Darum geht es
Wie kann man Geschwistern, die so nah beieinander sind, gerecht werden? Wie kann man Kinder „dazu bringen“, mehr von sich zu erzählen und über ihre Gefühle zu sprechen?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Hallo,

momentan geht es uns als Familie eher bescheiden.

Wir – das sind mein Mann und ich und unsere drei Söhne – 9, 8 und 5.

Der 9 Jährige ist schon ein bißchen in der Vorpubertät, verändert sich gerade, weiß selbst nicht, was mit ihm los ist, ist gemein zu den Brüdern, im nächsten Moment braucht er sie wieder, will nicht allein einschlafen (wollte er noch nie)… natürlich kommt auch der große ständige Wunsch nach Medienzeit dazu, wo wir recht streng sind… auch hier haben wir nur so halb eine gute Lösung gefunden.

Noam, der Älteste, redet auch recht wenig, erzählt wenig. Hier hab ich dann am Ende des Tages oft ein schlechtes Gewissen, nicht mehr Exklusivzeit für ihn zu haben. Wir haben sehr viel Zeit alle miteinander, da wir beide Lehrer sind, trotzdem nutzen wir sie nicht „richtig“, haben wenig einzelne Quality Time, weil ja immer alle drei sich für alles interessieren und irgendwie auch immer zusammen sein wollen. In letzter Zeit aber mit fast ständigem Streiten, Schreien, Kämpfen…es raubt uns wirklich den letzten Nerv.

Der Mittlere, Moritz, redet recht ok mit uns, hat aber so seine Themen, wo wir auch nicht wissen, wie wir am Besten tun… auch hier Unsicherheit. Er ist kognitiv Noam ebenbürtig, tut sich leichter, sich selbst zu organisieren und bekommt daher hier auch weniger Aufmerksamkeit, die er dann anderweitig einfordert.

Der 5 Jährige, Levi, fordert seine Aufmerksamkeit lautstark ein, ist aber auch der Ruhigste und Ausgleichende, der lang einfach mitmacht und versucht, Ruhe rein zu bringen. Natürlich explodiert er dann, wenn die anderen beiden grad friedlich sind, dann wenn eben für ihn Platz ist.

Unsere Frage ist also – wie können wir allein dreien gerecht werden?

Was braucht denn so ein vorpubertierendes Kind? Das hatten wir noch nie und es überfordert uns hochgradig! Wir werden beschimpft und sind in seinen Augen die letzten Menschen, gleichzeitig braucht er uns zum Sockenanziehen (die sind so eng, der Fuß so groß), zum Schlafen gehen (allein Einschlafen tut er nicht), Dinge organisieren (für sich Sprechen tut er nicht so gern). Also er wirkt tatsächlich wie ein „Riesenbaby“ manchmal… körperlich so groß, vor Muskeln strotzend, emotional so unsicher, wer er überhaupt ist und was er will, einerseits ist er der Älteste, andererseits orientiert er sich stark an den jüngeren Brüdern. Noam ist auch eher „verträumt“, langsam im Mitmachen, hat immer noch etwas zu erledigen, bevor er z.B. zum Abendritual übergehen kann.

Wir kennen ihn aber auch als sehr reif, hilfsbereit, liebevoll den Brüdern gegenüber, interessiert, sehr sportlich, sehr lustig und fröhlich…nur gerade ist er eben genau das Gegenteil so oft am Tag. Was machen wir falsch? Wie können wir wieder mehr Harmonie und Gemütlichkeit erreichen in der Familie?

Wie kann man Brüdern, die so nah beieinander sind, gerecht werden? Wie kann man Kinder „dazu bringen“, mehr zu erzählen, über ihre Gefühle zu sprechen?

Ich komme mir gerade vor, ich schwimme ohne Halt und an Land tanze ich vorsichtig auf rohen Eiern…

Ich bin über jeglichen Input sehr dankbar.

Liebe Grüße!

Die Antwort
unserer Expertin.
Wie kann ich allen 3 Brüdern gerecht werden?
Rena Graf — FamilyLab Deutschland

Liebe Mama,

vielen Dank, dass Du so offen und ehrlich Eure Situation schilderst. Es klingt nach einer herausfordernden Zeit für Eure Familie, und es ist verständlich, dass Ihr Euch manchmal überfordert fühlt.

Ich selbst bin Mama von drei Kindern, mittlerweile 17, 15 und 10 und kann mich gut in das Gefühl hineinversetzen, jedem gerecht werden zu wollen, sich hinten anzustellen und dabei am Ende selbst zu schwimmen, unter anderem weil einem die Kräfte ausgehen.

Eine Deiner Fragen lautet: „Was machen wir falsch?“. Und genau hier möchte ich schonmal vorab sagen, dass Ihr die besten Eltern seid, die Ihr für Eure Kinder sein könnt.
In dem Moment, in dem Ihr Euch selbst falsch macht, macht Ihr indirekt auch Eure Kinder falsch. Die versteckte Botschaft ist: „Ihr seid nicht okay wie Ihr seid“, auch wenn es genau das ist, was man gerne vermeiden möchte. Die Persönlichkeiten unserer Kinder sind wie sie sind. Unsere Wünsche, Vorstellungen und Erwartungen, die wir als Eltern ans Familienleben haben, sind aber wandelbar. Hier können wir leichter ansetzen.
Kinder wollen im Grunde, wie wir alle, am wahren Leben teilnehmen und brauchen uns nicht in unserer Rolle als Eltern, sondern in unserem authentischen Sein.

Mir ist dieser Gedanke gekommen, als Du gefragt hast, wie Ihr Eure Kinder „dazu bringen“ könnt, dass Sie mehr von sich und Ihren Gefühlen sprechen.
Fragen, die sich für mich dabei ergeben sind:

  • Reden Dein Mann und Du über Eure eigenen Gefühle? Darüber, wie es Euch heute geht, wie Ihr Euch fühlt?
  • Wie steht Ihr zu Konflikten? Sind Sie willkommen oder denkt Ihr, dass Sie vor Kindern eher verborgen werden müssen?
  • Besteht ein erhöhtes Harmoniebedürfnis? Und wenn ja, wer hat das?
  • Wie geht Ihr mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Vorlieben um?

Ihr könnt eure Kinder nicht direkt „dazu bringen“, mehr von sich zu erzählen und über Gefühle zu sprechen, aber Ihr könnt auf jeden Fall Raum dafür schaffen und selbst vorleben, wie ihr euch austauscht; erstmal ganz ohne den Anspruch oder die Erwartung, dass die Kinder mitmachen. Die „passende Situation“, die man braucht, um etwas von sich preiszugeben, sieht dabei für jeden Menschen unterschiedlich aus. Vielleicht könnt Ihr ja bei Eurem Ältesten beobachten, in welchen Momenten er ausnahmsweise mal offener ist, über sich zu sprechen und diese Momente regelmäßig ermöglichen. Aber auch hier gilt: Nicht mit Erwartung, sondern mit Offenheit.

Ständige Konflikte wenn alle beieinander sind

Du hast geschrieben, dass Du das Gefühl hast, dass Eure drei Kinder sich für alles interessieren und auch immer zusammen sein wollen, Euch die Streitereien und Kämpfe, die sich daraus ergeben aber den letzten Nerv rauben.

Wollt Ihr das auch als Eltern immer, dass alle zusammen sind? Ich frage deswegen, weil ich das von meinem eigenen Familiensystem kenne. Spätestens wenn mein Herz anfängt zu schlagen oder meine Hände feucht werden, merke ich aber, dass ich mich längst selbst übergangen habe und meine persönliche Grenze nicht gesetzt habe und ich daher die Situation eigentlich gar nicht tragen kann. Ich werde dann reaktiv, bin gereizt und fange an ungerecht und laut zu werden, eine recht destruktive Schleife.

Sicher birgt es größeres Konfliktpotential, wenn alle beisammen sind – eine kleine Aktion des Einen bringt die ganze Familie bereits in Bewegung. Die Frage ist dann, seid Ihr gut bei Euch, so dass Ihr die Konflikte gut begleiten könnt? Wie greift Ihr ein? Beziehungsweise: Ist es für die Kinder einschätzbar und klar? Ich hatte es schon mal kurz erwähnt, aber Kinder wehren sich im Grunde nicht dagegen, etwas falsch gemacht zu haben, sondern gegen das „Falsch-gemacht-werden.“ Grundsätzlich wäre es wichtig, Euch zu fragen, warum Ihr in den Konflikt der Kinder überhaupt eingreifen wollt. Ist es, weil Ihr Konflikte hasst und weniger Konflikte mit Harmonie und Glück gleichsetzt? Oder ist es Euer Interesse, den Kindern zu helfen, die richtigen Worte zu finden, ohne ihre jeweiligen Standpunkte zu werten?

Hier könntet Ihr Euch überlegen, welchen Stellenwert Konflikte für Euch haben und wie Ihr sie kultivieren könnt. Ertappt Ihr Euch manchmal bei Sätzen wie:

Nein, jetzt musst Du aber Rücksicht auf den Kleineren nehmen!“ (kritisierend) oder „Ich kann das bald nicht mehr aushalten“ (jammernd) oder „Was stimmt denn nicht mit Euch? Könnt Ihr nicht in Frieden miteinander spielen?“ (machtlos).

Solche Sätze fallen besonders dann, wenn wir nicht mehr genug Ressourcen haben, um die Konflikte unserer Kinder souverän zu begleiten oder uns von ihnen erfolgreich abzugrenzen. Das heißt, meistens war schon im Vorhinein irgendetwas zu viel, zu eng, zu voll, zu stressig. Dann wird es sehr schwer, Konflikte so zu begleiten, wie wir es uns eigentlich wünschen.

Das Wohlbefinden der Eltern

In diesem Zusammenhang und auch zu dem Punkt „genervt sein“, kommt mir, dass es wichtig ist, dass die Eltern hier in Führung gehen und ihre eigenen Grenzen klar aufzeigen.
Wenn Ihr beispielsweise merkt, dass einer schlecht geschlafen hat, Ihr nicht ganz bei Euch seid oder einfach alle zusammen heute zu viel ist, dann dürft Ihr das äußern und auch ein anderes Setting vorgeben oder Euch selbst entfernen. Ich weiss nicht, wie gut das schon klappt, aber wie ist es mit: „Mama braucht jetzt Zeit für sich und legt sich hin, telefoniert, macht Sport“ oder „Mama und Papa reden jetzt und wollen mal allein sein, Ihr dürft für Euch spielen.“

Es gibt hier ein schönes Zitat von Jesper Juul, das mir in diesem Zusammenhang sehr gut gefällt:

„Wenn die Erwachsenen nicht genug Zeit für sich haben und die Eltern nicht für sich als Paar, dann widmen sie den Kindern unter Garantie zu viel Aufmerksamkeit. Kein Kind will Aufmerksamkeit. Es braucht Beziehung, will am Leben seiner Eltern teilhaben.“

Was mir sehr am Herzen liegt, ist das Wohl der Eltern, weil es nur dann den Kindern gut gehen kann.
Wie geht es Dir als Mama und Mensch? Wie geht es Deinem Mann? Gibt es Rituale, die Euch Kraft geben? Wie steht Ihr zueinander und könnt Ihr Euch gegenseitig Halt geben?

Wenn die Kinder zu stark in den Fokus geraten, kann es passieren, dass sie dadurch indirekt die Verantwortung für die Beziehungen tragen, aber die liegt klar bei den Eltern.

Ich bin ich und Du bist Du

Du hast Eure Kinder auch sehr liebevoll beschrieben und das ist doch eine sehr schöne Basis, diese Unterschiede als Geschenk zu erleben.
„Ich bin Ich und Du bist Du“ ist ein schöner Satz, der sich manchmal leichter liest, als ihn zu leben. Vielleicht kann es hilfreich sein, weniger in den Vergleich der Kinder zu gehen, sondern vielmehr auf der Bedürfnisebene zu schauen: „Wer braucht was?“

Und es ist total okay, wenn Noam, der Älteste, noch Hilfe benötigt, wenn zugleich der Mittlere bereits eigenständiger ist. Womöglich ist die Hilfsbedürftigkeit – das „Riesenbaby“ sein, wie du es nennst – ein Weg für ihn, die Sicherheit der Kindheit zu spüren, während er zugleich schon die Verantwortung und die neuen Freiheiten eines Teenies auf sich zukommen sieht. Du hast geschrieben, dass Noam emotional so unsicher ist und nicht weiß, wer er ist. Das wissen viele Erwachsene oft nicht oder sind auf der Suche nach sich selbst.

Ihr kennt Euren Sohn am besten, er scheint sensibel zu sein, vielleicht spürt er auch den Druck? Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass er sich mit seinen 9 Jahren vielleicht auch gegen diese Rolle des Älteren wehrt.
Die Entlastung kann hier durch Euch kommen, indem Ihr vielleicht auch sagt: „Noam, wir sind die Eltern, wir sind verantwortlich für…“ und Ihn aber auch altersgemäß in die Verantwortung nehmt, so wie auch seine Brüder, und sagt: „Diese Verantwortung tragen wir nicht mehr und sie geht ab heute an Dich über, weil…“ Im Endeffekt kann diese Klarheit euch allen helfen, indem ihr wisst:

„In diesem Bereich sind wir immer für dich da und diesen anderen Bereich überlassen wir ab jetzt dir.“

Was die Punkte genau sind, entscheidet Ihr für Euch, auch angesichts Eurer eigenen Kapazitäten.

Abschließend möchte ich Euch gerne noch die ein oder andere Anregung mit auf den Weg geben, die konkret im Alltag hilfreich sein können:

  1. Individuelle Quality Time für jeden: Regelmäßige kleine Momente nur mit jedem Kind zu verbringen. Das kann ein Spaziergang, ein gemeinsames Spiel oder einfach ein Gespräch sein. Für den 9-Jährigen könnte das bedeuten, ihm zuzuhören, was ihn gerade beschäftigt, ohne ihn zu bewerten. Für den 8-Jährigen vielleicht ein gemeinsames Hobby, das ihn entspannt. Für den Kleinsten reicht manchmal schon eine Kuschelzeit, in der er sich sicher fühlt. Und auch für Euch als Paar, Euch Eure Zeit zu nehmen, zu kuscheln, zu reden, Euch zu halten und das sogar zu priorisieren. 
  2. Emotionale Unterstützung und Gespräche: Kinder in der Vorpubertät brauchen viel Verständnis und das Gefühl, dass ihre Gefühle ernst genommen werden, auch wenn sie diese vielleicht nicht mehr so freigiebig äußern wie früher. Versucht, dem Raum zu geben, um über Noams Gefühle zu sprechen, ohne sofort Lösungen anzubieten. Fragen wie „Was macht dir gerade Sorgen?“ oder „Wie fühlst du dich in dieser Situation?“ können helfen, den Kindern zu zeigen, dass sie gehört werden. Manchmal genügt: „Wie geht es Dir? Was brauchst Du?“ Und wenn nichts kommt, dann ist es so und wir dürfen die Kinder darin ernst nehmen.
  3. Klare, liebevolle persönliche Grenzen setzen: Gerade in der Pubertät ist es wichtig, konsequent, aber auch liebevoll seine persönlichen Grenzen zu setzen. Das gibt den Kindern Sicherheit und Halt. Diese Grenzen dürfen auch bei Mama und Papa unterschiedlich sein. Vielleicht hat Papa manchmal noch mehr Kapazität als Mama oder eine größere z.B. Geräuschtoleranz? Das ist ok und es ist ok, dass es unterschiedlich ist.
  4. Selbstfürsorge für Euch als Paar: Achtet auf Eure eigenen Bedürfnisse. Kleine Pausen, Austausch mit anderen Eltern oder einfach mal durchatmen, kann Wunder wirken. Wenn Ihr gut für Euch sorgt, fällt es Euch leichter, geduldig und liebevoll zu bleiben.
  5. Kommunikation fördern: Um das Gesprächsklima zu verbessern, könntet Ihr mit den Kindern gemeinsam „Gefühls-Check-ins“ machen, bei denen jeder sagt, wie er sich fühlt. Das schafft Verständnis und Nähe.

Ihr macht Euch viele Gedanken und sucht nach Lösungen. Dabei ist es okay, sich manchmal überfordert zu fühlen – das zeigt nur, wie wichtig Euch Eure Familie ist.

Vielleicht hilft es auch, sich Unterstützung zu holen, sei es durch Gespräche mit Freunden, Familienmitgliedern oder auch mal eine Beratung.

Ich wünsche Euch viel Kraft, Geduld und Liebe auf Eurem Weg. Ihr macht das großartig!

Herzliche Grüße

Rena !