Ehrlich gestellt.
Liebe Experten,
ich bin selbst Erzieherin, habe jahrelang vollstatinonär in einer Jugendhilfeeinrichtung gearbeitet.
Als Mutter von einem 5,5 jährigen fühle ich mich, als könnte ich nichts, wo ich doch so viel weiß.
Er bringt mich enorm an meine Grenzen, triggert mich und ich reagiere genauso wie ich es nicht will und wofür ich andere verurteilt habe.
Ihm fällt es schwer, ein Nein zu akzeptieren, er wird wütend, kommt mir sehr nahe, beleidigt mich, schlägt und diskutiert, manchmal denke ich er ist 14, wie er so vor mir steht. Er ist generell sehr weit, er hat einen enormen Wortschatz und kann sich sehr gut ausdrücken.
Ich versuche alles, auf Augenhöhe mit ihm reden, ruhig bleiben, Verständnis für sein Gefühl zeigen, aber es hilft nichts.
Wenn ich merke, ich kann nicht mehr ruhig bleiben, versuche ich aus der Situation raus zu gehen und sage ihm, dass ich kurz Zeit alleine brauche. Das hält er nicht aus und geht mir nach, wenn ich ihm sage, er soll kurz alleine in sein Zimmer, macht er das nicht. So und dann stehe ich da und fühle mich hilflos und auch wenn ich dann laut werde, ändert sich nichts. Manchmal lacht er dann noch oder äfft mich nach, was mich dann wiederum provoziert. Der „Kampf“ ist irgendwann vorbei, aber ich will ihn eigentlich nicht immer kämpfen oder ist das eben der Schlüssel? Ich habe Sorge, dass ich hier etwas falsch mache, ich möchte so gerne alles richtig machen.
Aber es gibt eben Dinge, die ich entscheide und wenn der TV ausgemacht wird, mit Vorwarnung, visuell mit Sanduhr, dann wird er eben ausgemacht. Dass ich danach dann 2 Stunden die Situation beruhigen muss, nervt mich einfach nur und meine Kraft schwindet. Ich ziehe aber durch, denn nachzugeben erscheint mir gerade dann nicht gut.
Was kann ich tun, dass diese Situationen weniger werden und kürzer?
unserer Expertin.
Liebe Mama,
sich als Eltern eine persönliche Autorität aufzubauen und diese nach den eigenen Werten zu leben, sehe ich als sehr große Herausforderung im Familienalltag.
Diese liegt insbesondere darin, unsere Macht, die wir haben, zu sehen, sie nicht zu missbrauchen und in Balance mit der wachsenden Verantwortung unserer Kinder zu bringen. Lass uns gemeinsam schauen, was dabei helfen kann.
Den Kampf, den Du mit Deinem Sohn beschreibst, kenne ich selbst auch sehr gut. Ich bin Mama von drei Kindern, die mittlerweile 18,16 und 10 Jahre alt sind und ich erlebe genauso immer noch Situationen, die sich wie ein Kampf anfühlen, meistens bei Übergängen zwischen Macht und Verantwortung.
Was ist überhaupt verhandelbar?
Es ist wichtig, in Führung zu gehen und sich mit einer inneren Klarheit zu positionieren: Worüber können wir überhaupt verhandeln und worüber nicht?
Es gibt Situationen, bei denen wir uns einig sind, dass wir einfach eingreifen müssen, wie beispielsweise wenn ein Kind über die Straße rennen möchte. Hier ist es selbstverständlich, dass wir es schnell festhalten und reagieren, egal ob es danach weint, weil der Griff in dem Moment vielleicht zu fest war oder es sich einfach erschrocken hat. Es war eine spontane Schutzreaktion, bei der sich die Frage nach Führung gar nicht stellt.
Dann finden wir uns in Situationen wieder, wie die Medienzeitbegrenzung, die uns als Eltern alle sehr herausfordert in der heutigen Zeit. Und dieser Bereich ist nicht mal ansatzweise so klar, wie das Auf-die-Straße-Rennen, denn hier ist erstmal alles verhandelbar. Wir sorgen uns um unsere Kinder, verknüpfen Medienkonsum schnell mit Abhängigkeit und Passivität und gleichzeitig kämpfen sie um Ihre Autonomie. Sie erleben einen inneren Kampf, einerseits kooperieren zu wollen und andererseits ihre Integrität zu wahren. Mit Kooperation meine ich hier den Wunsch nach Verbundenheit mit Anderen (Eltern, Erziehenden, Geschwistern, Freunden, etc.). Dem steht der Wunsch nach ständigem Wachstum, Selbstwirksamkeit und Autonomie entgegen und damit das Aufzeigen der eigenen Grenzen, Wünsche und Bedürfnisse.
Diese beiden Kräfte – die Kooperation und die Integrität – für das individuelle Leben in Balance zu halten, ist für uns alle die große Herausforderung und ist oft schon unser persönlicher innerer Konflikt.
Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist, bei welcher Art der Konflikte Ihr aneinandergeratet?
Du schreibst, Du hast manchmal das Gefühl, ein 14-Jähriger steht vor Dir. Partizipation und Mitsprache sind sehr wichtig für Kinder. Sie stärken Autonomie und Verantwortungsgefühl. Gleichzeitig braucht es immer unseren Blick auf das Alter des Kindes, um ein angemessenes Maß an Beteiligung zu finden. Trägt Dein Sohn manchmal vielleicht sogar zu viel Verantwortung und darf Dinge mitbestimmen, die ihn eventuell überfordern?
Ich frage deswegen, weil es sich so anhört, als wäre diese altersgerechte Abgrenzung verschwommen. Es könnte Deinen Sohn entlasten, wenn Du zum Beispiel sagst:
Konflikte kosten Kraft
Gleichzeitig könntest Du Deinen Fokus auf die Hilfe bei der Regulation seiner Emotionen legen, die bei einem klaren NEIN kommen. Wut, Ohnmacht, Traurigkeit, Frustration, was ist es genau, was ihn beschäftigt und was würdest Du brauchen, um diese Emotionen aushalten zu können? Ich kenne es von mir, dass ich mich im Grunde manchmal gar nicht in der Lage fühle, einen Konflikt auszuhalten, geschweige denn das, was ein Konflikt mit sich bringt.
Dann werde ich ungerecht, lauter, werde selbst wütend und bin nicht bei mir, ähnlich wie Du es beschreibst. In der Regel hatte ich dann selbst einen vollen Tag und etwas, das mich beschäftigt. Oder ich bin mir sogar eigentlich selbst unsicher, ob ich diesen Konflikt gerade führen will und kann? Ist es mir das wert?
Oft habe ich meinen Kindern zum Beispiel ein zweites Eis erlaubt, nicht weil mir der Konsum von Süßigkeiten egal ist, sondern weil ich wusste, dass es Ihnen jetzt nicht wirklich schadet und wir so insgesamt besser durchkommen werden.
Ein wichtiger Faktor aus meiner Sicht ist also:
Ein erster guter Schritt ist dann, das zu erkennen und auch zu benennen. Ein Rückzug oder eine Pause sind zwar oft gut, können sich für das Gegenüber aber auch wie ein Beziehungsabbruch anfühlen. Wichtig wäre hier eine Verbindlichkeit herzustellen, die Deinem Sohn Sicherheit gibt:
„Ich brauche eine kurze Pause und bin in 10 Minuten wieder da.“ Sicher wird Dein Sohn frustriert sein, aber Du schadest ihm damit nicht. Du schreibst, dass er dir in solchen Situationen hinterher geht und deine Grenze erstmal nicht akzeptiert, wodurch der Konflikt nur noch weiter angefacht wird. Das ist für Kinder in seinem Alter nicht ungewöhnlich und gehört komplett zum Lernprozess dazu. Das „Mama nimmt sich jetzt 10 Minuten für sich“ funktioniert nicht einfach von selbst, sondern muss erstmal geübt werden – genauso wie Aufräumen, Anziehen und Zähneputzen. Vielleicht könnte dir dabei helfen, deinen „Rückzug“ zeitlich eher anzusetzen. Nicht erst dann, wenn du merkst, dass du nicht mehr ruhig bleiben kannst, sondern schon im Vorhinein, wenn du merkst, dass du BALD nicht mehr ruhig bleiben kannst. So hast du noch Kraft für den Konflikt übrig. Es muss nicht immer eskalieren, aber am Umgang mit der Frustration deines Sohnes kommst du in diesem Lernprozess nicht vorbei. Was absolut sicher ist: Mit der Zeit werdet ihr beide dazulernen.
Klarheit durch persönliche Sprache
Grundsätzlich entstehen meist Konflikte, wenn Erwachsene Nein sagen, das Kind aber etwas will. Beim Nein beginnt das Kind für sein Bedürfnis zu kämpfen, wie jedes gesunde Kind, je nach Temperament ganz unterschiedlich. Dieser Kampf ist wichtig, denn so lernen Kinder sich einzusetzen für das, was ihnen wichtig ist. Nun brauchen Sie Zeit, um sich von Ihrem Wunsch zu verabschieden. Durch lange Diskussionen und Erklärungen der Erwachsenen zieht sich dieser Prozess unnötig in die Länge und kostet viel Kraft.
Für die Entwicklung unserer Kinder ist es dann gar nicht wichtig, wie wir uns entscheiden, wenn unsere Entscheidung klar und authentisch ist. Wichtig dabei ist die persönliche Sprache.
Ohne es bewusst zu machen, rutschen wir auch zu Hause oft in die soziale Sprache, die uns eher in der Außenwelt hilfreich ist. Hiermit kontrollieren wir die Nähe zu unserem Gegenüber und sprechen nett und höflich, wie etwa: „Würdest Du bitte…?“ „Könntest Du bitte…“, und versuchen dabei, uns ruhig zu verhalten.
Die persönliche Sprache spiegelt hingegen unsere individuellen Gedanken, Werte und Gefühle. Sie ermöglicht uns einen authentischen Ausdruck der größtmöglichen Übereinstimmung zwischen unserem innerem Empfinden und äußerem Ausdruck. Beispiele sind:
Ich will, ich will nicht.
Ich mag, ich mag nicht.
Ich will haben, ich will nicht haben.
Die persönliche Sprache hilft uns also, uns als Mensch und soziales Wesen zu zeigen. Was unsere Kinder also tatsächlich machen, ist nicht „Grenzen austesten“, was sie tatsächlich sagen ist: „Ich möchte wissen, wer meine Mutter oder mein Vater ist und was beiden wichtig ist. Ich bin manchmal durcheinander und habe Schwierigkeiten, ihnen zu vertrauen, wenn sie nur ihre Elternrollen spielen.“
Ich möchte Dich gerne dazu ermutigen Dich zu fragen, welche Konflikte Du wirklich führen möchtest und was Dir helfen würde, diese auszuhalten? Drückst Du Dich und Deine Gefühle authentisch aus, so dass Du Dich darin wiederfindest oder versuchst Du es richtig zu machen?
Ein wichtiger Anhaltspunkt ist sicher ein klares Nein zur Sache und ein Ja zur Nähe bei Regulation. Welche Situationen fordern Dich besonders und wo fühlst Du Dich bereits sicherer? Was ist da anders? Gibt es auch Konflikte, aus denen Ihr gestärkt rausgeht?
Wir hoffen oft auf die Zustimmung unserer Kinder, die wir in den meisten Fällen nicht bekommen. Das macht es oft anstrengend und kräftezehrend, damit bist Du nicht allein.
Wenn wir aber wissen, dass Konflikte bei bestimmten Situationen vorprogrammiert sind, dann können wir mit mehr Klarheit schauen, ob wir heute die Ressourcen dafür haben oder nicht. An manchen Tagen bedeutet das dann eben, den Fernseher erstmal laufen zu lassen, weil wir wissen, dass uns die Kraft fehlt, im kommenden Konflikt nicht auszurasten. Dann nehmen wir uns die 10 Minuten Pause VOR dem Konflikt, gönnen uns einen Moment der Ruhe und DANN machen wir den Fernseher aus – mit einem klaren NEIN zur Sache, aber mit ausreichend Kraft für das JA zur Nähe.
Ich möchte Dich ermutigen, Deinem Weg treu zu bleiben, dem Prozess Zeit zu geben und sowohl Deinem Sohn als auch Dir Konflikte zuzumuten.