Ehrlich gestellt.
Heute trete ich an euch heran, da sich die Situation in meiner Familie zuspitzt und ich dabei nicht einfach zusehen möchte. Wir, das sind mein Partner, mein vierjähriger und mein einjähriger Sohn sowie ich, leben und erziehen frei nach der Devise: Augenhöhe, Liebe und gegenseitiger Respekt.
Dieses Konstrukt wackelt seit ein paar Wochen jedoch leider ganz gewaltig.
Unser großes Kind ist schon immer sehr willensstark, sensibel und emotional. Wir unterstützen ihn und sind sicher, dass unsere antiautoritären Ansätze am Ende zu einer sicheren Bindung führen und geführt haben.
Seit einiger Zeit ist es jedoch anders. Er verweigert jegliche Kooperation. Egal um was es geht, er sagt NEIN. Er diskutiert, wird laut, zerstört, verletzt.
Wir werden laut, bestrafen und drohen mit Konsequenzen. Das fühlt sich so falsch an, dass ich beschlossen habe, mich an euch zu wenden.
Ganz besonders eine Sache stört mich an mir selbst. Sobald mein Erziehungsautomat anspringt, verliere ich jegliche Objektivität, werde laut und manchmal sogar „körperlich“. Dann ziehe ich mein Kind am Arm, entweder weg von den Dingen, die er gerade kaputt macht oder rein in einen anderen Raum, um uns zu trennen. Ich hab ihm sogar schon den Mund zugehalten.
Während ich das schreibe, schäme ich mich. Mir ist natürlich bewusst, dass das mehr als unangebracht ist. Und im Nachhinein tut es mir immer unfassbar leid und ich entschuldige mich bei ihm.
Diese ewigen Diskussionen, Machtkämpfe und Lösungsfindungen zehren an meinem Partner und mir. Seitdem unser Sohn etwa 1,5 Jahre alt ist, stellen wir uns regelmäßig sehr fordernden Entwicklungsphasen. Aber dieses Mal ist es anders.
Wir haben kaum mehr Kapazität für Diskurs, sind daraus folgend schnell laut und unfair. Gefühlt entfernen wir uns gerade von unserem Kind und das ist das Letzte, was wir wollen.
Wie reagiere ich auf Zerstörung? Wie reagiere ich, wenn mein Kind einfach nicht aufhört das zu tun, um dessen Beendigung ich zehn Mal bitte?
Was ist eine angemessene Reaktion auf Verletzungen an uns und unserem Einjährigen? Welche Bedürfnisse unseres Vierjährigen sehe ich nicht?
In der Selbstreflexion sind wir zu dem Schluss gekommen, dass er mehr Premiumzeit vermissen könnte. Also legen wir den Fokus verstärkt auf Zeit mit ihm, lesen oder spielen abends immer exklusiv mit ihm, fahren alleine mit ihm Fahrrad oder gehen zum Sport, ohne dass der kleine Bruder dabei ist. Auch Privilegien wie ein Filmabend brachten keine spürbaren Veränderungen.
Gespräche mit ihm, mit den Erzieherinnen in der Kita und mit uns selbst brachten keine Lösungen hervor.
Ich wäre so dankbar, wenn sich jemand von euch unserer Situation annehmen könnte und verbleibe mit vielen Grüßen.
unserer Expertin.
Liebe Fragestellerin oder lieber Fragesteller,
wenn ich es richtig verstanden habe, geht es zum einen um dein eigenes Verhalten und zum anderen um das Verhalten deines Sohnes. Es könnte sein, dass beides zusammenhängt.
Du schreibst, dass du dich manchmal anders verhältst, als du dir das wünschst. Ja, wie kommt es dazu, dass Menschen ein Verhalten „nicht unterdrücken“ können, obwohl sie sich so nicht verhalten wollen? Einer der Gründe – neben Tausenden von anderen – könnte sein, dass du zu viel aushältst.
Angenommen, jemand würde dir ständig gegens Bein treten, und du nimmst dir vor, keinen Schmerzenslaut zu äußern. Das würde anfangs mit sehr viel Willenskraft vielleicht noch funktionieren, doch nach einer halben Stunde wäre es kaum noch zu schaffen.
Vielleicht ist es hier genauso und du hältst zu viel aus, bis du die „Beherrschung“ verlierst, und vielleicht geht es darum, etwas auszudrücken, anstatt zu unterdrücken. Denn Verhalten ist immer sinnvoll, auch wenn wir den Sinn nicht immer verstehen.
Du schreibst: „Wie reagiere ich, wenn mein Kind einfach nicht aufhört, das zu tun, um dessen Beendigung ich zehn Mal bitte?“
Das erinnert mich an eine Situation, die ich in der Straßenbahn erlebt habe: Ein Kind, vielleicht drei Jahre alt, tritt eine Frau, vermutlich die Mutter, gegen das Bein. Sie sagt: „Hör bitte auf, ich mag das nicht…das tut mir weh…jetzt hör bitte mal auf…“. Das Kind lacht währenddessen und ändert sein Verhalten nicht.
Manche Eltern haben in solchen Situationen das Gefühl, ohnmächtig zu sein. Ein Vater sagte mal über seinen zweijährigen Sohn: „Ich kann ja nichts machen, wenn er mich tritt, denn sonst müsste ich ihn festhalten und das wäre ja Gewalt gegen ihn.“
Daran sieht man, wie wichtig es dem Vater ist, seinen Sohn auf gar keinen Fall zu verletzen, und das ist sehr berührend. Gleichzeitig kann der Sohn auf diese Weise nicht lernen, die Grenzen des Vaters zu erkennen und zu beachten, denn Kinder lernen Grenzen zu wahren, wenn Erwachsene Grenzen wahren – nicht nur die des Kindes, sondern auch ihre eigenen.
Was wäre eine Alternative?
Wie können Eltern für die Einhaltung ihrer Grenze sorgen, ohne die des Kindes zu verletzen? Das ist aus meiner Sicht eine der Kernfragen in unserem Zusammenleben. Denn in einer gleichwürdigen Gemeinschaft haben die Grenzen und Bedürfnisse aller den gleichen Wert, also auch die der Erwachsenen. Doch wie kann man für die eigenen Grenzen sorgen, wenn Kinder einfach nicht aufhören?
Wenn Kinder so jung sind, stelle ich es mir ein bisschen so vor wie in einem Parkhaus: Die Mutter in dem Straßenbahnbeispiel ist im oberen Parkdeck, auf der rational vernünftigen und sprachlichen Ebene. Doch da befindet sich das Kind in dieser Situation nicht, es ist auf dem unteren Parkdeck, auf der emotionalen Ebene. Die beiden können sich nicht sehen. Und weil das Kind entwicklungsbedingt gerade nicht auf die obere Ebene kommen kann, ist es notwendig, dass die Erwachsenen auf das untere Parkdeck kommen, und da geht es um Gefühle und um Erfahrung.
Wenn ich also klar war in meiner Botschaft, und das Kind mich dennoch weiter tritt, wollte ich dem Kind auf dem unteren Parkdeck begegnen, indem ich ins Handeln komme und das Verhalten des Kindes freundlich stoppe.
Und hier wird es interessant. Denn Erwachsene sind zuweilen noch nicht darin geübt, in emotional aufgeregten Situationen Kinder freundlich zu stoppen und verharren infolgedessen in der Ohnmacht, um nicht zu verletzen. Doch es ist wie bei einem Gummiband: Man kann es eine ganze Weile dehnen, doch dann reißt es, und dann wird es unschön im Miteinander, wir „flippen aus“.
Freundlich Stoppen bedeutet aus meiner Sicht, für mich ins Handeln zu kommen, nicht gegen das Kind. Diesen Unterschied kann man körperlich spüren. Wenn ich dabei einen angespannten Unterbauch habe, also meine Bauchmuskeln festmache, rüste ich mich für den Kampf. Das ist etwas Archaisches, wir schützen damit bei einem bevorstehenden Kampf unsere Eingeweide. Doch es geht dabei ja niemals um Kampf, es ist ein Kind und kein Berglöwe. Ich bin die Erwachsene und kann für mich freundlich ins Handeln kommen, indem ich die Aktion verhindere und zum Beispiel außer Reichweite gehe. Ich nenne das „freundlich Fakten schaffen“. Vermutlich hätte ich zu dem Kind gesagt: „Ich will nicht getreten werden, ich setz mich mal neben dich.“ Und dann hätte ich dem Kind einen Dialog angeboten, sozusagen als Brücken-Angebot ins obere Parkdeck. Dabei hätte ich versucht, auch seine Welt in Worte zu fassen, so dass wir uns beide der Frage hätten nähern können, was sein Verhalten zu bedeuten hat. Vielleicht möchte es ein Spiel anfangen, vielleicht hat es sich über mich geärgert, vielleicht ist ihm gerade alles zu viel, vielleicht möchte es einfach nur wissen, was ich mache, wenn es etwas tut, von dem es weiß, dass ich es nicht will…
Und vielleicht ist es so, dass du deine eigene Handlungsmacht noch nicht genügend entwickelt hast, und aus der Ohnmacht heraus dann irgendwann nur noch reagierst, in einer Weise, die deinen Werten nicht entspricht. Dann bräuchtest du eine Antwort für dich darauf, was du tun willst, wenn dein Sohn den Bruder haut, Sachen kaputt macht, etc.
Und vielleicht ist es auch etwas ganz anderes. Das ist aus einem Text natürlich nicht „herauslesbar“. Mir ist an dieser Stelle wichtig zu zeigen:
Es geht also nicht um das „Weghabenwollen“ des eigenen Verhaltens, sondern darum, den Sinn dahinter zu verstehen, und dann hilfreichere Handlungsweisen zu entwickeln, um die dahinterliegenden Bedürfnisse in einem guten Miteinander zu erfüllen.
Gleiches gilt für deinen Sohn. Auch hier geht es darum, sein Verhalten als Botschaft anzuerkennen und zu übersetzen, genauso, wie du es schon angefangen hast. Besonders hilfreich finde ich deine Frage: „Welche Bedürfnisse unseres Vierjährigen sehe ich nicht?“ Das ist für mich die Leitfrage.
Du schreibst auch, dass ihr beide schon gemeinsam und mit den Fachkräften der Kita versucht habt, das Verhalten zu verstehen, aber noch nicht dahintergekommen seid, was es zu bedeuten hat.
Wichtig finde ich, dass ihr auf diesem Weg bleibt, und euch nicht verführen lasst, lösungsorientiert vorzugehen, um das Verhalten „wegzubekommen“ („Mein Kind macht xyz….was kann ich tun?“).
Ich habe ja anfangs geschrieben, dass vielleicht beide Verhaltensweisen zusammenhängen. Was wäre, wenn dein Sohn nach dir oder nach euch als Eltern „fragt“? Manchmal, wenn Eltern äußerlich ruhig bleiben, innerlich jedoch zu kochen anfangen, versuchen Kinder an dieser Oberfläche zu kratzen, um zu schauen, was dieser wahrgenommene „Mismatch“ bedeutet.
Genauso gut können es ganz viele weitere Dinge sein. Manchmal ist es so, dass es einfach das Verhalten eines Vierjährigen ist, und die Erwachsenen eine falsche Vorstellung davon haben, was entwicklungsbedingt schon möglich ist. Angenommen, er haut seinen Bruder und die unrealistische Erwartungshaltung ist, dass er es schon schafft, Konflikte verbal zu lösen. Die Erwachsenen fangen an, ihn dafür zu kritisieren, und daraus entsteht eine Spirale. Oder es ist ein Kind mit einem größeren Autonomiebedürfnis, und möchte gerne mehr Dinge über sich selbst (nicht über andere!) bestimmen, und Eltern geraten darüber in den Kampf. Oder es ist auf der Paarebene kein freundliches Miteinander und Kinder weisen darauf hin. Oder, oder, oder…
Was er mit seinem Verhalten versucht auszudrücken, weiß ich natürlich auch nicht, schon gar nicht anhand eines Textes. Doch ich finde, ihr habt eine sehr gute Arbeitsgrundlage, denn ich glaube, er hat mit euch die Erfahrung gemacht, ernst genommen und einbezogen zu werden, weshalb er jetzt nicht aufgibt, sich mitzuteilen. Er gibt sich so viel Mühe, zu zeigen, dass etwas los ist. Du schreibst, dass er jegliche Kooperation verweigert und zu allem nein sagt. Das ist richtig anstrengend für ein Kind und drückt das Vertrauen in seine Erwachsenen aus, dass sie ihm weiterhin zuhören, verstehen und handeln werden.
Eine solche Suche nach der Bedeutung von Verhalten gelingt besonders im Dialog mit anderen Menschen, denen man tief vertraut, also bei denen man weiß, dass man nicht beurteilt oder abgewertet wird. Und vielleicht wäre ein erster weiterer Schritt zu schauen, wer ein guter Wegbegleiter, eine gute Wegbegleiterin sein könnte.
Herzliche Grüße
Nicole