Darum geht es
Die Windel hängt schon tiefer als sie sollte, doch ständig rennt das Kind beim Wickeln weg. Welche Ansätze helfen, damit diese alltägliche Situation nicht zum Kampf wird?
Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

HILFE, NICHTS KLAPPT…!

Ich habe ein wohl sehr übliches Problem mit meinem Sohn (1,5), aber ich weiß dennoch nicht, wie ich der Lage Herr werden soll. Es geht ums Wickeln, Zähneputzen und Anziehen. Vor allem das Wickeln verlangt uns einiges ab. Er lässt sich, egal wo und wie, absolut nicht zum Wickeln hinlegen. Er schreit, dreht sich und es hilft nichts. Kein Spielzeug, kein Ablenken und auch kein Handy (ja, auch das habe ich in der Not schon versucht…). Jetzt könnte man das ganze natürlich ins Stehen verlagern, aber auch das funktioniert nicht, denn er bleibt ja nicht stehen. Er läuft weiter, setzt sich mit dreckigem Popo irgendwo hin und wir wissen alle, wie das endet…

Das gleiche Problem haben wir beim Zähneputzen. Und beim Anziehen. Wobei ich hier schon gut hinterherlaufen und es nebenbei machen kann. Eine Routine was die abendliche und morgendliche Situation angeht, haben wir noch nicht gefunden, weil wir es einfach immer so nebenbei machen müssen, dass es klappt. Vielleicht ist das das Problem, aber ich weiß nicht, wie wir in dieser Situation eine Routine reinbekommen.

Unseren großen Sohn (fast 5) haben wir auch schon als Vorbild eingebunden, was aber nur sehr selten funktioniert hat. Generell ist mein Sohn sehr willensstark, wenn es um Sachen geht, die er nicht möchte. Er schmeißt sich sofort auf den Boden und strampelt, was das Zeug hält, bis er sich beruhigt und wir ihn wieder hochnehmen können.

Ich wäre dankbar für ein paar Ideen, die wir vielleicht noch versuchen könnten.

Die Antwort
unserer Expertin.
Mein Kind rennt beim Wickeln weg
Lucie Scharfenberger — FamilyLab Deutschland

Liebe Familie,

eure Situation klingt für alle Beteiligten anstrengend. Ich möchte euch mit dieser Antwort ein paar Impulse und Empfehlungen mitgeben, die mehr Ruhe in die alltäglichen Pflegesituationen bringen können, besonders am Beispiel des Wickelns. Damit das Windelwechseln auch nach dem Übergang ins mobile Kleinkindalter gut klappt, sind drei Faktoren entscheidend: eure innere Haltung, die Kommunikation mit eurem Sohn und die räumliche Umgebung, die ihr als Eltern herstellt.

Auch euer Sohn spürt ja, dass euer Nachlaufspiel zum Anziehen oder die schnelle Ablenkung beim Wickeln keine innige, gemeinsame Zeit ist, sondern Mittel zum Zweck. Soll der Windelwechsel nur schnell nebenher oder ins Spiel hineingemogelt stattfinden, ist es für euren Sohn viel schwieriger, sich darauf einzustellen und konstruktiv mitzuwirken. Dass er sich in diesem Moment widersetzt oder nochmal die vorangegangene Spieleinladung fortsetzt und wieder wegläuft, ist nicht gegen das an sich Wickeln gerichtet. Es ist auch nicht unbedingt Trotz, weil er euer Miteinander beim Wickeln nicht möchte. Ihr könnt es aber als Hinweis darauf verstehen, dass er sich in dieser Lage noch nicht auskennt, noch kein klares Gefühl eurer Grenzen und Prioritäten während der neuen Wickelsituation entwickelt hat. Er lädt euch durch seinen Widerstand noch mehr dazu ein, ihm aufrichtig zu begegnen und ihn als Person anzusprechen. Was erwartet ihr jetzt als nächsten Schritt von ihm? Lasst ihr ihm Zeit, dass eure Erwartung bei ihm ankommen kann? Wie geht ihr auf seine noch nonverbale Antwort ein?

Die Kommunikation vor dem Wickeln

Schon die Ankündigung des Wickelns hat Einfluss darauf, welche Stimmung in den folgenden Minuten herrscht und wie kooperationsbereit das Kind ist. Ob wir zum Beispiel eröffnen mit: „Uiuiui, das stinkt aber! Du brauchst unbedingt sofort eine neue Windel.“, und das Kind dann direkt ohne Vorwarnung hochheben oder ob wir uns erstmal einen Moment Zeit nehmen, um auf eine Wellenlänge mit dem Kind zu kommen, kann den Verlauf des Wickelns stark beeinflussen.

Wenn euer Sohn beispielsweise euren Augenkontakt und damit echte Begegnung erlebt, eure Berührung am Arm spürt und dabei solche Worte hört, wie: „Ich gehe jetzt mit dir zum Wickelplatz. Möchtest du dein Auto mitnehmen oder parkst du es erst noch hier im Flur?“, so hat er eine Chance, eure Erwartung zu verstehen und sich darauf einzustellen. Er fühlt sich auch in dem abgeholt, womit er selbst gerade beschäftigt ist. Kinder fühlen sich gesehen und in ihren Entdeckungen geschätzt, wenn sie beschreibende Worte für ihre Aktivität zu hören bekommen. Zum Beispiel: „Du hast das Auto den ganzen Flur entlang hin und her geschoben und bist mit ihm gekrabbelt. Jetzt kannst du das Auto ins Badezimmer fahren.“ Auf diese Art ist ein Kind viel leichter bereit, sein Spiel zu unterbrechen und sich auf eine neue Situation einzulassen. Vielleicht dauert der ganze Prozess jetzt länger als bei einem Baby. Wenn ihr jedoch die Zeit in Betracht zieht, die ein kindlicher Widerstand aus Frustration und Missverständnissen in Anspruch nimmt, dann relativiert sich die Zeit für eure achtsame Anbahnung.

In dieser respektvollen Annäherung habt ihr als Eltern eine Chance, euer Kind eure Worte und Berührungen angenehm erleben zu lassen, statt nebenbei, schnell und vielleicht sogar grob. Das ist ja oft der Teufelskreis, dass die Erwachsenen erwarten:

„Oje, jetzt wird es wieder stressig, denn es geht ums Wickeln. Also bringen wir es am Besten ganz schnell hinter uns.“

Und genau diese Eile erleben Kinder dann als unangenehm und wehren sich dagegen.

Aus diesem Teufelskreis könnt nur ihr als Erwachsene aussteigen und alles sein lassen, was bisher nicht funktionierte. Ihr erwähnt ja eure Ablenkungsmanöver, bis hin zum Anbieten des Handys. Euer Sohn wird auf eure neue Haltung nicht sofort anders reagieren. Es kann sein, dass er euch unsicher angrinst und nicht sofort tut, was ihr euch wünscht. Es kann sein, dass er schreit und mit seinem Auto sein momentanes Spiel nicht augenblicklich unterbrechen möchte. Aber wenn er dann merkt, dass ihr es ernst meint, dass ihr erneut und freundlich eure Ankündigung wiederholt, wird er euch als verlässlich erleben. Er wird euch mit der Zeit vertrauen lernen, dass das Wickeln nicht mehr hektisch, nebenbei und unangenehm verläuft. Euer Sohn merkt: „Mama und Papa sagen mir, was sie tun wollen, und sie handeln so, wie sie es mir zuvor gesagt haben.“ Von euch Eltern verlangt dieser Übergang vor allem Geduld, Vertrauen und Wiederholung. Gerade bei den ersten Versuchen kann es einiges an Nerven kosten, ruhig und klar zu bleiben, aber langfristig wird es die alltäglichen Pflegehandlungen deutlich erleichtern!

Ein weiterer hilfreicher Satz, der Kindern eine kleine Wahl lässt, ohne dass wir unser Ziel dadurch aufgeben, lautet: „Krabbelst oder gehst du selbst oder soll ich dich auf den Arm nehmen?“ Mit diesem Satz entschleunigt ihr euch selbst, begebt euch ganz natürlich auf Augenhöhe mit eurem Kind und lasst es in dieser Begegnung spüren, dass ihr euch auf die gemeinsame Zeit beim Wickeln freut. Der Sinn einer solchen „kleinen Wahl“ besteht auch darin, dem Kind Selbstbestimmung zu gewähren, während ihr als Eltern trotzdem klar den Rahmen der Situation vorgebt: Dass gewickelt wird, steht nicht zur Debatte, denn diese Entscheidung trefft ihr als Eltern. Aber wer die Feuchttücher aus der Box ziehen darf und ob das Kind auf den Wickeltisch klettern oder lieber vom Papa-Flugzeug abgeholt werden möchte, das könnt ihr eurem Kind als „kleine Wahl“ anbieten. Auf solch ein „Beziehungsgeschenk“ reagieren Kinder gerne positiv. Es geht dabei nicht nur ums Wickeln, sondern tatsächlich um eine gemeinsame Qualitiy-Time. Ihr seid dabei im Dialog über alles, was beim Wickeln geschieht. Dies schenkt euch als Eltern eine besondere Zeit, in der ihr ganz da seid, und nicht an eure To-Do-Liste des Tages denkt. Je achtsamer und präsenter ihr im Moment seid, desto leichter fällt es eurem Kind, sich gesehen und einbezogen zu fühlen und desto aufmerksamer und kooperationsbereiter kann es bei eurer Wickel-Handlung Anteil nehmen.

Immer geschickter helfen Kinder im Sitzen und Stehen mit, ihre Windel zu öffnen, euch ein Feuchttuch zu reichen, wenn sie es vorher aus einer Box ziehen durften, oder was auch immer zu eurem Wickelablauf dazu gehört. Wenn sich Kinder aktiv einbringen dürfen, können sie es auch leichter akzeptieren, dass sie ab und zu auch mal wieder auf dem Rücken liegen sollen, wenn euch das für das Säubern leichter vorkommt. Ein festerer Stuhlgang ist jedoch auch leicht mit der Windel gemeinsam zu entfernen, wenn euer Kind beim Wickeln steht. Es geht dabei nicht darum, perfekt zu sein. Jederzeit kann eine Windel ein zweites Mal auf- und zugemacht werden, wenn euer Kind sich zum Beispiel weggedreht hat und ihr die Windel zuerst nur grob schließen konntet.

Die Umgebung fürs Wickeln

So kommen wir zur Frage der Gestaltung des Wickelplatzes. Welche Rahmenbedingungen sind für solch eine „beziehungsvolle“ Pflege dienlich?

Als Baby schauen die Kinder in Rückenlage noch mit großen Augen zu uns auf. Wenn wir schon da beginnen, unser Baby in die Pflegehandlung mit einzubeziehen, brauchen wir kein Mobile über dem Wickeltisch. Schon im ersten Lebensjahr würde ich Ablenkung vermeiden. Der Körper und die Aufmerksamkeit eines Babys ist sonst nicht mehr vollständig am Wickel-Prozess beteiligt, wenn der Erwachsene es „oben“ ablenkt, und „unten“ nebenbei und routiniert wickelt. Ich schlage deshalb vor, beim Wickeln auch schon im Babyalter anzukündigen, was wir tun wollen, bevor wir es tun. Tatsächlich können auch Babys schon mitwirken, indem sie mit der Zeit auf unsere Bitte, ihren Popo zu heben, wenn wir die Windel entfernen wollen, tatsächlich mit eigener Muskelkraft reagieren und ihre Beine in die Luft heben.

Auch wenn Babys beginnen, sich auf den Bauch zu drehen, können Erwachsene lernen, beim Wickeln darauf einzugehen. Wir müssen sie nicht gleich wieder auf den Rücken zurückzwingen. Wir erreichen damit, dass sich das Wickeln als schönes und begegnungsreiches Miteinander einspielt, auf das sich Eltern und Kind freuen können. Mit der Zeit beteiligen sich die Kinder immer mehr am Dialog beim Wickeln. Sie interessieren sich für die Creme, die Windel, den Waschlappen und geben uns die benötigten Materialien zurück, wenn wir sie darum bitten und ihnen die Dinge nicht sofort aus der Hand nehmen.

Das klingt jetzt vielleicht etwas paradiesisch. Das ist es jedoch nicht, wenn jeder neue Schritt in der Bewegungsentwicklung eures Kindes euch als Eltern einlädt, eure eingespielten Routinen zu verändern. Immer wieder dürft ihr die Frage stellen: Welche neuen Abläufe entwickeln wir in unserem Miteinander, um uns auf den neuen Entwicklungsstand unseres Kindes einzustellen? Wenn Kinder beim Wickeln irgendwann auf alle Viere kommen oder sich an euch festhalten und aufstehen, verlangt das viel Anpassung, Geschicklichkeit und Geduld von uns Erwachsenen. Das ist auf jeden Fall herausfordernd – selbst ohne Machtkampf – und wir können nachdenken, was nun hilfreich sein kann. Da ein einjähriges Kleinkind anfangs sehr wackelig steht und die Wickelunterlage für ein sicheres Stehen zu weich ist, hilft es, wenn wir den Wickelplatz neu gestalten. Bei einem Pikler-Wickeltisch zum Beispiel, bestehen die seitlichen Begrenzungen aus Stäben, an denen sich Kleinkinder sehr gut hochziehen und festhalten können. Die Kinderärztin Emmi Pikler reagierte damit auch auf den Wert für eine gute Persönlichkeitsentwicklung, wenn Kinder, die schon beweglich sind, nicht mehr wie ein Baby in die Rückenlage gezwungen werden.

Ich erlebe heutzutage viele Eltern, die auf die Beweglichkeit ihrer Kinder beim Wickeln eingehen. In eurem Nachlaufspiel versucht ihr es auf eure Art ja auch. Wirklich hilfreich ist es, die Wickelkommode durch ein seitliches Gitter oder ein Brett mit Griffen, also mit einer höheren Umrandung für euer Kind sicher und zum Stehen einladend umzubauen. Auch wenn der Wickeltisch zum Beispiel auf einer Waschmaschine in einer Zimmerecke steht, lädt sogar die Wand dazu ein, sich daran abzustützen. Das Wickelritual kann somit weiterhin am gleichen Platz bleiben, ohne dem Kind das Gefühl zu geben, hilfsbedürftig und klein wie ein Baby bleiben zu sollen. Im Liegen ragen im zweiten Lebensjahr ja oft auch schon die Beine über den Wickeltisch hinaus. Auch das zeigt, dass dieser für ein bequemes Liegen zu klein geworden ist. Auch Babys und Kleinkinder wollen ihre Kompetenz einbringen und freuen sich mit uns an ihrer wachsenden Selbständigkeit. Auch kann der Wickelplatz irgendwann ganz auf den Boden verlegt werden, markiert durch ein Handtuch oder eine abwaschbare Matte. Ein Hocker oder der Badwannenrand lädt das Kind zum Festhalten ein und wir Erwachsenen können gut auf Augenhöhe gehen, indem wir uns daneben setzen.

Kinder, die windelfrei als Baby auf den Topf gesetzt werden, erleben im zweiten Lebensjahr ebenso einen Entwicklungsschritt in ihrem Ich-Bewusstsein. Auch sie wollen in ihrer wachsenden Selbständigkeit einbezogen werden und wehren sich manchmal gegen das Abgehalten-Werden durch die Eltern. Da kann es vorkommen, dass sie von sich aus nicht auf den schon gewohnten Topf wollen, sondern ganz entspannt und eigenständig in ihrem Tempo in die Windel machen wollen. Auch da kann sich dann ein Machtkampf der anderen Art entwickeln, wenn wir die Wichtigkeit von Autonomie und Kooperation als Bedürfnis und Kompetenz von Kindern noch nicht genug verstehen. In jeder Situation, in der Eltern etwas von ihrem Kind wollen, hilft es, wenn sie klar die Führung übernehmen und Kinder zugleich ihrer Entwicklung gemäß Wahl- und Mitgestaltungsmöglichkeiten erleben.

Viel Gesprächsstoff und Lebendigkeit entsteht, wenn wir Erwachsenen uns beim Wickeln auch für die Sprachentwicklung Zeit nehmen. Wir können über die interessanten Motive auf den Windeln sprechen oder über das eigene Geschlecht. Wir können auch erwähnen, was wir an diesem Tag noch vorhaben, oder beim Händewaschen über den Schaum oder unseren Ring am Finger erzählen. Diese Freude aneinander, mehrmals am Tag eine gemeinsame Quality-Time in den Pflegesituationen zu erleben, beschenkt alle Beteiligten. Und ja natürlich, Wickeln kann nervig sein. Jahrelang müssen wir das täglich machen, bei Tag und bei Nacht, wenn wir krank sind oder müde oder im Zeitstress. Es nicht ausschließlich als anstrengende Aufgabe zu sehen, sondern auch als Chance auf eine schöne Zeit mit unserem Kind, macht dabei wirklich einen großen Unterschied.

Ich wünsche euch noch viel Freude bei euren weiteren gemeinsamen Entdeckungen!