unsicherheiten zu akzeptieren, schaffen wir eine Atmosphäre der Offenheit und des Respekts in unseren Familien. Dies ermöglicht es Kindern, sich sicher und geborgen zu fühlen, selbst wenn die Welt um sie herum ungewiss ist. In Bezug auf eure morgendliche Situation bei der Kita-Übergabe kann eine veränderte Haltung der Eltern sich auch positiv auf das Verhalten des Kindes übertragen.

Natürlich können wir mit unseren subjektiven Einschätzungen und notwendigen Entscheidungen nicht immer richtig liegen, aber wenn dein Bauchgefühl gerade in dieser Situation schon schreit, ist es umso wichtiger, die Situation für euch und euren Sohn zu ändern. Wie gut, dass auch er es euch benennen kann, dass „ein trauriges Gefühl aus seinem Bauch kommt.“ Doch wo fangen wir mit der Veränderung an? 

Ein neutraler Blick

Um die Situation für euch zu entzerren, könntest du versuchen, einen Schritt zurückzutreten und die Situation aus einer neutraleren Perspektive zu betrachten. Wir sind so eng mit unseren Kindern verbunden, dass wir oftmals deren Angst und Wut so leicht mitfühlen und für uns mit aufnehmen. Das ist das Großartige an der Bindung zu unseren Kindern, aber auch gleichzeitig eine Schwierigkeit in emotionalen Situationen, um diese nicht unbewusst zu verstärken. Wir Eltern müssen lernen, die Gefühle unserer Kinder zu akzeptieren, ohne diese auf uns zu übertragen. Wir können bitte gerne mitfühlen, aber nicht mitgehen. Wenn sie klein sind, verschmelzen wir als Einheit mit unseren Kindern, um sicherzustellen, dass sie alles von uns bekommen. Je älter sie werden, umso schwieriger ist es, da wieder etwas loszulassen, damit wir nicht unsere Gefühle und unsere Bedürfnisse auf sie stülpen, sondern sie sich in ihrem Tempo mit ihren eigenen Erfahrungen entwickeln können.

Den Konflikt akzeptieren

Es ist wichtig, einfühlsam und geduldig mit eurem Sohn umzugehen, um ihm zu helfen, mit seinen Emotionen umzugehen. Dafür brauchen wir viel Akzeptanz. Akzeptanz, die morgendliche Situation gerade so zu akzeptieren, wie sie ist. Dieses klar und bewusst zu benennen, zeigt eurem Sohn, dass ihr seine Traurigkeit morgens wahr und ernst nehmt. Akzeptanz gilt so oft als etwas Passives, jedoch ist dies ein großes Missverständnis.

Denn wenn wir diesen Konflikt wirklich annehmen und akzeptieren, ist es nicht nur eine intellektuelle Entscheidung, sondern es entsteht aus unserem Herzen und unserem Verstand. Somit ist Akzeptanz ein erster aktiver Schritt und der Beginn eines lebendigen Prozesses zur gemeinsamen Lösungsfindung. Zeigt eurem Sohn, dass ihr seine Gefühle versteht und akzeptiert. Sagt ihm, dass es okay ist, traurig zu sein und dass ihr für ihn da seid, um ihn zu unterstützen. Lasst ihn in eigenen Worten erzählen, was ihn belastet, und hört aufmerksam zu, ohne sofort Lösungen anzubieten.

Gefühle zu benennen, hilft ihm, dass er sich gesehen fühlt. Sprecht darüber, wie seine Traurigkeit sich anfühlt und dass es normal ist, solche Gefühle zu haben. Vermeidet es, seine Emotionen zu bewerten. Indem wir erstmal nur zuhören und beobachten, wie unsere Kinder ihre emotionalen Zustände erleben, und uns bewusst zurückhalten, zu analysieren oder zu viel zu interpretieren, statten wir sie mit einer wichtigen Eigenschaft aus. Sie lernen auf die eigene Reflexion ihrer Gefühle zu vertrauen. Indem wir es vermeiden, dazwischenzureden, geben wir ihnen die Möglichkeit, selbst herauszufinden, was sie fühlen. Wir geben unseren Kindern damit die Chance, auf ihre eigene Stimme und ihr Bauchgefühl zu hören. Wenn wir ihnen einen Raum für Selbstreflexion öffnen, indem wir unserem Helfer-Impuls widerstehen, uns einzumischen, kann es sein, dass euer Sohn von sich aus die Frage stellt „Mama, warum bin ich so traurig?“ Dann können wir antworten: „Sollen wir das gemeinsam herausfinden?“ Dann ermutigen wir sie dazu, ihre Gefühle auszuhalten und auf ihre eigenen Antworten zu warten, denn das ist in vielen Situationen sehr viel stärkender, als ihnen immer alles zu erklären. 

Lasst ihn und das Kita-Personal Teil der Lösung sein. Daher ist das Gespräch mit den Erzieher*innen so wichtig, um mehr über seine Aktivitäten im Kindergarten zu erfahren. Vielleicht gibt es spezifische Ereignisse oder Situationen, die seine Ängste auslösen. Vielleicht ist er zurzeit überfordert, so ein Kita-Alltag kann ganz schön anstrengend sein und es ist wichtig zu schauen, wie er dort Entlastung findet. Überlegt auch, ob er am Nachmittag genug Ruhe findet. Denn oftmals sind die Nachmittage ja auch voll mit Hobbies und Spielverabredungen. Ein ruhigeres Nachmittagsprogramm mit viel Zeit zum freien Spiel kann ihm helfen, sich zu entspannen und die Eindrücke aus dem Kita-Vormittag zu verarbeiten.

Sprecht mit den Erzieher*innen und versucht herauszufinden, wie es ihm in der Kita geht. Fällt nur der Abschied schwer und danach ist er vertieft im Spiel mit anderen Kindern? Wie ist die Beziehung zu seiner Bezugsperson? Kann er sich dort so zeigen, wie er ist, oder muss er stark kooperieren? Unsere elterliche Empathie ist wichtig, um Kindern Resonanz zu lehren. Resonanz im Kontext der zwischenmenschlichen Beziehungen bezieht sich auf die Fähigkeit, auf die Emotionen, Bedürfnisse und Signale anderer Menschen einzugehen und angemessen darauf zu reagieren. Es ist ein bedeutender Aspekt sozialer Intelligenz und trägt zur Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen bei.

In Bezug auf eure Situation ist die Körpersprache enorm wichtig. Ich kann Resonanz zeigen, indem ich diese allein körpersprachlich ausdrücke. Sprich: Gehe ich zu meinem Sohn in die Hocke und schaue ihm liebevoll in die Augen, wenn er weint? Nehme ich meinen Sohn in den Arm und versuche ihn ruhig durch seine Gefühlslage zu begleiten? Bin ich selbst offen, halte ich vielleicht seine Hand, aber bin dem Kindergarten gegenüber offen zugewandt? Versuche einmal dich auch dabei in der Abgabe-Situation zu beobachten und versuche deine Haltung auch durch deine Körpersprache auszudrücken.

Wenn wir Eltern in den schwierigen Situationen eine Stütze für unsere Kinder sein wollen, müssen wir auch stark darauf achten, dass es uns gut geht und wir mit voller Kraft der Situation entgegentreten können. Indem wir also mit Akzeptanz und Selbst-Reflexion an unserer eigenen Gelassenheit und Stressbewältigung arbeiten, schaffen wir eine positive Atmosphäre bei der Abgabe-Situation.

Jede Familie ist einzigartig, und es kann Zeit brauchen, um passende Lösungen zu finden. Gebt euch Zeit und Raum, diese Herausforderung gemeinsam zu bewältigen. Wenn die Schwierigkeiten weiterhin bestehen, ist es sinnvoll, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Manchmal hilft ein neutraler Blick von außen, um die Ursachen der Ängste zu verstehen und geeignete Lösungsansätze zu entwickeln.

Ich wünsche euch von Herzen viel Kraft, Geduld und eine gute Lösung und hoffe, dass ich euch mit meinen Gedanken und Impulsen helfen konnte.