Darum geht es
Alles ist beantragt, doch nun überkommt mich die Angst: Bin ich verrückt, 3 Wochen auf Mutter-Kind-Kur zufahren? Allein mit den Kids ohne Unterstützung von meinem Mann?

Eure Frage.
Ehrlich gestellt.

Das letzte Jahr war anstrengend: Start nach 2. Elternzeit in einem neuen Team, mehrmonatige Pflichtfortbildung, Umzug ins Eigenheim.

Daneben fühle ich mich als Mutter schon länger erschöpft und fraglos angesichts knapp dreijährigen Geschwisterneids und nun vermehrt -streits. Unser älteres Kind, bald sechs Jahre, hat weiterhin Schwierigkeiten, Emotionen und Wut zu regulieren, es ist schwer nach der Kita noch Kurse oder Freunde zu besuchen, um soziale Kontakte zu pflegen, da er oft „durch“ ist und dann über die Stränge schlägt, das heißt frech wird, wütend, beleidigend gegenüber mir oder auch mal in Tränen ausbricht.

Er fordert weiterhin 100% Aufmerksamkeit und bestimmt unser Familienleben, der kleine Bruder geht teils unter. Meine Selbstregulation wird da auch sehr gefordert – es gibt Tage, da brülle ich und schiebe ihn grob in sein Zimmer. Ich war schon bei Elternkursen und Erziehungsberatung, aber es fruchtet nicht dauerhaft.

Ich habe daher eine Mutter-Kinder-Kur beantragt – und nun alles zusammen, ärztliche Verordnung, Ok der Krankenkasse und Klinikempfehlung. Doch nun überkommt mich die Angst: Bin ich verrückt, 3 Wochen allein mit den Kindern wegzufahren? Ohne Chance, an den Papa abzugeben? Jedes Essen inklusive matschen und Extrawünschen und jede Einschlafbegleitung mit Zweien allein zu übernehmen? Wie soll das erholsam sein?

Ich zögere und stelle meinen Plan in Frage: Lohnt sich in dieser Konstellation eine Mutter-Kinder-Kur mit zwei Kindern (6 und 3 Jahre)?

(Anmerkung: den Kleinen 3 Wochen „zurückzulassen“ kann ich mir nicht vorstellen; organisatorisch wäre es wohl auch nicht machbar mit der Arbeitszeit meines Mannes).

Die Antwort
unserer Expertin.
Lohnt sich eine Mutter-Kind-Kur?
Judith Stapenhorst — FamilyLab Deutschland

Vielen Dank für die Frage und die ehrliche und detaillierte Beschreibung von eurer Situation.

Deine Gedanken kann ich gut nachvollziehen und die benannten Zweifel sind verständlich.

Natürlich weiß ich nicht, ob es mir gelingt, euren persönlichen Kontext vollständig zu erfassen – jedes Familiensystem ist sehr individuell, und auch die Kur-Einrichtungen unterscheiden sich. Vielleicht hilft dir jedoch eine eher allgemein gehaltene Einschätzung weiter.

Dein Einwand, dass der Vater als Unterstützung während der Kur fehlt, ist berechtigt. Gleichzeitig hat er die Möglichkeit, euch am Wochenende zu besuchen. Zudem kann er die Zeit zu Hause nutzen, um selbst Kraft zu tanken und sich verantwortungsvoll um das Zuhause zu kümmern oder liegen gebliebene Aufgaben zu erledigen.

Der Sinn einer Mutter-Kind-Kur

Wichtig ist: Eine Mutter-Kind-Kur ist nicht als Auszeit vom Mama-Alltag im Sinne eines Urlaubs gedacht. Es handelt sich nicht um Ferien mit Kinderbetreuung, sondern um eine Maßnahme zur Stärkung der Gesundheit von Mutter und Kind sowie ihrer Beziehung. Über einen Zeitraum von meist drei Wochen haben Mütter die Möglichkeit, sich ganz bewusst auf ihre Mutter-Kind-Beziehung zu konzentrieren – ohne die vielen To-do-Listen, die sich im Alltag durch Haushalt, Familie oder Beruf ansammeln.

Daneben gibt es auch die Möglichkeit einer reinen „Mutter-Kur“, die ohne Kinder stattfindet.

Bei einer Mutter-Kind-Kur ist alles – von den Zimmern über die Speiseräume bis hin zu Spielbereichen und Außengelände – auf Familien mit Kindern ausgerichtet. Du bist dort ausschließlich von Müttern mit Kindern umgeben, und alle haben das gleiche Ziel: möglichst viel Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Die alltäglichen Belastungen, die sonst Kraft kosten, treten für diese Zeit in den Hintergrund. Das unterscheidet eine Kur deutlich von einem Urlaub oder Hotelaufenthalt mit kinderlosen Gästen, die Ruhe und Stille suchen – ein Aspekt, der nicht zu unterschätzen ist und dir viel Stress nehmen wird.

Dennoch sollte die Mutter-Kind-Kur nicht mit einem von der Krankenkasse finanzierten Urlaub verwechselt werden. Sie dient gezielt der Entlastung von Müttern, die im Alltag häufig mehrfach belastet sind.

Was euch erwartet

In fast jeder Einrichtung gibt es die Möglichkeit, dass die Mütter Anwendungen erhalten oder an Programmpunkten teilnehmen können. Wenn die Kinder dies zulassen und sie sich auch ohne dich sicher fühlen, kannst du an diesen Aktionen teilnehmen. Ich würde aber erstmal abwarten, wie es den Kindern an dem neuen und fremden Ort geht. Je weniger Druck du dir machst und je offener deine Erwartungen sind, desto entspannter wird die Zeit für euch.

Es kann hilfreich sein, euch schon im Vorfeld gemeinsam mit den Kindern auf die Kur einzustimmen und Vorfreude zu entwickeln. Beginnt doch schon vorab mit kleinen „Kur-Gesprächen“, die ihr später fortführen könnt. Zum Beispiel:

  • „Wie wird es dort wohl aussehen?“
  • „Was werden wir vielleicht vermissen?“
  • „Was könnte dort schöner sein als zu Hause?“
  • „Wie viele Kinder werden wohl dort sein?“

An dieser Stelle ist es mir wichtig zu sagen, dass die Kinder Zeit brauchen werden, um sich an die neue Umgebung und an die anderen Gegebenheiten zu gewöhnen. Ihre Bedürfnisse nach Sicherheit , Autonomie und Beziehung begleiten sie auch in der Kur. Deswegen sollte der Kur-Alltag unbedingt an die eigenen Kinder angepasst werden und nicht die Kinder an die Möglichkeiten, die die Kurklinik anzubieten hat.

Vielleicht kannst du in der ersten Woche mit beiden Kindern gleichzeitig zu Bett gehen und ganz viel Schlaf nachholen. In der zweiten Woche fühlt sich vieles sicherlich schon vertrauter an und alle Beteiligten haben sich mit der veränderten Dynamik arrangiert. Und in der dritten Woche lässt du dich einfach überraschen. Wer weiß denn schon wie sich alles entwickeln wird. 3 Wochen sind eine lange Zeit und beinhalten viel Handlungsspielraum und Entwicklungsmöglichkeiten für alle Mitreisenden. 

Auch während der Kur werden deine Kinder streiten, müde sein oder quengeln – so, wie es für Drei- und Sechsjährige ganz normal ist. Der Unterschied ist jedoch: Du hast Zeit dafür. Du bist weniger abgelenkt, musst dich nicht gleichzeitig um zahlreiche andere Verpflichtungen kümmern und kannst präsenter sein.

Deine Schilderung eures Alltags wirkt recht festgefahren und anstrengend. Gerade deshalb kann es sinnvoll sein, neue Wege auszuprobieren und Veränderungen zuzulassen. Genau dort, wo du Erschöpfung empfindest, setzt die Idee der Mutter-Kind-Kur an.

Du fragst: „Bin ich verrückt, 3 Wochen allein mit den Kindern wegzufahren?“ Nein, bist du nicht!

Ich denke, es lohnt sich, die Kur einfach auszuprobieren. Neue Erfahrungen sind eine Bereicherung und der Grundgedanke hinter der Mutter-Kind-Kur ist gut: Du hast dort die Chance, deine Ressourcen, die sonst im Alltag auf viele verschiedene Aufgaben verteilt werden müssen, ganz auf dich und deine Beziehung zu deinen Söhnen zu fokussieren.