Darum geht es
Jeden Abend dasselbe: Umziehen, Zähneputzen und Toilettengang werden zum Machtkampf. Wie geht man in Konflikten mit dem starken Willen des Kindes um, ohne selbst die Nerven zu verlieren? Und: Warum rasten wir alle so schnell aus?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Bei uns gibt es zur Zeit leider wirklich jeden Tag Zoff. Unser 4-jähriger Sohn hat einen sehr starken Willen und ein großes Autonomiebedürfnis. Zugleich braucht er aber auch viele Rituale und erfahrungsgemäß enge Strukturen, um sich wohl zu fühlen. Das ist für die ganze Stabilität in der Familie sehr wichtig (ziemliche feste Essens- und Schlafenszeiten und so weiter). Dass es abends im Bad oder morgens beim Anziehen mit 4-Jährigen regelmäßig zu Konflikten kommen kann, ist uns klar, aber zur Zeit eskalieren diese Konflikte leider täglich und so wird es sehr schnell körperlich und wir schaffen es selten, nicht selbst sehr wütend zu werden.

Beispielsweise abends im Bad, wenn offensichtlich ist, dass er sehr dringend aufs Klo muss, aber mit voller Kraft Widerstand leistet, ist es nun schon öfter passiert, dass er sich mitten im Streit einnässt oder absichtlich auf den geschlossenen Klodeckel pinkelt. Oft sind wir da schon in total engem Kontakt, da wir die Badtür abgeschlossen haben, um einen klaren Rahmen für das Abendritual halten zu können. Gleichzeitig äußert unser Sohn seinen Protest dann mit Schlägen oder anderen Handlungen, von denen er genau weiß, dass sie uns fuchsteufelswild machen.

Und wenn ich dann beispielsweise unerwartet einen Schlag auf die Nase kriege (da schießt der Schmerz ja so schnell stechend ein), dann eskalieren meine Gefühle auch direkt. Es wird ein einziges, wütendes und gewaltvolles Gerangel, wir schreien uns gegenseitig an und es fließen Tränen auf allen Seiten.

Es dauert oft über eine Stunde bis die Gefühle abkühlen (mit viel Halten, Zetern und Weinen) und wir dann doch noch zum Ende kommen. Immerhin legen wir großen Wert darauf, dass nur einer von uns Eltern so tief im Konflikt ist (gibt ja auch noch ein Geschwisterkind) und dass wir vor dem Einschlafen irgendwie nochmal friedlich zusammenkommen und über den Streit reden können.

An solchen Abenden ist die Scham und Trauer so groß. So sollte sich Familie nicht anfühlen.

Natürlich haben wir auch schon Vieles versucht, was die Rahmenbedingungen, das Timing, seine Selbstverantwortung und unsere Kommunikation angeht, aber es wirkt, als müssten wir da gefühlt jedes Mal durch. Alle Wege scheinen ab einem bestimmten Punkt zu diesen beschissenen, wutentbrannten Konflikten zu führen.

Wie können wir dem noch vorbeugen oder wie gehen wir mit unserer eigenen Wut um, wenn wir doch auch in der Situation bleiben müssen? Denn ich will ja, dass mein Kind mit seiner Wut umzugehen lernt, schaffe es aber in diesen Situationen selber gar nicht – und reagiere mit Eltern-Wut auf Kinder-Wut. Ist das ein nie endender Kreislauf?

Vielen Dank

Die Antwort
unserer Expertin.
Warum rasten wir alle so schnell aus?
Dr. Nicole Wilhelm — FamilyLab Deutschland

Lieber Papa,

vielen Dank für dein Vertrauen und deine Offenheit. Ich hoffe, meine Gedanken tragen etwas dazu bei, einen guten Weg aus der Konfliktspirale zu finden.

Verhalten als Feuermelder

Kinder zeigen uns mit ihrem Verhalten, wenn ihnen in ihrem Leben etwas fehlt oder wenn sie etwas schmerzt, und es braucht die Empathie der Erwachsenen, diese Botschaft zu übersetzen. Wie gut, dass er einen Vater hat, der hinhört und erkennt, dass etwas los ist und der sich trotz Scham und Schuldgefühl auf den Weg macht.

Verhalten ist manchmal wie ein Feuermelder. Genauso sinnvoll wie das laute, nervige Piepen eines Feuermelders ist auch das Verhalten eures Sohnes. Seine Wut zeigt an, dass es irgendwo brennt.
Wäre ich sein Vater, wollte ich ihm Danke sagen, dass er mit seiner Wut so beharrlich darauf aufmerksam gemacht hat, dass etwas für ihn nicht in Ordnung ist und auch, dass ich bereit bin, hinzusehen und etwas zu verändern.

Wenn ich die Worte, die du wählst, auf mich wirken lasse (enge Strukturen, feste Zeiten, voller Kraft Widerstand, total engem Kontakt…), kommt mir das Bild einer alten Dampfmaschine in den Sinn. Wenn sehr viel Druck im Kessel war, donnerten die Kolben wie wild nach oben und unten. Als Kind war mir das nicht ganz geheuer.
Wir wählen Worte nicht zufällig, vielmehr drücken sie unsere Art zu fühlen und zu denken aus. Und vielleicht hast du viel Druck in dir und junge Menschen können nicht viel Druck aushalten, denn ihr Kessel ist noch sehr dünnwandig. Vielleicht hat er angefangen, dagegen zu kämpfen? Genauso gut könnte es auch umgekehrt sein, dass dieser Druck erst entsteht, weil dein Sohn angefangen hat, zu kämpfen.

Du schreibst: „…wenn offensichtlich ist, dass er sehr dringend aufs Klo muss, aber mit voller Kraft Widerstand leistet…“. Menschen sind in der Regel froh, wenn sie ihre gefüllte Blase entleeren können. Aus welchem Grund will er es nicht tun? Worum kämpft er? Um Gleichwürdigkeit? Um Autonomie? Vermisst er Führung?

Wer führt?

Du schreibst, er hätte ein großes Autonomiebedürfnis. Jedes Kind strebt nach Autonomie, bei einigen Kindern ist es jedoch besonders ausgeprägt. Diese Kinder möchten schon sehr früh über sich selbst bestimmen: ob sie Zähne putzen, einen Schlafanzug anziehen, wann sie ins Bett gehen…
Häufig jedoch kommt es bei diesem Thema zu Verwechslungen.

Was für ein ausgeprägtes Autonomiebedürfnis gehalten wird, ist eigentlich die Folge von zu wenig Führung.

So kann es sein, dass Eltern in ihrer Führung unklar sind und die Kinder dann diesen Job übernehmen. Dann wollen Kinder nicht nur über sich bestimmen, sondern auch über die Eltern und alle möglichen Dinge. Das ist dann der kindliche Versuch, zu führen. Doch Kinder sind damit völlig überfordert und man hat das Gefühl, die Kinder verhielten sich „tyrannisch“.

Das geschieht relativ oft. Der Grund dafür ist, dass Eltern zu meiner großen Freude heute eine neue Art der Führung entwickeln, bei der die Würde der Kinder gewahrt wird. Dafür schauen Eltern ganz genau hin, wenn ein Kind weint oder wütend ist, und fragen sich zum Beispiel: „Darf ich meinen Sohn festhalten, wenn er nach mir tritt, oder verletze ich ihn dann, weil ich damit über seine körperliche Grenze gehe?“ Aus dieser Unsicherheit heraus, die Teil dieses Weges ist – ja sogar ein Qualitätsmerkmal dieses Weges ist – kann ein Kind zuweilen nicht spüren, wo der Erwachsene steht, was er zulässt und was nicht. Und dann weiten Kinder ihre Handlungen aus, um mit uns in Kontakt zu kommen, so als wollten sie fragen: Wer bist du? Was willst du?

Ich kann dir nicht sagen, worum dein Sohn kämpft, ich habe lediglich den Eindruck, dass er kämpft.

Ich glaube, du würdest dir die Suche nach der Ursache für dieses Kämpfen sehr erleichtern, wenn du dir freundliche Menschen suchst, die mit dir gemeinsam hinschauen, denn bei unseren eigenen Dingen sind wir oft zu nah dran, um zu sehen, was es ist.

Alles Gute,
Nicole