Ehrlich gestellt.
Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir einfach nur noch ratlos sind. Unser Sohn (3,5 J.) nutzt zuhause nahezu jede Gelegenheit, um irgendetwas „Verbotenes“ zu tun. Scheinbar vollkommen bewusst, denn er macht es oft mit einem hämischen Lachen. Mehrfach am Tag… Manchmal scheint es aus dem Nichts zu kommen, denn wir hatten gerade wirklich schön gespielt, er hatte die volle Aufmerksamkeit. Als wenn es ihn von jetzt auf gleich packt und er tut alles dafür, negative Aufmerksamkeit zu bekommen.
Es ist schwer auf den Punkt zu bringen, aber hier einige Beispiele aus unserem Alltag:
Er stürmt dann manchmal auf seinen kleinen Bruder (9 Monate) zu, klopft wie wild auf seinen Po, wedelt ihm mit irgendwelchen Kuscheltieren vor dem Gesicht herum oder gibt ihm mit übertrieben viel Kraft irgendwohin Küsse.
Manchmal rennt er auch los und haut allen auf den Po, sogar Besuchern oder einmal sogar einer fremden Frau an der Kasse im Supermarkt.
Oder er flitzt herum und reißt beim Vorbeigehen frisch zusammengelegte Wäsche wieder auseinander oder fährt mit seinen Autos über die Heizkörper oder tritt dem Hund mit Absicht auf den Schwanz. Meist folgt auf das eine gleich das nächste und er lässt sich auch nicht davon abbringen, weiterzumachen.
Manchmal kriegen wir ihn dann wieder eingefangen, indem wir ihn mit irgendwelchen Spielideen davon ablenken. Viel zu oft endet es aber auch damit, dass wir ihn zu einer Pause „zwingen“ müssen. Was dann in einem Wutausbruch endet und er haut und beißt.
Ich denke, er möchte Aufmerksamkeit, denn er weist einen ja förmlich darauf hin, dass er irgendwas Verbotenes gemacht hat. Dazu dieses provozierende Lachen. Aber um ehrlich zu sein, bekommt unser Sohn einfach schon alles an Aufmerksamkeit. Vielmehr muss sein kleiner Bruder immer wieder zurückstecken.
Wir haben es mit Exklusivzeiten sowohl mit Mama als auch mit Papa versucht. Wir achten schon sehr darauf, dass sowohl der Mamatank als auch der Papatank bestmöglich gefüllt sind. Aber wir sind einfach ratlos, wo wir noch ansetzen können. Er bettelt ja förmlich darum, gesehen zu werden.
Es tut mir einfach so leid für ihn, dass er scheinbar in so einer Not ist, alles für unsere Aufmerksamkeit tun zu müssen. Gleichzeitig sind wir selbst mit unseren Reserven langsam einfach so am Ende.
Wir würden so gerne wissen: Was übersehen wir hier? Wo können wir ansetzen?
Wir wären super dankbar für einen Tipp!
unserer Expertin.
Liebe Eltern,
als erstes möchte ich auf Ihre Frage eingehen, ob Sie eventuell etwas übersehen. Ich kenne natürlich Ihren 3,5 Jahre alten Sohn nicht – die Situationen, die Sie beschreiben, sind für Kinder in diesem Alter „normal“. Wenn ich Ihre Zeilen richtig lese, dann hat Ihr Sohn seit 9 Monaten einen kleinen Bruder und geht vermutlich tagsüber auch in den Kindergarten. Auch wenn Sie sich Mühe geben und „Exklusivzeiten“ für ihn einrichten, ist es für Ihren Sohn seit der Geburt des Brüderchens anders: Er hat Mama und Papa nicht mehr für sich allein, er muss Rücksicht nehmen, teilen, abwarten. Auch wenn Sie als Eltern denken: „Aber ich verbringe doch genauso viel Zeit mit ihm wie mit seinem Brüderchen.“, wird sich das Gefühl bei Ihrem Sohn nicht so schnell ändern.
Ein Verbündeter sein
Gut wäre da ein Gespräch unter „Männern“: Als Papa könnten Sie so oder ähnlich sprechen: „Lieber Sohn, ich weiß eigentlich gar nicht, wie das wirklich für dich ist. Seit 9 Monaten hast du nun einen Bruder. Mama und ich haben deshalb nicht mehr so viel Zeit für dich, wie es mal war. Ich als dein Papa kenne dies. Als du auf die Welt gekommen bist, ging es mir ähnlich. Da hatte deine Mama auch nicht mehr so viel Zeit für mich. Ich kann also gut verstehen, wenn es dir mal nicht so gut geht und du dich über deinen Bruder ärgerst.“ Und dann erzählt Ihr Sohn vielleicht etwas oder auch nicht. Bleiben Sie in Kontakt, hören Sie zu und bewerten Sie nicht, was Ihr Sohn erzählt.
So oder ähnlich könnte ein Dialog mit ihm aussehen. Natürlich wissen wir als Erwachsene, dass die Situationen nicht zu vergleichen sind – die Liebe zwischen Eltern und Kindern ist eine andere als die Liebe zwischen Erwachsenen. Ihr Sohn erlebt jedoch in diesem Moment, dass er mit seinem Gefühl nicht allein ist. Er hat einen „Verbündeten“ und kann sich gegebenenfalls an ihn wenden, wenn er sich vernachlässigt fühlt.
Orientierung durch Grenzen
Sie beschreiben auch „gezielt provokative“ Momente und dass Ihr Sohn etwas „Verbotenes“ tut und „negative“ Aufmerksamkeit sucht. Ich denke, Kinder sind in diesem Alter nicht gezielt provokativ und suchen keine negative Aufmerksamkeit. Ja, Kinder suchen Aufmerksamkeit, sie wollen gesehen und ernst genommen werden. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie ständig im Fokus der Eltern stehen müssen und die „volle“ Aufmerksamkeit brauchen. Kinder benötigen auch Rückzugsraum, um sich selbst zu regulieren. Und wenn Kinder anklopfen und Aufmerksamkeit suchen, dann ist es gut, wenn sich die Erwachsenen zeigen. Und zwar nicht, indem sie dem Kind alles ermöglichen und immer „Ja“ sagen, sondern authentisch sind und „führen“. Führen und leiten sind wie eine Bande auf dem Billardtisch. Ohne Bande würden die Kugeln wild umherfliegen. Kinder benötigen diese Bande auch. Sie ist wie ein Rahmen, der Kindern Halt gibt und Orientierung. Diese Bande sind auch die Grenzen der Erwachsenen – wozu sie „Ja“ und wozu sie „Nein“ sagen.
In der Situation im Supermarkt kann dies zum Beispiel so aussehen: „Stop, das möchte ich nicht. Ich will nicht, dass du anderen Menschen auf den Po haust.“ Zur Not muss das Kind vielleicht auch gehalten werden. Später in einem ruhigen Moment: „Weißt du, vorhin hast du einem fremden Menschen auf den Po gehauen. Das ärgert mich und ich will das nicht. Ich weiß nicht, ob dich was geärgert hat, oder ob du dich nur gefreut hast. Aber das will ich nicht.“ Ich glaube, dies ist keine Form von Gewalt, sondern dient dem Schutz persönlicher Grenzen und ist für die Entwicklung des Kindes wichtig.
Eltern wollen heutzutage selbstverständlich kein autoritäres Verhalten zeigen, wie es früher mal war. Kinder zu etwas zu zwingen, sie zu bestrafen oder körperlich wie verbal zu züchtigen, sind Feinde des Selbstwertgefühls. Wenn ich als Erwachsener in der einen oder anderen Situation klar und bewusst auf meine Grenzen achte, dann bin ich in meiner „persönlichen Autorität”. Ich achte auf meine Werte, auf mein „Nein” und zeige dies. Wenn der ältere Bruder seinem Geschwisterchen ein Kuscheltier ins Gesicht drückt, dann halte ich ihn davon ab, vielleicht auch körperlich, indem ich den Arm festhalte und es nicht zulasse.
Dies mache ich dann zum Schutz des kleineren Geschwisterchens und zum Schutz meiner Grenze. „Lieber Sohn, halt! Ich will nicht, dass du das Kuscheltier deinem Bruder ins Gesicht drückst! Ich weiß nicht, ob du dich freust oder dich etwas ärgert, aber das will ich nicht!“ Und dann halte ich auch den Arm fest und das Kind davon ab. Das ist auch alles ok. „Du darfst dich ärgern oder freuen. Du darfst ihm auch ein Küsschen geben. Ich möchte nur, dass du vorsichtiger bist und hauen will ich nicht. Schau mal, so mache ich das, wenn ich mit ihm kuschle.“
Oft kommt mit der Geburt eines Geschwisterchens das schlechte Gewissen, nicht mehr so viel Zeit zu haben für das ältere Kind. Und dann neigen Eltern schnell dazu, ein „Nein“ zu vermeiden. Zeigen Sie als Mama und Papa Ihre persönlichen Grenzen, die dürfen auch unterschiedlich sein! Sagen Sie, was Sie wollen und nicht wollen.
Wenn Sie auf die Wünsche Ihres Sohnes eingehen, beachten Sie, welches Bedürfnis dahintersteckt. Essen, Trinken, Nähe, Liebe und Zugehörigkeit sind wichtige Bedürfnisse, die es zu beachten gilt. Abends drei Geschichten lesen, nur bei Mama auf dem Schoss sitzen, den Kinderwagen des Bruders schieben; dies sind Wünsche. Da dürfen Sie als Eltern auch „Nein“ sagen. „Nein, heute Abend lese ich nur eine Geschichte, weil ich in der Küche noch zu tun habe. Ich weiß, du willst drei Geschichten, heute leider nicht.“
Machen Sie sich „sichtbar“, zeigen Sie sich mit Ihren Grenzen und seien Sie authentisch. Dadurch verschwinden die Konflikte nicht sofort, aber für die Entwicklung des Selbstwertgefühls Ihres Sohnes ist es sehr wertvoll.